Aloe Vera Extrakt
Zuletzt geprüft am
Pflanzenextrakte
Aloe vera (L.) Burm.f., Synonym Aloe barbadensis Miller, Familie Asphodelaceae · Aloe barbadensis · Aloe-Blattgel · Aloe-Ganzblattextrakt · Aloe Vera Gel Extract · Aloe-Latex
Auf einen Blick
- Was es ist
- Zubereitung aus den fleischigen Blättern der Aloe-vera-Pflanze. Unter dem Sammelbegriff "Aloe-Vera-Extrakt" werden im Handel drei sehr unterschiedliche Ausgangsmaterialien vermarktet, das klare Blattgel aus dem Blattinneren (Filet), das Ganzblatt einschließlich der äußeren Randschicht, und der gelbe Latex direkt unter der Blattschale. Der Latex und die äußere Randschicht enthalten die sogenannten Hydroxyanthracen-Derivate, darunter Aloin A und B sowie deren Oxidationsprodukt Aloe-Emodin, reines Blattgel enthält davon nur Spuren
- Herkunft
- Blätter der sukkulenten Pflanze Aloe vera, ursprünglich vermutlich von der Arabischen Halbinsel, heute weltweit als Zier- und Nutzpflanze kultiviert
- Wirkform in Studien
- Die gefundenen Humanstudien prüften unterschiedliche Zubereitungen, darunter Blattgel, entfärbtes Ganzblattextrakt und eine aus Aloe vera isolierte, hochgereinigte Sterolfraktion. Keine gefundene Humanstudie prüfte reinen Aloe-Latex, Aloin isoliert oder ein nicht entfärbtes Ganzblattextrakt. In den Tier- und Laborstudien zur Karzinogenität und Genotoxizität wurden dagegen gezielt nicht entfärbtes Ganzblattextrakt, entfärbtes Ganzblattextrakt und isoliertes Aloe-Emodin geprüft, weil genau diese Zubereitungen im Verdacht standen, Hydroxyanthracen-Derivate in relevanter Menge zu enthalten
- Übliche Studiendosis
- Sehr heterogen und zwischen den Zubereitungen nicht vergleichbar. Blattgel als Getränk 250 Milliliter pro Tag über 14 Tage oder als Kapsel 300 Milligramm zweimal täglich, isoliertes Aloe-Sterol 19 bis 40 Mikrogramm pro Tag über 12 Wochen, im Tiermodell nicht entfärbtes Ganzblattextrakt bis 1,5 Prozent im Trinkwasser, umgerechnet bis 1,3 Gramm Extrakt pro Kilogramm Körpergewicht und Tag über 2 Jahre
- Bekannt geworden durch
- Traditionelle Nutzung als Haut- und Wundpflegemittel sowie als mildes pflanzliches Abführmittel. Die abführende Wirkung geht auf die Hydroxyanthracen-Derivate im Blattlatex zurück, für die seit 2021 eine eigene lebensmittelrechtliche Bewertung auf EU-Ebene besteht, siehe Sicherheit
- Rechtlicher Sonderstatus
- Aloe-Emodin, Emodin und Zubereitungen aus dem Aloe-Blatt mit Hydroxyanthracen-Derivaten waren von März 2021 bis November 2024 EU-weit verboten. Das Gericht der Europäischen Union hat dieses Verbot im November 2024 wegen eines Kompetenzfehlers der Kommission aufgehoben, die Kommission hat dagegen Rechtsmittel eingelegt, das Verfahren ist offen. Danthron bleibt unabhängig davon verboten. Einzelheiten unter Sicherheit
- Verträglichkeit
- In den gefundenen Humanstudien zu Blattgel und Aloe-Sterol wurden keine als behandlungsbedingt eingestuften schwerwiegenden Nebenwirkungen berichtet. In der Aloe-Sterol-Studie von Kaminaka trat eine schwere bakterielle Darmentzündung auf, die als nicht behandlungsbedingt beurteilt wurde. Für Ganzblattextrakt mit Hydroxyanthracen-Derivaten gibt es dagegen belastbare Tier- und Einzelfallbefunde zu Leberschädigung, Darmschleimhautveränderungen und, bei nicht entfärbtem Extrakt, Darmkrebs im Tiermodell, siehe Sicherheit
Was diesem Stoff zugesprochen wird
Was die Studien hergeben.
Jede Zuschreibung hat ihre eigene Bewertung. So liest Du die Studienlage.
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01
Bioverfügbarkeit von Vitamin C und Vitamin B12 bei gleichzeitiger Einnahme, bei gesunden Erwachsenen
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Yun und Kollegen prüften 2010 in einer randomisierten, plazebokontrollierten Crossover-Studie an 15 gesunden Erwachsenen zwei Aloe-vera-Zubereitungen jeweils zusammen mit 500 Milligramm Vitamin C und 1 Milligramm Vitamin B12, ein Blattgel-Filet (innere Blattschicht) und ein entfärbtes Ganzblattextrakt, jeweils gegen eine Wasser-Kontrolle mit denselben Vitaminen. Gegenüber Ausgangswert und Kontrolle stieg der Plasmaspiegel von Vitamin C unter dem Blattgel zu den Messzeitpunkten 4, 6, 8 und 24 Stunden und unter dem Ganzblattextrakt zu 4 und 6 Stunden signifikant an (p kleiner 0,01), der Serumspiegel von Vitamin B12 stieg unter beiden Zubereitungen zu den Messzeitpunkten 1 und 2 Stunden signifikant an (p kleiner 0,01) [1]. Eine einzelne kleine Studie ohne unabhängige Bestätigung, das Abstract nennt keine Effektgröße oder ein Konfidenzintervall, nur die statistische Signifikanz einzelner Messzeitpunkte. Geprüft wurde die Einnahme zusammen mit hochdosierten Einzelvitaminen, nicht die alleinige Wirkung von Aloe vera auf die allgemeine Nährstoffaufnahme
Quellen: 1
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02
Antioxidative Gesamtkapazität im Blut bei gesunden Erwachsenen
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Zwei kleine Humanstudien mit unterschiedlichen Blattgel-Zubereitungen. Yun und Kollegen fanden 2010 in derselben Crossover-Studie wie oben eine signifikante Zunahme der antioxidativen Kapazität im Plasma, gemessen über den ORAC-Test, unter dem Blattgel-Filet zu 4 und 24 Stunden und unter dem entfärbten Ganzblattextrakt zu 4 Stunden, jeweils gegenüber Ausgangswert und Kontrolle, bei 15 Teilnehmenden [1]. Prueksrisakul und Kollegen prüften 2015 an 53 gesunden Erwachsenen den täglichen Konsum von 250 Millilitern Aloe-vera-Gelextrakt über 14 Tage in einem unkontrollierten Vorher-Nachher-Design ohne Placebogruppe und fanden am Tag 15 eine signifikant höhere Gesamtantioxidationskapazität im Plasma, gemessen über die FRAP-Methode, gegenüber dem Ausgangswert (p gleich 0,001) [2]. Beide Studien sind klein und kurz, höchstens 14 Tage, bei Prueksrisakul fehlt zusätzlich eine Placebogruppe, und keine der beiden Arbeiten nennt eine Effektgröße oder ein Konfidenzintervall
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03
Hautfeuchtigkeit, Hautbarrierefunktion und dermaler Kollagen-Score bei oraler Einnahme von isoliertem Aloe-Sterol
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Zwei randomisierte, doppelblinde, plazebokontrollierte Studien derselben Forschungsgruppe eines Aloe-Herstellers zu einer aus Aloe vera isolierten Sterolfraktion (Lophenol und Cycloartanol), nicht zum gesamten Blattextrakt. Tanaka und Kollegen prüften 2016 an 64 gesunden Frauen zwischen 30 und 59 Jahren über 12 Wochen mit Aloe-Sterol angereicherten Joghurt gegen Placebo-Joghurt und fanden gegenüber Placebo signifikante Unterschiede bei Hautfeuchtigkeit, transepidermalem Wasserverlust, Hautelastizität und dermalem Kollagen-Score, die genaue Tagesdosis an Sterol nennt das Abstract nicht [3]. Kaminaka und Kollegen prüften 2020 an 122 gesunden Freiwilligen über 12 Wochen eine niedrigere Dosis von 19 Mikrogramm Aloe-Sterol pro Tag (8 Mikrogramm Lophenol plus 11 Mikrogramm Cycloartanol) gegen Placebo und fanden im Volltext für den transepidermalen Wasserverlust in Woche 12 einen Gruppenunterschied von minus 0,641 mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von minus 1,120 bis minus 0,162 (p gleich 0,0090) sowie einen höheren Kollagen-Score gegenüber Placebo. Der Wasserverlust stieg dabei in beiden Gruppen gegenüber dem Ausgangswert an und fiel unter Aloe-Sterol nur geringer aus als unter Placebo, er sank also nicht absolut. In einer nicht vorab geplanten Subgruppenanalyse bei Teilnehmenden mit trockener Haut stieg zusätzlich die Hautfeuchtigkeit gegenüber Placebo [4]. Effektgröße und Konfidenzintervall nennt nur der Volltext von Kaminaka, das Abstract von Tanaka nennt beides nicht. Beide Studien stammen von Beschäftigten der Morinaga Milk Industry Co., Ltd., die die geprüfte Aloe-Sterol-Zubereitung herstellt, bei Tanaka sind alle Autoren dort beschäftigt, bei Kaminaka fünf Mitautoren, und Kaminaka erklärt dennoch keinen Interessenkonflikt. Die zweite Studie baut ausdrücklich auf der ersten auf, beide zählen hier als ein zusammenhängender, nicht unabhängig wiederholter Befund. Aloe-Sterol ist eine aus Aloe vera isolierte, hochgereinigte Verbindungsklasse in Mikrogramm-Dosierung, keine der beiden Studien prüfte den gesamten Blattextrakt in den für Kapseln üblichen Milligramm-Mengen, die Übertragbarkeit auf ein unspezifiziertes Ganzextrakt ist deshalb nicht gegeben
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04
Immunfunktion und die verbreitete Zuschreibung, Aloe vera wirke entgiftend, bei alleiniger Einnahme von Aloe-vera-Extrakt
Studienlage offenEinordnung und Einschränkungen
Gezielt gesucht mit den Suchbegriffen "aloe vera" plus "immune function" (2 Treffer, beide fachfremd) sowie "aloe vera" plus "immunomodulatory" ohne Humanfilter (65 Treffer, weit überwiegend Tier- und Zellstudien oder Mischpräparate). Der relevanteste Treffer betrifft ein Mischpräparat: Yu und Kollegen prüften 2023 in einer randomisierten, plazebokontrollierten Crossover-Studie an 11 gesunden Erwachsenen eine einmalige Gabe von 500 Milligramm eines Extraktgemischs aus Aloe vera, Poria cocos und Rosmarin und fanden gegenüber Placebo innerhalb von 1 bis 3 Stunden einen Anstieg von Aktivierungsmarkern auf Monozyten, NKT-Zellen und zytotoxischen T-Zellen sowie der Enzymaktivität von Superoxiddismutase und Katalase [5]. Der Eigenbeitrag von Aloe vera lässt sich aus dieser Dreifachkombination nicht isolieren. Eine Studie zu Aloe-vera-Reinstoff und Immunfunktion oder zu einem Entgiftungs-Messwert, etwa der beschleunigten Elimination einer Testsubstanz, wurde nicht gefunden
Quellen: 5
Studien im Detail
Bioverfügbarkeit von Vitamin C und B12, antioxidative Kapazität
Yun und Kollegen prüften 2010 an 15 gesunden Erwachsenen in einer randomisierten, plazebokontrollierten Crossover-Studie zwei verschiedene Aloe-vera-Zubereitungen, jeweils zusammen mit 500 Milligramm Vitamin C und 1 Milligramm Vitamin B12: ein Blattgel-Filet aus der inneren Blattschicht und ein entfärbtes Ganzblattextrakt, beide gegen eine Wasser-Kontrolle mit denselben Vitaminzusätzen. Beide Zubereitungen erhöhten gegenüber Ausgangswert und Kontrolle den Plasmaspiegel von Vitamin C und den Serumspiegel von Vitamin B12 signifikant, das Blattgel dabei zu mehr Messzeitpunkten (4, 6, 8 und 24 Stunden bei Vitamin C) als das Ganzblattextrakt (4 und 6 Stunden). Beide Zubereitungen erhöhten außerdem die antioxidative Kapazität im Plasma (ORAC-Test) [1].
Prueksrisakul und Kollegen prüften 2015 an 53 gesunden Erwachsenen den täglichen Konsum von 250 Millilitern Aloe-vera-Gelextrakt über 14 Tage. Ohne Placebogruppe, im Vorher-Nachher-Vergleich, stieg die Gesamtantioxidationskapazität im Plasma signifikant an (p gleich 0,001). Gleichzeitig erfasste Sicherheitswerte (alkalische Phosphatase, Gesamtbilirubin, Gesamtprotein, Globulin) stiegen ebenfalls leicht, blieben aber im Normbereich, Leberenzyme (AST, ALT) und Nierenwerte veränderten sich nicht [2].
Einschränkung: Beide Arbeiten sind klein, kurz (höchstens 14 Tage) und methodisch begrenzt, eine davon ohne Placebo. Keine der beiden Arbeiten berichtet eine Effektgröße oder ein Konfidenzintervall, nur die statistische Signifikanz.
Haut, bei isoliertem Aloe-Sterol
Tanaka und Kollegen prüften 2016 an 64 gesunden Frauen zwischen 30 und 59 Jahren über 12 Wochen ein mit Aloe-Sterol angereichertes Joghurt gegen ein Placebo-Joghurt. Eine Kovarianzanalyse ergab gegenüber Placebo signifikante Unterschiede bei Hautfeuchtigkeit, transepidermalem Wasserverlust, Hautelastizität und Kollagen-Score. Die drei Einzelmaße der Elastizität (R2, R5, R7) und den per Ultraschall gemessenen Kollagengehalt berichtet das Abstract dagegen nur als Zunahme innerhalb der Aloe-Sterol-Gruppe über die Zeit, nicht als Gruppenvergleich [3].
Kaminaka und Kollegen prüften 2020 an 122 gesunden Freiwilligen über 12 Wochen eine niedrigere Dosis von 19 Mikrogramm Aloe-Sterol pro Tag (8 Mikrogramm Lophenol plus 11 Mikrogramm Cycloartanol) gegen Placebo. Der transepidermale Wasserverlust stieg laut Volltext in beiden Gruppen gegenüber dem Ausgangswert an, unter Aloe-Sterol jedoch geringer als unter Placebo, der Gruppenunterschied in Woche 12 betrug minus 0,641 mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von minus 1,120 bis minus 0,162 (p gleich 0,0090). Der Kollagen-Score lag in Woche 12 gegenüber Placebo höher. In einer im Voraus nicht geplanten Subgruppenanalyse bei Teilnehmenden mit trockener Haut stieg zusätzlich die Hautfeuchtigkeit gegenüber Placebo [4].
Einschränkung: Beide Studien stammen von Beschäftigten der Morinaga Milk Industry Co., Ltd., die die geprüfte Aloe-Sterol-Zubereitung herstellt, die zweite baut ausdrücklich auf der ersten auf, sie zählen deshalb als ein zusammenhängender, nicht unabhängig wiederholter Befund. Bei Tanaka sind alle Autoren dort beschäftigt, bei Kaminaka fünf Mitautoren, und Kaminaka erklärt im Volltext dennoch keinen Interessenkonflikt. Eine Effektgröße mit Konfidenzintervall nennt nur der Volltext von Kaminaka, das Abstract von Tanaka nennt keine. Vor allem aber prüfte keine der beiden Studien das gesamte Blattextrakt, sondern eine daraus isolierte, in Mikrogramm dosierte Sterolfraktion, das ist eine andere Verbindungsklasse in einer um mehrere Zehnerpotenzen geringeren Menge als ein Milligramm-dosiertes Ganzextrakt.
Immunfunktion und Entgiftung
Gezielt gesucht mit den Suchbegriffen "aloe vera" plus "immune function" (2 Treffer, beide fachfremd) sowie "aloe vera" plus "immunomodulatory" ohne Humanfilter (65 Treffer, weit überwiegend Tier- und Zellstudien oder Mischpräparate). Der relevanteste Treffer betrifft ein Mischpräparat: Yu und Kollegen prüften 2023 an 11 gesunden Erwachsenen eine einmalige Gabe von 500 Milligramm eines Extraktgemischs aus Aloe vera, Poria cocos und Rosmarin und fanden gegenüber Placebo innerhalb von 1 bis 3 Stunden einen Anstieg von Aktivierungsmarkern auf mehreren Immunzelltypen [5]. Der Eigenbeitrag von Aloe vera lässt sich aus dieser Dreifachkombination nicht isolieren. Zu Aloe-vera- Reinstoff und Immunfunktion oder zu einem Entgiftungs-Messwert wurde keine Studie gefunden.
Tier- und Laborstudien
Diese Studien wurden ausschließlich an Tieren oder in vitro durchgeführt, aus ihnen folgt keine Wirkungsaussage für Menschen. Sie sind hier trotzdem ausführlich dargestellt, weil sie die Grundlage der EU-Bewertung und der Rechtslage zu Aloe-Zubereitungen mit Hydroxyanthracen-Derivaten bilden.
Boudreau und Kollegen führten für das US-amerikanische National Toxicology Program eine 2-Jahres-Trinkwasserstudie an F344/N-Ratten und B6C3F1-Mäusen durch (öffentlich finanziert über die Zulassungsbehörde FDA und das NIEHS, keine Herstellerbeteiligung). Geprüft wurde ein nicht entfärbtes Ganzblattextrakt von Aloe barbadensis in Konzentrationen von 0,5, 1 und 1,5 Prozent im Trinkwasser bei Ratten (das entspricht bei der höchsten Dosis einer mittleren Aufnahme von 1,13 Gramm Extrakt pro Kilogramm Körpergewicht und Tag bei männlichen und 1,28 Gramm bei weiblichen Tieren) sowie 1, 2 und 3 Prozent bei Mäusen. In den Dosisgruppen 1 und 1,5 Prozent zeigten männliche und weibliche Ratten signifikant höhere Raten an Adenomen und Karzinomen des Dickdarms als die Kontrollgruppe. Adenome oder Karzinome von Blinddarm oder Dickdarm waren in historischen Kontrollgruppen derselben Einrichtung bei männlichen Ratten in keinem von 567 und bei weiblichen Ratten in keinem von 519 zuvor untersuchten Tieren aufgetreten. Bei Mäusen zeigte sich kein Zusammenhang mit Tumoren, wohl aber eine Schleimhautwucherung (Hyperplasie) im Dickdarm bei beiden Spezies. Das mittlere Überleben der mit der höchsten Dosis behandelten weiblichen Ratten war mit 91,9 gegenüber 95,7 Wochen in der Kontrollgruppe leicht, aber statistisch signifikant verkürzt (p gleich 0,044) [8][9].
Dieselbe Behörde prüfte 2010 zusätzlich die topische Anwendung von Cremes mit Aloe-Gel, Ganzblattextrakt, entfärbtem Ganzblattextrakt oder isoliertem Aloe-Emodin an haarlosen SKH-1-Mäusen über ein Jahr, kombiniert mit simuliertem Sonnenlicht. Alle vier Zubereitungen zeigten in mindestens einer Dosis- und Geschlechtsgruppe eine schwache, aber statistisch signifikant erhöhte Anzahl von Hautplattenepithel-Tumoren gegenüber simuliertem Sonnenlicht allein, am deutlichsten bei Ganzblattextrakt und entfärbtem Ganzblattextrakt bei beiden Geschlechtern [10]. Diese Studie betrifft die äußerliche, nicht die innerliche Anwendung und ist deshalb nur eingeschränkt auf ein oral eingenommenes Kapsel- Präparat übertragbar.
Sehgal und Kollegen prüften 2013 dagegen gezielt ein handelsübliches, mit Aktivkohle entfärbtes Ganzblattprodukt (Handelsname Lily of the Desert Filtered Whole Leaf Juice with Aloesorb), dessen restlicher Anthrachinon-Gehalt mit 0,868 ppm Aloin A, 1,335 ppm Aloin B und 0,200 ppm Aloe-Emodin angegeben wird, deutlich unterhalb der von der Aloe-Branche selbst gesetzten Marke von unter 10 ppm Aloin. Das Produkt zeigte in Bakterientests und einem DNA-Reparaturtest keine Gentoxizität und führte bei Ratten über 13 Wochen zu keinen Auffälligkeiten bei Verhalten, Stuhl, Gewichtszunahme, Futteraufnahme, Organgewichten, Blutbild oder Darmschleimhaut gegenüber der Kontrollgruppe. Die Studie wurde über eine Zusammenarbeit mit einem vom Hersteller bezahlten Beratungsunternehmen finanziert, ein Mitautor ist beim Hersteller angestellt, das Produkt wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt. Sie deckt außerdem nur 13 Wochen ab und ist damit, anders als die 2-Jahres- Studie zum nicht entfärbten Extrakt, nicht auf eine Kanzerogenität bei Langzeiteinnahme angelegt [12].
Galli und Kollegen prüften 2021 isoliertes Aloe-Emodin in einem In-vivo- Comet-Assay an Mäusen nach OECD-Prüfrichtlinie 489, in Dosen von 250 bis 2000 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, und fanden in Nieren- und Darmzellen keine gentoxische Wirkung, wiesen aber selbst darauf hin, dass eine mögliche oxidative Schädigung des Darmgewebes anhand ihrer Daten nicht ausgeschlossen werden könne. Diese Arbeit widerspricht der von der EFSA herangezogenen In-vivo-Gentoxizität von Aloe-Emodin, Finanzierung und Interessenkonflikte waren im frei zugänglichen Abstract nicht angegeben, der Volltext lag für diese Recherche nicht vor [11].
Zusammengenommen zeigen diese Arbeiten, dass sich Karzinogenität in Tiermodellen bislang nur für nicht entfärbtes Ganzblattextrakt (oral, 2 Jahre) und, schwächer, für Ganzblatt- und Gel-Zubereitungen sowie isoliertes Aloe-Emodin (topisch, 1 Jahr) zeigte, während ein gezielt entfärbtes Ganzblattprodukt in einer kürzeren, industriefinanzierten Studie unauffällig blieb und eine neuere, unabhängige Arbeit die In-vivo-Gentoxizität von Aloe-Emodin nicht bestätigen konnte. Reiner Aloe-Latex oder isoliertes Aloin wurde in keiner der gefundenen Studien als alleinige Zubereitung geprüft.
Sicherheit und Wechselwirkungen
Rechtlicher Sonderstatus. Die Europäische Kommission hat mit der Verordnung (EU) 2021/468 vom 18. März 2021 Aloe-Emodin, Emodin, Danthron und Zubereitungen aus dem Aloe-Blatt mit Hydroxyanthracen-Derivaten in Anhang III Teil A der Verordnung (EG) Nr. 1925/2006 aufgenommen, das entspricht einem EU-weiten Verbot in Lebensmitteln. Zubereitungen aus Rhabarberwurzel (Rheum), Sennesblättern (Cassia senna) und Faulbaumrinde (Rhamnus) mit Hydroxyanthracen-Derivaten wurden zugleich unter verschärfte behördliche Beobachtung (Anhang III Teil C) gestellt [14]. Grundlage war ein wissenschaftliches Gutachten der EFSA von 2018, das Emodin, Aloe-Emodin und das strukturverwandte Danthron als in vitro gentoxisch einstufte, Aloe-Emodin zusätzlich als in vivo gentoxisch, und nicht entfärbtes Ganzblattextrakt sowie Danthron als krebserregend. Die EFSA verwies zusätzlich auf epidemiologische Daten zu einem erhöhten Darmkrebsrisiko bei allgemeinem Laxanzien-Gebrauch, worunter auch Hydroxyanthracen-haltige Mittel fallen, konnte aber keine Aufnahmemenge benennen, unterhalb derer keine gesundheitlichen Bedenken bestehen [13].
Das Gericht der Europäischen Union hat dieses Verbot am 13. November 2024 in der Rechtssache T-302/21 (Aboca und andere gegen Kommission) in Teilen aufgehoben. Aufgehoben wurden die Einträge zu Aloe-Emodin, Emodin und den Aloe-Blattzubereitungen sowie die gesamte Kontrollstellung für Rheum, Cassia und Rhamnus, mit der Begründung, die Kommission habe ihre Regelungsbefugnis überschritten, indem sie "Zubereitungen" statt nur "Stoffe" oder "Zutaten" reguliert habe, und ein vollständiges Verbot allein wegen fehlender Daten zu einer unbedenklichen Aufnahmemenge sei unverhältnismäßig gewesen. Der Eintrag zu Danthron war von der Klage nicht betroffen und bleibt in Kraft [15]. Die Kommission hat am 24. Januar 2025 Rechtsmittel beim Gerichtshof der Europäischen Union eingelegt (Rechtssache C-48/25 P), das Verfahren war zum Zeitpunkt dieser Recherche noch nicht entschieden, eine mündliche Verhandlung war für den 10. September 2026 terminiert [16]. Rechtsmittel vor dem Gerichtshof haben nach der Systematik des EU-Prozessrechts grundsätzlich keine aufschiebende Wirkung, sofern das Gericht nichts anderes anordnet, Hinweise auf eine solche Anordnung wurden in dieser Recherche nicht gefunden. Aloe-Emodin, Emodin und Aloe-Blattzubereitungen mit Hydroxyanthracen-Derivaten sind damit aktuell nicht mehr grundsätzlich verboten, der Ausgang des Rechtsmittels kann das erneut ändern.
Leberschäden. Bottenberg und Kollegen berichteten 2007 den Fall einer 73-jährigen Frau, bei der eine akute Hepatitis auftrat, während sie unbemerkt oral eingenommene Aloe-vera-Kapseln gegen Verstopfung einnahm. Die Leberwerte normalisierten sich nach Absetzen des Präparats, nach der Roussel-Uclaf-Kausalitäts-Bewertungsmethode wurde der Zusammenhang als wahrscheinlich eingestuft [6]. Ein narrativer Übersichtsartikel von 2022 ordnet Leberschäden nach oraler Aloe-vera-Einnahme allgemein den in der Pflanze enthaltenen Alkaloiden zu und benennt daneben Nierenschäden und Gentoxizität als mit Aloin assoziierte Risiken, ohne dass sich einzelne Aussagen dieser Übersicht anhand des frei zugänglichen Abstracts im Detail prüfen ließen [7].
Wechselwirkungen. Die abführende Wirkung von Hydroxyanthracen-Derivaten beruht auf einer erhöhten Darmmotilität, wofür die EFSA auf Basis des zugrundeliegenden EU-Verfahrens auf mögliche Elektrolytstörungen, eine beeinträchtigte Darmfunktion bei Langzeitgebrauch und eine Gewöhnung an Abführmittel hinweist [14]. Eine spezifische Studie zu Wechselwirkungen zwischen Aloe-vera-Extrakt und Arzneimitteln wurde in dieser Recherche nicht gefunden, das bleibt offen.
Quellen zum Nachlesen
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01
Randomisierte, plazebokontrollierte Crossover-Studie, n gleich 15 · 2010
A randomized placebo-controlled crossover trial of aloe vera on bioavailability of vitamins C and B(12), blood glucose, and lipid profile in healthy human subjects.
Yun JM, et al. J Diet Suppl
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02
Unkontrollierte Vorher-Nachher-Studie ohne Placebo, n gleich 53 · 2015
Effect of daily drinking of Aloe vera gel extract on plasma total antioxidant capacity and oral pathogenic bacteria in healthy volunteer, a short-term study.
Prueksrisakul T, Chantarangsu S, Thunyakitpisal P. J Complement Integr Med
Zur Zuschreibung: 02
- 03
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04
Randomisierte, doppelblinde, plazebokontrollierte Studie, n gleich 122 · 2020
Effects of low-dose Aloe sterol supplementation on skin moisture, collagen score and objective or subjective symptoms, 12-week, double-blind, randomized controlled trial.
Kaminaka C, et al. J Dermatol
Zur Zuschreibung: 03
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05
Randomisierte, plazebokontrollierte Crossover-Studie zu einem Dreifach-Extraktgemisch, n gleich 11 · 2023
Rapid increase in immune surveillance and expression of NKT and gammadeltaT cell activation markers after consuming a nutraceutical supplement containing Aloe vera gel, extracts of Poria cocos and rosemary. A randomized placebo-controlled cross-over trial.
Yu L, McGarry S, Cruickshank D, Jensen GS. PLoS One
Zur Zuschreibung: 04
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08
2-Jahres-Kanzerogenitätsstudie im Trinkwasser, F344/N-Ratten und B6C3F1-Mäuse, je 48 Tiere pro Geschlecht und Gruppe · 2013
Clear evidence of carcinogenic activity by a whole-leaf extract of Aloe barbadensis miller (aloe vera) in F344/N rats.
Boudreau MD, Mellick PW, Olson GR, Felton RP, Thorn BT, Beland FA. Toxicol Sci
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09
Technischer Bericht des National Toxicology Program (NTP TR 577) zur selben Studie wie Quelle 8 · 2013
Toxicology and carcinogenesis studies of a nondecolorized whole leaf extract of Aloe barbadensis Miller (Aloe vera) in F344/N rats and B6C3F1 mice (drinking water study).
Boudreau MD, Beland FA, Nichols JA, Pogribna M. Natl Toxicol Program Tech Rep Ser
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10
1-Jahres-Studie zur topischen Anwendung, SKH-1-Mäuse, je 36 Tiere pro Geschlecht und Gruppe · 2010
Photocarcinogenesis study of aloe vera [CAS NO. 481-72-1(Aloe-emodin)] in SKH-1 mice (simulated solar light and topical application study).
National Toxicology Program. Natl Toxicol Program Tech Rep Ser
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12
Gentoxizitätstests plus 13-Wochen-Fütterungsstudie an F344-Ratten zu einem entfärbten Ganzblattprodukt, industriegefördert · 2013
Toxicologic assessment of a commercial decolorized whole leaf aloe vera juice, lily of the desert filtered whole leaf juice with aloesorb.
Sehgal I, et al. J Toxicol
- 13
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14
Rechtsakt, seit 13.11.2024 in Teilen durch Gerichtsurteil (Quelle 15) aufgehoben · 2021
Verordnung (EU) 2021/468 der Kommission vom 18. März 2021 zur Änderung des Anhangs III der Verordnung (EG) Nr. 1925/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates in Bezug auf Pflanzenarten, die Hydroxyanthracen-Derivate enthalten
Europäische Kommission Amtsblatt der Europäischen Union, L 96, S. 6
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15
Gerichtsurteil, hebt die ersten drei Einträge in Artikel 1 Absatz 1 sowie Artikel 1 Absatz 2 der Verordnung (EU) 2021/468 auf · 2024
Urteil vom 13. November 2024, Aboca SpA Soc. agr. und andere gegen Europäische Kommission, Rechtssache T-302/21
Gericht der Europäischen Union EUR-Lex, CELEX 62021TJ0302
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16
Amtsblatt-Bekanntmachung eines anhängigen Rechtsmittelverfahrens vor dem Gerichtshof · 2025
Rechtsmittel, eingelegt am 24. Januar 2025 von der Europäischen Kommission gegen das Urteil des Gerichts vom 13. November 2024 in der Rechtssache T-302/21, Aboca und andere gegen Kommission, Rechtssache C-48/25 P
Europäische Kommission Amtsblatt der Europäischen Union, C/2025/1416 vom 10.03.2025
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