Gurmar-Extrakt
Zuletzt geprüft am
Pflanzenextrakte
Gymnema sylvestre · Gymnema-Extrakt · Gymnema sylvestre-Extrakt
Auf einen Blick
- Was es ist
- Extrakt aus den Blättern von Gymnema sylvestre, einer Kletterpflanze aus der ayurvedischen Tradition
- Herkunft
- Tropische Wälder Indiens, in geringerem Umfang auch Teile Afrikas und Australiens. Traditionell "Gurmar" genannt, übersetzt "Zuckerzerstörer"
- Wirkform in Studien
- Extrakte auf Basis der Gymnemasäuren (Triterpen-Saponine). Von den Studien zu Stoffwechselwerten am Reinstoff nennt keine den Gehalt an Gymnemasäure, nur die Extraktmenge in Milligramm. Eine placebokontrollierte Studie an einem Kombinationspräparat aus Mais-Extrakt, Gymnema-sylvestre-Extrakt, Zink und Chrom nennt dagegen eine Standardisierung des Gymnema-Anteils (25 Prozent Gymnemasäuren) bei einer Tagesdosis von 300 oder 600 mg G.-sylvestre-Extrakt je nach Dosisgruppe (entsprechend 75 oder 150 mg Gymnemasäure); weil drei weitere Wirkstoffe mitwirken, ist das kein Beleg für den Reinstoff, zeigt aber, dass eine Standardisierung grundsätzlich üblich wäre, siehe Quelle 18. Eine weitere Ausnahme ist eine Studie zur Süßgeschmacksdämpfung, die für ihr Lutschbonbon 4 mg Extrakt mit 75 Prozent Gymnemasäuren je Anwendung nennt, bei drei Anwendungen täglich rund 12 mg Extrakt beziehungsweise geschätzt 9 mg Gymnemasäure pro Tag, eine völlig andere Anwendungsart (im Mund gehalten, nicht geschluckt) und Größenordnung als die geschluckten Stoffwechselstudien. Ein Vergleich auf der Ebene der eigentlichen Wirkstoffmenge bleibt über die Reinstoff-Studien zu Stoffwechselwerten hinweg deshalb weiterhin nicht möglich
- Übliche Studiendosis
- 300 bis 600 mg Extrakt pro Tag über 8 bis 12 Wochen für die untersuchten Stoffwechselwerte, in einer Studie 400 mg pro Tag über 3 Monate. Die Studien zur Unterdrückung des Süßgeschmacks arbeiten dagegen mit im Mund gehaltenen und nicht geschluckten Zubereitungen als Tee, Mundspülung oder Lutschbonbon. Die Menge unterscheidet sich dort je nach Zubereitung stark, rund 12 mg Extrakt pro Tag beim standardisierten Lutschbonbon, dagegen laut Volltext 25 ml einer 2,5-prozentigen Lösung aus Blattpulver je Spülung, also rund 0,6 g Blattpulver, in einer der japanischen Studien achtmal je Sitzung wiederholt. Von kleinsten Mengen lässt sich deshalb nur beim Lutschbonbon sprechen, nicht bei den Mundspülungen, geschluckt wird in keiner dieser Arbeiten
- Zeit bis zur Wirkung
- Die Dämpfung des Süßgeschmacks setzt innerhalb von Minuten ein und ist vorübergehend. Die untersuchten Stoffwechselwerte wurden frühestens nach 8 bis 12 Wochen durchgehender Einnahme geprüft
- Verträglichkeit
- In den beiden placebokontrollierten Guadalajara-Stoffwechselstudien nur allgemein als gut vertragen beschrieben, ohne Einzelzahlen und ohne eigene Angabe zur Standardisierung des verwendeten Extrakts. In der einzigen Studie mit einzeln aufgeschlüsselten Nebenwirkungen (Vergleich gegen Berberin, 400 mg Extrakt täglich ohne genannten Gymnemasäure-Gehalt, 3 Monate) waren Magen-Darm-Beschwerden im Gymnema-Arm häufiger als im Berberin-Arm und betrafen einen erheblichen Teil der Teilnehmenden, darunter weicherer Stuhl 52 Prozent, Dysgeusie (veränderte Geschmackswahrnehmung) 40 Prozent, Polydipsie 36 Prozent, Durchfall 28 Prozent, Reflux 28 Prozent, Übelkeit 20 Prozent, jeweils meist im ersten Monat abklingend. Dysgeusie ist bei einem Stoff, dessen am besten belegte Wirkung genau die Geschmackswahrnehmung verändert, ein naheliegender Befund. Ein gemeldeter Fallbericht beschreibt zwei getrennt exponierte Personen mit toxischer Hepatitis und nachfolgender, tödlich verlaufener aplastischer Anämie; bei einer davon nach 4 g täglich eines geschluckten, nicht standardisierten Gymnema-Pulvers, dem Sechs- bis Dreizehnfachen der hier sonst berichteten Extraktmengen, dessen chemische Analyse hohe Gehalte an Quecksilber, Blei und Arsen ergab. Die formale Kausalitätsbewertung (RUCAM) stufte die Leberschädigung bei beiden Personen des Fallberichts als "wahrscheinlich" arzneimittelbedingt ein; ob der Reinstoff, die Schwermetallbelastung der konkreten Zubereitung oder beides ursächlich waren, lässt sich aus dem Bericht nicht trennen, siehe Abschnitt Sicherheit und Wechselwirkungen
Was diesem Stoff zugesprochen wird
Was die Studien hergeben.
Jede Zuschreibung hat ihre eigene Bewertung. So liest Du die Studienlage.
-
01
Nüchternblutzucker, Placebovergleich aus den verfügbaren Abstracts nicht abschließend beurteilbar
Studienlage offenEinordnung und Einschränkungen
In den beiden methodisch stärksten Arbeiten, zwei placebokontrollierten, doppelblinden randomisierten Studien derselben Arbeitsgruppe an der Universität Guadalajara (je 600 mg Extrakt täglich über 12 Wochen, aber zwei unterschiedliche Populationen), lässt sich der Nüchternblutzucker-Vergleich mit Placebo aus den verfügbaren Abstracts nicht abschließend beurteilen. Bei Diagnose metabolisches Syndrom nach IDF-Kriterien (n gleich 24) blieben laut Abstract "die Komponenten des metabolischen Syndroms" unverändert, wozu der Nüchternblutzucker als Diagnosekriterium zählt. Bei gestörter Glukosetoleranz im oralen Test (n gleich 30) zählt das Abstract den Nüchternblutzucker nicht zu den signifikant veränderten Werten, obwohl er erhoben wurde. Die Abstracts berichten für den Nüchternblutzucker keinen eigenen Zahlenvergleich mit Placebo. Aus der fehlenden Nennung unter den signifikanten Ergebnissen folgt kein nachgewiesener Nullbefund. Auch die genannten positiven Veränderungen gegenüber dem Ausgangswert belegen für sich keinen Unterschied zu Placebo. Beide Studien stammen aus demselben Zentrum mit teils denselben Autoren; das spricht für vergleichbare Methodik, macht die beiden Ergebnisse aber auch nicht zu zwei unabhängig voneinander bestätigten Befunden, sondern zu zwei Auswertungen desselben Labors. Eine Meta-Analyse aus 10 Studien mit 419 Teilnehmenden zu Gymnema sylvestre bei Typ-2-Diabetes fand dagegen einen sinkenden Nüchternblutzucker gegenüber dem Ausgangswert vor Behandlung (SMD 1,57, 95-Prozent-Intervall 2,22 bis minus 0,93, p kleiner 0,0001, I-Quadrat 90 Prozent). Eine zweite Meta-Analyse aus 6 randomisierten Studien fand ebenfalls einen sinkenden Nüchternblutzucker (p kleiner 0,001); ob sich die berichtete gewichtete mittlere Differenz auf den Unterschied zur Kontrollgruppe oder auf die Veränderung gegenüber dem Ausgangswert bezieht, geht aus dem frei verfügbaren Abstract nicht eindeutig hervor, der Volltext lag nicht vor. Ein Abgleich der Literaturverzeichnisse beider Übersichtsarbeiten über OpenAlex zeigt, dass sie mindestens sieben Arbeiten am Menschen zu Gymnema sylvestre gemeinsam zitieren, darunter die Studie bei metabolischem Syndrom [3] und die offene Studie von 2010 [6]. Die Studie bei gestörter Glukosetoleranz [4] steht dagegen nur im Verzeichnis der zweiten Meta-Analyse und fehlt in der ersten vollständig, sie kann dort also nicht eingeschlossen sein. Beide Übersichtsarbeiten werten damit weitgehend denselben schmalen Bestand aus und sind kein doppelter Beleg. Eine dritte, aktiv statt placebokontrollierte Studie (Vergleich gegen Berberin, 400 mg Extrakt täglich ohne genannte Standardisierung, 50 übergewichtige Erwachsene, 3 Monate) fand im Gymnema-Arm gegenüber dem eigenen Ausgangswert einen signifikant gesunkenen Nüchternblutzucker (p kleiner 0,05) und am Studienende einen niedrigeren Wert als im Berberin-Arm (86,43 plus/minus 7,85 gegenüber 116,44 plus/minus 7,37 mg pro dl, p gleich 0,0001); Letzteres ist ein Vergleich zwischen zwei Wirkstoffen, kein placebokontrollierter Beleg. Eine ältere, nicht randomisierte Studie mit offener, selbstgewählter Gruppenzuteilung (500 mg täglich, 3 Monate) fand ebenfalls sinkenden Blutzucker gegenüber dem Ausgangswert. Ein placebokontrollierter Einzelbeleg für einen eigenständigen Effekt auf den Nüchternblutzucker liegt damit nicht vor, wohl aber eine durchgehende Richtung nach unten in den offener angelegten oder gepoolten Arbeiten. Die Stufe bleibt offen, weil sich der konkrete Placebovergleich aus diesen Abstracts nicht abschließend beurteilen lässt
-
02
Blutzucker im oralen Glukosetoleranztest nach 2 Stunden, nur in einer Studie gemessen
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Nur eine der beiden placebokontrollierten Guadalajara-Studien hat diesen Endpunkt erhoben. Bei 30 Menschen mit gestörter Glukosetoleranz sank der 2-Stunden-Wert im oralen Glukosetoleranztest nach 12 Wochen mit 600 mg Extrakt täglich (300 mg zweimal täglich) von 9,1 auf 7,8 mmol pro Liter gegenüber dem eigenen Ausgangswert (p gleich 0,003); ob der Unterschied auch gegenüber der Placebogruppe statistisch abgesichert war, nennt das Abstract nicht [4]. Die parallele Studie bei metabolischem Syndrom (n gleich 24) hat diesen speziellen 2-Stunden-Wert nicht einzeln berichtet, sondern nur, dass sich Insulinsekretion und Insulinsensitivität insgesamt nicht änderten [3]. Eine Meta-Analyse aus 10 Studien fand für einen postprandialen Blutzuckerwert ohne genau genannten Messzeitpunkt eine Senkung gegenüber dem Ausgangswert (SMD 1,04, 95-Prozent-Intervall 1,53 bis minus 0,54, p kleiner 0,0001, I-Quadrat 80 Prozent); das Literaturverzeichnis dieser Meta-Analyse führt die Studie bei gestörter Glukosetoleranz gar nicht auf, sie kann dort also nicht eingeschlossen sein; die zweite Meta-Analyse nennt in ihrem Abstract keinen postprandialen oder 2-Stunden-Wert [1]. Ein direkter Beleg speziell für den 2-Stunden-Wert nach oraler Glukosebelastung liegt damit aus genau einer Studie vor, ohne bestätigten Placebobezug
-
03
Langzeit-Blutzuckerwert HbA1c, in keiner Quelle mit Zahlenangabe direkt gegen Placebo verglichen
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Eine placebokontrollierte Studie berichtet diesen Wert einzeln, bei Menschen mit gestörter Glukosetoleranz sank er unter 600 mg Extrakt täglich über 12 Wochen von 5,8 auf 5,4 Prozent gegenüber dem eigenen Ausgangswert (n gleich 30, p gleich 0,025), 46,7 Prozent der Teilnehmenden erreichten am Ende Normalwerte; ob der Unterschied auch gegenüber der Placebogruppe abgesichert war, nennt das Abstract nicht. Die parallele placebokontrollierte Studie bei metabolischem Syndrom berichtet keinen eigenen HbA1c-Wert. Eine Meta-Analyse aus 10 Studien mit 419 Teilnehmenden fand ebenfalls einen Rückgang gegenüber dem Ausgangswert (SMD 3,91, 95-Prozent-Intervall 7,35 bis minus 0,16, p kleiner 0,0001), bei sehr hoher Heterogenität (I-Quadrat 99 Prozent); das Intervall reicht fast bis an die Null heran, was zusätzlich zur Heterogenität für ein unpräzises statt eines robusten Ergebnisses spricht. Ihr Literaturverzeichnis führt die Studie bei metabolischem Syndrom auf, die Studie bei gestörter Glukosetoleranz dagegen nicht, diese kann dort also nicht eingeschlossen sein. Die aktiv kontrollierte Vergleichsstudie gegen Berberin (400 mg Extrakt täglich ohne genannte Standardisierung, 3 Monate) misst HbA1c laut Volltext ebenfalls. Im Gymnema-Arm sank der Wert gegenüber dem eigenen Ausgangswert signifikant (p kleiner 0,05, ohne im Haupttext genannten Ausgangswert), am Studienende unterschied er sich nicht signifikant vom Berberin-Arm (5,50 plus/minus 0,28 Prozent gegenüber 5,68 plus/minus 0,25 Prozent, p gleich 0,40). Eine ältere, nicht randomisierte Studie mit offener Gruppenzuteilung (500 mg täglich, 3 Monate) berichtet ebenfalls sinkendes glykiertes Hämoglobin gegenüber dem Ausgangswert. Keine der vier Quellen vergleicht den HbA1c-Wert mit Zahlenangabe direkt gegen eine Placebogruppe
-
04
Insulinsensitivität, ein Anstieg nur bei gestörter Glukosetoleranz, kein Effekt bei metabolischem Syndrom
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
In der placebokontrollierten Studie bei metabolischem Syndrom (n gleich 24, IDF-Kriterien, 600 mg täglich, 12 Wochen) veränderten sich Insulinsekretion und Insulinsensitivität laut Abstract nicht. In der ebenso dosierten und gleich langen placebokontrollierten Studie bei gestörter Glukosetoleranz im oralen Test (n gleich 30) stieg der Matsuda-Index (ein Maß für Insulinsensitivität) von 1,8 auf 2,4 gegenüber dem eigenen Ausgangswert (p gleich 0,008). Population und Diagnosekriterium unterscheiden sich, sodass die beiden Befunde nach Regel 17 nicht als direkter Widerspruch gelten, sondern als zwei verwandte, aber nicht identische Fragen an zwei unterschiedlichen Personengruppen. Beide Studien stammen aus demselben Zentrum mit teils denselben Autoren; das spricht für vergleichbare Methodik, macht die beiden Ergebnisse aber auch nicht zu zwei unabhängig voneinander bestätigten Befunden, sondern zu zwei Auswertungen desselben Labors. In der aktiv kontrollierten Vergleichsstudie gegen Berberin (400 mg Extrakt täglich, ohne genannte Standardisierung) stieg das basale Insulin im Gymnema-Arm gegenüber dem eigenen Ausgangswert signifikant (p kleiner 0,05), am Studienende unterschied sich der Insulinwert nicht signifikant vom Berberin-Arm (19,43 plus/minus 13,80 gegenüber 15,76 plus/minus 13,50 Mikroeinheiten pro ml, p gleich 0,34); das ist ein anderer Messwert als der Matsuda-Index und kein direktes Sensitivitätsmaß
-
05
Körpergewicht und Body-Mass-Index, in zwei Studien desselben Labors gesunken, in einer unabhängigen Vergleichsstudie nicht
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
In zwei placebokontrollierten Studien derselben Arbeitsgruppe (Universität Guadalajara, je 600 mg Extrakt täglich über 12 Wochen) sank das Körpergewicht gegenüber dem eigenen Ausgangswert, bei metabolischem Syndrom von 81,3 auf 77,9 kg (n gleich 24, p gleich 0,02) zusammen mit BMI (p gleich 0,02) und VLDL-Cholesterin (0,45 auf 0,35, im Abstract ungewöhnlich mit der Einheit mmol pro dl angegeben statt der eigentlich korrekten mmol pro Liter, hier wörtlich übernommen, p gleich 0,05), bei gestörter Glukosetoleranz (n gleich 30) ebenfalls Körpergewicht, BMI und LDL-Cholesterin, ohne genannten Zahlenwert im Abstract. Beide Studien stammen aus demselben Zentrum mit teils denselben Autoren; das spricht für vergleichbare Methodik, macht die beiden Ergebnisse aber auch nicht zu zwei unabhängig voneinander bestätigten Befunden, sondern zu zwei Auswertungen desselben Labors. Eine unabhängige, aktiv statt placebokontrollierte Studie an 50 übergewichtigen Erwachsenen (Vergleich gegen Berberin, 400 mg Extrakt täglich ohne genannte Standardisierung, 3 Monate) fand im Gymnema-Arm keine signifikante Gewichtsabnahme gegenüber dem eigenen Ausgangswert, während der Berberin-Arm signifikant abnahm (p kleiner 0,05); weil hier gegen einen Wirkstoff statt gegen Placebo verglichen wurde, ist das nach Regel 17 nicht exakt dieselbe Fragestellung wie in den beiden placebokontrollierten Studien, sondern ein eigener, insgesamt aber ebenfalls unauffälliger Befund zum selben Endpunkt am Menschen. Im frei verfügbaren Volltext dieser Vergleichsstudie widerspricht sich der Text selbst. Der auf Signifikanz geprüfte Ergebnisteil zählt das Körpergewicht im Gymnema-Arm nicht zu den gegenüber dem eigenen Ausgangswert signifikant veränderten Werten (dort werden nur Körperfettanteil, Nüchternblutzucker, HbA1c und ein Anstieg des basalen Insulins genannt), ein Satz in der Diskussion desselben Textes behauptet dagegen, die Studie habe "auch gezeigt, dass GS das Patientengewicht signifikant reduzierte". Dieser Widerspruch innerhalb derselben Quelle ließ sich ohne Zugriff auf die als Beleg genannte Ergänzungstabelle nicht auflösen; dieser Eintrag folgt dem eigens ausgewiesenen Ergebnisteil, der das Körpergewicht nicht als signifikant verändert führt, hält den Widerspruch aber ausdrücklich fest. Eine systematische Übersicht über 14 placebokontrollierte Doppelblindstudien zu pflanzlichen Appetitzüglern zählt Gymnema sylvestre allein nicht zu den überzeugenden Befunden; als Ausnahme wird ausdrücklich nur eine Kombination mit Garcinia cambogia genannt, die Übersicht selbst urteilt insgesamt "the evidence is not convincing", eine Aussage über fehlende Evidenz und kein eigener Gegenbefund
-
06
Blutfette, LDL-Cholesterin, Triglyceride, Gesamtcholesterin
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Zwei Meta-Analysen fanden übereinstimmend sinkende Werte für Triglyceride und Gesamtcholesterin. Eine, gestützt auf 10 Studien mit 419 Teilnehmenden zu Gymnema sylvestre bei Typ-2-Diabetes, gegenüber dem eigenen Ausgangswert vor Behandlung (SMD 1,81, 95-Prozent-Intervall 2,95 bis minus 0,66, I-Quadrat 96 Prozent, für Triglyceride, SMD 4,10, Intervall 7,21 bis minus 0,99, I-Quadrat 98 Prozent, für Gesamtcholesterin, p jeweils kleiner 0,0001; das Abstract gibt diese Effektstärke ungewöhnlicherweise mit der Einheit mg pro dl an, obwohl eine SMD eigentlich einheitenlos ist, hier trotzdem wörtlich übernommen). Bei beiden Werten reicht das Intervall fast bis an die Null heran und die Heterogenität liegt über 95 Prozent, ebenso unpräzise wie der HbA1c-Wert derselben Übersichtsarbeit. Die zweite, aus 6 randomisierten Studien, berichtet ebenfalls sinkende Werte für Triglyceride, Gesamtcholesterin und LDL-Cholesterin (p jeweils kleiner 0,001), ohne eigene Effektstärke im Abstract; ob sich diese Angabe auf den Unterschied zur Kontrollgruppe oder auf die Veränderung gegenüber dem Ausgangswert bezieht, geht aus dem frei verfügbaren Abstract nicht eindeutig hervor, der Volltext lag nicht vor. Beide Übersichtsarbeiten weisen selbst auf "notable heterogeneity, low quality of studies, and lack of diversity among research participants" hin. In den zwei placebokontrollierten Einzelstudien sank zusätzlich das VLDL-Cholesterin gegenüber dem Ausgangswert (0,45 auf 0,35, im Abstract ungewöhnlich mit der Einheit mmol pro dl angegeben, hier wörtlich übernommen, n gleich 24, p gleich 0,05) beziehungsweise das LDL-Cholesterin, ohne Zahlenwert im Abstract. Ein Abgleich der Literaturverzeichnisse zeigt mindestens sieben gemeinsam zitierte Arbeiten am Menschen, darunter [3] und [6]; die beiden Übersichtsarbeiten werten also weitgehend denselben schmalen Bestand aus und zählen zusammen mit den Einzelstudien als ein gemeinsamer Beleg-Bestand, nicht als vier unabhängige Bestätigungen. [4] fehlt im Verzeichnis der ersten, auf Typ-2-Diabetes beschränkten Meta-Analyse vollständig und kann dort nicht eingeschlossen sein
-
07
Diastolischer Blutdruck, nur in einer methodisch schwachen Meta-Analyse untersucht
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Eine Meta-Analyse aus 6 kleinen randomisierten Studien fand eine Senkung des diastolischen Blutdrucks (p gleich 0,003), warnt aber selbst vor "notable heterogeneity, low quality of studies, and lack of diversity among research participants"; ob sich der Befund auf den Unterschied zur Kontrollgruppe oder die Veränderung gegenüber dem Ausgangswert bezieht, geht aus dem Abstract nicht eindeutig hervor, der Volltext lag nicht vor. Ein direkter Gegenbefund am Menschen liegt nicht vor. Die placebokontrollierte Studie bei metabolischem Syndrom hat den Blutdruck laut Abstract nicht als eigenen Zahlenwert berichtet, sondern nur zusammenfassend, dass sich die Komponenten des metabolischen Syndroms nicht änderten, wozu der Blutdruck als IDF-Kriterium zählt; daraus einen eigenen Blutdruck-Nullbefund abzuleiten wäre eine Schlussfolgerung, kein berichtetes Ergebnis. Die aktiv kontrollierte Vergleichsstudie gegen Berberin (400 mg Extrakt täglich ohne genannte Standardisierung) hat keinen Placeboarm. Am Studienende war der diastolische Blutdruck im Berberin-Arm niedriger als im Gymnema-Arm (72,80 plus/minus 7,91 gegenüber 83,20 plus/minus 11,53 mmHg, p gleich 0,003), ebenso der systolische (112,72 plus/minus 7,67 gegenüber 119,20 plus/minus 12,22 mmHg, p gleich 0,02); das zeigt, dass Berberin stärker senkt, sagt aber nichts darüber, ob Gymnema selbst den Blutdruck senkt, weil der Vergleich nicht gegen Placebo oder den eigenen Ausgangswert läuft. Laut Volltext gehörte der diastolische Blutdruck im Gymnema-Arm auch nicht zu den gegenüber dem eigenen Ausgangswert signifikant veränderten Werten, im Berberin-Arm dagegen schon. Zusammengefasst, eine einzelne, methodisch schwache Meta-Analyse mit positivem Befund unklarer Vergleichsart, keine unabhängige Bestätigung und kein echter Gegenbefund
-
08
Unmittelbare Unterdrückung der Süßgeschmackswahrnehmung bei Anwendung im Mund
BelegtEinordnung und Einschränkungen
Drei voneinander unabhängige Arbeitsgruppen zeigen übereinstimmend, dass Gymnemasäuren die Süßwahrnehmung auf der Zunge innerhalb von Minuten dämpfen, ein unmittelbarer Sinneseffekt und keine Stoffwechselwirkung, an der Cornell University, an der Prefectural University of Hiroshima (gemeinsame Autoren Fukuba und Kashima in zwei Arbeiten) und an der Massey University (zwei Arbeiten). Alle fünf Studien setzen den Extrakt im Mund ein, als Tee, Mundspülung oder Lutschbonbon, eine Arbeit weist die Teilnehmenden ausdrücklich an, die Lösung nicht zu schlucken; keine der Arbeiten hat eine geschluckte Kapsel für diesen Endpunkt geprüft, weshalb sich der Befund nicht ohne Weiteres auf eine geschluckte Einnahmeform übertragen lässt. In einer Crossover-Studie an 51 gesunden Erwachsenen (Cornell University) senkte eine gymnemhaltige Tee-Zubereitung die empfundene Süße-Intensität und die Vorliebe für süße Lebensmittel deutlich (jeweils p kleiner 0,001) und erhöhte die als angenehm empfundene Zuckerkonzentration in einem Mischversuch; eine 1-prozentige Reduktion der Süßeempfindung war mit einer Zunahme der bevorzugten Zuckerkonzentration um 0,40 g pro Liter assoziiert (p kleiner 0,001), ein Konfidenzintervall nennt das Abstract nicht. Zwei Studien derselben Hiroshima-Arbeitsgruppe mit Mundspülung bestätigen die gedämpfte Süßeempfindung, ebenfalls nur mit p-Werten, ohne berichtetes Konfidenzintervall. In der einen ging damit eine verzögerte Magenentleerung sowie ein niedrigerer Blutzucker- und Insulinanstieg direkt nach Glukoseaufnahme einher (n gleich 9, akuter Einzelversuch, nur bei Glukose, nicht bei Aspartam). In der anderen blieben Magenentleerung, Blutzucker, Insulin und Appetit während und nach dem Verzehr süßer Lebensmittel trotz nachweislich gedämpfter Süßeempfindung unverändert (n gleich 15); zusätzlich berichtet diese Studie einen gegenläufigen Nebenbefund. In der Phase nach dem Essen war die Zufriedenheit unter der Gymnema-Vorbehandlung niedriger als unter der Kontrollbehandlung, mit einem signifikanten Haupteffekt der Vorbehandlung (p kleiner 0,05); für das Verlangen nach Süßem war die Vorbehandlung dagegen laut Volltext gerade nicht signifikant, dort waren nur Zeit und die Wechselwirkung zwischen Zeit und Vorbehandlung signifikant (p kleiner 0,05), bei numerisch höheren Werten unter Gymnema. Zwei Studien derselben neuseeländischen Massey-Arbeitsgruppe mit gymnemhaltigen Lutschbonbons beziehungsweise Pfefferminzpastillen (4 mg Extrakt mit 75 Prozent Gymnemasäuren je Anwendung, im festen Schema dreimal täglich, rund 12 mg Extrakt beziehungsweise geschätzt 9 mg Gymnemasäure pro Tag; im freien Schema bis zu sechs Anwendungen täglich, deutlich unter der um ein Vielfaches höheren, geschluckten Extraktmenge der Stoffwechselstudien, siehe Steckbrief) bestätigen als Nebenbefund ebenfalls eine geringere Vorliebe für Süßes, mit Details und einem Hinweis zur Finanzierung in der eigenen Zeile zu Zuckerverlangen
-
09
Zuckerverlangen und Verzehr süßer Lebensmittel
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Zwei kleine, von derselben Arbeitsgruppe (Massey University, Neuseeland) durchgeführte randomisierte Studien zu einer Verhaltenswirkung, getrennt von der reinen Geschmacksdämpfung, beide mit gymnemhaltigen Pastillen zur Anwendung im Mund; die feste Einnahme erfolgte dreimal täglich, ein weiteres Schema erlaubte bis zu sechs Anwendungen nach Bedarf. In der ersten (n gleich 58, 14 Tage, festes Schema mit einer Pastille dreimal täglich, 4 mg Extrakt mit 75 Prozent Gymnemasäuren je Pastille) aß die Interventionsgruppe direkt nach der ersten Einnahme weniger Schokolade als die Kontrollgruppe (2,65 plus/minus 0,21 gegenüber 3,15 plus/minus 0,24 Riegeln, p gleich 0,022), nach 14 Tagen bestand kein Unterschied mehr zwischen den Gruppen. Die Interventionsgruppe erhielt neben der Pastille zusätzlich ein Pulver mit einer Mischung aus Ballaststoffen, Vitamin D, Thiamin, Vitamin B6, Vitamin B12, Magnesium, Zink und Chrom sowie einen bestimmten Ernährungsratgeber, die Kontrollgruppe ein Placebopulver und einen anderen, öffentlich verfügbaren Ernährungsratgeber; die beiden Gruppen unterscheiden sich damit in drei Bestandteilen gleichzeitig, nicht nur in der Pastille, weshalb der Effekt nach Regel 15 nicht allein der Pastille zugeschrieben werden kann. Die Studie wurde vollständig vom Hersteller der Pastille (Nu Brands Inc.) finanziert; ein eigener Interessenkonflikt der Autoren ist nicht vermerkt [10]. In der zweiten (n gleich 32, Crossover, zwei Dosierschemata gegen Placebo, ebenfalls Nu Brands Inc. als Sachspender der Pastillen, ohne Rolle bei Studiendesign, Auswertung oder Publikation laut der zugehörigen Arbeit [17], eigene Finanzierungsangabe zu dieser Studie nicht zugänglich) senkte ein Schema mit freier, häufiger Einnahme (bis zu 6 Pastillen täglich nach Bedarf) den Konsum zuckergesüßter Getränke um 42 Prozent (p gleich 0,015) und das berichtete Süßverlangen um 28 Prozent (p gleich 0,045) gegenüber der Placebophase. Alle Teilnehmenden durchliefen die Placebophase laut der zugehörigen Arbeit [17] systematisch zuerst, bevor sie den beiden Gymnema-Schemata in zufälliger Reihenfolge zugewiesen wurden; die genannten Prozentwerte sind damit gegen eine stets an erster Stelle stehende Placebophase gerechnet, nicht gegen eine in der Reihenfolge ausbalancierte. Ein Schema mit fester Einnahme zu 3 festen Zeiten erreichte für diese beiden Endpunkte keine Signifikanz gegenüber Placebo, senkte aber, ebenso wie das freie Schema, die empfundene Angenehmheit (p kleiner 0,005) und das Verlangen nach einer weiteren Portion Schokolade (p gleich 0,005). Das feste Einnahmeschema war damit bei zwei von vier geprüften Endpunkten signifikant, nicht bei keinem. Eine qualitative Nachauswertung derselben Crossover-Studie an 7 Teilnehmenden berichtet für beide Einnahmeschemata übereinstimmend, dass zuckergesüßte Lebensmittel unangenehmer zu essen wurden und achtsameres Essverhalten zunahm; diese kleine, unkontrollierte Zusatzauswertung stützt die Richtung, hebt die Stufe aber nicht. Dem steht ein Gegenbefund aus einer der beiden japanischen Mundspülungsstudien zur reinen Geschmacksdämpfung gegenüber. Dort war das Verlangen nach Süßem in der Phase nach dem Essen unter Gymnema-Vorbehandlung eher höher als unter Kontrollbehandlung, mit einer signifikanten Wechselwirkung von Zeit und Vorbehandlung, aber ohne signifikanten Haupteffekt der Vorbehandlung selbst [9]; dieser Befund bezieht sich auf eine Mundspülung in einem akuten Einzelversuch und lässt sich nicht ohne Weiteres auf die länger angelegten Pastillen-Studien übertragen, zeigt aber, dass eine gedämpfte Geschmackswahrnehmung nicht durchgehend mit weniger Verlangen nach Süßem einhergeht. Der Effekt ist insgesamt uneinheitlich zwischen den geprüften Endpunkten und kleiner sowie weniger gesichert als der reine Geschmackseffekt, von dem er abhängt
-
10
Hemmung der Zuckeraufnahme im Darm über Verdauungsenzyme
Nur Labor und TierEinordnung und Einschränkungen
Am Menschen nicht geprüft (PubMed-Suche nach "Gymnema sylvestre" "alpha-glucosidase" (ohne Beschränkung auf Humanstudien, alle Publikationstypen), 15 Treffer, ausschließlich Labor-, Zell- und Docking-Arbeiten sowie Übersichten, keine Humanstudie). In einer Enzymkinetik- und Docking-Studie im Labor hemmten aus Gymnema sylvestre isolierte Triterpenglykoside (Gymnemsäure I, IV, VII und Gymnemagenin) die Hefe-Alpha-Glucosidase (Isomaltase) und zeigten dabei laut den Autoren möglicherweise eine kompetitive Hemmung (Ki 0,0028 Mikromol, Lineweaver-Burk-Analyse); das gemessene Enzym stammt aus Hefe, nicht aus dem menschlichen Darm. Für Saccharase und Maltase aus tierischem (Ratten-)Darmgewebe berichtet der Volltext IC50-Werte von 74,07 plus/minus 5,11 beziehungsweise 5,69 plus/minus 0,02 Mikrogramm pro ml, jeweils stärker hemmend als die Kontrolle; diese beiden Werte stammen laut eigener Angabe der Autoren jedoch aus einer früheren Vorarbeit derselben Gruppe und wurden für die vorliegende Arbeit nicht neu gemessen, ein eigener Ki-Wert für diese beiden Enzyme wird nicht berichtet. Die Docking-Simulation gegen die Kristallstruktur der menschlichen Sucrase-Isomaltase ist eine rein rechnerische Vorhersage ohne Enzymaktivitätsmessung. Ob und in welchem Ausmaß dieser Mechanismus beim Menschen die Zuckeraufnahme verringert, wurde in keiner gefundenen Arbeit am Menschen gemessen. Der zusätzlich verbreitete Hinweis auf eine gesunde Darmflora ist durch keine der gefundenen Arbeiten untersucht (PubMed-Suche nach "Gymnema sylvestre" "gut microbiota" (ohne Beschränkung auf Humanstudien, alle Publikationstypen), 1 Treffer, eine Humanstudie mit einem Kombinationspräparat aus Myo-Inositol, D-Chiro-Inositol, Alpha-Lactalbumin und Gymnema sylvestre, ohne Mikrobiom-Endpunkt)
Quellen: 13
-
11
Oxidativer Stress und antioxidative Marker
Nur Labor und TierEinordnung und Einschränkungen
Am Menschen nicht geprüft (PubMed-Suche nach "Gymnema sylvestre" "oxidative stress" (ohne Beschränkung auf Humanstudien, alle Publikationstypen), 19 Treffer, ausschließlich Zell- und Tiermodelle, mechanistische Übersichtsarbeiten und eine Studie mit einem Kombinationspräparat ohne eigenen Oxidativer-Stress-Endpunkt, keine Humanstudie zum Reinstoff). In diabetischen Ratten senkte ein Ethanolextrakt aus Gymnema sylvestre die Lipidperoxidation in Serum, Leber und Niere gegenüber unbehandelten diabetischen Kontrolltieren und normalisierte die Aktivität der Glutathionperoxidase in der Leber
Quellen: 14
Studien im Detail
Blutzucker, HbA1c und Insulinsensitivität
Die belastbarsten Arbeiten sind zwei placebokontrollierte, doppelblinde randomisierte Studien derselben Arbeitsgruppe an der Universität Guadalajara, beide mit 600 mg Gymnema-sylvestre-Extrakt täglich über 12 Wochen, an zwei unterschiedlichen, aber verwandten Personengruppen.
Bei 24 Menschen mit metabolischem Syndrom nach den Kriterien der International Diabetes Federation veränderten sich laut Abstract weder Insulinsekretion noch Insulinsensitivität, und die Komponenten des metabolischen Syndroms selbst, wozu Nüchternblutzucker und Blutdruck zählen, blieben ebenfalls unverändert. Körpergewicht, BMI und VLDL-Cholesterin sanken dagegen gegenüber dem eigenen Ausgangswert [3]. Bei 30 Menschen mit gestörter Glukosetoleranz im oralen Test sank der 2-Stunden-Wert im oralen Glukosetoleranztest von 9,1 auf 7,8 mmol pro Liter (p gleich 0,003) und der HbA1c-Wert von 5,8 auf 5,4 Prozent (p gleich 0,025), der Matsuda-Index für Insulinsensitivität stieg von 1,8 auf 2,4 (p gleich 0,008); der Nüchternblutzucker gehört dagegen nicht zu den im Abstract als signifikant verändert genannten Werten, obwohl er erhoben wurde [4]. Beide Angaben beziehen sich, soweit aus dem Abstract ersichtlich, auf die Veränderung gegenüber dem eigenen Ausgangswert. Ob der Unterschied auch gegenüber der Placebogruppe statistisch abgesichert war, teilen beide Abstracts nicht mit.
Die beiden Studien prüfen dieselbe Dosis über dieselbe Dauer, aber zwei unterschiedliche, wenn auch verwandte Personengruppen: Diagnose des metabolischen Syndroms gegenüber gestörter Glukosetoleranz im oralen Test. Nach Regel 17 zählt das als zwei verwandte, aber nicht identische Fragen, nicht als direkter Widerspruch, wenn die Ergebnisse auseinanderfallen. Beide Studien stammen zudem aus demselben Zentrum mit teils denselben Autoren (Zuñiga, González-Ortiz, Martínez-Abundis); das spricht für vergleichbare Methodik, es macht die beiden Studien aber auch nicht zu zwei unabhängig voneinander bestätigten Befunden, sondern zu zwei Auswertungen desselben Labors. Diese Lesart gilt in diesem Eintrag durchgehend, für Blutzucker, Insulinsensitivität und Körpergewicht gleichermaßen.
Eine dritte, aktiv statt placebokontrollierte Studie (Vergleich gegen Berberin, 400 mg Extrakt täglich ohne genannte Standardisierung, 50 übergewichtige Erwachsene, 3 Monate) fand im Gymnema-Arm gegenüber dem eigenen Ausgangswert eine signifikante Senkung von Nüchternblutzucker, Körperfettanteil, HbA1c und einen Anstieg des basalen Insulins (jeweils p kleiner 0,05); am Studienende lag der Nüchternblutzucker niedriger als im Berberin-Arm (86,43 plus/minus 7,85 gegenüber 116,44 plus/minus 7,37 mg pro dl, p gleich 0,0001), während sich HbA1c (5,50 plus/minus 0,28 gegenüber 5,68 plus/minus 0,25 Prozent, p gleich 0,40) und Insulin (19,43 plus/minus 13,80 gegenüber 15,76 plus/minus 13,50 Mikroeinheiten pro ml, p gleich 0,34) zwischen den beiden Armen nicht signifikant unterschieden; Körpergewicht und Blutdruck sanken nur im Berberin-Arm [5]; zum Selbstwiderspruch dieser Quelle beim Körpergewicht siehe unten. Eine ältere, nicht randomisierte Studie mit offener, selbstgewählter Gruppenzuteilung (500 mg täglich ohne genannte Standardisierung, 3 Monate, Menschen mit Typ-2-Diabetes) berichtet ebenfalls sinkenden Blutzucker und HbA1c gegenüber dem Ausgangswert, ist aber wegen der fehlenden Randomisierung methodisch die schwächste der zitierten Humanstudien [6].
Zwei Meta-Analysen stützen die Richtung, ohne die placebokontrollierte Frage zu klären. Eine, aus 10 Studien mit 419 Teilnehmenden, fand sinkenden Nüchternblutzucker (SMD 1,57, Intervall 2,22 bis minus 0,93, I-Quadrat 90 Prozent), postprandialen Blutzucker (SMD 1,04, Intervall 1,53 bis minus 0,54, I-Quadrat 80 Prozent) und HbA1c (SMD 3,91, Intervall 7,35 bis minus 0,16, I-Quadrat 99 Prozent) gegenüber dem Ausgangswert, jeweils p kleiner 0,0001; die Heterogenität liegt über diese drei Werte gerechnet zwischen 80 und 99 Prozent, und beim HbA1c reicht das Intervall fast bis an die Null [1]. Die zweite, aus 6 randomisierten Studien, fand ebenfalls sinkenden Nüchternblutzucker (p kleiner 0,001), nennt aber weder dafür noch für HbA1c oder den postprandialen Wert eine eigene Effektstärke im Abstract; ob die berichteten gewichteten mittleren Differenzen den Unterschied zur Kontrollgruppe oder die Veränderung gegenüber dem Ausgangswert meinen, geht aus dem frei verfügbaren Abstract nicht eindeutig hervor, der Volltext lag nicht vor. Diese zweite Übersicht benennt selbst "notable heterogeneity, low quality of studies, and lack of diversity among research participants" als Einschränkung [2]. Bei der schmalen Studienlage zu diesem Stoff, die praktisch aus denselben wenigen Arbeiten schöpft, wäre ein Enthaltensein von [3] und [4] in beiden Übersichtsarbeiten naheliegend. Für [2] bleibt das plausibel. Für [1] ist es dagegen fraglich: [1] beschränkt sich laut Titel und Abstract ausdrücklich auf Menschen mit Typ-2-Diabetes, während weder [3] (Diagnose metabolisches Syndrom nach IDF-Kriterien) noch [4] (gestörte Glukosetoleranz) diese Diagnose stellt. Ob [3] und [4] in [1] tatsächlich enthalten sind, ließ sich mangels Volltext nicht klären; soweit sie es sind, zählen [1], [3] und [4] als ein gemeinsamer, gepoolter Bestand, nicht als zusätzliche, unabhängige Bestätigung.
Eine placebokontrollierte, aber nicht auf den Reinstoff bezogene Arbeit verdient Erwähnung: Ein Kombinationspräparat aus Mais-Extrakt, Gymnema-sylvestre-Extrakt (standardisiert auf 25 Prozent Gymnemasäuren), Zink und Chrom senkte bei 81 Menschen mit leicht erhöhtem Nüchternblutzucker über 3 Monate sowohl den Nüchternblutzucker als auch HbA1c signifikant gegenüber Placebo (p kleiner 0,001), in einer von zwei geprüften Dosisgruppen (1 oder 2 Tabletten täglich, entsprechend 300 oder 600 mg G.-sylvestre-Extrakt). Welche der beiden Gruppen den signifikanten Effekt zeigte, lässt sich aus dem Volltext nicht zweifelsfrei klären, weil sich die Zuordnung von Gruppennummer zu Dosis zwischen der Zusammenfassung des Artikels und den Legenden seiner Ergebnistabellen widerspricht; Letztere deuten auf die höhere Dosis (2 Tabletten, 600 mg Extrakt, entsprechend 150 mg Gymnemasäure) hin [18]. Weil hier drei weitere Wirkstoffe mitwirken, ist das nach Regel 15 kein Beleg für Gymnema sylvestre allein, es zeigt aber, dass ein placebokontrollierter Effekt auf diese beiden Werte grundsätzlich nachweisbar ist, wenn er vorhanden ist, und dass eine Standardisierung des Gymnema-Anteils grundsätzlich üblich wäre.
Körpergewicht, Blutfette und Blutdruck
Körpergewicht und BMI sanken in beiden placebokontrollierten Guadalajara-Studien gegenüber dem Ausgangswert [3, 4]; wie oben begründet, zählen diese beiden Studien wegen desselben Labors nicht als zwei unabhängige Bestätigungen. Im Gymnema-Arm der aktiv kontrollierten Vergleichsstudie gegen Berberin (400 mg Extrakt täglich ohne genannte Standardisierung, 3 Monate) sank das Gewicht dagegen nicht signifikant gegenüber dem eigenen Ausgangswert, während der Berberin-Arm signifikant abnahm [5]; weil hier gegen einen Wirkstoff statt gegen Placebo verglichen wurde, ist das nach Regel 17 nicht exakt dieselbe Fragestellung wie in den beiden placebokontrollierten Studien. Im frei verfügbaren Volltext dieser Studie widerspricht sich der Text selbst: Der Ergebnisteil zählt das Körpergewicht im Gymnema-Arm nicht zu den gegenüber dem eigenen Ausgangswert signifikant veränderten Werten, ein Satz in der Diskussion behauptet dagegen, die Studie habe "auch gezeigt, dass GS das Patientengewicht signifikant reduzierte"; dieser Eintrag folgt dem ausgewiesenen Ergebnisteil, hält den Widerspruch aber fest. Eine systematische Übersicht über 14 placebokontrollierte Doppelblindstudien zu pflanzlichen Appetitzüglern zählt Gymnema sylvestre als Reinstoff nicht zu den überzeugenden Befunden; als Ausnahme nennt sie ausdrücklich nur eine Kombination mit Garcinia cambogia und urteilt insgesamt "the evidence is not convincing", eine Aussage über fehlende Evidenz, kein Gegenbefund [12].
Bei den Blutfetten zeigen beide Meta-Analysen [1, 2] und beide placebokontrollierten Einzelstudien [3, 4] übereinstimmend sinkende Werte für Triglyceride, Gesamt-, LDL- oder VLDL-Cholesterin gegenüber dem jeweiligen Ausgangswert, mit Effektstärken nur bei [1] (SMD 1,81, Intervall 2,95 bis minus 0,66, I-Quadrat 96 Prozent, für Triglyceride; SMD 4,10, Intervall 7,21 bis minus 0,99, I-Quadrat 98 Prozent, für Gesamtcholesterin, Einheit im Abstract ungewöhnlich als mg pro dl angegeben, hier wörtlich übernommen; LDL- Cholesterin wird dagegen nur von [2] als sinkend berichtet, nicht von [1]). Bei beiden Werten aus [1] reicht das Intervall fast bis an die Null heran, ebenso unpräzise wie der HbA1c-Wert derselben Übersichtsarbeit. Weil die beiden Meta-Analysen zeitlich nah beieinander liegen (Suchzeiträume bis Juni 2020 und bis November 2021) und beide auf derselben kleinen Zahl verfügbarer Primärstudien zu Gymnema sylvestre beruhen dürften, in die auch [3] und [4] wahrscheinlich eingehen, zählt das als ein gemeinsamer Beleg-Bestand, nicht als vier unabhängige Bestätigungen; für [1] gilt dabei derselbe Vorbehalt wie bei Blutzucker und HbA1c, weil sich die Übersicht ausdrücklich auf Typ-2-Diabetes beschränkt, während weder [3] noch [4] diese Diagnose stellt. In den beiden placebokontrollierten Einzelstudien sank zusätzlich das VLDL-Cholesterin gegenüber dem Ausgangswert (0,45 auf 0,35, im Abstract ungewöhnlich mit der Einheit mmol pro dl angegeben statt der eigentlich korrekten mmol pro Liter, hier wörtlich übernommen, n gleich 24, p gleich 0,05) beziehungsweise das LDL-Cholesterin, ohne Zahlenwert im Abstract [3, 4].
Beim diastolischen Blutdruck liegt kein Widerspruch vor, sondern eine einzelne, methodisch schwache positive Meta-Analyse ohne unabhängige Bestätigung oder echten Gegenbefund. Die Meta-Analyse aus 6 Studien fand eine Senkung (p gleich 0,003), warnt aber selbst vor "notable heterogeneity, low quality of studies, and lack of diversity among research participants"; ob sich der Wert auf den Unterschied zur Kontrollgruppe oder die Veränderung gegenüber dem Ausgangswert bezieht, bleibt mangels Volltext offen [2]. Die placebokontrollierte Studie bei metabolischem Syndrom hat den Blutdruck nicht als eigenen Zahlenwert berichtet, sondern nur zusammenfassend, dass sich die Komponenten des metabolischen Syndroms nicht änderten; daraus einen eigenen Blutdruck-Nullbefund abzuleiten wäre eine Schlussfolgerung, kein berichtetes Ergebnis [3]. Die Vergleichsstudie gegen Berberin (ohne genannte Standardisierung) hat keinen Placeboarm: Am Studienende war der Blutdruck im Berberin-Arm niedriger als im Gymnema-Arm (diastolisch 72,80 plus/minus 7,91 gegenüber 83,20 plus/minus 11,53 mmHg, p gleich 0,003; systolisch 112,72 plus/minus 7,67 gegenüber 119,20 plus/minus 12,22 mmHg, p gleich 0,02), und der diastolische Blutdruck gehörte im Gymnema-Arm auch gegenüber dem eigenen Ausgangswert nicht zu den signifikant veränderten Werten, im Berberin-Arm dagegen schon; das zeigt, dass Berberin stärker senkt, nicht ob Gymnema selbst senkt [5].
Süßgeschmackswahrnehmung, Zuckerverlangen und Verzehr
Dieser Abschnitt trennt zwei Dinge, die in Werbetexten oft vermischt werden: die unmittelbare, gemessene Unterdrückung des Süßgeschmacks auf der Zunge und eine mögliche Wirkung auf Appetit, Verlangen oder Körpergewicht. Nur die erste ist mehrfach unabhängig belegt, und zwar aus drei voneinander unabhängigen Studienbeständen: Cornell University [7], die Prefectural University of Hiroshima mit gemeinsamen Autoren Fukuba und Kashima in zwei Arbeiten [8, 9], und Massey University in Neuseeland mit zwei Arbeiten [10, 11]. Alle fünf Studien setzen den Extrakt ausschließlich im Mund ein, als Tee, Mundspülung oder Lutschbonbon; eine Arbeit weist die Teilnehmenden ausdrücklich an, die Lösung nicht zu schlucken [9]. Keine der Arbeiten hat eine geschluckte Kapsel für diesen Endpunkt geprüft.
An der Cornell University senkte eine gymnemhaltige Tee-Zubereitung bei 51 gesunden Erwachsenen die empfundene Süße-Intensität und die Vorliebe für süße Lebensmittel deutlich (je p kleiner 0,001) und verschob die als angenehm empfundene Zuckerkonzentration nach oben; eine 1-prozentige Reduktion der Süßeempfindung war mit einer Zunahme der bevorzugten Zuckerkonzentration um 0,40 g pro Liter assoziiert (p kleiner 0,001) [7]. Ein Konfidenzintervall nennt das Abstract nicht, ebenso wenig die beiden folgenden Studien; die sensorischen Arbeiten zu diesem Endpunkt berichten durchgehend nur p-Werte.
Zwei japanische Arbeiten mit Mundspülung vor dem Verzehr bestätigen die gedämpfte Süßeempfindung. In der einen ging das mit verzögerter Magenentleerung und niedrigerem Blutzucker- und Insulinanstieg direkt nach reiner Glukoseaufnahme einher, allerdings nur bei einem akuten Einzelversuch an 9 Personen und nur bei Glukose, nicht bei dem kalorienfreien Süßstoff Aspartam [8]. In der anderen blieben Magenentleerung, Blutzucker, Insulin und Appetitindizes beim Verzehr echter süßer Lebensmittel unverändert, obwohl die Süßeempfindung auch dort nachweislich gedämpft war (n gleich 15); zusätzlich berichtet diese Studie einen gegenläufigen Nebenbefund, der in Werbetexten selten erwähnt wird: In der Phase nach dem Essen war die Zufriedenheit unter Gymnema-Vorbehandlung niedriger als unter der Kontrollbehandlung, mit einem signifikanten Haupteffekt der Vorbehandlung (p kleiner 0,05); für das Verlangen nach Süßem war der Haupteffekt der Vorbehandlung laut Volltext dagegen nicht signifikant, dort waren nur die Zeit und die Wechselwirkung von Zeit und Vorbehandlung signifikant, bei numerisch höheren Werten unter Gymnema als unter Kontrolle [9]. Diese zweite, sorgfältiger auf reale Lebensmittel statt auf reine Glukoselösung angelegte Studie ist die eigentliche widerlegende Arbeit für die Annahme, gedämpfter Süßgeschmack führe automatisch zu weniger Appetit, weniger Blutzuckeranstieg oder weniger Verlangen nach Süßem.
Für Zuckerverlangen und tatsächlichen Verzehr als eigenen, über die reine Geschmacksmessung hinausgehenden Endpunkt gibt es zwei kleine Studien derselben Massey-Arbeitsgruppe, beide mit gymnemhaltigen Pastillen zur Anwendung im Mund. Das feste Schema sah drei Anwendungen täglich vor, entsprechend den hier genannten 12 mg Extrakt beziehungsweise 9 mg Gymnemasäuren; das freie Schema erlaubte bis zu sechs Anwendungen täglich; das ist ein Bruchteil der 300 bis 600 mg geschluckten Extrakts in den Stoffwechselstudien, und keine der beiden Anwendungsformen lässt sich ohne Weiteres auf die andere übertragen. In der ersten (n gleich 58, 14 Tage, festes Schema) aß die Interventionsgruppe direkt nach der ersten Einnahme weniger Schokolade (2,65 plus/minus 0,21 gegenüber 3,15 plus/minus 0,24 Riegeln, p gleich 0,022), nach 14 Tagen war der Unterschied zur Kontrollgruppe verschwunden. Die Interventionsgruppe erhielt zusätzlich zur Pastille ein Pulver mit Ballaststoffen, Vitamin D, Thiamin, Vitamin B6, Vitamin B12, Magnesium, Zink und Chrom sowie einen bestimmten Ernährungsratgeber; die Kontrollgruppe erhielt ein Placebopulver und einen anderen, öffentlich verfügbaren Ernährungsratgeber. Die beiden Gruppen unterscheiden sich damit in drei Bestandteilen, nicht nur in der Pastille, weshalb sich der Effekt nach Regel 15 nicht sauber allein der Pastille zuschreiben lässt. Die Studie wurde vollständig vom Hersteller der Pastille, Nu Brands Inc., finanziert; ein eigener Interessenkonflikt der Autoren ist nicht vermerkt [10]. In der zweiten (n gleich 32, Crossover, zwei Dosierschemata gegen Placebo, Pastillen ebenfalls kostenlos von Nu Brands Inc. gestellt, laut der zugehörigen qualitativen Arbeit ohne Rolle des Herstellers bei Design, Auswertung oder Publikation) senkte ein freies, häufiges Einnahmeschema (bis zu 6 Pastillen täglich nach Bedarf) den Konsum zuckergesüßter Getränke um 42 Prozent (p gleich 0,015) und das berichtete Süßverlangen um 28 Prozent (p gleich 0,045) gegenüber der Placebophase; alle Teilnehmenden durchliefen diese Placebophase laut der zugehörigen Arbeit systematisch zuerst, bevor sie den beiden Gymnema-Schemata in zufälliger Reihenfolge zugewiesen wurden, die Prozentwerte sind also gegen eine stets an erster Stelle stehende, nicht gegen eine in der Reihenfolge ausbalancierte Placebophase gerechnet. Ein festes Einnahmeschema zu 3 festen Zeiten erreichte für diese beiden Endpunkte keine Signifikanz, senkte aber ebenso wie das freie Schema die empfundene Angenehmheit (p kleiner 0,005) und das Verlangen nach einer weiteren Portion Schokolade (p gleich 0,005) [11]; das feste Schema war damit bei zwei von vier geprüften Endpunkten signifikant. Eine qualitative Nachauswertung derselben Crossover-Studie an 7 Teilnehmenden berichtet für beide Einnahmeschemata übereinstimmend, dass zuckergesüßte Lebensmittel unangenehmer zu essen wurden und achtsameres Essverhalten zunahm [17]; diese kleine, unkontrollierte Zusatzauswertung stützt die Richtung, ist aber zu klein und zu wenig kontrolliert, um selbst eine Stufe zu tragen. Dem steht ein Gegenbefund aus der reinen Geschmacksdämpfung gegenüber: In einer der beiden japanischen Mundspülungsstudien war das Verlangen nach Süßem nach dem Essen unter Gymnema eher höher statt niedriger, ohne signifikanten Haupteffekt der Vorbehandlung [9], siehe oben. Der Verhaltenseffekt ist insgesamt kleiner, uneinheitlicher und deutlich weniger gesichert als der reine Geschmackseffekt, von dem er abhängt.
Tier- und Laborstudien
Zwei der oben gelisteten Wirkungszeilen beruhen ausschließlich auf Labor- oder Tierdaten und sind dort bereits als eigene Zeilen mit der Stufe "Nur Labor und Tier" geführt: die Hemmung von Verdauungsenzymen im Laborversuch [13] und die Senkung von oxidativem Stress bei diabetischen Ratten [14]. Bei [13] gilt der berichtete Ki-Wert (0,0028 Mikromol) für die Hemmung der Hefe-Alpha-Glucosidase, nicht für ein menschliches Darmenzym, und die Autoren selbst formulieren die kompetitive Hemmung als Möglichkeit ("possibly displayed competitive mode of inhibition"), nicht als gesichert. Die im selben Text berichteten IC50-Werte für die Hemmung von Saccharase und Maltase aus tierischem Darmgewebe (74,07 plus/minus 5,11 beziehungsweise 5,69 plus/minus 0,02 Mikrogramm pro ml) stammen laut eigener Angabe der Autoren aus einer früheren Arbeit derselben Gruppe und wurden für diese In-silico-Arbeit nicht neu gemessen. Zusätzlich liegen zwei Tierstudien zu einer möglichen Wechselwirkung mit Medikamenten vor, siehe Abschnitt Sicherheit. Aus Zell- und Tierdaten folgt grundsätzlich keine Aussage über die Wirkung beim Menschen.
Sicherheit und Wechselwirkungen
Gurmar wird traditionell gerade wegen einer blutzuckersenkenden Wirkung eingesetzt, und mehrere der oben zitierten Humanstudien finden zumindest in einem Studienarm tatsächlich sinkende Blutzuckerwerte. Daraus ergibt sich eine plausible, aber am Menschen nicht direkt geprüfte Wechselwirkung mit Medikamenten, die über dieselben Enzyme abgebaut werden. Zwei Tierstudien mit einem Ethanolextrakt ohne genannte Gymnemasäure-Standardisierung stützen das: Eine In-vivo-Studie an Ratten (400 mg Extrakt pro kg Körpergewicht über 7 Tage) fand, dass dieser Ethanolextrakt aus Gymnema sylvestre die Verstoffwechselung von drei Testsubstanzen veränderte. Für Phenacetin, den Marker für CYP1A2, stiegen sowohl die Fläche unter der Konzentrations-Zeit-Kurve als auch die maximale Plasmakonzentration signifikant, was die Autoren als Hemmung von CYP1A2 deuten. Für Tolbutamid, den Marker für CYP2C9, sanken dagegen sowohl die Fläche unter der Kurve (je nach Dosis um 57,5 bis 59,8 Prozent) als auch die Clearance (um das 2,3- bis 2,4-fache) und die maximale Plasmakonzentration gegenüber der jeweiligen Kontrollgruppe ohne Extrakt; eine gesunkene Fläche unter der Kurve bei gleichzeitig gesunkener Clearance ist für eine einfache Enzymhemmung ein ungewöhnliches Muster, aus dem sich keine eindeutige Richtung für ein erhöhtes oder vermindertes Risiko einer verstärkten Blutzuckersenkung ableiten lässt. Für Amlodipin, den Marker für CYP3A4, fand sich kein signifikanter Effekt. Die Autoren selbst schließen aus ihren Daten auf eine Wechselwirkung mit CYP1A2, gestützt auf den Phenacetin-Befund, nicht auf eine bestimmte Richtung bei Tolbutamid [15]. Eine In-vitro-Studie an Rattenlebermikrosomen fand darüber hinaus, dass Extrakte und eine gymnemsäurenangereicherte Fraktion aus Gymnema sylvestre mehrere Cytochrom-P450-Aktivitäten hemmen, gemessen an Markerreaktionen für CYP3A4, CYP2C9 und CYP2D6 (IC50-Werte je nach Extrakt und Markerreaktion zwischen etwa 15 und 50 Mikrogramm pro ml), mit dem ausdrücklichen Hinweis der Autoren auf ein mögliches Interaktionspotenzial mit anderen, über dieselben Enzyme verstoffwechselten Medikamenten [19]. Eine Humanstudie zu einer dieser Wechselwirkungen wurde nicht gefunden (Suche: "Gymnema sylvestre" "drug interaction" (ohne Beschränkung auf Humanstudien, alle Publikationstypen), 1 Treffer, die unter [15] genannte Tierstudie; Suche: "Gymnema sylvestre" "cytochrome P450" (unter Einbeziehung von Labor- und Tierstudien), 1 Treffer, die unter [19] genannte Laborstudie).
Am häufigsten berichteten die ausgewerteten Humanstudien Magen-Darm- Beschwerden als Nebenwirkung. In der einzigen Studie mit einzeln aufgeschlüsselten Häufigkeiten (Vergleich gegen Berberin, 400 mg Extrakt täglich ohne genannte Standardisierung) traten im Gymnema-Arm häufiger Nebenwirkungen auf als im Berberin-Arm: weicherer Stuhl bei 52 Prozent, Dysgeusie (veränderte Geschmackswahrnehmung) bei 40 Prozent, Polydipsie bei 36 Prozent, Durchfall bei 28 Prozent, Reflux bei 28 Prozent und Übelkeit bei 20 Prozent der Teilnehmenden, außerdem vereinzelt berichtete Effekte wie allgemeines Unwohlsein, Schlafstörungen und Herzklopfen; die Symptome schwächten sich in beiden Gruppen im ersten Behandlungsmonat ab [5]. Dysgeusie ist bei einem Stoff, dessen am besten belegte Wirkung genau die Geschmackswahrnehmung verändert, kein zufälliger Nebenbefund. Die placebokontrollierten Guadalajara-Studien berichten Nebenwirkungen dagegen nur allgemein als gut vertragen, ohne Einzelzahlen und ohne eigene Standardisierungsangabe [3, 4]. Diese Einschätzung "gut vertragen" bezieht sich ausschließlich auf diese beiden kurzen, placebokontrollierten Stoffwechselstudien; weder die aktiv kontrollierte Vergleichsstudie mit den oben genannten häufigen Beschwerden [5] noch der im Folgenden beschriebene Fallbericht sind davon erfasst.
Ein gemeldeter Fallbericht beschreibt zwei getrennt exponierte Personen mit einer toxischen Hepatitis, gefolgt von einer aplastischen Anämie, beide Verläufe tödlich. Anders als der Titel der Arbeit nahelegen könnte, handelt es sich nicht um eine gleichzeitige Einnahme beider Mittel durch dieselbe Person: Die erste Person nahm ausschließlich homöopathische Urtinkturen (Sarsaparilla und Berberis, je als Mother-Tincture-Q-Zubereitung) ein, ohne weitere komplementärmedizinische Präparate. Die zweite Person nahm ausschließlich ein gepulvertes Gymnema-sylvestre-Extrakt ein, 4 g täglich in zwei Einzeldosen geschluckt, das Sechs- bis Dreizehnfache der in den Stoffwechselstudien dieses Eintrags geprüften Extraktmengen, ebenfalls ohne weitere komplementärmedizinische Präparate. Die Kausalitätsbewertung nach dem Roussel-Uclaf-Verfahren (RUCAM), gestützt auf Leberbiopsie, Knochenmarkbiopsie sowie ein durchweg negatives Panel für hepatotrope und nicht-hepatotrope Viren, Autoimmundiagnostik und paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie, ergab bei beiden Personen eine "wahrscheinliche" arzneimittelbedingte Leberschädigung. Die Autoren fanden allerdings in der chemischen Analyse der eingenommenen ayurvedischen Zubereitung hohe Gehalte an Quecksilber, Blei und Arsen und nennen als mögliche alternative oder zusätzliche Erklärung auch zytotoxische und immunstimulierende Eigenschaften von Gymnemasäuren und Gurmarin; ob die schwere Komplikation auf den Reinstoff, auf die Schwermetallbelastung dieser konkreten, nicht standardisierten Pulverzubereitung oder auf beides zurückgeht, lässt sich aus dem Fallbericht nicht trennen. Der Bericht zeigt damit kein untersuchtes Risiko einer standardisierten, geschluckten Kapsel in den sonst in diesem Eintrag berichteten, deutlich niedrigeren Dosierungen, sondern eine gemeldete, formal bewertete schwere Komplikation nach hochdosierter Einnahme eines möglicherweise schwermetallbelasteten Pulvers, deren alleinige Zuschreibung an den Reinstoff weder bestätigt noch entkräftet ist [20].
Zugelassene gesundheitsbezogene Angabe. Für Gymnema sylvestre oder Gurmar ist nach der EU-Verordnung 432/2012, die alle nach Artikel 13 Absatz 3 der Verordnung (EG) 1924/2006 zugelassenen gesundheitsbezogenen Angaben auflistet, keine Angabe zugelassen; weder der Stoff noch die Pflanze kommen im Anhang der Verordnung vor [16]. Pflanzenbezogene Angaben ("Botanicals") stehen weiterhin auf der Liste der zurückgestellten Angaben und wurden von der EFSA bisher nicht abschließend bewertet. Eine eigene Prüfung, ob eine behördliche Obergrenze für die tägliche Aufnahme von Gymnema-sylvestre-Extrakt existiert, wurde für diesen Eintrag nicht durchgeführt; wir haben ausschließlich mit dem PubMed-Zugriff dieses Kompendiums recherchiert und keine Berichte von EFSA, BfR oder vergleichbaren Behörden geprüft.
Quellen zum Nachlesen
-
01
Meta-Analyse aus 10 Studien, 419 Teilnehmende, Werte gegenüber dem Ausgangswert · 2021
The effect of Gymnema sylvestre supplementation on glycemic control in type 2 diabetes patients. A systematic review and meta-analysis.
Devangan S, Varghese B, Johny E, Gurram S, Adela R. Phytother Res
-
02
Systematische Übersicht und Meta-Analyse aus 6 randomisierten Studien · 2023
The effects of Gymnema Sylvestre supplementation on lipid profile, glycemic control, blood pressure, and anthropometric indices in adults. A systematic review and meta-analysis.
Zamani M, Ashtary-Larky D, Nosratabadi S, Bagheri R, Wong A, Rafiei MM, Asiabar MM, Khalili P, Asbaghi O, Davoodi SH. Phytother Res
-
03
Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie, n gleich 24, Personen mit MetS nach IDF-Kriterien, 12 Wochen · 2017
Effect of Gymnema sylvestre Administration on Metabolic Syndrome, Insulin Sensitivity, and Insulin Secretion.
Zuñiga LY, González-Ortiz M, Martínez-Abundis E. J Med Food
-
04
Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie, n gleich 30, gestörte Glukosetoleranz, 12 Wochen · 2021
Effect of Gymnema sylvestre Administration on Glycemic Control, Insulin Secretion, and Insulin Sensitivity in Patients with Impaired Glucose Tolerance.
Gaytán Martínez LA, Sánchez-Ruiz LA, Zuñiga LY, González-Ortiz M, Martínez-Abundis E. J Med Food
-
05
Randomisierte, aktiv kontrollierte Studie (Vergleich gegen Berberin, kein Placebo), n gleich 50, 3 Monate, finanziert von Instituto Politecnico Nacional und CONACyT (Mexico), kein Interessenkonflikt erklärt · 2024
Comparative Effects of Gymnema sylvestre and Berberine on Adipokines, Body Composition, and Metabolic Parameters in Obese Patients. A Randomized Study.
Bandala C, Carro-Rodríguez J, Cárdenas-Rodríguez N, Peña-Montero I, Gómez-López M, Hernández-Roldán AP, Huerta-Cruz JC, Muñoz-González F, Ignacio-Mejía I, Domínguez B, Lara-Padilla E. Nutrients
- 06
- 07
- 08
-
09
Randomisierte akute Einzelversuchsstudie, n gleich 15 · 2020
Suppression of Oral Sweet Sensations during Consumption of Sweet Food in Humans. Effects on Gastric Emptying Rate, Glycemic Response, Appetite, Food Satisfaction and Desire for Basic Tastes.
Kashima N, Kimura K, Nishitani N, Yamaoka Endo M, Fukuba Y, Kashima H. Nutrients
-
10
Randomisierte, placebokontrollierte Studie, n gleich 58, 14 Tage; Intervention war ein Dreierpaket aus Gymnema-Pastille, Ballaststoff-Vitamin-Pulver und Ernährungsratgeber gegen Placebopastille, Placebopulver und anderen Ratgeber; vollständig finanziert vom Pastillenhersteller Nu Brands Inc. · 2022
The Effect of a 14-Day gymnema sylvestre Intervention to Reduce Sugar Cravings in Adults.
Turner S, Diako C, Kruger R, Wong M, Wood W, Rutherfurd-Markwick K, Stice E, Ali A. Nutrients
- 11
-
12
Systematische Übersicht aus 14 randomisierten, doppelblinden Studien zu pflanzlichen Appetitzüglern · 2013
Plant extracts with appetite suppressing properties for body weight control. A systematic review of double blind randomized controlled clinical trials.
Astell KJ, Mathai ML, Su XQ. Complement Ther Med
Zur Zuschreibung: 05
- 13
- 14
- 15
-
16
Rechtsakt (Liste zulässiger gesundheitsbezogener Angaben nach Artikel 13 Absatz 3 der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006), weder Gymnema sylvestre noch Gurmar in der Liste enthalten · 2012
Verordnung (EU) Nr. 432/2012 zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel als Angaben über die Reduzierung eines Krankheitsrisikos sowie die Entwicklung und die Gesundheit von Kindern.
Europäische Kommission. Amtsblatt der Europäischen Union L 136/1
-
17
Qualitative Nachauswertung derselben randomisierten, placebokontrollierten Crossover-Studie wie Quelle 11, n gleich 7; Pastillen kostenlos vom Hersteller Nu Brands Inc. gestellt, laut Erklärung der Autoren ohne Rolle bei Design, Auswertung oder Publikation, keine externe Finanzierung, kein Interessenkonflikt erklärt; alle Teilnehmenden durchliefen die Placebophase systematisch zuerst · 2025
The Effect of Gymnema Sylvestre on Motivation to Consume Sweet Foods-A Qualitative Investigation.
Nelson I, Kruger R, Hsiao D, Stice E, Ali A. Nutrients
Zur Zuschreibung: 09
-
18
Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie an einem Kombinationspräparat (Zea mays, Gymnema sylvestre, Zink, Chrom), kein Reinstoff, n gleich 81, 3 Monate, drei Gruppen (2 Tabletten FS, 1 Tablette FS plus 1 Placebo, 2 Placebo), Gymnema-Anteil standardisiert auf 25 Prozent Gymnemasäuren, 300 oder 600 mg G.-sylvestre-Extrakt je nach Gruppe; finanziert von der Region Lombardei (Italien), kein Interessenkonflikt erklärt · 2024
Efficacy and Tolerability of a Food Supplement Based on Zea mays L., Gymnema sylvestre (Retz.) R.br.ex Sm, Zinc and Chromium for the Maintenance of Normal Carbohydrate Metabolism: A Monocentric, Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Clinical Trial.
Buccato DG, Ullah H, De Lellis LF, Morone MV, Larsen DS, Di Minno A, Cordara M, Piccinocchi R, Baldi A, Greco A, Santonastaso S, Sacchi R, Daglia M. Nutrients
- 19
-
20
Fallbericht, 2 getrennt exponierte Patienten (kein gleichzeitiger Gebrauch beider Präparate durch dieselbe Person), Patient 2 mit 4 g/Tag geschlucktem, ungestandardisiertem Gymnema-sylvestre-Pulver allein, chemisch nachgewiesen mit Quecksilber, Blei und Arsen belastet, RUCAM-Kausalitätsbewertung "wahrscheinlich" arzneimittelbedingt bei beiden Patienten, beide Verläufe tödlich · 2022
Toxic hepatitis-associated aplastic anaemia after dual homeopathic remedies and Gymnema sylvestre use.
Philips CA, Theruvath AH, Ravindran R. BMJ Case Rep
Bei H.P.N
Diesen Inhaltsstoff findest Du in: