Apfelessig
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Malus domestica (Apfel), fermentiert durch Hefen und Essigsäurebakterien · Apple Cider Vinegar · ACV · Apfelessig-Pulver · Cider Vinegar
Apfelessig ist einer der Nahrungsergänzungsstoffe mit dem größten Abstand zwischen volkstümlicher Zuschreibung und Studienlage: Kaum ein Hausmittel wird so oft mit Gewichtsabnahme, Blutzucker, Verdauung und Hautgesundheit gleichzeitig in Verbindung gebracht. Gleichzeitig steckt die aktuellste und meistzitierte Meta-Analyse zur Gewichtswirkung mitten in einer eigenen Geschichte: Eine ihrer zehn eingeschlossenen Studien wurde im September 2025 wegen nicht nachvollziehbarer Daten zurückgezogen, blieb aber in der Bias-Bewertung dieser Meta-Analyse als "niedriges Risiko" eingestuft, siehe die erste Zeile der Wirkungstabelle.
Fast die gesamte zitierfähige Studienlage arbeitet zudem mit flüssigem Apfelessig in Esslöffel- oder Milliliter-Mengen. Der hier behandelte Stoff steckt dagegen als Pulver in einer Nahrungsergänzung, ohne deklarierten Essigsäuregehalt. Essigsäure ist aber der Wirkstoff, um den es in praktisch jeder zitierten Studie geht. Dieser Formunterschied wird an jeder betroffenen Stelle der Wirkungstabelle eigens benannt, nicht nur hier im Steckbrief.
Auf einen Blick
- Was es ist
- Ein durch doppelte Fermentation von Apfelsaft hergestellter Essig. Der namensgebende Wirkstoff, um den praktisch die gesamte Studienlage kreist, ist Essigsäure. In Nahrungsergänzungsmitteln liegt der Stoff meist nicht als Flüssigkeit vor, sondern als sprühgetrocknetes Pulver auf einem Trägerstoff
- Herkunft
- Hefen wandeln den Fruchtzucker des Apfelsafts zunächst zu Alkohol um, danach oxidieren Essigsäurebakterien den Alkohol zu Essigsäure. Handelsübliches Pulver entsteht, indem fertiger Flüssigessig auf einen Träger (meist Maltodextrin) aufgesprüht und getrocknet wird
- Wirkform in Studien
- Nahezu ausschließlich flüssiger Apfelessig, meist verdünnt in Wasser oder einem Getränk getrunken, in mL angegeben (5 bis 30 mL pro Tag). Einzelne Studien nutzten Kapseln, Brausetabletten oder ein Effervescenz-Tablet mit deklariertem mL-Äquivalent. Keine der für diesen Eintrag gefundenen Humanstudien zu Stoffwechsel-Endpunkten prüfte gezielt ein sprühgetrocknetes Pulver, wie es in Kapselpräparaten üblich ist; die einzige gefundene Pulver-Studie ist eine Maus-Studie, siehe Tier- und Laborstudien
- Übliche Studiendosis
- 5 bis 30 mL Flüssigessig pro Tag, umgerechnet etwa 250 bis 1500 mg Essigsäure. Die tragfähigsten Effekte in der aktuellen Meta-Analyse zeigen sich bei 30 mL pro Tag (rund 1500 mg Essigsäure), niedrigere Dosen (5 bis 15 mL) verfehlen dort die statistische Signifikanz knapp. Einzelne ältere Stoffwechselstudien arbeiteten mit bis zu 3600 mg Essigsäure pro Tag
- Verträglichkeit
- Flüssiger Essig ist in den meisten Studien gut verträglich, gelegentlich werden Sodbrennen, Übelkeit oder andere Magen-Darm-Beschwerden berichtet. Dokumentierte Risiken betreffen vor allem Zahnschmelz und, bei festen Darreichungsformen, die Speiseröhre, siehe Sicherheit und Wechselwirkungen
Was diesem Stoff zugesprochen wird
Was die Studien hergeben.
Jede Zuschreibung hat ihre eigene Bewertung. So liest Du die Studienlage.
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01
Körpergewicht, BMI und Taillenumfang bei mehrwöchiger Einnahme von Flüssig-Apfelessig
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Die aktuellste Meta-Analyse (10 randomisierte Studien, n gleich 789) fand gegenüber Placebo eine signifikante Reduktion von Körpergewicht (standardisierte Mittelwertdifferenz minus 0,39, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 0,63 bis minus 0,15, p gleich 0,001, Heterogenität I-Quadrat 62 Prozent), BMI (minus 0,65, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 1,05 bis minus 0,26, p gleich 0,001, I-Quadrat 83 Prozent) und Taillenumfang (minus 0,34, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 0,67 bis minus 0,02, p gleich 0,04, I-Quadrat 61 Prozent). Nach Ausschluss der Studien mit hohem Bias-Risiko blieben Gewicht (minus 0,29, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 0,54 bis minus 0,04, p gleich 0,02, n gleich 463) und BMI (minus 0,33, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 0,55 bis minus 0,11, p gleich 0,004, n gleich 353) signifikant, der Taillenumfang dagegen nicht mehr (minus 0,17, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 0,40 bis 0,07, p gleich 0,16). In der Dosis-Untergruppe war nur 30 mL Apfelessig pro Tag robust signifikant (minus 0,60, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 1,05 bis minus 0,15, p gleich 0,009, n gleich 289), die niedrigere, alltagsnähere Dosis von 5 bis 15 mL pro Tag verfehlte die Signifikanz knapp (minus 0,24, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 0,48 bis 0,01, p gleich 0,06, n gleich 494). Diese Meta-Analyse hat allerdings ein eigenes, gravierendes Problem. Eine der zehn eingeschlossenen Studien (Abou-Khalil et al. 2024, 120 Teilnehmende, 5 bis 15 mL täglich) wurde im September 2025 von der Fachzeitschrift zurückgezogen, nachdem unabhängige Statistiker anhand einer Datenrekonstruktion (SPRITE-Methode) unplausible Alters- und BMI-Verteilungen sowie eine mit zufälliger Gruppenzuteilung unvereinbare Datenstruktur nachwiesen; die berichteten 7,0 bis 7,4 kg Gewichtsverlust in 12 Wochen bei nur 10 bis 15 mL Essig pro Tag entsprechen laut den Kritikern rechnerisch einer Grundumsatz-Steigerung von 40 bis 60 Prozent, einer Größenordnung, die sie mit hochwirksamen GLP-1-Präparaten oder dem gefährlichen Wirkstoff 2,4-Dinitrophenol vergleichen. Die Autoren selbst sprachen von "ehrlichen Fehlern" beim Export der Daten und stimmten dem Rückzug zu. Genau diese zurückgezogene Studie stufte die Meta-Analyse in ihrer eigenen Risiko-Bewertung als eine von nur zwei Arbeiten mit durchgehend niedrigem Bias-Risiko ein, sie blieb also in der "robusten" Sensitivitätsanalyse ohne Hochrisiko-Studien vollständig enthalten. Ohne diese Studie ist die verbleibende unabhängige Stütze schmaler. Eine ältere placebokontrollierte Studie (rund 104 beziehungsweise 101 Teilnehmende in den beiden Essig-Armen zu 15 beziehungsweise 30 mL täglich über 12 Wochen) fand ebenfalls signifikant geringeres Gewicht, BMI, viszerales Fett und Taillenumfang, allerdings ohne im Abstract genannte Konfidenzintervalle; diese Studie stammt aus dem firmeneigenen Forschungsinstitut eines japanischen Essig-Herstellers (Mizkan Group), ein relevanter Interessenkonflikt. Ein 2020 veröffentlichter systematischer Review kommt insgesamt zu dem Schluss, die Evidenz für Apfelessig bei Körpergewicht sei wegen unzureichender Studienqualität unzureichend für eine abschließende Bewertung.
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02
Blutzuckerantwort nach einer einzelnen kohlenhydratreichen Mahlzeit (akuter Effekt)
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Eine Meta-Analyse aus kontrollierten Studien fand für Essig im Vergleich zu Kontrolle eine signifikante Reduktion der postprandialen Blutzucker-Fläche unter der Kurve (standardisierte Mittelwertdifferenz minus 0,60, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 1,08 bis minus 0,11, p gleich 0,01) und der Insulin-Fläche unter der Kurve (minus 1,30, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 1,98 bis minus 0,62, p kleiner 0,001). Als Mechanismus gilt eine verzögerte Magenentleerung, nicht eine beschleunigte Verdauung. Eine Studie an 10 gesunden Erwachsenen zeigte anhand eines Paracetamol-Markers, dass Essig zu einer starken Mahlzeit die Magenentleerung verzögert und dadurch Blutzucker- und Insulinantwort senkt. Eine mechanistische Gegenstudie an nur 5 Personen fand dagegen keinen Beleg für eine verlangsamte Kohlenhydrataufnahme durch Apfelessig; unter experimenteller Unterdrückung der körpereigenen Insulinausschüttung stieg der Blutzucker nach Essig-Einnahme sogar geringfügig, aber statistisch signifikant schneller an als nach Placebo (p gleich 0,01), was die Autoren als Beleg werten, dass der Mechanismus nicht über eine gebremste Aufnahme aus dem Darm läuft. Wegen dieser mechanistisch uneinheitlichen, aber im Endpunkt selbst mehrheitlich positiven Befundlage und der durchweg kleinen Studien wird hier "Hinweise" statt "Belegt" vergeben.
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03
Nüchternblutzucker, Langzeitzucker (HbA1c) und Blutfette bei mehrwöchiger Einnahme
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Eine Meta-Analyse aus 9 Studien (10 Studienarmen) fand gegenüber Kontrolle eine signifikante Senkung von Gesamtcholesterin (minus 6,06 mg/dl, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 10,95 bis minus 1,17), Nüchternblutzucker (minus 7,97 mg/dl, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 13,74 bis minus 2,21) und HbA1c (minus 0,50 Prozentpunkte, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 0,90 bis minus 0,09), aber keinen signifikanten Effekt auf LDL, HDL, Nüchterninsulin oder HOMA-IR. Der HbA1c-Befund hält der eigenen Sensitivitätsanalyse dieser Arbeit nicht stand, er verschwand sowohl nach Ausschluss einer einzelnen Studie (minus 0,04 Prozentpunkte, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 0,18 bis 0,10) als auch nach Ausschluss aller Studien mit hohem Bias-Risiko (minus 0,03 Prozentpunkte, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 0,16 bis 0,10), bei einer Heterogenität von I-Quadrat 91 Prozent. Im eigenen Publikationsbias-Test (Egger-Regression) fand die Arbeit eine signifikante Asymmetrie nicht bei Gesamtcholesterin, sondern bei LDL-Cholesterin (p gleich 0,005) und Nüchternblutzucker (p gleich 0,04), und ihr zweiter Test derselben Frage (Begg-Rangkorrelation) bestätigte diese Asymmetrie nicht (LDL-C p gleich 0,40, Nüchternblutzucker p gleich 0,17). Im Abstract dieser Arbeit heißt es zudem, Apfelessig scheine bei "offenbar gesunden" Teilnehmenden Nüchternblutzucker und HDL zu erhöhen; die eigene Untergruppen-Tabelle des Volltexts zeigt für Nicht-Diabetiker dagegen eine signifikante Nüchternblutzucker-Senkung (minus 3,53 mg/dl, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 6,70 bis minus 0,37) und, separat davon, einen signifikanten HDL-Anstieg (1,73 mg/dl, 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,28 bis 3,18); diese Diskrepanz zwischen der zusammenfassenden Formulierung im Abstract und der eigenen Tabelle im Volltext wird hier zugunsten der Tabelle aufgelöst, siehe "Was die Studien im Einzelnen zeigen". Eine breitere Meta-Analyse zu essigsäurehaltigen Lebensmitteln und Getränken allgemein (16 Studien, n gleich 910, nicht auf Apfelessig beschränkt) fand eine signifikante Triglycerid-Senkung bei Übergewichtigen (Mitteldifferenz minus 20,51 mg/dl, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 32,98 bis minus 8,04) und bei Typ-2-Diabetikern (minus 7,37 mg/dl, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 10,15 bis minus 4,59) sowie eine Nüchternblutzucker-Senkung bei Typ-2-Diabetikern (minus 35,73 mg/dl, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 63,79 bis minus 7,67), aber keinen Effekt auf HbA1c, HDL oder anthropometrische Werte. Diese Arbeit hat 2021 ein Corrigendum erhalten, dessen Inhalt in der vorliegenden Recherche nicht ausgewertet wurde.
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04
Sättigung und Appetitkontrolle, Effekt an Übelkeit statt an echte Sättigung gekoppelt
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Zwei aufeinander aufbauende kontrollierte Studien (n gleich 16 und n gleich 14, gesunde, normalgewichtige Erwachsene) prüften gezielt, ob der appetitzügelnde Effekt von Essig auf einer echten Sättigungswirkung beruht oder auf schlechter Verträglichkeit. Beim Trinken von Essig zu einem Frühstück sanken quantitative und subjektive Appetitmaße zwar deutlich, gingen aber mit signifikant höheren Übelkeitswerten einher, am stärksten bei der am wenigsten schmackhaften Essig-Zubereitung; die Ausprägung des Appetiteffekts korrelierte mit der Übelkeit. In der zweiten Teilstudie, in der die Testpersonen Essig nur schmeckten, ohne ihn zu schlucken, zeigte sich dagegen kein Effekt auf den Appetit. Die Autoren schließen wörtlich, dass die Vermarktung von Essig als natürlicher Appetitzügler auf dieser Grundlage nicht angemessen erscheint. Das Abstract nennt für den Appetiteffekt selbst keine Effektstärke mit Konfidenzintervall, nur Signifikanzangaben, weshalb hier "Hinweise" statt einer schärferen Stufe steht.
Quellen: 13
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05
Verdauungsförderung, die Magenentleerung wird verzögert statt beschleunigt
Nicht bestätigtEinordnung und Einschränkungen
Die verbreitete Vorstellung, Apfelessig "fördere" oder beschleunige die Verdauung, wird durch die vorliegenden Studien nicht gestützt, eher im Gegenteil. Bei 10 gesunden Erwachsenen verzögerte zugesetzter Essig zu einem stärkehaltigen Frühstück laut Paracetamol-Marker die Magenentleerung; genau diese Verzögerung, nicht eine Beschleunigung, gilt als der wahrscheinliche Mechanismus hinter der Blutzuckersenkung, siehe die vorherige Wirkungszeile. Bei 10 Personen mit diabetesbedingt bereits verzögerter Magenentleerung senkte eine zweiwöchige tägliche Einnahme von 30 mL Apfelessig die gemessene Magenentleerungsrate weiter ab (von median 27 auf 17 Prozent Entleerung im Messfenster, p kleiner 0,05, kein Konfidenzintervall im Abstract genannt); die Studienautoren selbst bezeichnen das bei dieser Personengruppe als möglichen Nachteil für die Blutzuckerkontrolle. Die behauptete präbiotische Wirkung auf die Darmflora (Förderung "guter" Bakterien) wurde gezielt gesucht; es fand sich keine placebokontrollierte Humanstudie, die diesen Mechanismus für Apfelessig direkt prüft. In beiden Quellen wurde die Magenentleerung direkt gemessen, und die erwartete Beschleunigung zeigte sich nicht, sondern das Gegenteil, deshalb steht hier "nicht bestaetigt" statt "Hinweise"; die fehlenden Effektmaße mit Konfidenzintervall ändern an dieser Richtung nichts. Zur Arbeit an den Gastroparese-Betroffenen gehört ein eigener Vorbehalt, sie hatte keine Kontrollgruppe und keine randomisierte Reihenfolge, gemessen wurde dieselbe Gruppe erst nach Wasser und danach nach zwei Wochen Apfelessig; der Befund der weiteren Verzögerung ist damit ein Vorher-Nachher-Vergleich innerhalb einer Gruppe und ein Warnsignal, kein belegter Schaden.
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06
Hautbarriere und Hautbakterien-Zusammensetzung bei äußerlicher Anwendung, kein Effekt gefunden
Nicht bestätigtEinordnung und Einschränkungen
Zwei kontrollierte Studien derselben Arbeitsgruppe (jeweils 11 Personen mit atopischer Dermatitis und 11 Kontrollpersonen, Split-Arm-Design, ein Unterarm 14 Tage täglich 10 Minuten in stark verdünntem Apfelessig (0,5 Prozent Essigsäure), der andere in Wasser) fanden keinen signifikanten Effekt der Apfelessig-Anwendung auf die Hautbarriere (transepidermaler Wasserverlust, Haut-pH, p gleich 0,056 beziehungsweise 0,22) und keinen Unterschied im Hautbakterien-Mikrobiom oder in der Menge von Staphylococcus aureus gegenüber der Wasser-Kontrolle (p gleich 0,60). In der Barriere-Studie berichteten 72,7 Prozent der Teilnehmenden (16 von 22) milde Nebenwirkungen (Hautreizung) durch den Apfelessig, die nach Absetzen zurückgingen. Beide Studien prüften zudem eine äußerliche, stark verdünnte Flüssiganwendung, nicht die hier betrachtete orale Pulverform; ein Übertrag auf eine orale Einnahme ist damit ohnehin nicht möglich, unabhängig vom Ergebnis. Beide Arbeiten prüften die erwartete Wirkung gezielt gegen eine Wasser-Kontrolle am jeweils anderen Unterarm und fanden sie nicht, deshalb steht hier "nicht bestaetigt" statt "Hinweise"; dass beide nur p-Werte und kein Effektmaß mit Konfidenzintervall angeben, ändert an dieser Richtung nichts.
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07
Leberwerte und oxidativer Stress ("Entgiftung") bei fettreicher Ernährung
Nur Labor und TierEinordnung und Einschränkungen
Für die häufig genannte "entgiftende" oder leberunterstützende Wirkung wurde gezielt gesucht; es fanden sich ausschließlich Tierstudien, keine einzige Humanstudie. Bei Mäusen mit fettreicher Diät reduzierte eine über 12 Wochen täglich per Magensonde verabreichte Apfelessig-Pulver-Zubereitung die diätbedingte Gewichtszunahme um 26,3 Prozent sowie die Leberenzyme ALT um 48 und AST um 21,5 Prozent, begleitet von Veränderungen der Darmflora. Bei diabetischen Ratten erhöhte oral verabreichter Apfelessig über 4 Wochen mehrere antioxidative Enzyme und senkte Marker für Leber- und Nierenbelastung (unter anderem AST, ALT, Bilirubin, Harnstoff und Kreatinin, jeweils p kleiner 0,001). Diese Befunde sind ausschließlich an Tieren mit Magensonden-Verabreichung erhoben, mit Dosen, die sich nicht direkt auf eine Kapsel-Einnahme beim Menschen übertragen lassen, und sagen nichts darüber aus, ob beim Menschen ein vergleichbarer Effekt eintritt.
Studien im Detail
Körpergewicht: die Meta-Analyse und ihre zurückgezogene Studie
Die tragende Quelle für die Gewichtswirkung ist eine 2025 veröffentlichte Meta-Analyse aus 10 randomisierten Studien mit insgesamt 789 Teilnehmenden, Erwachsene mit Übergewicht, Adipositas oder Typ-2-Diabetes, Einnahmedauer 4 bis 12 Wochen [1]. Der gepoolte Effekt auf Körpergewicht und BMI war signifikant, auf den Taillenumfang nur, solange alle 10 Studien enthalten blieben.
Eine dieser 10 Studien ist eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Arbeit an 120 übergewichtigen und adipösen Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Libanon, die 5, 10 oder 15 mL Apfelessig täglich über 12 Wochen erhielten und dabei außergewöhnlich große Effekte berichtete. Nach Veröffentlichung meldeten sich Statistiker mit methodischer Kritik: Die verwendeten unabhängigen t-Tests seien für das Studiendesign ungeeignet, und eine Datenrekonstruktion aus den berichteten Mittelwerten und Standardabweichungen (SPRITE-Methode) ergab für Alter und BMI der Teilnehmenden Verteilungen, die auffällig an den Rändern der Einschlusskriterien gehäuft waren, statt wie erwartet in der Mitte [3]. Die Autoren erwiderten, die verwendete Statistik sei bei ausbalancierten Gruppengrößen vertretbar und die Effektgröße sei durch die Erhöhung der Fettoxidation durch Essigsäure biologisch plausibel [4]. Die Fachzeitschrift prüfte daraufhin die von den Autorinnen und Autoren zur Verfügung gestellten Rohdaten und konnte die berichteten Analysen nicht reproduzieren; sie fand zusätzlich "mehrere Fehler" und ein mit zufälliger Gruppenzuteilung unvereinbares Muster in den Daten. Die Studie wurde im September 2025 mit Zustimmung der Autoren zurückgezogen, die die Abweichungen als unbeabsichtigt beim Datenexport erklärten [5].
Diese Studie ist in der Meta-Analyse [1] namentlich als eine von nur zwei Arbeiten mit durchgehend niedrigem Bias-Risiko im Cochrane-Verfahren gekennzeichnet und blieb dadurch auch in der Sensitivitätsanalyse enthalten, die im Abstract als Beleg für die "Robustheit" des Gewichtseffekts beschrieben wird. Bias-Bewertungen nach RoB2 prüfen Verblindung, Randomisierung und Berichterstattung, nicht die Plausibilität der Rohdaten selbst; ein methodisch sauber wirkendes, aber inhaltlich fragwürdiges Design kann dort ohne Weiteres als risikoarm durchgehen. Für den Leser dieses Kompendiums heißt das: Die "robuste" Sensitivitätsanalyse ist ohne die zurückgezogene Studie so nicht mehr nachvollziehbar, weil die Meta-Analyse selbst keine gesonderte Auswertung ohne genau diese eine Studie veröffentlicht hat.
Ohne diese Studie stützt sich die Gewichtswirkung im Wesentlichen auf eine ältere, ebenfalls placebokontrollierte japanische Studie mit zwei Essig-Dosierungen (15 und 30 mL täglich, rund 104 beziehungsweise 101 Teilnehmende, 12 Wochen) [2]. Sie kommt aus dem firmeneigenen Forschungsinstitut der Mizkan Group, einem der größten Essig-Hersteller Japans, was bei der Einordnung mitzudenken ist.
Blutzucker: akuter Effekt gegen chronische Einnahme, und eine Unstimmigkeit im Volltext
Für die Wirkung auf eine einzelne Mahlzeit ist die Befundlage vergleichsweise konsistent [7, 8, 9], mit einer Ausnahme: Eine kleine, mechanistisch angelegte Studie fand unter experimentellen Bedingungen keinen Beleg dafür, dass Essig die Aufnahme von Kohlenhydraten aus dem Darm bremst [10].
Für die chronische, mehrwöchige Einnahme fällt beim genauen Lesen des Volltexts einer Hauptquelle [11] eine Unstimmigkeit zwischen Abstract und eigener Ergebnistabelle auf. Das Abstract formuliert zusammenfassend, Apfelessig "scheine" bei "offenbar gesunden" Teilnehmenden Nüchternblutzucker und HDL zu erhöhen. Die im Volltext (Tabelle 4) berichtete Untergruppenanalyse für Nicht-Diabetiker zeigt dagegen für den Nüchternblutzucker eine signifikante Senkung (minus 3,53 mg/dl, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 6,70 bis minus 0,37, I-Quadrat 0 Prozent) und, getrennt davon, für HDL einen signifikanten Anstieg (1,73 mg/dl, 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,28 bis 3,18). Die Erhöhungs-Aussage im Abstract lässt sich anhand der eigenen Zahlen des Volltexts für den Nüchternblutzucker nicht nachvollziehen; dieser Eintrag folgt deshalb der Tabelle, nicht der Abstract-Formulierung. Für LDL-Cholesterin und Nüchternblutzucker meldet dieselbe Arbeit außerdem selbst einen statistischen Hinweis auf Publikationsbias (Egger-Test, p gleich 0,005 beziehungsweise 0,04), ihr zweiter Test derselben Frage (Begg- Rangkorrelation) bestätigte diese Asymmetrie allerdings nicht (p gleich 0,40 beziehungsweise 0,17). Nicht robust ist auch der HbA1c-Befund dieser Arbeit, er verschwand sowohl nach Ausschluss einer einzelnen Studie als auch nach Ausschluss aller Studien mit hohem Bias-Risiko.
Sättigung: Übelkeit statt Sättigung
Die einzigen beiden kontrollierten Studien zu diesem Punkt [13] wurden gezielt so angelegt, dass sie zwischen einer echten appetitzügelnden Wirkung und einer bloßen Abneigungsreaktion unterscheiden konnten, indem sie schmackhaftere und weniger schmackhafte Essig-Zubereitungen verglichen und in einer zweiten Teilstudie Essig nur schmecken statt schlucken ließen. Das Ergebnis sprach klar für die zweite Erklärung: Wirkung auf den Appetit gab es nur beim tatsächlichen Schlucken, korreliert mit dem Ausmaß der Übelkeit, nicht beim bloßen Geschmack.
Tier- und Laborstudien
Zwei Tierstudien wurden für die Wirkungstabelle herangezogen, beide tragen ausdrücklich keine Aussage über eine Wirkung beim Menschen. Bei Mäusen mit fettreicher Diät reduzierte eine über Magensonde verabreichte Apfelessig-Pulver-Zubereitung über 12 Wochen die diätbedingte Gewichtszunahme um 26,3 Prozent sowie die Leberenzyme ALT um 48 und AST um 21,5 Prozent, begleitet von einer veränderten Darmflora-Zusammensetzung [16]. Bei Ratten mit medikamentös ausgelöstem Diabetes erhöhte oral verabreichter Apfelessig über 4 Wochen mehrere antioxidative Enzyme im Blut und senkte Marker für Leber- und Nierenbelastung deutlich (unter anderem AST, ALT, Bilirubin, Harnstoff und Kreatinin, jeweils p kleiner 0,001) [17]. Beide Arbeiten nutzten kontrollierte, für Mäuse beziehungsweise Ratten berechnete Dosen, die sich nicht auf eine menschliche Kapsel-Einnahme übertragen lassen.
Sicherheit und Wechselwirkungen
Zahnschmelz. Eine randomisierte Studie an gesunden Erwachsenen prüfte über 8 Wochen gezielt den Zahnschmelz-Verschleiß (BEWE-Score) unter zweimal täglicher Einnahme entweder eines Essig-Getränks (2 Esslöffel Apfelessig in Wasser, entsprechend 3,6 g Essigsäure) oder einer handelsüblichen Apfelessig-Tablette als Kontrolle (0,045 g Essigsäure). Der BEWE-Score stieg in der Flüssig-Essig-Gruppe über die 8 Wochen signifikant um 18 Prozent (p gleich 0,038), in der Tabletten-Kontrollgruppe veränderte er sich nicht [18]. Eine In-vitro-Studie an menschlichen Zahnschmelzproben mit 30 verschiedenen Essigsorten (darunter Apfelessig-Varianten) bestätigt den Mechanismus: Je nach Essigsorte und Einwirkzeit verloren die Proben nach 8 Stunden Kontakt bis zu rund 20 Prozent des Minerals Calciumoxid in einer Tiefe von 45 Mikrometern [19]. Diese beiden Arbeiten zeigen zusammen, dass das Zahnschmelz-Risiko in erster Linie an die verdünnte, aber immer noch saure Flüssigkeit und ihre Kontaktzeit im Mund gebunden ist; für eine geschluckte Kapsel mit unbekanntem Essigsäuregehalt lässt sich daraus keine belastbare Aussage in die eine oder andere Richtung ableiten, weil der direkte Zahnkontakt bei einer Kapsel entfällt, der tatsächliche Essigsäuregehalt aber unbekannt ist.
Speiseröhre und feste Darreichungsformen. Ein Fallbericht dokumentiert eine Speiseröhrenverletzung durch eine steckengebliebene Apfelessig-Tablette; die daraufhin veranlasste Untersuchung von 8 verschiedenen handelsüblichen Apfelessig-Tabletten-Präparaten fand erhebliche Schwankungen bei Tablettengröße, pH-Wert, Säuregehalt und mikrobiellem Befall zwischen den Marken, bei einigen Produkten blieb sogar unklar, ob überhaupt Apfelessig enthalten war [20]. Diese Arbeit betrifft Tabletten, keine Kapseln wie in der hier betrachteten Darreichungsform; ob sich das Steckenbleiben-Risiko auf eine Kapsel überträgt, ist unklar, beide sind aber feste, quellfähige Darreichungsformen und keine verdünnte Flüssigkeit wie in den meisten Wirksamkeitsstudien. Nach Regel dieses Kompendiums gilt der Formvorbehalt Pulver-statt-Flüssigkeit deshalb auch für das Sicherheitsbild, und zwar in beide Richtungen: Eine Kapsel umgeht vermutlich den direkten Zahnschmelzkontakt der Flüssigkeit, sie umgeht aber nicht automatisch das mechanische Risiko fester Darreichungsformen.
Sehr hoher, chronischer Konsum. Ein publizierter Einzelfallbericht beschreibt bei einer Person mit langjährig sehr hohem Apfelessig-Konsum eine Kaliumverarmung (Hypokaliämie), erhöhte Reninwerte und Osteoporose [21]. Diese Charakterisierung stützt sich, da uns kein Abstract und kein Volltext vorlagen, ausschließlich auf den Titel der Arbeit selbst; Details zu Trinkmenge und Zeitverlauf sind uns nicht bekannt. Der Fall zeigt, dass bei sehr hohem, dauerhaftem Konsum ein Elektrolyt-Risiko real ist, ist aber nicht repräsentativ für die in Studien üblichen Dosen von wenigen Milliliter- bis Esslöffel-Mengen pro Tag.
Allgemein. Ein systematischer Review, der 13 Humanstudien zu Nebenwirkungen auswertete, kommt zu dem Schluss, dass das Nebenwirkungsrisiko bei den in Studien üblichen Mengen gering erscheint, die Datenlage für eine abschließende Bewertung aber nicht ausreicht [6]. Häufiger berichtete milde Nebenwirkungen in den hier zitierten Studien sind Sodbrennen, Magen-Darm-Beschwerden und, bei äußerlicher Anwendung, Hautreizung [14]. Ein eigener Vorbehalt gilt bei diabetischer Gastroparese, also bei ohnehin schon verzögerter Magenentleerung. Bei 10 Betroffenen mit Typ-1-Diabetes sank die gemessene Entleerungsrate nach zwei Wochen täglich 30 mL Apfelessig weiter ab, von median 27 auf 17 Prozent im Messfenster (p kleiner 0,05), was die Studienautoren selbst als möglichen Nachteil für die Blutzuckerkontrolle dieser Gruppe bezeichnen [9]. Gemessen wurde dabei vorher gegen nachher in derselben Gruppe, ohne Kontrollgruppe und ohne randomisierte Reihenfolge, der Befund ist also ein Warnsignal und kein belegter Schaden. Wer eine Gastroparese hat, klärt den Einsatz von Apfelessig deshalb besser ärztlich ab.
Quellen zum Nachlesen
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01
Meta-Analyse aus 10 RCTs, n gleich 789 · 2025
Effect of Apple Cider Vinegar Intake on Body Composition in Humans with Type 2 Diabetes and/or Overweight; A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials.
Castagna A, Ferro Y, Noto FR, Bruno R, Aragao Guimaraes A, Pujia C, Mazza E, Maurotti S, Montalcini T, Pujia A. Nutrients
Zur Zuschreibung: 01
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- 04
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05
Retraction Notice zur zugrundeliegenden Studie Abou-Khalil et al. 2024 · 2025
Retraction: Apple cider vinegar for weight management in Lebanese adolescents and young adults with overweight and obesity: a randomised, double-blind, placebo-controlled study.
[Redaktion BMJ Nutrition, Prevention & Health] BMJ Nutr Prev Health
Zur Zuschreibung: 01
- 06
- 07
- 08
- 09
- 10
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11
Meta-Analyse aus 9 Studien (10 Studienarmen) · 2021
The effect of apple cider vinegar on lipid profiles and glycemic parameters; a systematic review and meta-analysis of randomized clinical trials.
Hadi A, Pourmasoumi M, Najafgholizadeh A, Clark CCT, Esmaillzadeh A. BMC Complement Med Ther
Zur Zuschreibung: 03
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12
Meta-Analyse aus 16 Studien, n gleich 910 (essigsäurehaltige Lebensmittel allgemein, nicht auf Apfelessig beschränkt) · 2021
Effect of Dietary Acetic Acid Supplementation on Plasma Glucose, Lipid Profiles, and Body Mass Index in Human Adults; A Systematic Review and Meta-analysis.
Valdes DS, So D, Gill PA, Kellow NJ. J Acad Nutr Diet
Zur Zuschreibung: 03
- 13
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14
Kontrollierte Split-Arm-Studie, n gleich 22 (äußerliche Anwendung) · 2019
Apple cider vinegar soaks [0.5%] as a treatment for atopic dermatitis do not improve skin barrier integrity.
Luu LA, Flowers RH, Kellams AL, Zeichner S, Preston DC, Zlotoff BJ, Wisniewski JA. Pediatr Dermatol
Zur Zuschreibung: 06
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15
Randomisierte Split-Arm-Studie, n gleich 22 (äußerliche Anwendung) · 2021
Apple cider vinegar soaks do not alter the skin bacterial microbiome in atopic dermatitis.
Luu LA, Flowers RH, Gao Y, Wu M, Gasperino S, Kellams AL, Preston DC, Zlotoff BJ, Wisniewski JA, Zeichner SL. PLoS One
Zur Zuschreibung: 06
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- 19
- 20
- 21
Bei H.P.N
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