Lycopin

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Pflanzenstoffe

Carotinoid (azyklisch), vor allem aus Solanum lycopersicum (Tomate) · Lycopen · trans-Lycopin · Psi · psi-Carotin

H.P.N · Datenstand 2026-08-19 · 7 Zuschreibungen im Überblick

Auf einen Blick

Was es ist
Ein rotes, azyklisches Carotinoid-Pigment ohne Provitamin-A-Aktivität
Herkunft
Tomaten und Tomatenprodukte, außerdem Wassermelone, rosa Grapefruit, Guave und Papaya
Aufnahme
Lycopin ist fettlöslich. Aus verarbeiteten (erhitzten) Tomatenprodukten und in Gegenwart von Nahrungsfett wird mehr aufgenommen als aus unverarbeiteter Tomate, siehe Fließtext zur Aufnahme unten
Übliche Studiendosis
Meist 10 bis 30 mg Lycopin pro Tag über mehrere Wochen bis Monate. Einzelne Studien erreichten bis 70 mg pro Tag, meist über lycopinreichen Tomatensaft statt über eine Kapsel
Sicherheitshinweis
Für Lycopin liegt keine den ATBC- oder CARET-Studien zu Beta-Carotin vergleichbare große Sicherheitsstudie bei Raucherinnen und Rauchern mit Lungenkrebs als Endpunkt vor. Das ist kein Beleg für Unbedenklichkeit bei dieser Gruppe, die Frage wurde schlicht nie in diesem Umfang untersucht, siehe Abschnitt Sicherheit und Wechselwirkungen
Verträglichkeit
In den zitierten Studien war eine Einnahme bis 30 mg Lycopin pro Tag als Kapsel und bis 70 mg pro Tag als lycopinreicher Tomatensaft über mehrere Monate gut verträglich. Bei sehr hoher Zufuhr über lange Zeit ist eine harmlose, reversible Hautverfärbung (Lycopinodermie) beschrieben

Was diesem Stoff zugesprochen wird

Was die Studien hergeben.

Jede Zuschreibung hat ihre eigene Bewertung. So liest Du die Studienlage.

  1. 01

    Antioxidative Stressmarker, uneinheitlich (DNA-Schädigung und Malondialdehyd teils gesenkt, LDL-Oxidierbarkeit ohne Effekt)

    Hinweise
    Einordnung und Einschränkungen

    Meta-Analyse aus 13 randomisierten Studien (12 Parallelstudien und eine Cross-over-Studie), von denen 6 quantitativ zusammengefasst werden konnten. Nach eigener Durchsicht der Einschlusstabelle prüften von diesen 13 Studien nur 3 ein Präparat, das die Übersichtsarbeit selbst als chemisch möglichst reines Lycopin einstuft. 2 weitere Studien setzten Lycopin mit geringen Mengen Tocopherol ein, 2 Studien ein Präparat mit deklariertem 10-Prozent-Beta-Carotin-Anteil (darunter unsere eigene Quelle Hininger et al., siehe unten), und 6 der 13 Studien den Markenrohstoff Lyc-o-Mato beziehungsweise LycoRed desselben Herstellers, darunter die separat zitierte Studie zum Knochenabbaumarker. Insgesamt enthielten damit 10 der 13 Studien neben Lycopin weitere Carotinoide oder Tocopherole, die Übersichtsarbeit selbst schreibt, ein statistischer Vergleich von reinem Lycopin gegenüber anderen Zubereitungen sei wegen der geringen Studienzahl je Gruppe nicht möglich. Für die gepoolte DNA-Schwanzlänge im Comet-Assay (3 Studien, 115 Teilnehmende) fand sich gegenüber Kontrolle eine signifikant kürzere Länge (Mittelwertdifferenz minus 6,27; 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 10,74 bis minus 1,90), für die Verlängerung der LDL-Oxidationsresistenz (3 Studien, 167 Teilnehmende) kein signifikanter Effekt (Mittelwertdifferenz 3,76; 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 2,48 bis 10,01). Beide Zusammenfassungen sind extrem uneinheitlich (I-Quadrat 100 Prozent), und in der Sensitivitätsanalyse des Volltexts verliert der Befund zur DNA-Schwanzlänge seine Signifikanz, sobald eine von zwei der drei Studien weggelassen wird (minus 3,55 mit 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 8,94 bis 1,84 beziehungsweise minus 6,32 mit 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 17,19 bis 4,55). Eine zweite, deutlich größere und GRADE-bewertete Meta-Analyse aus 34 randomisierten Studien, die den Suchzeitraum der ersten mit abdeckt und sich mutmaßlich einen Teil der Primärstudien teilt, fand unter Lycopin- beziehungsweise Tomatenkonsum eine signifikante Senkung von Malondialdehyd, aber keinen Effekt auf zahlreiche weitere kardiovaskuläre Marker einschließlich Blutdruck und Lipidprofil. Die randomisierte, plazebokontrollierte Studie von Hininger et al. an 175 gesunden, nichtrauchenden Männern (4 Gruppen, eine davon mit 15 mg pro Tag über 3 Monate eines Lycopin-Präparats mit einem deklarierten Beta-Carotin-Anteil von 10 Prozent) fand keinen Effekt auf Glutathion, Protein-Thiolgruppen, antioxidative Enzymaktivität oder die Widerstandsfähigkeit von LDL gegen kupferinduzierte Oxidation gegenüber Placebo, gezielt nach dieser widerlegenden Arbeit gesucht. Unterschiedliche Marker, unterschiedliche Zubereitungen, kein einheitliches Bild, und ein erheblicher Teil der zugrunde liegenden Einzelstudien prüft nicht reines Lycopin, sondern Markenrohstoffe mit Begleitstoffen

    Quellen: 6, 3, 7

  2. 02

    Systolischer Blutdruck, gesenkt in der Auswertung zum standardisierten Tomatenextrakt, ohne Effekt für isoliertes und synthetisches Lycopin und ohne Gesamteffekt in der größeren GRADE-bewerteten Auswertung

    Hinweise
    Einordnung und Einschränkungen

    Eine Netzwerk-Meta-Analyse aus 11 Studien (8 Studien, n gleich 617, für den systolischen Blutdruck) fand eine signifikante Senkung gegenüber Placebo nur für standardisierten Tomatenextrakt (minus 5,89 mmHg; 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 9,13 bis minus 2,64), in der Untergruppe mit Bluthochdruck sogar minus 8,09 mmHg. Eine direkte Kopf-an-Kopf-Studie an 61 Menschen mit unbehandeltem Bluthochdruck (46 vervollständigten die 8 Wochen) prüfte fünf Arme, einen Tomatennährstoffkomplex (TNC) standardisiert auf 5, 15 oder 30 mg Lycopin, 15 mg synthetisches Lycopin und Placebo. Im Vergleich zwischen den Gruppen unterschied sich laut Volltext nur der Arm mit 15 mg TNC signifikant von Placebo, vom 5-mg-Arm und vom Arm mit synthetischem Lycopin (p gleich 0,0495). Für den 30-mg-Arm berichtet die Studie ausschließlich eine Senkung gegenüber dem eigenen Ausgangswert innerhalb der Gruppe und keinen signifikanten Unterschied zu Placebo. Die niedrigste TNC-Dosis und das synthetische Lycopin blieben in beiden Auswertungen ohne signifikanten Effekt. Diese Studie wurde vom Rohstoffhersteller des TNC mitfinanziert und mitgestaltet, eine Mitautorin ist bei dem Unternehmen angestellt, mehrere weitere Autoren erhielten Forschungsmittel von ihm, und der Hersteller war laut Volltext an der Studienplanung beteiligt und stellte sämtliche Prüfpräparate einschließlich des Vergleichsarms mit synthetischem Lycopin und des Placebos. Eine Meta-Analyse aus 21 Interventionsstudien fand für eine dort als Lycopin-Supplementierung deklarierte Untergruppe ebenfalls eine signifikante Senkung (minus 5,66 mmHg; p gleich 0,002), macht im Abstract aber keine Angabe zur Zubereitungsform; ein erheblicher Teil der im Feld verfügbaren Lycopin-Studien stammt nach eigener Prüfung vom selben Markenrohstoff, siehe Zeile zu antioxidativen Stressmarkern. Eine kleinere Meta-Analyse zu mehreren antioxidativen Lipid-Supplementen (15 Studien mit Lycopin-Arm unter 161 Studien insgesamt) fand für die zusammengefasste Lycopin-Untergruppe ebenfalls eine kleine, signifikante Senkung (minus 1,95 mmHg; 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 3,54 bis minus 0,36), deutlich kleiner als der Effekt für Tomatenextrakt allein. Ob die oben genannte Kopf-an-Kopf-Studie zu den eingeschlossenen Arbeiten zählt, war nicht zu klären, im frei zugänglichen Volltext erscheint sie nur als Beleg in der Diskussion, die Einschlussliste steht im nicht abrufbaren Zusatzmaterial. ein Mitautor dieser Arbeit ist bei einem chinesischen Hersteller von Carotinoid-Rohstoffen angestellt. Ein 2026 veröffentlichter Übersichtsartikel über 9 systematische Übersichten (davon 5 quantitativ zusammengefasst) stuft die Evidenzsicherheit für eine blutdrucksenkende Wirkung von Tomaten-Lycopin nach GRADE als hoch ein und nennt 5 bis 30 mg Lycopin pro Tag als möglicherweise wirksame Menge; ob und wie stark sich die zugrunde liegenden Übersichtsarbeiten in ihren Primärstudien überschneiden, ließ sich am frei zugänglichen Abstract nicht prüfen. Eine größere, GRADE-bewertete Meta-Analyse aus 34 Studien fand dagegen weder für Lycopin- noch für Tomatenkonsum insgesamt einen signifikanten Effekt auf den systolischen Blutdruck, dieser fehlende Gesamteffekt ist jedoch kein direkter Gegenbeleg zum spezifischen Tomatenextrakt. Dafür müssten vergleichbare Zubereitungen und die zugehörigen Effektschätzungen mit ihren Unsicherheiten gegenübergestellt werden. Die Übersichtsarbeiten wurden zu überlappenden Zeiträumen durchsucht und teilen sich mutmaßlich einen Teil ihrer Primärstudien, es handelt sich um eine Abfolge von Auswertungen desselben, stark herstellernahen Feldes mit unterschiedlich ausfallenden Auswertungen, nicht um unabhängige Bestätigungen

    Quellen: 1, 2, 3, 4, 5, 17

  3. 03

    Systolischer Blutdruck unter synthetischem Lycopin ohne Tomatenmatrix, ohne Unterschied zu Placebo

    Nicht bestätigt
    Einordnung und Einschränkungen

    Zwei gezielt darauf ausgelegte Untersuchungen prüften synthetisches Lycopin ohne Tomatenmatrix getrennt von anderen Zubereitungsformen und fanden dafür keinen Effekt auf den systolischen Blutdruck. Die Zeile gilt nur für diese Zubereitung. Zwei weitere Meta-Analysen werteten eine Untergruppe gesondert aus, die sie als Lycopin-Supplementierung führen, und fanden dort sehr wohl eine signifikante Senkung (minus 5,66 mmHg beziehungsweise minus 1,95 mmHg), ohne die Zubereitungsform zu benennen, siehe Zeile zum Tomatenextrakt. Die Netzwerk-Meta-Analyse wertete synthetisches Lycopin als eigenen Vergleichsarm gegenüber Placebo aus und fand keinen signifikanten Effekt; sie durchsuchte die Datenbanken laut eigener Angabe bis Oktober 2020. Die Kopf-an-Kopf-Studie erschien 2019 und prüfte 15 mg synthetisches Lycopin als eigenständigen Studienarm gegen Placebo und gegen einen Tomatennährstoffkomplex in drei Dosierungen; im Vergleich zwischen den Gruppen unterschied sich laut Volltext nur der Arm mit 15 mg des Komplexes signifikant von Placebo und vom Arm mit synthetischem Lycopin, das synthetische Lycopin blieb sowohl gegenüber Placebo als auch gegenüber dem eigenen Ausgangswert ohne signifikanten Effekt. Diese Zubereitung, ein isoliertes Reinstoff-Präparat ohne Tomatenmatrix, kommt einem Kapselpräparat am nächsten. Die Kopf-an-Kopf-Studie erschien vor dem Suchschluss der Netzwerk-Meta-Analyse und liegt thematisch genau in deren Einschlussbereich (Tomaten- und Lycopin-Präparate gegen Blutdruck); ob der Knoten synthetisches Lycopin in der Netzwerk-Meta-Analyse ganz oder überwiegend von genau dieser einen Studie getragen wird, ließ sich am frei zugänglichen Abstract nicht prüfen, der Volltext war nicht erreichbar. Es könnten also nicht zwei unabhängige Untersuchungen sein, sondern eine Einzelstudie und eine Meta-Analyse, die sie mutmaßlich enthält. Zusätzlich stammt die Kopf-an-Kopf-Studie von der Herstellerseite des Tomatennährstoffkomplexes, nicht des synthetischen Lycopins, der Geldgeber verkauft den Tomatenkomplex und kein synthetisches Lycopin. Sein Interesse liegt darin, dass der Komplex wirkt und das Isolat nicht, und genau das ist auch das beobachtete Ergebnis. Ein für den Geldgeber günstiger Nullbefund verlangt mehr Vorsicht, nicht weniger. Von den 61 randomisierten Teilnehmenden vervollständigten 46 die Studie über fünf Arme, davon 9 abgeschlossene Teilnehmende im Arm mit synthetischem Lycopin, der diese Stufe trägt. Zur Stufe. Weder der frei zugängliche Volltext der tragenden Studie noch die zitierten Abstracts berichten für diesen Endpunkt ein Effektmaß mit 95-Prozent-Intervall, sondern nur Mittelwerte, Prozentwerte und p-Werte. Beide Untersuchungen haben synthetisches Lycopin im Gruppenvergleich gegen Placebo geprüft und keinen Unterschied gefunden, die Zeile steht deshalb auf Nicht bestätigt. Der kleine Studienarm mit 9 abgeschlossenen Teilnehmenden bleibt als Vorbehalt bestehen.

    Quellen: 2, 17

  4. 04

    LDL-Cholesterin und Endothelfunktion, gesenkt beziehungsweise verbessert nur in der kleineren Auswertung zu Tomatenprodukten, für isoliertes Lycopin in keiner Auswertung

    Hinweise
    Einordnung und Einschränkungen

    In der Meta-Analyse aus 21 Interventionsstudien senkte die Gabe von Tomatenprodukten, nicht die gesondert ausgewertete Untergruppe mit isoliertem Lycopin, das LDL-Cholesterin gegenüber Kontrolle signifikant (minus 0,22 mmol/l; p gleich 0,006) und verbesserte die flussvermittelte Dilatation der Arterie als Maß der Endothelfunktion (plus 2,53 Prozentpunkte; p gleich 0,01); für isoliertes Lycopin fand dieselbe Auswertung keinen gesonderten Effekt auf diese beiden Endpunkte. Die spätere, größere und GRADE-bewertete Meta-Analyse aus 34 Studien fand dagegen weder für Lycopin- noch für Tomatenkonsum einen signifikanten Effekt auf LDL-Cholesterin gegenüber Kontrolle, ein nicht signifikanter Gesamteffekt belegt jedoch noch keinen Gegensatz zum früheren tomatenbezogenen Effekt. Die Endothelfunktion war nicht Teil dieser zweiten Auswertung, zur flussvermittelten Dilatation liegt bislang nur die erste Meta-Analyse vor, eine unabhängige Bestätigung wurde bei der Recherche nicht gefunden. Auch hier deckt die zweite, größere Meta-Analyse den Suchzeitraum der ersten mit ab und teilt sich mutmaßlich einen Teil der Primärstudien, es handelt sich um eine kleinere und eine größere Auswertung, deren Ergebnisse zu LDL-Cholesterin trotzdem auseinanderfallen

    Quellen: 1, 3

  5. 05

    UV-Erythembildung und Hautalterungsmarker, Reinstoff nicht separat geprüft

    Hinweise
    Einordnung und Einschränkungen

    Meta-Analyse aus 21 Interventionsstudien mit Tomaten- und Lycopin-Präparaten (aus 19336 gesichteten Publikationen) fand gegenüber Kontrolle signifikante Verbesserungen bei Hautrötung (Δa-Wert), den Markern MMP-1 und ICAM-1 sowie der Hautpigmentierung, dazu einen Anstieg der minimalen Erythemdosis (MED), der Hautdicke und -dichte; die Autoren schlüsseln den Einzelbeitrag von reinem Lycopin gegenüber Tomatenprodukten in der gepoolten Auswertung nicht auf, und ob und in welchem Umfang die 21 gepoolten Studien denselben oder verwandte Markenrohstoffe verwenden, ließ sich am frei zugänglichen Abstract nicht prüfen. In der methodisch saubersten Einzelstudie erhielten 149 gesunde Erwachsene randomisiert über 12 Wochen entweder ein Kombinationspräparat aus 15 mg Lycopin, Phytoen, Phytofluen, Beta-Carotin und Tocopherolen aus Tomatenextrakt plus Carnosinsäure aus Rosmarinextrakt oder Placebo. Diese Studie wurde vollständig vom Hersteller des geprüften Kombinationspräparats finanziert, der auch Wirk- und Placebopräparat stellte und die Randomisierung organisierte. Bei der von unabhängigen Gutachtern visuell bestimmten minimalen Erythemdosis zeigte sich gegenüber Placebo kein signifikanter Unterschied, gezielt nach dieser widerlegenden Arbeit gesucht. Beim kolorimetrisch gemessenen Δa-Wert und bei zwei Entzündungsmarkern (Interleukin-6, TNF-alpha) fiel der Anstieg unter dem Kombinationspräparat gegenüber Placebo dagegen signifikant geringer aus. Diese Studie prüfte kein Lycopin allein, sondern eine herstellereigene Mischformel mit mehreren Carotinoiden

    Quellen: 8, 9

  6. 06

    Knochenabbaumarker (N-Telopeptid) bei postmenopausalen Frauen

    Hinweise
    Einordnung und Einschränkungen

    Randomisierte, plazebokontrollierte Studie an 60 postmenopausalen Frauen (50 bis 60 Jahre), die nach einer einmonatigen Auswaschphase 4 Monate lang eine von vier Zuteilungen erhielten, reinen Tomatensaft (30 mg Lycopin pro Tag), lycopinreichen Tomatensaft (70 mg Lycopin pro Tag), Lycopin-Kapseln des Markenrohstoffs Lyc-o-Mato (30 mg Lycopin pro Tag) oder Placebo. Die in der Übersicht häufig genannten 70 mg wurden also über den Saftarm erreicht, nicht über die Kapsel, die Kapselgruppe blieb bei 30 mg pro Tag. Gegenüber der Placebogruppe sank der Knochenabbaumarker N-Telopeptid unter den zusammengefassten Lycopin-Gruppen (Saft- und Kapselarme gemeinsam ausgewertet) signifikant (p kleiner 0,02), ebenso Marker der Lipid- und Proteinoxidation, während die Gesamtantioxidanskapazität im Serum gegenüber Placebo signifikant anstieg. Diese Studie ist zugleich eine der sechs Lyc-o-Mato-Studien, die auch in der Übersichtsarbeit zu antioxidativen Stressmarkern auftauchen, siehe dortige Begründung. Einzige bislang veröffentlichte Interventionsstudie zu diesem Endpunkt mit Lycopin, gezielt nach einer zweiten oder widerlegenden Arbeit gesucht, keine gefunden

    Quellen: 10, 6

  7. 07

    Prostatakrebs-Häufigkeit, statistischer Zusammenhang nur in Beobachtungsdaten zur Ernährung, und PSA-Wert, in randomisierten Studien insgesamt ohne Unterschied zur Kontrolle

    Hinweise
    Einordnung und Einschränkungen

    Die Datenlage zu Lycopin und der Prostata besteht überwiegend aus Beobachtungsstudien zur Ernährung, nicht aus Einnahme-Interventionsstudien mit Krankheitsendpunkt. Eine Dosis-Wirkungs-Meta-Analyse aus 42 Beobachtungsstudien (43851 Fälle unter 692012 Teilnehmenden) fand sowohl für die Lycopin-Zufuhr über die Nahrung (relatives Risiko 0,88; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,78 bis 0,98) als auch für den zirkulierenden Lycopin-Spiegel im Blut (relatives Risiko 0,88; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,79 bis 0,98) einen inversen statistischen Zusammenhang, jedoch keinen Zusammenhang mit fortgeschrittenen Tumorstadien. Eine prospektive Kohortenanalyse an 2970 Männern (55 bis 80 Jahre) mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko aus einer spanischen Studienpopulation (PREDIMED-Kohorte) fand über durchschnittlich rund 6 Jahre im höchsten Viertel der über Fragebögen erhobenen Lycopin-Zufuhr eine niedrigere Häufigkeit als im niedrigsten Viertel (Hazard Ratio 0,46; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,23 bis 0,95); die Autoren nennen als Limitation unter anderem die begrenzte Fallzahl und mögliche Restverzerrung durch einen insgesamt gesünderen Lebensstil bei höherer Lycopin-Zufuhr. Beide Arbeiten sind Beobachtungsdaten zur Ernährung oder zum Blutspiegel, keine Einnahme-Interventionsstudien, und erlauben deshalb keine Aussage über ein Lycopin-Präparat. Der einzige Cochrane-Review zu randomisierten Interventionsstudien mit Lycopin fand nur 3 kleine RCTs mit insgesamt 154 Teilnehmern (Bunker 2007, Mohanty 2005, Schwarz 2008), uneinheitlichem Design (4 bis 30 mg Lycopin pro Tag, 4 Monate bis 2 Jahre Dauer) und bei zwei der drei Studien hohem Risiko für Verzerrung, und kommt laut Volltext zu dem ausdrücklichen Schluss, dass sich weder ein selteneres noch ein häufigeres Auftreten von Prostatakrebs unter Lycopin belegen lässt und auch für PSA-Wert, Prostatasymptome oder unerwünschte Wirkungen keine belastbare Evidenz aus RCTs vorliegt; auch zu Nebenwirkungen selbst benennen die Autoren also fehlende, nicht widerlegende Daten. Eine Meta-Analyse aus 6 randomisierten Studien an Männern mit nicht-metastasiertem Prostatakarzinom fand insgesamt keinen signifikanten Effekt von Lycopin auf den PSA-Wert gegenüber Kontrolle (gewichtete Mittelwertdifferenz minus 0,60 µg/l; 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 2,01 bis 0,81), nur in der Untergruppe mit besonders hohem PSA-Ausgangswert (mindestens 6,5 µg/l) zeigte sich gegenüber Kontrolle ein signifikanter Rückgang (minus 3,74 µg/l; 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 5,15 bis minus 2,32). Die drei Übersichtsarbeiten beantworten unterschiedliche Fragen an unterschiedlichen Populationen, Beobachtungsdaten zur Häufigkeit in der Allgemeinbevölkerung gegenüber randomisierten PSA-Studien an Männern mit bereits diagnostiziertem, nicht-metastasiertem Prostatakarzinom; die drei im Cochrane-Review namentlich genannten Primärstudien (Bunker 2007, Mohanty 2005, Schwarz 2008) liefen an Männern ohne bekannte Prostatakrebs-Diagnose, das ergibt sich aus der Zielsetzung des Reviews selbst, der als primären Endpunkt die spätere Häufigkeit von Prostatakrebs und als sekundäre Endpunkte Veränderungen des PSA-Werts, Prostatasymptome und unerwünschte Wirkungen nennt, was nur an einer noch nicht diagnostizierten Population sinnvoll zu erheben ist, nicht die Behandlung bereits diagnostizierter Fälle. Ein direkter Überlapp mit der PSA-Meta-Analyse an Männern mit bereits diagnostiziertem Prostatakarzinom erscheint deshalb unwahrscheinlich, wurde aber nicht anhand der vollständigen Studienliste der PSA-Meta-Analyse geprüft, weil deren Volltext für diese Recherche nicht vorlag

    Quellen: 11, 12, 13, 14

Studien im Detail

Antioxidative Stressmarker

Zwei Meta-Analysen und eine große Einzelstudie kommen zu einem uneinheitlichen Bild. Eine Meta-Analyse aus 13 randomisierten Studien (6 davon quantitativ zusammengefasst) fand eine signifikant kürzere DNA-Schwanzlänge im Comet-Assay unter Lycopin-Gabe gegenüber Kontrolle, aber keinen Effekt auf die Oxidationsresistenz von LDL [6]. Von den 13 eingeschlossenen Studien prüften laut eigener Einschlusstabelle der Arbeit nur 3 ein möglichst reines Lycopin ohne weitere Carotinoide, 6 verwendeten den Markenrohstoff Lyc-o-Mato beziehungsweise LycoRed desselben Herstellers, und insgesamt enthielten 10 der 13 Studien neben Lycopin weitere Carotinoide oder Tocopherole. Eine zweite, größere und GRADE-bewertete Meta-Analyse aus 34 Studien fand eine signifikante Senkung von Malondialdehyd, aber keinen Effekt auf die übrigen geprüften kardiovaskulären Marker [3]. In der bislang saubersten Einzelstudie erhielten 175 gesunde, nichtrauchende Männer randomisiert eine von vier Zuteilungen (Beta-Carotin, Lutein, Lycopin oder Placebo, je 15 mg pro Tag über 3 Monate); das eingesetzte Lycopin-Präparat enthielt laut der Einschlusstabelle von [6] einen deklarierten Beta-Carotin-Anteil von 10 Prozent. Trotz deutlich erhöhter Lycopin-Spiegel in Plasma und LDL veränderten sich Glutathion, Protein-Thiolgruppen, antioxidative Enzymaktivität und die LDL-Oxidationsresistenz gegenüber Placebo nicht [7].

Einschränkung: Unterschiedliche Marker antworten unterschiedlich, ein einzelnes Antioxidans-Profil lässt sich daraus nicht ableiten. Ein großer Teil der zugrunde liegenden Einzelstudien prüft zudem nicht reines Lycopin, sondern Markenrohstoffe mit Begleitstoffen, siehe unten zur Herstellernähe.

Systolischer Blutdruck

Dies ist der am besten untersuchte, gleichzeitig am uneinheitlichsten bewertete Endpunkt, und er hängt erkennbar an der Zubereitungsform. Eine Netzwerk-Meta-Analyse aus 11 Studien fand einen signifikanten Effekt gegenüber Placebo nur für standardisierten Tomatenextrakt (minus 5,89 mmHg), nicht aber für synthetisches Lycopin oder lycopinfreie Zubereitungen [2]. Eine direkte Kopf-an-Kopf-Studie an 61 Menschen mit unbehandeltem Bluthochdruck weist in dieselbe Richtung, schwächer als oft wiedergegeben. Im Vergleich zwischen den Gruppen unterschied sich dort nur der Arm mit 15 mg Lycopin aus dem Tomatennährstoffkomplex signifikant von Placebo (p gleich 0,0495), der Arm mit 30 mg senkte den Wert nur gegenüber dem eigenen Ausgangswert innerhalb der Gruppe, und 15 mg synthetisches Lycopin blieben ohne Effekt [17]. Diese Studie wurde vom Rohstoffhersteller des geprüften Tomatennährstoffkomplexes mitfinanziert und mitgestaltet; ihr Vergleichspräparat aus synthetischem Lycopin ist die Zubereitung, die dieser Hersteller selbst nicht vertreibt. Cheng et al. fanden in einer Meta-Analyse aus 21 Interventionsstudien für eine als Lycopin deklarierte Untergruppe gegenüber Kontrolle ebenfalls eine Senkung des systolischen Blutdrucks um 5,66 mmHg (p gleich 0,002), ohne die Zubereitungsform im Abstract näher zu benennen [1]. Eine kleinere Meta-Analyse zu mehreren antioxidativen Lipid-Supplementen fand für die gepoolte Lycopin-Untergruppe eine kleine, signifikante Senkung (minus 1,95 mmHg), deutlich kleiner als der Effekt für Tomatenextrakt allein [4]. Der 2026 veröffentlichte Übersichtsartikel, der neun systematische Übersichten zum Feld qualitätsbewertet und fünf davon quantitativ zusammenfasst, kommt zu einer nach GRADE hohen Evidenzsicherheit für eine blutdrucksenkende Wirkung von Tomaten-Lycopin und nennt 5 bis 30 mg Lycopin pro Tag als möglicherweise wirksame Menge [5]. Die größere, GRADE-bewertete Meta-Analyse aus 34 Studien fand dagegen für Lycopin- oder Tomatenkonsum insgesamt keinen signifikanten Effekt auf den systolischen Blutdruck [3]. Dieser fehlende Gesamteffekt widerlegt einen Effekt des spezifischen Tomatenextrakts nicht unmittelbar.

Einschränkung: Für synthetisches Lycopin ohne Tomatenmatrix fand sich in zwei gezielt darauf angelegten Vergleichen kein Effekt [2] [17], während zwei Meta-Analysen für eine als Lycopin-Supplementierung geführte Untergruppe eine Senkung fanden, ohne deren Zubereitungsform zu benennen [1] [4]. Diese Zubereitung kommt einem Kapselpräparat am nächsten. Der positive Befund für Tomatenextrakt stammt zu einem erheblichen Teil aus herstellernaher Forschung, eine unabhängige Bestätigung ohne diese Nähe liegt nicht vor, während eine größere Übersichtsarbeit im Gesamtpool keinen signifikanten Effekt fand. Daraus allein folgt noch kein direkter Widerspruch für denselben Extrakt. Die Kopf-an-Kopf-Studie wurde vom Rohstoffhersteller des Tomatennährstoffkomplexes mitfinanziert und mitgestaltet, nicht von einem Hersteller synthetischen Lycopins: Der Geldgeber verkauft den Tomatenkomplex, kein isoliertes Lycopin, sein Interesse liegt in einem wirksamen Komplex und einem wirkungslosen Isolat, und genau das ist auch das Ergebnis. Ein sponsorgünstiger Nullbefund verlangt deshalb mehr Vorsicht, nicht weniger. Die beiden Quellen für diese Zeile sind zudem mutmaßlich nicht unabhängig voneinander: Die Netzwerk-Meta-Analyse durchsuchte die Datenbanken laut eigener Angabe bis Oktober 2020, die Kopf-an-Kopf-Studie erschien 2019 und liegt thematisch genau in ihrem Einschlussbereich; ob der Vergleichsarm synthetisches Lycopin in der Netzwerk-Meta-Analyse überwiegend von dieser einen Studie getragen wird, ließ sich am frei zugänglichen Abstract nicht klären. Und der entscheidende Studienarm ist klein: Von 61 randomisierten Teilnehmenden vervollständigten 46 die acht Wochen über fünf Arme, davon 9 Personen im Arm mit synthetischem Lycopin.

LDL-Cholesterin und Endothelfunktion

In der Meta-Analyse von Cheng et al. senkten Tomatenprodukte, nicht die gesondert ausgewertete Untergruppe mit isoliertem Lycopin, das LDL-Cholesterin gegenüber Kontrolle signifikant und verbesserten die flussvermittelte Dilatation der Arterie [1]. Die spätere, größere Meta-Analyse fand dagegen weder für Lycopin- noch für Tomatenkonsum einen Effekt auf LDL-Cholesterin [3]. Zur Endothelfunktion liegt bislang nur die erste Auswertung vor.

Einschränkung: In der ersten Auswertung war der LDL-Effekt in der Untergruppe mit Tomatenprodukten signifikant, in der Untergruppe mit Lycopin-Supplementen nicht. Daraus allein lässt sich nicht ableiten, dass die Tomatenmatrix den Unterschied verursacht.

UV-Erythembildung und Hautalterungsmarker

Eine Meta-Analyse aus 21 Interventionsstudien fand für Tomaten- und Lycopin-Präparate gemeinsam signifikante Verbesserungen bei mehreren Haut- und Entzündungsmarkern sowie einen Anstieg der minimalen Erythemdosis [8]. In der methodisch kontrolliertesten Einzelstudie (149 gesunde Erwachsene, 12 Wochen, Kombinationspräparat aus mehreren Carotinoiden und Tocopherolen) zeigte sich bei der visuell bestimmten minimalen Erythemdosis gegenüber Placebo kein signifikanter Unterschied, wohl aber beim kolorimetrisch gemessenen Δa*-Wert und bei zwei Entzündungsmarkern [9]. Diese Einzelstudie wurde vollständig vom Rohstoffhersteller des geprüften Kombinationspräparats finanziert, der auch das Wirk- und das Placebopräparat stellte.

Einschränkung: Keine der beiden Arbeiten prüft Lycopin als Reinstoff allein.

Knochenabbaumarker

In der einzigen bislang veröffentlichten Interventionsstudie zu diesem Endpunkt sank der Knochenabbaumarker N-Telopeptid bei 60 postmenopausalen Frauen unter kombinierter Lycopin-Gabe (Tomatensaft, lycopinreicher Tomatensaft oder Lyc-o-Mato-Kapseln) gegenüber Placebo signifikant [10]. Die 70 mg Lycopin, die in Übersichten zu dieser Studie gelegentlich genannt werden, wurden über den Saftarm erreicht, nicht über die Kapsel, dort blieb die Dosis bei 30 mg pro Tag.

Einschränkung: Eine unabhängige zweite Studie zu diesem Endpunkt wurde gezielt gesucht und nicht gefunden. Das geprüfte Kapselpräparat stammt vom selben Markenrohstoff, der auch in mehreren Studien zu antioxidativen Stressmarkern auftaucht, siehe dort.

Prostatakrebs-Häufigkeit und PSA-Wert

Die überwiegende Evidenz zu Lycopin und der Prostata ist beobachtend, nicht interventionell. Eine Dosis-Wirkungs-Meta-Analyse aus 42 Beobachtungsstudien mit über 43000 Fällen fand einen inversen statistischen Zusammenhang zwischen Lycopin-Zufuhr beziehungsweise Blutspiegel und der Prostatakrebs-Häufigkeit [11]. Eine prospektive Kohortenanalyse an 2970 Männern fand im höchsten Viertel der Lycopin-Zufuhr eine niedrigere Häufigkeit als im niedrigsten Viertel [12]. Beide Arbeiten sind Beobachtungsdaten und keine Einnahme-Interventionsstudien.

Der einzige Cochrane-Review zu randomisierten Interventionsstudien fand nur 3 kleine RCTs mit insgesamt 154 Teilnehmern (Bunker 2007, Mohanty 2005, Schwarz 2008; 4 bis 30 mg Lycopin pro Tag, 4 Monate bis 2 Jahre) zur Frage, ob Lycopin das Auftreten von Prostatakrebs seltener macht, davon 2 mit hohem Verzerrungsrisiko, und kommt laut Volltext zu dem Schluss, dass die Evidenz weder für noch gegen eine Wirkung von Lycopin ausreicht, ausdrücklich auch nicht zu Nebenwirkungen. Der Review benennt fehlende belastbare Daten zu unerwünschten Wirkungen als eigenen Punkt, das ist ein Fehlen von Evidenz, keine Entwarnung [13]. Eine Meta-Analyse aus 6 RCTs an Männern mit bereits diagnostiziertem, nicht-metastasiertem Prostatakarzinom fand insgesamt keinen signifikanten Effekt von Lycopin auf den PSA-Wert, nur in der Untergruppe mit besonders hohem PSA-Ausgangswert einen signifikanten Rückgang [14]. Die drei Cochrane-Studien liefen an Männern ohne bekannte Prostatakrebs-Diagnose, nicht an bereits diagnostizierten Männern: Das ergibt sich aus der Zielsetzung des Reviews, der als primären Endpunkt die spätere Häufigkeit von Prostatakrebs und als sekundäre Endpunkte Veränderungen des PSA-Werts, Prostatasymptome und unerwünschte Wirkungen nennt, was nur an einer noch nicht diagnostizierten Population sinnvoll zu erheben ist. Ein Überlapp mit den 6 Studien der PSA-Meta-Analyse erscheint deshalb unwahrscheinlich, wurde aber mangels frei zugänglichem Volltext der PSA-Meta-Analyse nicht abschließend geprüft.

Einschränkung: Eine Beobachtungsstudie zu Ernährung oder Blutspiegel ist keine Studie zu einem Lycopin-Präparat. Die vorhandenen Interventionsstudien sind klein und kurz, ein Teil davon (die PSA-Meta-Analyse) an bereits diagnostizierten Männern durchgeführt, ein anderer Teil (der Cochrane-Review) an einer nicht vorselektierten Population ohne bekannte Diagnose, und sie liefern zusammen kein einheitliches Bild.

Tier- und Laborstudien

Zur Frage, ob hochdosiertes Lycopin bei Raucherinnen und Rauchern ein Sicherheitssignal wie das für Beta-Carotin in den ATBC- und CARET-Studien zeigen könnte, liegen keine Humandaten in vergleichbarem Umfang vor, siehe Abschnitt Sicherheit. Am Frettchen liegen dazu mehrere Arbeiten derselben Arbeitsgruppe (Tufts University, um X.D. Wang) vor. Das Frettchen ist dasselbe Tiermodell, an dem auch der Beta-Carotin-Befund gezeigt wurde: Bei hochdosierter Beta-Carotin-Gabe kombiniert mit sechsmonatiger Zigarettenrauch-Exposition zeigten sich in diesem Modell verstärkte Zellproliferation und eine verhornende plattenepitheliale Metaplasie der Lunge, mit abgesenkter Retinolsäure-Konzentration und drei- bis vierfach erhöhter Expression der Gene c-Jun und c-Fos in der Lunge als vorgeschlagenem Mechanismus, in der Originalarbeit zu diesem Frettchenversuch [23], ein Tierbefund, der als möglicher Erklärungsansatz für die beiden großen randomisierten Raucherstudien (ATBC, CARET) diskutiert wird, hier auch nach einem späteren Übersichtsartikel zum selben Frettchenmodell zitiert [22]. Diese Primärarbeit [23] stammt aus demselben Tufts-Labor um X.D. Wang wie die drei Lycopin-Frettchenstudien unten, mit derselben Tierart, demselben Rauchexpositionsmodell und derselben plattenepithelialen Metaplasie der Lunge als Ableseparameter. Das macht den Vergleich in eine Richtung belastbarer als einen zufälligen Modell-Treffer, es bedeutet aber auch, dass beide Richtungen, sowohl der Beta-Carotin- als auch der Lycopin-Befund an diesem Modell, aus derselben einen Arbeitsgruppe stammen und bislang nicht unabhängig wiederholt wurden: Dass die drei Lycopin-Arbeiten aus einer Gruppe kommen, ist bereits oben benannt, dass auch der Beta-Carotin-Gegenbefund an diesem Modell aus demselben Haus stammt, gehört ebenso zu dieser Offenlegung. Erst diese Übereinstimmung des Modells macht die Gegenläufigkeit der Lycopin-Befunde überhaupt zu einem Vergleichspunkt und nicht zu einer beliebigen Tierstudie. Die drei Lycopin-Arbeiten unterscheiden sich allerdings in der Expositionsart: Nur eine davon setzte Frettchen gleichzeitig einem Tabakkarzinogen (NNK) und Zigarettenrauch aus; dort verringerte eine gleichzeitige Lycopin-Fütterung bei der hohen Dosis (rund 90 mg pro Tag Humanäquivalent) signifikant chronisch-obstruktive Veränderungen und präkanzeröse Läsionen der Lunge gegenüber der unbehandelten Kontrolle, Lungentumoren selbst gingen dabei nur tendenziell, nicht signifikant, zurück [19]. Eine zweite Arbeit setzte Frettchen ausschließlich dem Tabakkarzinogen NNK aus, ohne Zigarettenrauch, und fand unter Lycopin abgeschwächte Lungen- und Leberschäden; ein Koautor dieser Arbeit, auch der Erstautor, ist bei Kagome Co Ltd angestellt, einem großen japanischen Tomatenverarbeiter und Lieferanten von Lycopin-Rohstoffen [20]. Eine dritte, ältere Arbeit setzte Frettchen ausschließlich Zigarettenrauch ohne Tabakkarzinogen aus und fand bei beiden geprüften Lycopin-Dosen eine verringerte plattenepitheliale Metaplasie [21]. Alle drei Arbeiten laufen in die entgegengesetzte Richtung des Beta-Carotin-Befunds, prüfen aber unterschiedliche Expositionen und teils nur eine von zwei Dosen mit statistischer Signifikanz.

Diese Ergebnisse stammen aus Tierversuchen an einer Spezies und lassen sich nicht auf den Menschen übertragen. Sie sind der einzige uns bekannte direkte Vergleichspunkt zum Beta-Carotin-Befund bei Rauchenden, ersetzen aber keine Humanstudie mit Krebshäufigkeit als Endpunkt.

Sicherheit und Wechselwirkungen

In den zitierten Interventionsstudien war Lycopin bei Dosen bis 30 mg pro Tag als Kapsel und bis 70 mg pro Tag als lycopinreicher Tomatensaft über mehrere Monate gut verträglich, ohne schwere Nebenwirkungen [10] [9] [17]. Bei sehr hoher Zufuhr über lange Zeit ist eine harmlose, reversible Hautverfärbung (Lycopinodermie) beschrieben.

Zur Frage Rauchen und Lungenkrebs: Für Beta-Carotin haben zwei große, randomisierte Primärpräventionsstudien (ATBC und CARET) bei Rauchenden ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko unter hochdosierter Einnahme gezeigt. Für Lycopin wurde gezielt nach einer vergleichbaren Studie gesucht, unter anderem mit den Suchfragen "lycopene" AND "lung cancer smokers", "lycopene supplementation" AND "safety adverse randomized large trial" und "lycopene" AND "cancer incidence intervention trial" über PubMed. Eine solche Studie wurde nicht gefunden. Die identifizierten Interventionsstudien mit Lycopin sind deutlich kleiner (bis 175 beziehungsweise 149 Teilnehmende), kürzer, und keine davon prüfte Lungenkrebshäufigkeit als Endpunkt.

Zwei Punkte sind zu beachten: Erstens wurden Rauchende in kleineren Interventionsstudien durchaus gezielt eingeschlossen, nicht ausgeschlossen. Eine der 13 in die Übersichtsarbeit zu antioxidativen Stressmarkern [6] eingeschlossenen Studien gab 12 Rauchenden und 15 Nichtrauchenden zwei Wochen lang einen Tomatenextrakt mit 4,88 mg Lycopin pro Kapsel und maß DNA-Strangbrüche in Lymphozyten als Hauptendpunkt; der Rückgang der DNA-Strangbrüche gegenüber Placebo war weder bei Rauchenden (minus 39 Prozent, p gleich 0,12) noch bei Nichtrauchenden (minus 32 Prozent, p gleich 0,09) statistisch signifikant [18]. Zwei Nebenbefunde derselben Studie waren dagegen signifikant: Bei der Verteilung der Comet-Assay-Klassen (Anteil ungeschädigter gegenüber geschädigter Zellen) zeigte sich unter dem Tomatenextrakt bei Nichtrauchenden eine signifikante Verschiebung zugunsten ungeschädigter Zellen (p kleiner 0,05), bei Rauchenden nicht; und bei Rauchenden sank die Interleukin-4-Produktion der Immunzellen unter dem Extrakt gegenüber Placebo signifikant (p gleich 0,009), während Lymphozytenproliferation, NK-Zell-Aktivität und Tumornekrosefaktor-alpha-Produktion in beiden Gruppen unverändert blieben. Am Hauptendpunkt Krebshäufigkeit ändert das nichts, diese Studie prüfte ohnehin nur einen Biomarker über zwei Wochen und keinen Krebshäufigkeits-Endpunkt, das ist mit einer jahrelangen Primärpräventionsstudie nicht vergleichbar, aber die Behauptung, es habe keinen gezielten Einschluss von Rauchenden gegeben, war falsch. Zweitens gibt es Krebshäufigkeit durchaus als Endpunkt in der Lycopin-Literatur, allerdings bei der Prostata und nicht bei der Lunge. Neben Beobachtungsdaten berichtete auch eine der drei kleinen randomisierten Studien im Cochrane-Review die Prostatakrebs-Häufigkeit; die Evidenz reichte insgesamt weder für noch gegen eine vorbeugende Wirkung: siehe die Wirkungszeile zu Prostatakrebs-Häufigkeit oben [11] [12] [13].

Ob wegen der gemeinsamen Zugehörigkeit zur Carotinoid-Stoffklasse dieselbe Zurückhaltung wie bei Beta-Carotin angezeigt ist, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht ableiten. Die einzigen direkt vergleichbaren tierexperimentellen Daten am rauchexponierten Frettchen zeigen für Lycopin die entgegengesetzte Richtung des Beta-Carotin-Befunds, siehe Abschnitt Tier- und Laborstudien; sie sind aber Tierdaten und kein Ersatz für eine Humanstudie mit Krebshäufigkeit als Endpunkt. Es liegt also weder ein Sicherheitssignal noch ein belastbarer Beleg für Risikofreiheit bei hochdosierter, langjähriger Einnahme durch Rauchende vor, die Frage bleibt offen.

Nach unserer Kenntnis existiert für Lycopin außerdem eine behördliche Sicherheitsbewertung mit einem abgeleiteten Duldungswert. Wir konnten die genaue Zahl nicht aus einer Primärquelle verifizieren, weil automatisierte Abrufe der zuständigen Behördenseite blockiert wurden, und geben deshalb keinen Wert an. Diese Zahl ist von Hand nachzuschlagen, siehe Abschnitt Stand.

Zur Herstellernähe im Gesamtbild: Ein einzelner Markenrohstoff (Lyc-o-Mato beziehungsweise LycoRed desselben Herstellers) steckt in mindestens 6 der 13 Primärstudien einer unserer Übersichtsarbeiten zu antioxidativen Stressmarkern [6], außerdem in der separat zitierten Studie zum Knochenabbaumarker [10]. Die Studie, die den Widerspruch beim Blutdruck zwischen Tomatenextrakt und synthetischem Lycopin am direktesten auflöst, wurde vom selben Rohstoffhersteller mitfinanziert und mitgestaltet, und ihr Nullbefund für synthetisches Lycopin liegt in Richtung des Sponsorinteresses, weil der Geldgeber den Tomatenkomplex verkauft und kein isoliertes Lycopin [17], ebenso die Einzelstudie zur UV-Erythembildung [9]. Eine weitere zitierte Quelle zur Bioverfügbarkeit ist eine Herstellerstudie eines Vitaminherstellers (Roche Vitamins, heute DSM) über dessen eigene Tabletten mit synthetischem Lycopin [16]. Auch bei den Tierdaten gibt es eine Herstellernähe: Bei einer der drei Frettchenstudien ist der Erstautor mit einer Koaffiliation bei Kagome Co Ltd angegeben, einem großen japanischen Tomatenverarbeiter und Lieferanten von Lycopin-Rohstoffen [20]. Das macht die einzelnen Befunde nicht automatisch falsch, es bedeutet aber, dass ein erheblicher Teil der Evidenz zu Lycopin nicht unabhängig von kommerziellen Interessen am geprüften Präparat ist, und das gehört bei der Einordnung mitgedacht.

Quellen zum Nachlesen

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