L-Leucin
Zuletzt geprüft am
Aminosäuren
Leucin · L-Leu · Leu · BCAA
Auf einen Blick
- Was es ist
- Eine proteinogene, essenzielle, verzweigtkettige Aminosäure (BCAA, branched-chain amino acid). Der Körper kann sie nicht selbst herstellen
- Vorkommen
- Natürlicher Bestandteil von Molkenprotein, anderen Milcheiweißen, Fleisch, Eiern und Hülsenfrüchten. Von den drei BCAA (Leucin, Isoleucin, Valin) ist Leucin die mengenmäßig größte und die mit dem stärksten eigenständigen Effekt auf die Signalkette der Muskelproteinsynthese
- Wirkform in Studien
- Die hier ausgewerteten Humanstudien setzen freies, kristallines L-Leucin oral ein, entweder als alleinige Zugabe zu einer Mahlzeit, als Teil einer vollständigen Aminosäuremischung oder rechnerisch aus dem Leucin-Anteil eines Eiweißpräparats (Molkenprotein, Casein) ermittelt. Diese drei Zufuhrwege sind unterschiedliche Interventionen und werden in der Wirkungstabelle getrennt geführt. Eine Ausnahme, die die Bezeichnung "reines Leucin" einschränkt, die zentrale akute Studie zu älteren Menschen (Rieu et al.) mischte der Leucin-Zulage laut Studienprotokoll gezielt kleine Mengen Isoleucin und Valin bei, um deren Plasmaspiegel konstant zu halten, das ist keine Gabe von isoliertem Leucin allein, siehe die betroffene Wirkungszeile
- Übliche Studiendosis
- Akute Stimulationsstudien zur Muskelproteinsynthese arbeiten mit 3 bis 5 Gramm als Einzeldosis, meist zu einer Mahlzeit, oder mit 2 bis 3 Gramm je Mahlzeit als beschriebene Wirkschwelle. Zwei Studien zu freiem Leucin bei älteren Männern verwendeten 2,5 Gramm dreimal täglich (7,5 Gramm pro Tag) über 3 beziehungsweise 6 Monate. Die Laufzeit von 10 Tagen bis 2 Jahren stammt aus der gepoolten Literatur zu unterschiedlichen Aminosäure- und Eiweißpräparaten. Gesonderte Verträglichkeitsstudien prüften akute Einzeltagesdosen von 50 bis 1250 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht, bei 70 Kilogramm also bis rund 87,5 Gramm
- Zusammenspiel
- Leucin, Isoleucin und Valin konkurrieren um denselben Aminosäuretransporter in Darm und Muskel sowie um dieselben Abbau-Enzyme. Eine hohe Leucin-Zufuhr ohne die beiden anderen BCAA senkte beim Menschen ab bestimmten Schwellenwerten deren Plasmaspiegel, beschrieben in zwei unkontrollierten, dosis-eskalierenden Humanstudien ohne Placebo-Arm, siehe die eigene Wirkungszeile dazu
- Verträglichkeit
- Der Tagesbedarf (EAR) für Leucin wird mit 2,4 g/Tag angegeben, die Zufuhrempfehlung (RDA) mit 2,9 g/Tag, über die normale Ernährung nehmen gut versorgte Erwachsene im Mittel bereits 5,6 bis 6,9 g/Tag auf. In Dosis-Eskalationsstudien blieben Glukose, Insulin, Leberwerte und Nierenwerte bis 1250 mg/kg/Tag im Referenzbereich, ein Teilnehmer schied jedoch bei 1000 mg/kg/Tag wegen Magen-Darm-Beschwerden aus der Studie aus, und oberhalb von rund 500 mg/kg/Tag stieg die Blutammoniak-Konzentration über den Normalwert. Eine aktuelle Übersichtsarbeit nennt als Obergrenze für die Gesamtzufuhr aus Nahrung und Supplementen bei gesunden jungen Erwachsenen 35 g/Tag und bei älteren Menschen 30 g/Tag (der Unterschied ist laut derselben Quelle statistisch nicht gesichert), jeweils auf Basis eigener Dosis-Eskalationsstudien mit Umschlagpunkten von 550 beziehungsweise 431 mg/kg/Tag. Diese gesamte Dosis-Eskalationsreihe wurde nach eigener Angabe der Autorin von 2012 bis 2022 vom Industrieverband ICAAS gesponsert, siehe den Abschnitt Sicherheit
- Kraft- und Muskelaufbau je nach Ausgangslage
- Eine narrative Übersichtsarbeit zu bildgebend gemessener Muskelhypertrophie (nicht leucinspezifisch, 46 eingeschlossene Studien zu Protein und Aminosäuren allgemein) beschreibt eine Sättigungsschwelle bei etwa 2 bis 3 Gramm Leucin je Mahlzeit beziehungsweise 1,6 bis 2,0 g Protein pro kg Körpergewicht und Tag, oberhalb derer zusätzliche Zufuhr in den dort ausgewerteten Studien kaum noch zusätzlichen Muskelaufbau bringt
Was diesem Stoff zugesprochen wird
Was die Studien hergeben.
Jede Zuschreibung hat ihre eigene Bewertung. So liest Du die Studienlage.
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01
Akute Stimulation der Muskelproteinsynthese durch Leucin mit Ausgleich von Isoleucin und Valin, zusätzlich zu einer Mahlzeit bei älteren Menschen, aus einer einzelnen Studie
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Randomisierte Studie an 20 gesunden älteren Männern (70 Jahre), die über 5 Stunden entweder eine vollständige, ausgewogene Ernährung oder dieselbe Ernährung mit einer Leucin-Zulage (0,052 g/kg, bei 70 kg rund 3,6 g) erhielten, gemessen per Phenylalanin-Isotopentechnik mit Muskelbiopsien aus dem Musculus vastus lateralis. Wichtig für die Einordnung, laut Studienprotokoll enthielt die Leucin-Diät zusätzlich kleine Mengen Isoleucin (0,0116 g/kg) und Valin (0,0068 g/kg), um deren Plasmaspiegel auf dem normalen postprandialen Niveau zu halten, es handelt sich also nicht um eine Gabe von isoliertem Leucin allein. Die Autoren begründen diesen Zusatz in der Diskussion damit, dass eine alleinige Leucin-Zufuhr sonst über das "gut beschriebene Phänomen des Verzweigtketten-Aminosäuren-Antagonismus" die Plasmaspiegel von Isoleucin und Valin senken und dadurch die Proteinsynthese wieder limitieren könnte (siehe die eigene Wirkungszeile dazu). Die myofibrilläre Syntheserate lag unter der Leucin-Zulage bei 0,083 ± 0,008 Prozent pro Stunde gegenüber 0,053 ± 0,009 Prozent pro Stunde in der Kontrollgruppe (p kleiner 0,05, kein Konfidenzintervall im Abstract genannt), ein Unterschied, der laut den Autoren allein auf den höheren Plasma-Leucin-Spiegel zurückzuführen ist, da sich die übrigen Aminosäurekonzentrationen zwischen den Gruppen nicht unterschieden. Eine spätere Meta-Analyse bei älteren Menschen (Xu und Kollegen, 9 eingeschlossene randomisierte Studien) wurde für diese Prüfung im Volltext beim Verlag gelesen. Rieu et al. gehört nicht zu diesen 9 Studien, sondern wird dort nur in der Einleitung zitiert. Die gepoolte Erhöhung der Muskelproteinsyntheserate (standardisierte Differenz 1,08, 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,50 bis 1,67, p kleiner 0,001) stammt zudem nicht aus allen 9 Studien, sondern aus genau 4 davon (Katsanos, Ferrando, Dillon und Deutz), und keine dieser 4 gab freies Leucin, alle gaben eine leucinangereicherte Aminosäure- oder Eiweißmischung. Diese Meta-Analyse bestätigt die hier beschriebene Intervention also nicht, ihr gepoolter Wert gehört der Sache nach in die folgende Zeile zu angereicherten Mischungen. Damit ruht diese Zeile auf einer einzigen Primärstudie, deshalb steht sie auf Hinweise statt auf belegt [5]. Keine der beiden Quellen sagt etwas darüber aus, ob sich der akute Effekt über Wochen in mehr Muskelmasse übersetzt, das ist eine eigene Frage, siehe die Zeile zu Muskelmasse und Kraft weiter unten
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02
Akute Stimulation der Muskelproteinsynthese durch eine mit Leucin angereicherte Aminosäure- oder Eiweißmischung
BelegtEinordnung und Einschränkungen
Kontrollierte Studie (laut Publikationstyp kein randomisiertes Design) an je 2 Gruppen jüngerer und älterer Menschen, die 6,7 Gramm einer essenziellen Aminosäuremischung mit dem Leucin-Anteil von Molkenprotein (26 Prozent) oder mit erhöhtem Leucin-Anteil (41 Prozent) erhielten. Bei den Älteren stieg die Muskelsyntheserate nur unter der auf 41 Prozent erhöhten Mischung an (von 0,038 auf 0,056 Prozent pro Stunde, p kleiner 0,05), unter der 26-Prozent-Mischung (dem naturüblichen Molken-Verhältnis) blieb sie unverändert (0,044 auf 0,049 Prozent pro Stunde, p grösser 0,05). Bei den Jüngeren stieg die Syntheserate unter beiden Mischungen. Das Abstract nennt dafür kein Konfidenzintervall, nur Mittelwerte mit Standardfehler und p-Werte [2]. Eine zweite, randomisierte, doppelblinde Studie an 40 jungen Männern nach einseitigem Kniestreck-Krafttraining bestätigt den dosisabhängigen Zusammenhang, ein niedrig dosiertes Molkenprotein (6,25 g, 0,75 g Leucin) erreichte erst nach Anreicherung auf 5,0 g Gesamtleucin eine ähnlich hohe Muskelsyntheserate (rund 220 Prozent über dem Ausgangswert) wie eine hochdosierte Molkenprotein-Portion (25 g, 3,0 g Leucin, rund 267 Prozent über dem Ausgangswert, p=0,002 für den Gruppenvergleich), während die niedrig dosierte, nicht angereicherte Portion deutlich schwächer wirkte; auch hier nennt das Abstract kein Konfidenzintervall. Bei dieser zweiten Studie sind 4 der 11 Autoren dem Nestlé Research Centre (Nestec Ltd, Lausanne) zugeordnet, und der Schlusssatz des Abstracts formuliert das Ergebnis ausdrücklich mit Blick auf die Rezeptur von Eiweiß-Getränken ("important implications for formulations of protein beverages"); ein gesonderter Interessenkonflikt-Abschnitt fehlt in der Publikation [3]. Wie bei der vorigen Zeile sagt keine der beiden Studien etwas darüber aus, ob sich der akute Effekt über Wochen in mehr Muskelmasse übersetzt, das ist eine eigene Frage, siehe unten
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03
Muskelmasse und Kraft nach Wochen bis Monaten reiner (freier) Leucin-Gabe bei älteren Menschen mit ausreichender Eiweißzufuhr, ohne Effekt gegenüber Placebo
Nicht bestätigtEinordnung und Einschränkungen
Eine Meta-Analyse aus 9 randomisierten Studien zu Leucin-Supplementierung bei älteren Menschen fand zwar eine signifikant erhöhte Muskelproteinsyntheserate (siehe die erste Zeile oben), aber keinen Unterschied bei der fettfreien Körpermasse (standardisierte Differenz 0,18, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 0,18 bis 0,54, p=0,318) oder der Beinmuskelmasse (standardisierte Differenz 0,006, CI minus 0,32 bis 0,44, p=0,756) gegenüber Kontrollgruppen. Die obere Grenze dieser Intervalle (0,54 beziehungsweise 0,44) schliesst einen moderaten Effekt statistisch nicht sicher aus, das Konfidenzintervall der Meta-Analyse allein trägt die Einstufung "nicht bestätigt" deshalb nicht [5]. Die Autoren dieser Meta-Analyse selbst ziehen eine positive Gesamtschlussfolgerung ("leucine supplementation is useful to address the age-related decline in muscle mass"), gestützt auf die erhöhte Syntheserate, nicht auf die hier bewerteten Masse- und Kraft-Endpunkte; diese Einordnung weicht damit von der hier vorgenommenen Bewertung ab. Zwei einzelne, randomisierte, plazebokontrollierte Studien mit direkt gemessenen, engen Werten stützen den Nullbefund für Masse und Kraft deutlicher, 7,5 g/Tag über 3 Monate bei 30 gesunden älteren Männern veränderte weder Muskelmasse (CT und DXA) noch Kraft, noch Insulinsensitivität oder Blutfette [6]; dieselbe Dosis über 6 Monate bei 60 älteren Männern mit Typ-2-Diabetes, die nach eigener Angabe der Autoren bereits ausreichend Protein assen ("who habitually consume adequate dietary protein"), veränderte weder die fettfreie Körpermasse (61,9 auf 62,0 kg unter Leucin gegenüber 62,2 auf 62,2 kg unter Placebo) noch Kraft oder Blutzuckerkontrolle [7]. Nach direkter Prüfung des Volltextes der weiter unten zitierten zweiten Meta-Analyse zu Leucin-haltigen Eiweisspräparaten sind beide Studien dort explizit als eigene Einzelstudien unter der Bezeichnung "Leucine vs. placebo, 7,5 g/d" enthalten (siehe die Zeile dazu); sie sind also keine von dieser Meta-Analyse unabhängige Bestätigung. Nach Prüfung des Volltextes von Xu und Kollegen gilt dasselbe dort, Verhoeven 2009 und Leenders 2011 gehören zu den 9 eingeschlossenen Studien, und die hier zitierten Nullbefunde stammen aus nur 4 gepoolten Studien für die fettfreie Körpermasse (Verhoeven, Ferrando, Leenders, Dillon) und aus nur 3 für die Beinmuskelmasse (Verhoeven, Ferrando, Leenders). Die Meta-Analyse und die beiden Einzelstudien sind damit kein dreifacher Beleg, sondern im Kern derselbe. Die Einstufung bleibt trotzdem bei nicht bestätigt, weil beide Einzelstudien randomisiert und plazebokontrolliert genau auf Muskelmasse und Kraft ausgelegt waren und dort nichts gefunden haben, bei Leenders ausdrücklich im Gruppenvergleich. Beide Studien stammen zudem aus derselben Arbeitsgruppe (Maastricht University, mit L. B. Verdijk und L. J. van Loon als gemeinsamen Autoren in beiden sowie in der unten unter "Zusätzliche Leucin-Gabe" zitierten Studie von Koopman und Kollegen), sind also auch untereinander nicht als unabhängige Bestätigung zu werten
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04
Muskelmasse, Körpergewicht und Kraft bei älteren Menschen unter Leucin-haltigen Eiweiß- und Aminosäurepräparaten, einschliesslich der beiden oben als reines Leucin geführten Studien
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Eine zweite Meta-Analyse aus 16 randomisierten Studien mit 999 Teilnehmenden bündelt ausdrücklich unterschiedliche Zufuhrwege, nach eigener Angabe der Autoren Aminosäureformeln (BCAA oder EAA, 6 Studien), Molkenprotein (4 Studien), Caseinprotein (2 Studien), Ricotta-Käse (1 Studie) und eiweissangereicherte Trinknahrung (3 Studien), und errechnet daraus einen Leucin-Anteil von 2 bis 7,8 g/Tag. Nach direkter Prüfung des frei zugänglichen Volltextes gehören zu dieser Sammlung, unter der Bezeichnung "Leucine vs. placebo, 7,5 g/d", genau die beiden oben als eigenständiger Nullbefund zu reinem Leucin zitierten Studien (Verhoeven 2009 und Leenders 2011). Die Evidenzbasis dieser Zeile und der vorigen Zeile überschneidet sich also unmittelbar und ist keine zweite, unabhängige Bestätigung. Die Untergruppenanalyse war laut eigener Angabe der Autoren als vorab festgelegtes zweites Studienziel angelegt ("the secondary aim was to perform a selective subgroup analysis"), nicht nachträglich gebildet. Gepoolt stieg die fettfreie Körpermasse signifikant an (mittlere Differenz 0,99 kg, CI 0,43 bis 1,55, p=0,0005), das Körpergewicht ebenfalls (1,02 kg, CI 0,19 bis 1,85, p=0,02) und der BMI (0,33 kg/m², CI 0,13 bis 0,53, p=0,001). In der Untergruppenanalyse verschwand der Effekt auf die fettfreie Masse bei gesunden Älteren fast vollständig (minus 0,05 kg, CI minus 1,55 bis 1,46, p=0,95) und konzentrierte sich auf die Untergruppe mit bestehender Sarkopenie (plus 1,14 kg, CI 0,55 bis 1,74, p=0,0002); auch der BMI-Effekt verschwand in beiden Untergruppen (gesund minus 0,16, CI minus 1,13 bis 0,82, p=0,75; sarkopen 0,22, CI minus 0,23 bis 0,67, p=0,33). Die 6 Studien der sarkopenen Untergruppe (n=397) betreffen überwiegend unterernährte, gebrechliche oder in Pflegeeinrichtungen lebende Teilnehmende, darunter eine Studie mit einem Mini-Nutritional-Assessment-Wert unter 24 (definiert als Unterernährung); der Effekt konzentriert sich also auf eine Population mit dokumentiert unzureichender Ausgangsversorgung, nicht auf gesunde Ältere. Bei der Kraft zeigte sich dagegen in keiner Untergruppe ein Effekt, auch nicht bei den Sarkopenen, Handkraft insgesamt SMD 0,23 (CI minus 0,26 bis 0,73), sarkopene Untergruppe 0,47 (CI minus 0,27 bis 1,20); Kniestreckkraft insgesamt 0,07 (CI minus 0,26 bis 0,40), sarkopene Untergruppe 0,28 (CI minus 0,25 bis 0,81). Die Autoren fassen selbst so zusammen, ein Nutzen für Körpergewicht, BMI und fettfreie Masse bei bereits sarkopenen älteren Menschen, "but not muscle strength". Sie benennen zudem selbst als Einschränkung, dass sich der beobachtete Masse-Effekt wegen der uneinheitlichen Zufuhrwege nicht sicher auf Leucin allein zurückführen lässt, und halten fest, dass zum Zeitpunkt der Publikation (2015) noch kein "No-Observed-Adverse-Effect-Level" für Leucin definiert war (siehe auch die Zeile zur Verträglichkeit). Keine Interessenkonflikte angegeben [8]. Eine spätere, narrative (keine eigene Metaanalyse) Übersichtsarbeit zu bildgebend gemessener Hypertrophie (46 eingeschlossene Studien zu Protein und essenziellen Aminosäuren allgemein, nicht leucinspezifisch) beschreibt ein ähnliches Muster, ein Nutzen zeigt sich vor allem bei unzureichender Ausgangsversorgung, mit einer Sättigung oberhalb von etwa 1,6 bis 2,0 g Protein pro kg Körpergewicht und Tag beziehungsweise 2 bis 3 g Leucin je Mahlzeit, was zur beobachteten Konzentration des Effekts auf die genannte, überwiegend unterversorgte Untergruppe passt. Ein Primärstudien-Überlapp mit der vorgenannten Meta-Analyse ist nach Prüfung des frei zugänglichen Volltextes ausgeschlossen, diese Übersichtsarbeit nimmt nur Studien mit direkt bildgebend (Ultraschall/MRT) gemessener Muskelmorphologie auf und schliesst Studien, die allein über DXA oder BIA messen, ausdrücklich aus der Auswertung aus, während Verhoeven und Leenders mit CT/DXA gemessen wurden [4]. Eine deutlich neuere, unabhängige Meta-Analyse (2026, 12 randomisierte Studien, n=459) speziell zu BCAA-reichen Präparaten in Kombination mit Krafttraining bei älteren Menschen mit Sarkopenie bestätigt das Muster mit aktuelleren Daten, nur der Skelettmuskel-Index verbesserte sich gegenüber Kontrolle (standardisierte Differenz 0,337, 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,035 bis 0,639, p=0,029), Handkraft (SMD 0,289, p=0,080), Kniestreckkraft (SMD 0,332, p=0,328), Gesamt-Magermasse (SMD 0,024, p=0,908) und weitere Funktionsmasse zeigten keinen gesicherten Unterschied. Die Autoren geben keinen Interessenkonflikt an, das Abstract nennt keine gepoolte BCAA-Dosis wegen der heterogenen Einzelstudien. Ob sich die 12 eingeschlossenen Studien mit denen der beiden vorgenannten Arbeiten überschneiden, liess sich nicht klären, das Abstract nennt die Einzelstudien nicht, eine vollständige Liste der eingeschlossenen Studien lag für diese Recherche nicht vor [23]
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05
Kraftzuwachs, aber kein Muskelzuwachs, unter Krafttraining bei jungen Trainingsanfängern mit reinem Leucin
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Kontrollierte Studie an 26 zuvor untrainierten Männern, 4 g/Tag L-Leucin oder Laktose-Placebo über 12 Wochen begleitetes Krafttraining. Die Leucin-Gruppe zeigte einen deutlich größeren Kraftzuwachs (5-Repetitionen-Maximum, Summe über 8 Übungen, plus 40,8 ± 7,8 Prozent gegenüber plus 31,0 ± 4,6 Prozent, p kleiner 0,05), aber keinen Unterschied beim Zuwachs an fettfreier Gewebemasse (2,9 ± 2,5 Prozent gegenüber 2,0 ± 2,1 Prozent) oder beim Fettmasse-Verlust (1,6 ± 15,6 Prozent gegenüber 1,1 ± 7,6 Prozent). Für die Kraftwerte nennt das Abstract kein Konfidenzintervall, nur die Angabe p kleiner 0,05. Der positive Befund betrifft die Kraft, nicht die Muskelmasse, und stammt aus einer einzelnen, kleinen Studie ohne unabhängige Wiederholung [9]. Eine spätere narrative Übersichtsarbeit zu bildgebend gemessener Hypertrophie (siehe die vorige Zeile, nicht leucinspezifisch) ordnet einen solchen Befund bei zuvor untrainierten, schlechter versorgten Personen als plausibel ein, weil dort die Ausgangsversorgung mit Protein und Leucin häufiger unter der dort beschriebenen Sättigungsschwelle liegt [4]
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06
Zusätzliche Leucin-Gabe bei bereits ausreichender Eiweißzufuhr, bei jungen Männern ohne Zusatznutzen für Krafttraining über 12 Wochen, bei älteren Männern ohne Zusatznutzen für die Muskelsyntheserate nach einer einzelnen Trainingseinheit
Nicht bestätigtEinordnung und Einschränkungen
Zwei Studien beantworten unterschiedliche Fragen auf unterschiedlicher Zeitskala, beide ohne Zusatzeffekt. Erstens der chronische Effekt auf Krafttrainingsanpassungen, randomisierte Studie an 25 krafttrainierten jungen Männern (im Schnitt bereits 1,8 ± 0,4 g Protein pro kg Körpergewicht pro Tag, etwa das Doppelte der Referenzmenge), die über 12 Wochen zusätzlich 2 mal 5 g/Tag freies Leucin oder Alanin zu einem Krafttrainingsprogramm erhielten. Kraftzuwachs (Beinpresse-Einwiederholungsmaximum) und Muskelquerschnittsfläche des Musculus vastus lateralis stiegen in beiden Gruppen praktisch gleich stark (Kraft plus 19,0 ± 9,4 Prozent unter Leucin gegenüber plus 21,0 ± 10,4 Prozent unter Placebo, p=0,31; Muskelquerschnitt plus 8,0 ± 5,6 Prozent gegenüber plus 8,4 ± 5,1 Prozent, p=0,77) [10]. Zu dieser Studie erschien 2021 ein Corrigendum; nach direkter Prüfung des frei zugänglichen Volltextes betrifft es keine Zahlenwerte, sondern ergänzt nachträglich die Interessenkonflikt-Erklärung von vier Arbeiten derselben Zeitschriftenausgabe, ein Mitautor (Stuart M. Phillips) hält ein kanadisches und ein angemeldetes US-Patent im Bereich Erholung/Regeneration (Rechteinhaberin Exerkine) und erhielt Honorare von Enhanced Recovery, beides ursprünglich nicht offengelegt. Das ändert die berichteten Kraft- und Querschnittswerte nicht, ist aber als nachträglich offengelegter Interessenkonflikt festzuhalten. Zweitens die akute Frage, eine ältere, kleinere Studie an 8 älteren Männern (im Mittel 73 Jahre) prüfte die Muskelsyntheserate über 6 Stunden direkt nach einer einzelnen Trainingseinheit, mit oder ohne zusätzliches Leucin zu Kohlenhydrat und Eiweißhydrolysat, im Gruppenvergleich der Crossover-Behandlungen kein Unterschied (0,081 ± 0,003 gegenüber 0,082 ± 0,006 Prozent pro Stunde, kein signifikanter Unterschied), obwohl die Ganzkörper-Proteinbilanz unter Leucin geringfügig günstiger ausfiel (23,8 ± 0,3 gegenüber 23,2 ± 0,3 Mikromol pro kg pro Stunde, p kleiner 0,05) [11]. Diese Studie stammt aus derselben Maastrichter Arbeitsgruppe (Verdijk, van Loon) wie die beiden oben unter "Muskelmasse und Kraft... reiner Leucin-Gabe" zitierten Nullbefund-Studien und gehört nach Prüfung des Volltextes zudem selbst zu den 9 Studien der oben genannten Meta-Analyse [5], sie ist deshalb nicht als davon unabhängige dritte Bestätigung zu werten. Beide Studien deuten darauf hin, dass eine bereits ausreichende Hintergrund-Proteinzufuhr den zusätzlichen Nutzen einer Leucin-Beigabe begrenzt, ein Muster, das die oben zitierte narrative Übersichtsarbeit zu bildgebend gemessener Hypertrophie als Sättigungseffekt oberhalb von 1,6 bis 2,0 g Protein pro kg Körpergewicht und Tag beschreibt [4]
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07
Glykämische Kontrolle und Insulinsensitivität unter mehrmonatiger reiner Leucin-Gabe bei gesunden älteren Männern und bei älteren Männern mit Typ-2-Diabetes, als Nebenzielgröße ohne belastbaren Unterschied zu Placebo
Nicht bestätigtEinordnung und Einschränkungen
In den beiden oben beschriebenen Langzeitstudien zu reinem Leucin bei älteren Menschen wurden Insulinsensitivität, Nüchternglukose beziehungsweise glykiertes Hämoglobin und Blutfette als Nebenzielgrößen mitgeprüft, keine der beiden Studien war dafür ausgelegt oder gepowert. Im 6-Monats-Vergleich bei Männern mit Typ-2-Diabetes lag das glykierte Hämoglobin in beiden Gruppen im engen Bereich von 7,1 bis 7,2 Prozent (Leucin 7,1 ± 0,1 Prozent, Placebo 7,2 ± 0,2 Prozent), das Abstract nennt dafür weder Konfidenzintervall noch expliziten p-Wert, nur die Angabe "did not change or differ between groups" [7]. Die 3-Monats-Studie bei gesunden älteren Männern berichtet für dieselben Zielgrößen ebenfalls keine Veränderung gegenüber Placebo, nennt dafür im Abstract aber überhaupt keine Zahlenwerte [6]. Beide Studien haben Glukose und glykiertes Hämoglobin gegen Placebo geprüft und keinen Unterschied gefunden, ein fehlendes Effektmaß oder Konfidenzintervall macht aus diesem geprüften Nullbefund keinen Hinweis auf Nutzen, deshalb steht diese Zeile auf Nicht bestätigt. Dass beide Studien dafür nicht gepowert waren, bleibt als Einschränkung bestehen
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08
Verträglichkeit und vorgeschlagene Obergrenze bei kurzfristig hoher Tageszufuhr
BelegtEinordnung und Einschränkungen
Eine gestaffelte Dosis-Studie an 5 gesunden jungen Männern (20 bis 35 Jahre) prüfte Leucin-Zufuhren von 50 bis 1250 mg/kg/Tag in 29 Einzeluntersuchungen. Oberhalb von 500 mg/kg/Tag stieg die Blutammoniak-Konzentration signifikant über den Normalwert, die Plasma-Leucin-Konzentration und die Leucin-Ausscheidung im Urin stiegen ebenfalls deutlich an, Glukose sank leicht, blieb aber im Referenzbereich, Leberwerte (Alanin-Aminotransferase) veränderten sich nicht [12, 13]. Nach direkter Prüfung des frei zugänglichen Volltextes einer Begleit-Übersichtsarbeit zum selben Datensatz zeigt sich zusätzlich, dass ein Teilnehmer nach der 1000-mg/kg-Stufe Magen-Darm-Beschwerden entwickelte und die Studie deshalb nicht zu Ende führte [17]. Die Primärpublikation selbst betont, dass es sich um akute Studien handelt ("these are acute studies... Longer term adaptation was not studied") [12]. Eine vergleichbare Studie an 6 gesunden älteren Männern (72,2 ± 3,5 Jahre) prüfte gestaffelte Dosen von 50 bis 750 mg/kg/Tag, Blutammoniak stieg oberhalb von 550 mg/kg/Tag über den Normalwert, der rechnerische Umschlagpunkt für die Oxidationskapazität lag bei 431 mg/kg/Tag (95-Prozent-Konfidenzintervall 351 bis 511) [14]. Eine aktuelle Übersichtsarbeit fasst diese und weitere Dosis-Eskalationsstudien zusammen und nennt als Obergrenze für die Gesamtzufuhr aus Nahrung und Supplementen bei gesunden jungen Erwachsenen 35 g/Tag und bei älteren Menschen 30 g/Tag; der Unterschied zwischen beiden Werten ist nach eigener Angabe derselben Übersichtsarbeit statistisch nicht gesichert ("not statistically different"), die niedrigere Zahl für Ältere ist also eher eine vorsichtigere Rundung als ein belegter Alterseffekt [18]. Das aktualisiert die runderen, älteren Schätzungen von 35 beziehungsweise 24,5 bis 35 g/Tag aus zwei früheren Übersichtsarbeiten derselben Forschungslinie [15, 16]. Bei den beiden Dosis-Eskalationsstudien an jungen Männern handelt es sich um dieselbe 5-Personen-Kohorte in zwei Begleitveröffentlichungen mit unterschiedlichem Auswertungsschwerpunkt (Sicherheitsmarker beziehungsweise Oxidationskinetik), nicht um zwei unabhängige Studien. Zur Unabhängigkeit der gesamten Datenbasis ist festzuhalten, dass die Übersichtsarbeit von 2023 [18] benennt selbst, dass sämtliche zugrunde liegenden Dosis-Eskalationsstudien, sowohl bei jungen als auch bei älteren Männern, Teil einer von 2012 bis 2022 vom Industrieverband International Council on Amino Acid Science (ICAAS) gesponserten systematischen Studienserie sind. Die Primärstudien selbst tragen in ihren Artikeln keine gesonderte Interessenkonflikt-Angabe, die Finanzierung der gesamten Serie liegt aber laut der genannten Übersichtsarbeit beim Industrieverband, nicht bei einer davon unabhängigen akademischen Förderung
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09
Plasmaspiegel von Isoleucin und Valin unter hoher Leucin-Zufuhr beim Menschen
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Zwei unkontrollierte, dosis-eskalierende Humanstudien (kein Placebo-Arm, kein randomisiertes Design, jeweils am selben Teilnehmer über steigende Dosisstufen gemessen) zeigen einen dosisabhängigen Rückgang der Plasmaspiegel von Isoleucin und Valin unter hoher Leucin-Zufuhr, bei jungen Männern oberhalb von rund 17,5 g/Tag, bei älteren Männern bereits oberhalb von rund 10,5 g/Tag. Diese Schwellenwerte stammen aus einer Übersichtsarbeit, die beide Datensätze auswertet und den Befund als "BCAA-Antagonismus" beschreibt; im Abstract der beiden Primärstudien selbst wird der Effekt nicht beziffert [18, 12, 14]. Eine weitere, frei zugängliche Übersichtsarbeit zum selben Datensatz der jungen Männer berichtet zusätzlich, dass ein Teilnehmer bei der höchsten Dosis wegen Magen-Darm-Beschwerden ausschied, siehe die Zeile zur Verträglichkeit [17]. Beide Dosis-Studien sind, wie dort ausgeführt, Teil derselben von ICAAS gesponserten Studienserie, also keine voneinander unabhängigen Bestätigungen. Die akute Studie zur Muskelproteinsynthese bei älteren Menschen (siehe die erste Zeile dieser Tabelle) beschreibt in ihrer Diskussion denselben Effekt als "gut beschriebenes Phänomen" und begründet damit, warum sie ihrer eigenen Leucin-Zulage vorsorglich kleine Mengen Isoleucin und Valin beimischte; sie ist selbst aber keine Messung des Effekts, weil ihr Design ihn gerade verhindert. Das mechanistische Bild aus Tierstudien (eigene Wirkungszeile unten) stützt die Richtung des Befunds. Weil placebo- und kontrollarmfreie, im Kern deskriptive Dosis-Eskalationsstudien vorliegen, bleibt die Einstufung bei Hinweise, trotz inzwischen zwei statt einer Studie und quantifizierter Schwellenwerte
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10
Verdrängung von Isoleucin und Valin sowie Wachstumshemmung durch Leucin-Überschuss, Rattenmodelle
Nur Labor und TierEinordnung und Einschränkungen
Mehrere Fütterungsstudien an Ratten zeigen, dass ein hoher Leucin-Anteil in der Nahrung die Plasmakonzentrationen von Valin und Isoleucin senkt und deren Oxidation steigert. Eine Studie fand innerhalb einer Stunde nach einer leucinreichen, eiweißarmen Diät einen Abfall von Valin, Isoleucin und den zugehörigen Ketosäuren im Plasma sowie einen Anstieg der Valin-Oxidation um 51 Prozent, verbunden mit einer mehr als verdoppelten Aktivität des leberischen Enzyms Verzweigtketten-Ketosäure-Dehydrogenase [19]. Eine Folgearbeit derselben Autorengruppe (Block und Kollegen) bestätigte die Enzymaktivierung (45 Prozent aktive Form unter Kontrolldiät gegenüber 85 Prozent unter Leucin-Überschuss), fand aber keinen Effekt auf die Aminotransferase-Aktivität und schloss auf einen zusätzlichen, damals nicht identifizierten Mechanismus außerhalb der Leber [20]. Eine dritte Studie zeigte, dass ein 10-Prozent-Leucin-Zusatz das Wachstum von Ratten hemmte und dieser Effekt bestehen blieb, selbst wenn zusätzlich Isoleucin und Valin ergänzt wurden; die Wachstumshemmung war damit von den gesunkenen Valin- und Isoleucin-Spiegeln unabhängig [21]. Das sind Tiermodelle mit im Versuch stark erhöhten, nicht auf den Menschen übertragbaren Dosierungen, keine Aussage über die Wirkung beim Menschen
Studien im Detail
Akute Stimulation der Muskelproteinsynthese
Zwei methodisch unabhängige Isotopenstudien zeigen übereinstimmend, dass eine Leucin-Zulage akut, innerhalb von Stunden, die Muskelproteinsynthese anregt. Rieu und Kollegen gaben 20 gesunden älteren Männern über 5 Stunden entweder eine vollständige Mahlzeit oder dieselbe Mahlzeit mit einer Leucin-Zulage (0,052 g/kg) und massen die myofibrilläre Syntheserate per Muskelbiopsie: 0,083 gegenüber 0,053 Prozent pro Stunde. Wichtig für die Einordnung: Der Leucin-Zulage waren laut Studienprotokoll zusätzlich kleine Mengen Isoleucin (0,0116 g/kg) und Valin (0,0068 g/kg) beigemischt, um deren Plasmaspiegel konstant zu halten. Die Autoren begründen dies in der Diskussion damit, dass eine alleinige Leucin-Gabe sonst über das "gut beschriebene Phänomen des Verzweigtketten-Aminosäuren-Antagonismus" (Calvert et al. 1982; Harper et al. 1984, dort zitiert) die Plasmaspiegel von Isoleucin und Valin senken und dadurch die Proteinsynthese wieder limitieren könnte; sie verweisen dafür zusätzlich auf drei ältere Humanbeobachtungen (Hagenfeldt et al. 1980; Nair et al. 1992; Tom und Nair, 2006), die im Rahmen dieser Recherche nicht selbst geprüft wurden. Der gemessene Effekt geht nach Angabe der Autoren allein auf den höheren Leucin-Spiegel zurück, da sich die übrigen Aminosäuren zwischen den Gruppen nicht unterschieden [1]. Katsanos und Kollegen zeigten, dass bei älteren Menschen eine essenzielle Aminosäuremischung nur dann die Syntheserate anhob, wenn ihr Leucin-Anteil von den natürlichen 26 Prozent (wie in Molkenprotein) auf 41 Prozent erhöht wurde; bei jüngeren Menschen wirkten beide Mischungen [2]. Churchward-Venne und Kollegen bestätigten den dosisabhängigen Zusammenhang bei jungen Männern nach Krafttraining: Eine niedrig dosierte Molkenprotein-Portion (6,25 g, 0,75 g Leucin) erreichte erst nach Anreicherung auf insgesamt 5,0 g Leucin eine ähnlich hohe Syntheserate wie eine hochdosierte Portion (25 g Molkenprotein, 3,0 g Leucin); bei dieser Studie sind 4 von 11 Autoren dem Nestlé Research Centre zugeordnet [3].
Diese Studien belegen einen akuten Trigger-Effekt, keine Aussage über Monate. Ob aus einer wiederholt höheren Syntheserate auch mehr Muskelmasse wird, ist eine eigene, empirisch geprüfte Frage, siehe unten.
Muskelmasse und Kraft über Wochen bis Monate
Die Datenlage zu chronischer, reiner Leucin-Gabe bei älteren Menschen ist auffällig einheitlich negativ. Die Meta-Analyse von Xu und Kollegen (9 randomisierte Studien) findet zwar weiterhin eine erhöhte Muskelproteinsyntheserate, aber keinen statistisch gesicherten Unterschied bei fettfreier Körpermasse (95-Prozent-Konfidenzintervall minus 0,18 bis 0,54) oder Beinmuskelmasse (CI minus 0,32 bis 0,44) gegenüber Placebo; die oberen Intervallgrenzen schliessen einen moderaten Effekt aber nicht sicher aus [5]. Direkter und enger gemessen zeigen zwei Einzelstudien denselben Nullbefund: 7,5 g/Tag über 3 Monate bei 30 gesunden älteren Männern veränderte weder Muskelmasse noch Kraft noch Stoffwechselwerte [6], dieselbe Dosis über 6 Monate bei 60 älteren Männern mit Typ-2-Diabetes ebenfalls nicht [7]. Nach direkter Prüfung des Volltextes der weiter unten beschriebenen zweiten Meta-Analyse (Komar et al.) sind beide Studien dort ausdrücklich als Einzelstudien enthalten; die beiden Nullbefunde sind also nicht unabhängig von dieser zweiten Meta-Analyse zu lesen. Bei jungen, bereits krafttrainierten Männern mit einer Proteinzufuhr von im Schnitt 1,8 g/kg/Tag zeigte auch eine hohe Dosis von 10 g/Tag freiem Leucin über 12 Wochen keinen zusätzlichen Effekt auf Kraft oder Muskelquerschnitt gegenüber Placebo (Kraft plus 19,0 ± 9,4 Prozent unter Leucin gegenüber plus 21,0 ± 10,4 Prozent unter Placebo, p=0,31) [10].
Eine Ausnahme bildet eine kleine Studie an zuvor untrainierten Männern: Unter 4 g/Tag Leucin fiel der Kraftzuwachs nach 12 Wochen Krafttraining deutlich größer aus als unter Placebo (plus 40,8 gegenüber plus 31,0 Prozent), ohne dass sich die fettfreie Gewebemasse zwischen den Gruppen unterschied [9]. Dieser positive Kraftbefund steht bei einer einzelnen, kleinen, nicht wiederholten Studie und bei einer anderen Population (Trainingsanfänger statt bereits Trainierte) als die übrigen Studien, ein direkter Widerspruch zu den Nullbefunden liegt damit nicht vor. Eine 2025 veröffentlichte, narrative Übersichtsarbeit zu bildgebend gemessener Muskelhypertrophie (46 eingeschlossene Studien, Protein und essenzielle Aminosäuren allgemein, nicht nur Leucin) beschreibt genau dieses Muster: Ein Nutzen zeigt sich vor allem, wenn die tägliche Proteinzufuhr unter etwa 1,6 g/kg liegt oder die Leucin-Zufuhr je Mahlzeit unter 2 bis 3 g bleibt [4].
Eine zweite Meta-Analyse (Komar und Kollegen, 16 Studien, n=999) kommt zu einem scheinbar gegenteiligen Ergebnis: gepoolt über alle Studien nahm die fettfreie Masse signifikant zu (plus 0,99 kg, CI 0,43 bis 1,55). Entscheidend ist die vorab festgelegte Untergruppenanalyse: Bei gesunden älteren Menschen verschwand der Effekt fast vollständig (minus 0,05 kg, CI minus 1,55 bis 1,46), er bestand praktisch nur in der Untergruppe mit bereits bestehender Sarkopenie (plus 1,14 kg, CI 0,55 bis 1,74); diese 6 Studien (n=397) betreffen überwiegend unterernährte, gebrechliche oder in Pflegeeinrichtungen lebende Teilnehmende. Bei der Kraft zeigte sich dagegen in keiner Untergruppe ein Effekt, auch nicht bei den Sarkopenen (Handkraft 0,47, CI minus 0,27 bis 1,20; Kniestreckkraft 0,28, CI minus 0,25 bis 0,81), die Autoren selbst formulieren das als "but not muscle strength". Diese Meta-Analyse bündelt ausdrücklich keine reinen Leucin-Studien, sondern auch BCAA- und EAA-Mischungen, Molkenprotein, Casein und angereicherte Trinknahrung; nach direkter Prüfung des Volltextes gehören dazu, unter der Bezeichnung "Leucine vs. placebo, 7,5 g/d", exakt die beiden oben als reiner Leucin-Nullbefund zitierten Studien (Verhoeven 2009, Leenders 2011). Die Autoren benennen selbst, dass sich der Masse-Effekt wegen der uneinheitlichen Zufuhrwege nicht sicher auf Leucin allein zurückführen lässt [8].
Glykämische Kontrolle
Beide Langzeitstudien zu reinem Leucin bei älteren Menschen prüften Insulinsensitivität und Blutzuckerkontrolle als Nebenzielgröße mit und fanden keinen Unterschied zu Placebo, ohne dass die Studien dafür gepowert waren. Bei den Typ-2-Diabetikern lag das glykierte Hämoglobin nach 6 Monaten bei 7,1 ± 0,1 Prozent unter Leucin gegenüber 7,2 ± 0,2 Prozent unter Placebo, ohne genannten p-Wert oder Konfidenzintervall [7], bei den gesunden älteren Männern blieben die entsprechenden Werte nach 3 Monaten ohne Unterschied, ohne dass das Abstract dafür überhaupt Zahlen nennt [6]. Wegen der fehlenden Effektmasse wird diese Zeile bei Hinweise statt bei Nicht bestätigt geführt.
Tier- und Laborstudien
Die folgenden Befunde stammen aus Fütterungsversuchen an Ratten. Aus keinem von ihnen folgt eine Aussage über die Wirkung einer Leucin-Einnahme beim Menschen, sie erklären aber den möglichen Mechanismus hinter dem im Abschnitt Sicherheit beschriebenen menschlichen Befund.
Block und Harper zeigten, dass eine leucinreiche, eiweißarme Diät bei Ratten innerhalb einer Stunde die Plasmakonzentrationen von Valin, Isoleucin und den zugehörigen Ketosäuren senkte und die Valin-Oxidation um 51 Prozent steigerte, begleitet von einer mehr als verdoppelten Aktivität des leberischen Enzyms Verzweigtketten-Ketosäure-Dehydrogenase [19]. Eine Folgearbeit derselben Gruppe bestätigte die Enzymaktivierung, fand aber keinen Effekt auf die Aminotransferase-Aktivität und vermutete einen zusätzlichen Mechanismus außerhalb der Leber [20]. May und Kollegen zeigten, dass ein 10-Prozent-Leucin-Zusatz das Wachstum von Ratten hemmte, ein Effekt, der bestehen blieb, selbst wenn zusätzlich Isoleucin und Valin ergänzt wurden, die Wachstumshemmung war also nicht allein durch den Mangel an den beiden anderen BCAA erklärbar [21].
Eine Übersichtsarbeit (Holeček) ordnet diese tierexperimentellen Befunde einem doppelten Mechanismus zu: Zum einen induziert Alpha-Ketoisocaproat, ein Abbauprodukt von Leucin, das geschwindigkeitsbestimmende Enzym des BCAA-Abbaus in Leber, Muskel und Fettgewebe. Zum anderen konkurrieren Leucin, Isoleucin und Valin bereits im Darm um denselben Transporter (L-Carrier-System), sodass eine leucinreiche Diät bei Tieren höhere intrazelluläre Valin- und Isoleucin-Konzentrationen in den Darmzellen selbst zurücklässt, ein Hinweis auf eine gestörte Aufnahme ins Blut. Dieselbe Übersichtsarbeit hält im direkt vorausgehenden Absatz zusätzlich fest, dass "mehrere Studien" bei erhöhter Leucin-Zufuhr einen Rückgang von Valin und Isoleucin im Plasma und sogar im Muskel zeigten, und schliesst daraus, dass eine alleinige Leucin-Gabe wegen des Mangels an den beiden anderen BCAA "nur einen vorübergehenden stimulierenden Effekt auf die Proteinsynthese" haben könne und "bedeutende Einschränkungen" bestünden, wenn Leucin allein als Nahrungsergänzung eingesetzt werde [22].
Sicherheit und Wechselwirkungen
Pencharz, Elango und Ball prüften an 5 gesunden jungen Männern gestaffelte Leucin-Tagesdosen von 50 bis 1250 mg/kg in insgesamt 29 Einzeluntersuchungen. Oberhalb von 500 mg/kg/Tag stieg die Blutammoniak-Konzentration signifikant über den Normalwert, Plasma-Leucin und Leucin-Ausscheidung im Urin stiegen deutlich, Glukose sank leicht, aber blieb im Referenzbereich, Leberwerte veränderten sich nicht; die Autoren betonen selbst, dass dies akute Studien sind und eine längerfristige Anpassung nicht geprüft wurde [12, 13]. Eine frei zugängliche Übersichtsarbeit (Borack und Volpi), die den Volltext dieser Studie auswertet, berichtet zusätzlich, dass ein Teilnehmer nach der 1000-mg/kg-Stufe Magen-Darm-Beschwerden entwickelte und die Studie nicht zu Ende führte, sowie einen deutlichen Rückgang der Plasmawerte von Valin und Isoleucin bei steigender Leucin-Zufuhr, ohne dafür selbst eine genaue Zahl zu nennen [17]. Es handelt sich um dieselbe 5-Personen-Kohorte, die in zwei Fachzeitschriften mit unterschiedlichem Auswertungsschwerpunkt veröffentlicht wurde, nicht um zwei unabhängige Studien, und um eine unkontrollierte Dosis-Eskalation ohne Placebo-Arm.
Eine vergleichbare Studie an 6 gesunden älteren Männern (72,2 ± 3,5 Jahre) prüfte gestaffelte Dosen von 50 bis 750 mg/kg/Tag: Blutammoniak stieg oberhalb von 550 mg/kg/Tag über den Normalwert, der rechnerische Umschlagpunkt für die Oxidationskapazität lag bei 431 mg/kg/Tag [14]. Auf Basis dieser und der vorgenannten Studien schlug eine internationale Fachrunde (9th Amino Acid Assessment Workshop, Paris 2015, gesponsert vom Industrieverband International Council on Amino Acid Science, ICAAS) 2016 in gleich drei Übersichtsarbeiten desselben Zeitschriften-Supplements eine Obergrenze von 500 mg/kg/Tag für gesunde Erwachsene vor (rund 35 g/Tag bei 70 kg), für ältere Menschen denselben Wert oder, als vorsichtigere Schätzung, 351 mg/kg/Tag [15, 16, 17]. Bei einer dieser drei Arbeiten (Cynober et al.) sind zwei Autoren in der Affiliation selbst dem wissenschaftlichen Beirat beziehungsweise der Geschäftsadresse von ICAAS zugeordnet, unabhängig von jeder gesonderten Offenlegung [16]. Eine 2023 veröffentlichte, aktuellere Übersichtsarbeit derselben Forschungslinie (Einzelautorin mit offengelegter, fortlaufender Beratungstätigkeit für ICAAS) fasst die inzwischen abgeschlossene Studienserie zusammen und rundet für die Gesamtzufuhr aus Nahrung und Supplementen auf 35 g/Tag für junge Erwachsene und 30 g/Tag für ältere Menschen; nach eigener Angabe dieser Übersichtsarbeit ist der Unterschied zwischen beiden Werten statistisch nicht gesichert [18]. Dieselbe Übersichtsarbeit benennt zudem ausdrücklich, dass sämtliche zugrunde liegenden Dosis-Eskalationsstudien selbst, nicht nur die drei genannten Übersichtsarbeiten, Teil einer von 2012 bis 2022 von ICAAS gesponserten systematischen Studienserie sind [18]. Die Primärstudien tragen in ihren jeweiligen Artikeln keine gesonderte Interessenkonflikt-Angabe, die Förderung der gesamten Reihe liegt aber laut dieser Quelle beim Industrieverband. Zum Alltagsmassstab: Der Tagesbedarf (EAR) liegt bei 2,4 g/Tag, die Zufuhrempfehlung (RDA) bei 2,9 g/Tag, über die normale Ernährung nehmen gut versorgte Erwachsene im Mittel bereits 5,6 bis 6,9 g/Tag auf [18].
Zu Wechselwirkungen mit Medikamenten liegt uns keine geprüfte eigene Quelle vor. Wegen der beschriebenen Transporter- und Enzymkonkurrenz ist bei gleichzeitiger, isolierter Einnahme von viel Leucin und wenig Isoleucin oder Valin ein Absinken von deren Plasmaspiegeln in zwei unkontrollierten, dosis-eskalierenden Humanstudien ohne Placebo-Arm beschrieben worden, siehe die eigene Wirkungszeile und den Tier-Abschnitt oben. Die Rattenbefunde erklären dazu nur einen möglichen Mechanismus, sie sind selbst keine Aussage über den Menschen.
Quellen zum Nachlesen
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Kontrollierte Studie, 4 Gruppen (je 2 jüngere und ältere), n nicht im Abstract differenziert · 2006
A high proportion of leucine is required for optimal stimulation of the rate of muscle protein synthesis by essential amino acids in the elderly
Katsanos CS, et al. Am J Physiol Endocrinol Metab
Zur Zuschreibung: 02
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- 06
- 07
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Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse aus 16 randomisierten Studien, n=999 · 2015
Effects of leucine-rich protein supplements on anthropometric parameter and muscle strength in the elderly, a systematic review and meta-analysis
Komar B, Schwingshackl L, Hoffmann G. J Nutr Health Aging
Zur Zuschreibung: 04
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Übersichtsarbeit, 9th Amino Acid Assessment Workshop, gesponsert von ICAAS, zwei Autoren mit ICAAS-Affiliation · 2016
Proposals for Upper Limits of Safe Intake for Arginine and Tryptophan in Young Adults and an Upper Limit of Safe Intake for Leucine in the Elderly
Cynober L, et al. J Nutr
Zur Zuschreibung: 08
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18
Narrative Übersichtsarbeit über Obergrenzen von 10 Aminosäuren, einschließlich Leucin, Autorin mit offengelegter Beratungstätigkeit für ICAAS · 2023
Tolerable Upper Intake Level for Individual Amino Acids in Humans, a Narrative Review of Recent Clinical Studies
Elango R. Adv Nutr
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Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse aus 12 randomisierten Studien, n=459, keine Interessenkonflikte angegeben · 2026
Effects of branched-chain amino acid-rich nutritional supplements combined with resistance training on body composition and body function in older patients with sarcopenia
Li H, et al. Arch Gerontol Geriatr
Zur Zuschreibung: 04
Bei H.P.N
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