Calcium

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Mineralstoffe

Kalzium

H.P.N · Datenstand 2026-09-08 · 9 Zuschreibungen im Überblick

Auf einen Blick

Was es ist
Ein Mengenmineralstoff, mengenmäßig der größte Mineralstoff im menschlichen Körper und Baustein von Knochen und Zähnen. In Nahrungsergänzungsmitteln meist als Calciumcarbonat, Calciumcitrat, Calciumgluconat, Calciumlactat oder Calciumacetat, die sich in Wasserlöslichkeit und in ihrer Abhängigkeit von der Magensäure unterscheiden, siehe Abschnitt zu den Salzformen
Herkunft
Wichtige Nahrungsquellen sind Milchprodukte, calciumreiches Mineralwasser, grünes Blattgemüse und angereicherte Lebensmittel. Nahrungsergänzungsmittel liefern isolierte Calciumsalze
Wirkform in Studien
In den meisten Interventionsstudien orale Gabe von Calciumcarbonat oder Calciumcitrat, häufig gemeinsam mit Vitamin D, seltener als Monotherapie. Angegeben wird üblicherweise die Menge an elementarem Calcium, nicht die Gesamtmenge des Salzes
Übliche Studiendosis
500 bis 1200 mg elementares Calcium täglich, in den großen Studien zu Knochendichte und Knochenbrüchen meist über ein bis mehrere Jahre eingenommen
Bekannt geworden durch
Den Aufbau und Erhalt von Knochen und Zähnen sowie die diskutierte Rolle beim Erhalt der Knochendichte im Alter
Verträglichkeit
In üblichen Nahrungsergänzungsdosen meist gut vertragen. Mögliche Nebenwirkungen sind Verstopfung und Blähungen, vor allem bei Calciumcarbonat. Zur Gesamtmenge aus Nahrung und Präparaten und zur Diskussion um das Herz-Kreislauf-System siehe Sicherheit

Was diesem Stoff zugesprochen wird

Was die Studien hergeben.

Jede Zuschreibung hat ihre eigene Bewertung. So liest Du die Studienlage.

  1. 01

    Erhalt normaler Knochen

    Behördlich gesichert
    Einordnung und Einschränkungen

    Zugelassene EFSA-Angabe für calciumreiche Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel. Sie beschreibt die Grundfunktion des Nährstoffs, keine zusätzliche Wirkung einer Einnahme über den eigenen Bedarf hinaus.

    Ausführlicher Nachweis

    Die Verordnung (EU) Nr. 432/2012 der Kommission vom 16. Mai 2012 lässt für Calcium die Angabe zu, Calcium wird für die Erhaltung normaler Knochen benötigt [1]. Die Angabe darf nur für Lebensmittel verwendet werden, die mindestens eine Quelle von Calcium im Sinne des Anhangs der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 sind [1]. Es handelt sich um eine amtliche Bewertung einer Grundfunktion, die auf der etablierten Rolle von Calcium als mineralischer Baustein des Knochens beruht, nicht um eine Aussage darüber, dass eine Einnahme über den durch die Ernährung gedeckten Bedarf hinaus zusätzlichen Nutzen für die Knochendichte bringt. Ob eine zusätzliche Zufuhr per Präparat die Knochendichte messbar verändert, behandeln die eigenen Zeilen weiter unten.

    Quellen: 1

  2. 02

    Erhalt normaler Zähne

    Behördlich gesichert
    Einordnung und Einschränkungen

    Zugelassene EFSA-Angabe. Sie beschreibt die Grundfunktion des Nährstoffs, keine zusätzliche Wirkung einer Einnahme über den eigenen Bedarf hinaus.

    Ausführlicher Nachweis

    Dieselbe Verordnung lässt für Calcium die Angabe zu, Calcium wird für die Erhaltung normaler Zähne benötigt, unter denselben Nutzungsbedingungen wie bei der Angabe zu den Knochen [1]. Auch hier beschreibt die Angabe die Rolle von Calcium als Baustein des Zahnhartgewebes und ist keine Aussage über einen Zusatznutzen einer Einnahme über den Bedarf hinaus.

    Quellen: 1

  3. 03

    Normale Muskelfunktion

    Behördlich gesichert
    Einordnung und Einschränkungen

    Zugelassene EFSA-Angabe zur Rolle von Calcium bei der Muskelkontraktion. Eine Grundfunktion, kein Beleg für einen Zusatznutzen bei ausreichender Versorgung.

    Ausführlicher Nachweis

    Die Verordnung lässt zudem die Angabe zu, Calcium trägt zu einer normalen Muskelfunktion bei [1]. Calciumionen sind an der Kopplung von elektrischer Erregung und Muskelkontraktion beteiligt. Die amtliche Bewertung stützt sich auf diese etablierte physiologische Rolle und nicht auf Interventionsstudien zu einer leistungssteigernden Wirkung zusätzlicher Calciumgaben bei ohnehin ausreichend versorgten Personen.

    Quellen: 1

  4. 04

    Normale Signalübertragung zwischen Nervenzellen

    Behördlich gesichert
    Einordnung und Einschränkungen

    Zugelassene EFSA-Angabe zur Rolle von Calcium bei der Reizweiterleitung. Eine Grundfunktion, kein Beleg für einen Zusatznutzen bei ausreichender Versorgung.

    Ausführlicher Nachweis

    Die Verordnung lässt die Angabe zu, Calcium trägt zu einer normalen Signalübertragung zwischen den Nervenzellen bei [1]. Calciumionen sind am Einstrom in die Nervenendigung und an der Freisetzung von Botenstoffen an der Synapse beteiligt. Auch diese Angabe beschreibt eine etablierte physiologische Grundfunktion und keinen Zusatznutzen einer höheren Zufuhr.

    Quellen: 1

  5. 05

    Normale Blutgerinnung

    Behördlich gesichert
    Einordnung und Einschränkungen

    Zugelassene EFSA-Angabe. Calcium ist Cofaktor mehrerer Gerinnungsfaktoren, die Angabe beschreibt eine Grundfunktion.

    Ausführlicher Nachweis

    Die Verordnung lässt die Angabe zu, Calcium trägt zu einer normalen Blutgerinnung bei [1]. Calciumionen wirken als Cofaktor mehrerer Faktoren der Gerinnungskaskade, die Angabe stützt sich auf diese etablierte biochemische Rolle und nicht auf eine Studie zu einer verbesserten Gerinnung unter zusätzlicher Calciumzufuhr.

    Quellen: 1

  6. 06

    Weitere behördlich anerkannte Grundfunktionen, Energiestoffwechsel, Zellteilung und -spezialisierung, Funktion der Verdauungsenzyme

    Behördlich gesichert
    Einordnung und Einschränkungen

    Drei weitere zugelassene EFSA-Angaben zu Grundfunktionen von Calcium im Stoffwechsel, bei der Zellteilung und bei Verdauungsenzymen, mit derselben Einschränkung wie oben.

    Ausführlicher Nachweis

    Die Verordnung lässt darüber hinaus drei weitere Angaben zu Calcium zu, Calcium trägt zu einem normalen Energiestoffwechsel bei, Calcium hat eine Funktion bei der Zellteilung und -spezialisierung, und Calcium trägt zur normalen Funktion von Verdauungsenzymen bei [1]. Alle drei Angaben unterliegen denselben Nutzungsbedingungen wie oben und beschreiben Grundfunktionen des Nährstoffs, keinen Zusatznutzen einer Einnahme über den eigenen Bedarf hinaus. Eigene Interventionsstudien speziell zu diesen drei Endpunkten und einer zusätzlichen Calciumzufuhr bei bereits ausreichend versorgten Erwachsenen liegen uns nicht vor.

    Quellen: 1

  7. 07

    Knochenmineraldichte bei Menschen über 50 Jahren unter zusätzlicher Calciumzufuhr

    Hinweise
    Einordnung und Einschränkungen

    In 59 randomisierten Studien war die Knochendichte unter Calcium um 0,7 bis 1,8 Prozent höher als ohne. Die Autoren selbst nennen den Anstieg klein und ohne fortlaufende Zunahme über die Zeit.

    Ausführlicher Nachweis

    Tai und Kollegen werteten 2015 in einer systematischen Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse 59 randomisierte, kontrollierte Studien an Menschen über 50 Jahren aus, davon 15 Studien zu Calcium aus der Nahrung (n gleich 1533) und 51 Studien zu Calciumpräparaten (n gleich 12257) [2]. Die Knochendichte stieg um 0,6 bis 1,0 Prozent an Gesamthüfte und Gesamtkörper nach einem Jahr unter einer erhöhten Calciumzufuhr aus der Nahrung, und um 0,7 bis 1,8 Prozent an diesen Stellen sowie an Lendenwirbelsäule und Oberschenkelhals nach zwei Jahren, am Unterarm zeigte sich dagegen kein Unterschied [2]. Unter Calciumpräparaten stieg die Knochendichte um 0,7 bis 1,8 Prozent an allen fünf gemessenen Skelettstellen, nach einem Jahr, nach zwei Jahren und nach mehr als zweieinhalb Jahren, wobei der Anstieg zu den späteren Zeitpunkten ähnlich groß blieb wie nach einem Jahr und sich nicht weiter erhöhte [2]. Die Ergebnisse unterschieden sich nicht zwischen Nahrungsquellen und Präparaten, zwischen Calcium allein und Calcium zusammen mit Vitamin D, zwischen Dosen ab 1000 mg täglich und darunter, und zwischen niedriger und höherer Calciumzufuhr aus der Nahrung zu Studienbeginn [2]. Die Autoren ziehen ihr eigenes Fazit ausdrücklich zurückhaltend, die Zunahmen seien klein, nicht fortlaufend und ließen keine klinisch bedeutsame Änderung des Bruchrisikos erwarten [2]. Einer der fünf Autoren (IRR) nennt Forschungsförderung und Honorare von Merck, Amgen, Lilly und Novartis als mögliche Interessenlage, ein weiterer (MJB) nennt allein ein öffentliches Forschungsstipendium (Sir Charles Hercus Fellowship), keine der beiden Angaben hat einen erkennbaren Bezug zu einem Calciumpräparat [2].

    Quellen: 2

  8. 08

    Knochenbrüche bei Menschen über 50 Jahren unter Calciumpräparaten, uneinheitlich je nach Verzerrungsrisiko der Studien

    Hinweise
    Einordnung und Einschränkungen

    In 26 Studien war die Bruchrate insgesamt niedriger unter Calcium, relatives Risiko 0,89. In den vier Studien mit dem geringsten Verzerrungsrisiko gab es keinen Unterschied.

    Ausführlicher Nachweis

    Bolland und Kollegen werteten 2015 in einer systematischen Übersichtsarbeit 26 randomisierte, kontrollierte Studien an Erwachsenen über 50 Jahren aus [3]. Über alle 20 auswertbaren Studien zur Gesamtzahl an Knochenbrüchen (n gleich 58573) lag das relative Risiko unter Calciumpräparaten gegenüber Placebo bei 0,89 (95-Prozent-Intervall 0,81 bis 0,96), für Wirbelbrüche bei 0,86 (0,74 bis 1,00, 12 Studien, n gleich 48967) [3]. Für Hüft- und Unterarmbrüche zeigte sich kein Unterschied, relatives Risiko 0,95 (0,76 bis 1,18) beziehungsweise 0,96 (0,85 bis 1,09) [3]. Die Autoren teilten die Studien nach Verzerrungsrisiko ein, in den vier Studien mit dem geringsten Risiko (n gleich 44505) fand sich an keiner Stelle ein Unterschied zur Placebogruppe [3]. Eine einzelne Studie an gebrechlichen älteren Frauen in einer betreuten Wohnform mit niedriger Calciumzufuhr aus der Nahrung und niedrigem Vitamin-D-Status vor Studienbeginn trug überproportional zum Gesamteffekt bei, ihre Ergebnisse unterschieden sich deutlich von sechs weiteren großen Studien mit je über 1000 Teilnehmenden ohne belegten Unterschied bei Gesamt- oder Hüftbrüchen [3]. Trichterdiagramm und Eggers Regressionstest sprachen für eine Verzerrung zugunsten veröffentlichter günstiger Befunde bei kleineren Studien [3]. Die Autoren fassen ihr Ergebnis selbst als schwach und uneinheitlich zusammen, mit einer errechneten Zahl von 77 zu behandelnden Personen, um über 5,5 Jahre einen Bruch an irgendeiner Stelle zu vermeiden, und 489, um über 6,2 Jahre einen Wirbelbruch zu vermeiden [3]. Finanziert wurde die Arbeit vom Health Research Council of Neuseeland, ein Autor (MJB) erhielt daraus ein öffentliches Forschungsstipendium, ein weiterer Autor (IRR) nennt Forschungsförderung und Honorare von Merck, Amgen, Lilly und Novartis [3]. Eine Bindung an ein Milchwirtschaftsunternehmen steht in dieser Arbeit weder im Förderhinweis noch in der Interessenerklärung, sie gehört zu Quelle 9 und ist dort vermerkt.

    Quellen: 3

  9. 09

    Systolischer und diastolischer Blutdruck bei Erwachsenen unter Calcium-Supplementierung

    Hinweise
    Einordnung und Einschränkungen

    In 40 Studien war der Blutdruck unter Calcium im Mittel um rund 2 mmHg systolisch und rund 1 mmHg diastolisch niedriger als unter Placebo, ein kleiner Effekt bei erheblicher Streuung zwischen den Studien.

    Ausführlicher Nachweis

    van Mierlo und Kollegen werteten 2006 in einer Meta-Analyse 40 randomisierte, plazebokontrollierte Studien an insgesamt 2492 nicht schwangeren Teilnehmenden aus [4]. Bei einer mittleren täglichen Calciumdosis von 1200 mg lag der systolische Blutdruck unter Calcium im Mittel um 1,86 mmHg niedriger als unter Placebo (95-Prozent-Intervall minus 2,91 bis minus 0,81), der diastolische um 0,99 mmHg (minus 1,61 bis minus 0,37) [4]. Bei Teilnehmenden mit einer Calciumzufuhr aus der Nahrung von 800 mg täglich oder weniger vor Studienbeginn fiel der Unterschied etwas größer aus, minus 2,63 mmHg systolisch (minus 4,03 bis minus 1,24) und minus 1,30 mmHg diastolisch (minus 2,13 bis minus 0,47) [4]. Angaben zu Förderung oder Interessenkonflikten stehen im Abstract nicht. Die absolute Größenordnung von rund 2 mmHg liegt unterhalb dessen, was einzelne blutdrucksenkende Medikamente üblicherweise bewirken, und die eingeschlossenen Studien unterschieden sich in Dosis, Dauer und Ausgangswerten der Teilnehmenden erheblich.

    Quellen: 4

Studien im Detail

Knochendichte und Knochenbrüche

Zwei systematische Übersichtsarbeiten derselben Arbeitsgruppe aus dem Jahr 2015 bilden den größten Teil der verfügbaren Evidenz zur Knochenwirkung von Calcium bei Erwachsenen über 50 Jahren. Tai und Kollegen fanden für Calciumpräparate an allen fünf gemessenen Skelettstellen kleine, nicht fortlaufend zunehmende Steigerungen der Knochendichte um 0,7 bis 1,8 Prozent. Bolland und Kollegen fanden für dieselbe Bevölkerungsgruppe ein insgesamt niedrigeres relatives Risiko für Knochenbrüche unter Calciumpräparaten, das sich jedoch in den Studien mit dem geringsten Verzerrungsrisiko nicht mehr zeigte, und das stark von einer einzelnen Studie an gebrechlichen älteren Frauen mit sehr niedrigem Ausgangsstatus an Calcium und Vitamin D abhing.

Beide Arbeitsgruppen ziehen aus ihren eigenen Zahlen ein zurückhaltendes Fazit, kleine Effekte auf die Knochendichte reichten nicht sicher aus, um eine klinisch bedeutsame Senkung der Bruchrate zu erwarten, und die Bruchdaten selbst seien schwach und uneinheitlich. Für Menschen mit einer bereits ausreichenden Calciumzufuhr aus der Nahrung liefern beide Arbeiten keinen Beleg für einen zusätzlichen Nutzen einer Supplementierung.

Blutdruck

Die verfügbare Meta-Analyse zu Calcium und Blutdruck bei nicht schwangeren Erwachsenen zeigt einen statistisch von null verschiedenen, aber in der absoluten Größenordnung kleinen Unterschied von rund 2 mmHg systolisch und rund 1 mmHg diastolisch gegenüber Placebo. Die eingeschlossenen 40 Studien unterschieden sich deutlich in Dosis, Dauer und den Blutdruckwerten der Teilnehmenden zu Studienbeginn, ein einheitliches Bild einer bestimmten Personengruppe mit besonders großem Nutzen ergibt die Arbeit über die Untergruppe mit niedriger Calciumzufuhr aus der Nahrung hinaus nicht.

Salzformen, Calciumcarbonat gegenüber Calciumcitrat

Calciumcarbonat und Calciumcitrat sind die beiden in Nahrungsergänzungsmitteln am häufigsten verwendeten Salzformen, sie unterscheiden sich vor allem in ihrer Abhängigkeit von der Magensäure.

Sheikh und Kollegen verglichen 1987 in einer randomisierten Cross-over-Studie an 8 gesunden nüchternen Erwachsenen die Aufnahme von je 500 mg Calcium aus fünf verschiedenen Salzen sowie aus Milch. Die mittlere Aufnahme lag zwischen 27 und 39 Prozent, ohne statistisch bedeutsamen Unterschied zwischen den Salzen und der Milch, gemessen bei gesunden, normal magensäureproduzierenden Personen [5]. Nicar und Pak fanden 1985 bei 14 gesunden Erwachsenen nach 1000 mg Calcium aus Calciumcitrat einen um 20 bis 66 Prozent höheren Anstieg der Calciumausscheidung im Urin als nach derselben Menge Calciumcarbonat, ein Hinweis auf eine im Mittel etwas bessere Bioverfügbarkeit von Citrat [6].

Den größten und am besten belegten Unterschied fand Recker 1985 bei Menschen mit Achlorhydrie, also einer aufgehobenen Magensäureproduktion. Bei 11 nüchternen Personen mit Achlorhydrie lag die Aufnahme aus Calciumcarbonat bei nur 4,2 Prozent gegenüber 45,2 Prozent aus Calciumcitrat (p kleiner 0,0001), während sich beide Salze bei 9 gesunden Kontrollpersonen ohne Achlorhydrie nicht bedeutsam unterschieden, 22,5 gegenüber 24,3 Prozent [7]. Wurde Calciumcarbonat zusammen mit einer normalen Mahlzeit statt nüchtern eingenommen, normalisierte sich die Aufnahme auch bei den Personen mit Achlorhydrie [7]. Calciumcarbonat braucht damit Magensäure oder zumindest die durch eine Mahlzeit angeregte Säureproduktion, um sich aufzulösen, Calciumcitrat ist davon weitgehend unabhängig. Für Menschen mit verminderter Magensäureproduktion, etwa im höheren Lebensalter, nach Magenoperationen oder unter langfristiger Einnahme von Säureblockern, ist das bei der Wahl der Salzform und der Einnahme mit einer Mahlzeit zu berücksichtigen.

Sicherheit und Wechselwirkungen

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat 2012 die duldbare obere Zufuhrmenge (Tolerable Upper Intake Level) für Erwachsene, einschließlich Schwangerer und Stillender, bei 2500 mg Calcium täglich aus Nahrung und Nahrungsergänzungsmitteln zusammen bestätigt [8]. Dieser Wert war bereits 2003 vom damaligen Wissenschaftlichen Lebensmittelausschuss auf Grundlage placebokontrollierter Interventionsstudien festgelegt worden, in denen eine Gesamtzufuhr von 2500 mg täglich über längere Zeit ohne erkennbare Nebenwirkungen vertragen wurde. In ihrem Gutachten von 2012 kommt die Behörde ausdrücklich zu dem Schluss, es sei kein Zusammenhang zwischen einer langfristigen Calciumzufuhr aus Nahrung und Präparaten und einem erhöhten Risiko für Nierensteine, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Prostatakrebs belegt [8].

Diese Einschätzung steht neben einer eigenständigen, seit 2010 geführten Diskussion einer neuseeländischen Arbeitsgruppe um Bolland und Reid. Bolland und Kollegen fanden 2010 in einer Meta-Analyse randomisierter, plazebokontrollierter Studien an über 40-jährigen Teilnehmenden auf Patientenebene (5 Studien, n gleich 8151) unter Calciumpräparaten ohne Vitamin D ein höheres Herzinfarktrisiko als unter Placebo, Hazard Ratio 1,31 (95-Prozent-Intervall 1,02 bis 1,67, p gleich 0,035), bei nicht signifikant erhöhtem Schlaganfallrisiko (1,20, 0,96 bis 1,50) [9]. Die Auswertung auf Studienebene stützt sich nicht auf alle 15 eingeschlossenen Studien, sondern auf die elf Studien, für die Daten auf Studienebene vorlagen (n gleich 11921), in der Hauptauswertung sogar nur auf acht davon, sie ergab ein ähnliches Bild, relatives Risiko 1,27 (1,01 bis 1,59, p gleich 0,038) [9]. In der Interessenerklärung dieser Arbeit nennt ein Autor (IR) für die vorangegangenen drei Jahre Forschungsunterstützung von und eine Beratertätigkeit für das Milchwirtschaftsunternehmen Fonterra, mehrere Autoren nennen zudem Studienpräparate, die von Wyeth, Mission Pharmacal, Shire Pharmaceuticals und Nycomed gestellt wurden [9]. Reid und Kollegen fassten diese und nachfolgende Arbeiten derselben Gruppe 2011 mit einem geschätzten Anstieg des Herzinfarktrisikos um 27 bis 31 Prozent und des Schlaganfallrisikos um 12 bis 20 Prozent zusammen [10]. Eine spätere, von dieser Gruppe unabhängige systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse von Yang und Kollegen aus dem Jahr 2020 fand über 16 randomisierte Studien ein um 14 Prozent höheres Herzinfarktrisiko unter Calciumpräparaten insgesamt (relatives Risiko 1,14, 95-Prozent-Intervall 1,05 bis 1,25) und um 21 Prozent bei Calciumpräparaten allein ohne Vitamin D (1,21, 1,08 bis 1,35), während Calcium aus der Nahrung in 26 Kohortenstudien mit keinem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko einherging [11].

Diese Befunde stehen damit im Widerspruch zur Einschätzung der Lebensmittelbehörde und sind unter Wissenschaftlern nicht abschließend geklärt, unter anderem, weil Herz-Kreislauf-Ereignisse in den meisten der zugrunde liegenden Studien kein vorab festgelegter Endpunkt waren, sondern nachträglich aus Nebenwirkungsmeldungen erfasst wurden, und weil ein Teil der methodischen Kritik an den Auswertungen selbst wieder von Autoren derselben oder einer nahestehenden Arbeitsgruppe stammt. Als möglicher Mechanismus wird ein kurzfristiger Anstieg des Calciumspiegels im Blut nach Einnahme eines Präparats diskutiert, mit Auswirkungen auf Blutgefäße und Blutgerinnung, während eine über den Tag verteilte, aus der Nahrung stammende Calciumzufuhr diesen Spitzenwert nicht erzeugt. Wer Calciumpräparate in höherer Dosis über längere Zeit einnimmt, sollte diese Diskussion kennen und die Gesamtzufuhr aus Nahrung und Präparat im Blick behalten, statt Calcium unabhängig vom tatsächlichen Bedarf zusätzlich einzunehmen.

Häufigste Nebenwirkungen von Calciumpräparaten, vor allem von Calciumcarbonat, sind Verstopfung, Blähungen und ein aufgeblähtes Gefühl im Bauch. Calcium kann bei gleichzeitiger Einnahme die Aufnahme bestimmter Medikamente aus dem Magen-Darm-Trakt vermindern, dokumentiert unter anderem für einige Antibiotika aus der Gruppe der Tetracycline und Chinolone, für Schilddrüsenhormonpräparate und für Bisphosphonate gegen Knochenschwund. Ein zeitlicher Abstand von mehreren Stunden zwischen der Einnahme von Calcium und diesen Medikamenten wird deshalb üblicherweise empfohlen, im Einzelfall ist Rücksprache mit der behandelnden Praxis oder Apotheke sinnvoll. Menschen mit Nierenerkrankungen, mit einer bekannten Neigung zu Nierensteinen oder mit Erkrankungen der Nebenschilddrüsen sollten eine zusätzliche Calciumeinnahme vorab ärztlich abklären lassen.

Quellen zum Nachlesen

  1. 01

    Rechtsakt der Europäischen Union, Anhang mit den zugelassenen Angaben zu Calcium ·

    Verordnung (EU) Nr. 432/2012 der Kommission vom 16. Mai 2012 zur Festlegung einer Liste zulässiger gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel, ausgenommen Angaben über die Verringerung eines Krankheitsrisikos sowie über die Entwicklung und die Gesundheit von Kindern

    Europäische Kommission

    Zur Zuschreibung: 01, 02, 03, 04, 05, 06

  2. 02

    Systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse, 59 RCTs, n gleich 1533 (Nahrung) und n gleich 12257 (Präparate) · 2015

    Calcium intake and bone mineral density, systematic review and meta-analysis

    Tai V, Leung W, Grey A, Reid IR, Bolland MJ. BMJ

    Zur Zuschreibung: 07

  3. 03

    Systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse, 26 RCTs, n gleich 58573 (Gesamtfrakturen) · 2015

    Calcium intake and risk of fracture, systematic review

    Bolland MJ, Leung W, Tai V, Bastin S, Gamble GD, Grey A, Reid IR. BMJ

    Zur Zuschreibung: 08

  4. 04

    Meta-Analyse, 40 RCTs, n gleich 2492 · 2006

    Blood pressure response to calcium supplementation, a meta-analysis of randomized controlled trials

    van Mierlo LA, Arends LR, Streppel MT, Zeegers MP, Kok FJ, Grobbee DE, Geleijnse JM. J Hum Hypertens

    Zur Zuschreibung: 09

  5. 05

    Randomisierte Cross-over-Studie, n gleich 8, akute Einzeldosen · 1987

    Gastrointestinal absorption of calcium from milk and calcium salts

    Sheikh MS, Santa Ana CA, Nicar MJ, Schiller LR, Fordtran JS. N Engl J Med

  6. 06

    Vergleichsstudie, n gleich 14, akute Einzeldosen · 1985

    Calcium bioavailability from calcium carbonate and calcium citrate

    Nicar MJ, Pak CY. J Clin Endocrinol Metab

  7. 07

    Vergleichsstudie, n gleich 20 (11 mit Achlorhydrie, 9 gesunde Kontrollen) · 1985

    Calcium absorption and achlorhydria

    Recker RR. N Engl J Med

  8. 08

    Amtliches wissenschaftliches Gutachten zur duldbaren oberen Zufuhrmenge · 2012

    Scientific Opinion on the Tolerable Upper Intake Level of calcium

    EFSA-Gremium für diätetische Produkte, Ernährung und Allergien (NDA) EFSA Journal

  9. 09

    Meta-Analyse auf Patienten- und Studienebene, 15 RCTs, n gleich 8151 (Patientenebene) und n gleich 11921 (Studienebene) · 2010

    Effect of calcium supplements on risk of myocardial infarction and cardiovascular events, meta-analysis

    Bolland MJ, Avenell A, Baron JA, Grey A, MacLennan GS, Gamble GD, Reid IR. BMJ

  10. 10

    Einordnender Übersichtsartikel derselben Arbeitsgruppe wie Quelle 9 · 2011

    Cardiovascular effects of calcium supplementation

    Reid IR, Bolland MJ, Avenell A, Grey A. Osteoporos Int

  11. 11

    Systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse, 26 Kohortenstudien und 16 RCTs · 2020

    The evidence and controversy between dietary calcium intake and calcium supplementation and the risk of cardiovascular disease, a systematic review and meta-analysis of cohort studies and randomized controlled trials

    Yang C, Shi X, Xia H, Yang X, Liu H, Pan D, Sun G. J Am Coll Nutr

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