L-Lysin
Zuletzt geprüft am
Aminosäuren
Lysin · L-Lysin-Hydrochlorid · L-Lysinmonohydrochlorid
Auf einen Blick
- Was es ist
- Eine proteinogene, essenzielle Aminosäure (2,6-Diaminohexansäure). Der Körper kann sie nicht selbst herstellen, sie muss über die Nahrung aufgenommen werden. Sie ist Baustein von Körperprotein, Ausgangsstoff für die körpereigene Carnitin-Bildung (Fettsäuretransport in die Mitochondrien) und über posttranslationale Veränderungen an der Quervernetzung von Kollagen und Elastin beteiligt
- Vorkommen
- Reichlich in tierischem Eiweiss (Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Eier) sowie in Hülsenfrüchten. In Getreideprotein wie Weizen ist Lysin die am knappsten vorhandene, sogenannt limitierende Aminosäure
- Wirkform in Studien
- In den meisten hier ausgewerteten Humanstudien freies, kristallines L-Lysin oder L-Lysin-Monohydrochlorid, oral als Tablette, Kapsel oder als Anreicherung von Mehl gegeben
- Übliche Studiendosis
- 400 bis 3000 mg pro Tag in den Humanstudien zu Lippenherpes und Kalziumstoffwechsel, 2640 bis 6000 mg pro Tag (meist zusammen mit Arginin) in den Studien zu Angst und Wachstumshormon, 3 bis 4,2 Gramm Lysin beziehungsweise Lysin-Hydrochlorid je Kilogramm Mehl (Salzform in den Originalarbeiten nicht einheitlich benannt, rund 2,4 bis 3,4 Gramm Lysin-Base) in den Anreicherungsstudien zu Wachstum bei lysinarmer Ernährung
- Zusammenspiel
- Lysin und Arginin nutzen in der Zellmembran denselben Transporter und stehen in einem kompetitiven Verhältnis zueinander (Lysin-Arginin-Antagonismus). Dieser Mechanismus wird sowohl als Erklärung für die vermutete Wirkung gegen das Herpes-simplex-Virus als auch als Grundlage mehrerer Kombinationspräparate mit Arginin herangezogen
- Verträglichkeit
- Eine systematische Übersichtsarbeit über 71 klinische Studien mit 3357 Teilnehmenden findet als Nebenwirkung von oralem L-Lysin praktisch nur mildes Magen-Darm-Unwohlsein, ohne statistisch erhöhtes Risiko dafür. Die vorläufige Dosis ohne beobachtete unerwünschte Wirkung (NOAEL), bezogen auf Magen-Darm-Symptome, wird bei 6000 mg pro Tag angesetzt, eine niedrigste beobachtete Wirkschwelle bei etwa 7500 mg pro Tag
Was diesem Stoff zugesprochen wird
Was die Studien hergeben.
Jede Zuschreibung hat ihre eigene Bewertung. So liest Du die Studienlage.
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01
Häufigkeit wiederkehrender Lippenbläschen-Episoden bei Erwachsenen mit rezidivierendem Herpes labialis in der Vorgeschichte, Studienlage dünn und uneinheitlich, in der einzigen von Cochrane ausgewerteten randomisierten Studie kein Unterschied zu Placebo
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Die methodisch strengste Auswertung ist eine Cochrane-Übersichtsarbeit aus 32 randomisierten Studien zu 19 verschiedenen Massnahmen gegen wiederkehrenden Lippenherpes. Für Lysin blieb darin nur eine einzige Studie in der quantitativen Auswertung übrig, weil drei weitere, oft zitierte Lysin-Studien aus methodischen Gründen ausgeschlossen wurden. Milman und Kollegen 1980 wurde als quasi randomisiert eingestuft, nicht als echte Zufallszuteilung, DiGiovanna und Blank 1984 wurde ausgeschlossen, weil nur 4 von 20 Teilnehmenden überhaupt eine Lippenherpes-Vorgeschichte hatten, und Simon und Kollegen 1985 wurde ausgeschlossen, weil die Autoren nicht angaben, wie viele der 31 Teilnehmenden Lippen- statt Genitalherpes hatten. Übrig blieb die randomisierte, plazebokontrollierte Cross-over-Studie von Thein und Hurt 1984 (1000 mg Lysin-Monohydrochlorid pro Tag über 6 Monate zusammen mit einer argininarmen Begleitdiät, 15 Teilnehmende zuerst mit Lysin, 11 zuerst mit Placebo behandelt, wegen fehlender Auswaschphase nur die erste, auswertbare Studienperiode mit 26 Teilnehmenden verwendet), kein signifikanter Unterschied in der Rückfallhäufigkeit in dieser ersten Studienperiode (mittlere Differenz minus 0,04 Episoden pro Teilnehmer und Monat, 95 Prozent Konfidenzintervall minus 0,37 bis 0,29). Cochrane bewertet in der eigenen Risk-of-Bias-Tabelle das Randomisierungsverfahren dieser Studie selbst als unklares Risiko, weil die Methode der Zufallszuteilung nicht berichtet wurde, und stufte die Gesamtqualität dieser Evidenz wegen Unschärfe und Verzerrungsrisiko als sehr niedrig ein, ein Beleg einer vorbeugenden Wirkung fand sich nicht [1, 2]. Die Autoren der Primärstudie selbst nennen als möglichen Grund für das Ausbleiben eines Unterschieds in dieser ersten Studienhälfte eine ungleiche Ausgangsverteilung, die zuerst mit Placebo behandelte Gruppe hatte zu Studienbeginn weniger Lippenherpes-Läsionen als die zuerst mit Lysin behandelte Gruppe. In der von Cochrane wegen der fehlenden Auswaschphase nicht ausgewerteten zweiten Studienhälfte fand sich unter Lysin ein signifikant niedrigerer Wert bei Läsionen pro Teilnehmer (1,8 gegenüber 2,9, p kleiner 0,05), begrenzt auf Teilnehmende mit einem Serumlysinspiegel über 165 nmol pro Milliliter [2, 8]. Zwei kleinere, ebenfalls randomisierte, plazebokontrollierte Studien mit höherer Dosis liegen zusätzlich vor, die im Volltext der Cochrane-Übersicht an keiner Stelle erwähnt werden, weder als eingeschlossen noch als ausgeschlossen. McCune und Kollegen 1984 (ursprünglich 47 rekrutiert, 41 auswertbar nach einem Umzug und 5 Fällen mangelnder Therapietreue, Cross-over, ebenfalls mit einer argininarmen Begleitdiät) fanden unter 1248 mg Lysin pro Tag signifikant weniger Rückfälle, laut einer 2017 veröffentlichten Übersichtsarbeit, die diese Zahlen aus der Originalarbeit referiert, 0,89 gegenüber 1,56 Episoden (p kleiner 0,05), das verfügbare Abstract selbst nennt dafür keinen eigenen Zahlenwert, nur die Einstufung als Beleg für eine geringere Rückfallhäufigkeit, während 624 mg pro Tag ohne Wirkung blieben, die Abheildauer veränderte sich bei keiner Dosis [5, 8]. Weil beide Studien eine argininarme Begleitdiät vorschrieben, prüfte keine von beiden Lysin als alleinige Massnahme. Griffith und Kollegen 1987 (multizentrisch, doppelblind, 1000 mg Lysin dreimal täglich über 6 Monate) fanden im Schnitt 2,4 Episoden weniger sowie eine geringere Schwere und kürzere Abheildauer, jeweils p kleiner 0,05, das Abstract nennt 27 abgeschlossene Teilnehmende in der Lysin-Gruppe und 25 in der Placebo-Gruppe, zusammen n gleich 52 [6]. Die genannte Übersichtsarbeit von 2017 nennt für dieselbe Studie in ihrer eigenen Auswertungstabelle abweichend 34 abgeschlossene Teilnehmende in der Lysin-Gruppe, zusammen n gleich 59, bei ursprünglich 114 Rekrutierten, von denen zusätzlich 7 wegen Aciclovir-Gebrauchs ausgeschlossen wurden, und ergänzt mildere Symptome bei 74 Prozent der Lysin- gegenüber 28 Prozent der Placebo-Gruppe. In beiden Zählweisen brach damit rund die Hälfte der ursprünglich Rekrutierten die Studie ab oder wurde ausgeschlossen [6, 8]. Diesen positiven Befunden steht die negative Studie von DiGiovanna und Blank 1984 gegenüber (1200 mg pro Tag, doppelblind plazebokontrolliert über 4 bis 5 Monate, im Abstract mit 21, in der genannten Übersichtsarbeit mit 20 Teilnehmenden geführt), kein nachweisbarer Nutzen bei Häufigkeit, Dauer oder Schwere [3, 8]. Auch die ursprüngliche, oft zitierte Studie von Milman und Kollegen 1980 (1000 mg pro Tag, 65 Teilnehmende, doppelblind, Cross-over) fiel gemischt aus. Signifikant mehr Teilnehmende waren unter Lysin rückfallfrei als unter Placebo (p gleich 0,05), laut der genannten Übersichtsarbeit 27,7 gegenüber 12,3 Prozent, das verfügbare Abstract selbst nennt dafür keine Prozentwerte, die Gesamtzahl der Episoden über die Studiendauer unterschied sich zwischen den Gruppen jedoch nicht, und auf Abheildauer oder Erscheinungsbild der Läsionen hatte Lysin keinen Effekt [4, 8]. Eine 2017 veröffentlichte Übersichtsarbeit, die diese und weitere Studien einzeln auswertet, ordnet das Bild nicht als zwei getrennte Lager, sondern als Streuung innerhalb eines Dosisbands ein. Unterhalb von 1000 mg pro Tag (624 und 750 mg) fand sich in kontrollierten Studien durchgehend kein Effekt. Im Bereich von 1000 bis 1260 mg pro Tag fielen die Studien uneinheitlich aus, positiv bei McCunes 1248 mg, negativ bei DiGiovannas 1200 mg. Eine weitere Studie in diesem Dosisband führt die Übersichtsarbeit mit 40 Prozent weniger Rückfällen unter 1000 mg im ersten Dreimonatsabschnitt als positiv (Simon und Kollegen 1985, in PubMed unter der Kennung 3919651 geführt, dort ohne eigenes Abstract). Dieser Wert ist jedoch kein Vergleich gegen Placebo, sondern die Veränderung gegenüber der aus dem Vorjahr vorhergesagten Rückfallrate innerhalb der Lysin-Gruppe, die Kontrollgruppe sank im selben Zeitraum um 25 Prozent, und dieselbe Übersichtsarbeit hält in ihrer Spalte zu den Grenzen der Studie ausdrücklich fest, dass zwischen Lysin- und Placebogruppe kein statistischer Vergleich gerechnet wurde. Die Originalarbeit selbst trägt den Titel Failure of lysine in frequently recurrent herpes simplex infection, und Cochrane schloss sie aus, weil unklar blieb, wie viele der 31 Teilnehmenden Lippen- statt Genitalherpes hatten. Als positiver Befund im Dosisband trägt sie damit nicht [1, 8]. Bei 3000 mg liegt nur die eine Griffith-Studie mit der oben genannten hohen Abbruchquote vor. Die Übersichtsarbeit zieht daraus wörtlich den Schluss, eine Lysin-Supplementierung erscheine bei Dosen unter 1 Gramm pro Tag ohne begleitende argininarme Diät wirkungslos auf Lippenherpes-Läsionen, die Befunde einer einzelnen kleinen Studie legten nahe, dass Dosen über 3 Gramm pro Tag die Rückfallrate senken und das subjektive Krankheitserleben verbessern könnten, für eine abschliessende Einordnung sei die Forschungslage aber nicht ausreichend [8]. Als möglichen Grund für die insgesamt dünne Studienlage weisen die Autoren darauf hin, dass sich mit einer frei verkäuflichen Aminosäure voraussichtlich weder ein spürbarer Nutzen für die öffentliche Gesundheit noch ein für die Finanzierung randomisierter Studien ausreichender Gewinn erzielen lässt [8]. Dieselbe Übersichtsarbeit referiert zusätzlich eine bislang in keiner früheren Übersicht berücksichtigte, randomisierte, plazebokontrollierte Studie an Personen mit rezidivierenden aphthösen Mundschleimhautgeschwüren, nicht Lippenherpes, mit und ohne HSV-1-Nachweis (Ozden und Kollegen 2011, bei PubMed nicht auffindbar und deshalb hier nicht als eigene Quelle gezählt). Unter 1260 bis 2520 mg Lysin pro Tag über 2 Monate war der Anteil der Teilnehmenden, bei denen die Rückfallhäufigkeit zurückging, höher als unter Placebo (62,5 gegenüber 14,2 Prozent, p kleiner 0,05). Der Anteil derer, die während der Studie ganz ohne neues Geschwür blieben, lag in der Lysin-Gruppe dagegen niedriger als unter Placebo (18,7 gegenüber 28,5 Prozent), und auf Dauer und Schwere der Geschwüre hatte Lysin keinen Effekt [8]. Die frühen unkontrollierten Beobachtungen haben die Lysin-Herpes-Erzählung stark geprägt. Eine 1983 veröffentlichte Fragebogenerhebung an 1543 Personen fand, dass 84 Prozent der Befragten angaben, Lysin habe Rückfälle verhindert oder ihre Häufigkeit gesenkt, insgesamt hielten 88 Prozent Lysin für eine wirksame Behandlung, ohne Kontrollgruppe und mit erheblicher Selbstselektion, laut der genannten Übersichtsarbeit hatten die Befragten die Präparate im Reformhaus gekauft [7, 8]. Eine unkontrollierte multizentrische Erhebung an 45 Personen aus dem Jahr 1978 kam zu einem ähnlichen, ebenfalls nicht kontrollierten Befund [9]. Auffällig ist, dass ein Teil der positiven kontrollierten Studien (Quelle 6) sowie die grosse unkontrollierte Erhebung (Quelle 7) von derselben Forschergruppe um Richard S. Griffith stammen, was die Zahl wirklich unabhängiger positiver Befunde weiter verringert. Warum diese Wirkung als hinweise geführt wird, nicht als widersprüchlich. Die Stufe widersprüchlich setzt zwei belastbare, einander tatsächlich entgegengesetzte Effektschätzungen mit Streuung oder Intervall voraus. Das liegt hier nicht vor. Auf der negativen Seite steht mit Cochranes Auswertung von Thein und Hurt der einzige Befund mit vollständigem Effektmass und Intervall (MD minus 0,04, 95-Prozent-Konfidenzintervall minus 0,37 bis 0,29). Auf der positiven Seite nennt McCune und Kollegen im eigenen Abstract keinen Zahlenwert, nur die verbale Einstufung als Beleg für eine geringere Rückfallhäufigkeit, und Griffith und Kollegen nennen einen Punktwert (2,4 Episoden weniger) ohne jede Streuung oder ein Intervall. Beide Volltexte lagen für diese Recherche nicht vor, die fehlende Zahl lässt sich also nicht nachholen. Ein Punktschätzer mit Intervall auf der einen Seite gegen blosse p-Werte auf der anderen ist kein Vergleich zweier gleichrangiger Befunde. Hinzu kommt, dass sich die positiven und negativen Studien vor allem in der Dosis unterscheiden, nicht in zwei entgegengesetzten Lagern, durchgehend kein Effekt unter 1000 mg, ein uneinheitliches Bild zwischen 1000 und 1260 mg, eine einzelne positive Studie bei 3000 mg mit hoher Abbruchquote, genau das beschreibt die 2017 veröffentlichte Übersichtsarbeit selbst als Dosismuster, nicht als Widerspruch [8]. Und zwei der Studien mit höherer Dosis (McCune, Thein und Hurt) gaben zusätzlich eine argininarme Begleitdiät vor, sie prüften Lysin also nicht als alleinige Massnahme, sondern Lysin zusammen mit einer Diätumstellung [5, 8]. In der Summe ist die Studienlage dünn, uneinheitlich in der Dosis und in der Begleitdiät heterogen, kein echter Vergleich zweier tragfähiger, gegensätzlicher Effektschätzungen.
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02
Wachstum, Stickstoffbilanz und Immunmarker bei überwiegend getreidebasierter, lysinarmer Ernährung
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
In Bevölkerungsgruppen, die einen grossen Teil ihres Nahrungseiweisses aus Weizen beziehen (58 bis 67 Prozent in den hier ausgewerteten Studien) und bei denen Lysin die erste limitierende Aminosäure der Proteinqualität ist, zeigen zwei von drei randomisierten Familienstudien aus China und Pakistan einen grösseren Zuwachs bei Grösse und Gewicht der Kinder gegenüber der Kontrollgruppe unter einer Lysin-Anreicherung von Weizenmehl über 3 Monate [11, 12]. Die chinesische Studie fortifizierte laut einer 2025 veröffentlichten Übersichtsarbeit mit 3,75 Gramm Lysin-Monohydrochlorid je Kilogramm Mehl, das Abstract der Originalarbeit selbst nennt 3 Gramm Lysin je Kilogramm ohne Angabe der Salzform [11, 15]. Dort stieg zusätzlich die Zahl der CD3-T-Zellen bei Frauen und Kindern signifikant sowie je nach Gruppe mehrere Immunglobuline und Komplementfaktor C3, Hämoglobin veränderte sich nicht [11]. In Pakistan stiegen Transferrin bei Erwachsenen und Kindern sowie CD4-, CD8-Zellen und Komplementfaktor C3 in allen drei Gruppen, Hämoglobin nur bei Frauen, und Präalbumin stieg bei Erwachsenen signifikant, sank aber bei Kindern [12]. Die dritte, syrische Studie mit vergleichbarem Design und, laut derselben Übersichtsarbeit, 4,2 Gramm Lysin-Hydrochlorid je Kilogramm Mehl (umgerechnet rund 3,4 Gramm Lysin-Base) fand dagegen keinen signifikanten Unterschied bei Grösse, Gewicht oder den meisten Immunmarkern zwischen den Gruppen, ihr eigenes Abstract benennt das ausdrücklich mit dem Satz, es seien keine weiteren signifikanten Unterschiede zwischen der Lysin- und der Kontrollgruppe beobachtet worden. Signifikant war dort nur der Komplementfaktor C3 bei Männern sowie ein Rückgang der Tage mit Durchfallerkrankung bei Frauen in der Lysin-Gruppe (0,14 gegenüber 0,4 Tage pro Beobachtungszeitraum, p gleich 0,03) [13, 15]. Für die primären Wachstumsmasse Grösse und Gewicht nennt keine der drei Studien im verfügbaren Abstract einen genauen Zahlenwert mit Konfidenzintervall, nur die Einstufung als statistisch signifikant beziehungsweise, im Fall der syrischen Studie, als nicht signifikant. Zur Einordnung der Unabhängigkeit. An allen drei Studien war Nevin S. Scrimshaw als Ko-Autor beteiligt, sie entstammen einem international koordinierten Forschungsprogramm und sind damit methodisch getrennte, aber nicht vollständig unabhängige Untersuchungen. Zieht man die syrische Nullbefund-Studie beim primären Wachstumsendpunkt ab, verbleiben zwei von drei positiven Studien, keine drei unabhängig übereinstimmenden Bestätigungen, und für keine der drei liegt ein Effektmass mit Konfidenzintervall vor. An der syrischen Studie war zusätzlich Miro Smriga beteiligt (siehe auch die Wirkung zu Angst und Stresshormonen unten). Für die zeitlich nahen Studien von 2004 und 2007 ist eine Anstellung Smrigas beim Aminosäurehersteller Ajinomoto über die jeweilige Autorenaffiliation im Abstract belegt, das Abstract der 2008 veröffentlichten Syrien-Studie selbst nennt Autorenaffiliationen nicht einzeln, eine eigene Angabe zu Smrigas Anstellung zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung liegt uns nicht vor [13, 19, 21]. Wichtig für die Einordnung des Nutzens insgesamt. Alle drei Studien wurden ausschliesslich an Personen mit einer bereits unzureichenden Lysin-Versorgung durch eine stark getreidelastige Ernährung durchgeführt, nicht an Menschen mit ausreichender Lysin-Zufuhr. Eine 2025 veröffentlichte Übersichtsarbeit zur Lysin-Physiologie kommt nach Sichtung der Literatur zu Muskelleistung und Wachstum zum zusammenfassenden Schluss, dass sich die bei lysinarmer Ernährung beobachteten günstigen Effekte einer Lysin-Zusatzgabe bei Menschen mit einer ausreichend lysinhaltigen Ernährung nicht zeigen [16]. Eine gesonderte Übersichtsarbeit zu Lysin-Nahrungsergänzung bei Kindern und Jugendlichen bestätigt dieses Muster anhand weiterer Studien zu unterernährten Säuglingen und Kindern mit geringer Körpergrösse, ebenfalls überwiegend in Populationen mit unzureichender Ausgangsversorgung. Dieselbe Übersichtsarbeit berichtet allerdings auch einen weiteren Nullbefund, den diese Zeile bisher nicht führte, in Thailand blieb lysinangereicherter Reis bei Vorschulkindern über vier Jahre ohne messbaren Unterschied zur Placebogruppe. Zur Einordnung dieser Quelle selbst, ihr korrespondierender Autor gibt in der Interessenerklärung Forschungsmittel eines Nahrungsergänzungsherstellers an [15]. Zur Grössenordnung, die durchschnittliche Lysin-Verfügbarkeit aus der normalen Ernährung liegt in Industrieländern bei rund 6167 mg pro Tag und Kopf, in den ärmsten Ländern dagegen bei nur 2400 bis 2500 mg, ein Unterschied, der die beobachteten Effekte mit erklären dürfte [14].
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03
Intestinale Kalziumaufnahme als Laborwert bei Kalziumbelastung oder Nahrungsergänzung, ein klinisches Ergebnis wie Knochendichte oder Bruchhäufigkeit wurde nicht geprüft
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Eine ältere italienische Humanstudie prüfte die Wirkung von freiem L-Lysin auf die intestinale Kalziumaufnahme in zwei Teilversuchen: Der erste umfasste 15 gesunde und 15 an Osteoporose erkrankte Frauen, der zweite 45 Personen mit Osteoporose. Bei den 45 Personen mit Osteoporose erhöhte eine mehrtägige Gabe von 800 mg L-Lysin pro Tag die intestinale Kalziumaufnahme, gemessen mit radioaktiv markiertem Kalzium-47, signifikant, während dieselbe Dosis L-Valin oder L-Tryptophan das nicht taten. Das Abstract nennt dafür nur die Einstufung als signifikant, keine genauen Werte oder Konfidenzintervalle [17]. Eine methodisch deutlich sorgfältigere, plazebokontrollierte Cross-over-Studie an 14 jungen gesunden Frauen prüfte nicht Lysin allein, sondern eine Kombination der beiden dibasischen Aminosäuren L-Arginin und L-Lysin, in einer Menge, die der zusätzlichen Aufnahme durch eine eiweissreiche Ernährung entspricht, und fand für die Kalziumaufnahme einen Trend in dieselbe Richtung wie die ältere Studie, aber keinen signifikanten Unterschied (25,2 gegenüber 22,3 Prozent unter der Kontrolldiät, p gleich 0,094) [18]. Da diese zweite Studie Lysin nicht als Einzelstoff, sondern nur in Kombination mit Arginin prüfte, ist sie kein unabhängiger Beleg für Lysin allein. Die in der älteren Humanstudie wirksame Menge von 800 mg pro Tag liegt am unteren Rand der in Humanstudien zu Lysin allein geprüften Dosen, ob sich der Effekt bei höheren Mengen fortsetzt, verstärkt oder abschwächt, wurde nicht geprüft. Wichtig für die Einordnung dieser Aufnahme-Zeile. In der Kombinationsstudie ging der Anstieg der Aufnahme mit einem ebenso grossen Anstieg der Kalziumausscheidung über den Urin einher, siehe die eigene Wirkung zur renalen Kalziumausscheidung unten, eine höhere Aufnahme allein sagt deshalb noch nichts über die tatsächliche Kalziumbilanz aus.
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04
Renale Kalziumausscheidung als Laborwert, unter Lysin zusammen mit Arginin signifikant erhöht und damit ein ungünstiger Befund, unter Lysin allein je nach Population uneinheitlich
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Dieselbe ältere italienische Studie untersuchte eine akute orale Kalziumbelastung (3 Gramm Kalzium als Kalziumchlorid) zusammen mit 400 mg L-Lysin. Der Anstieg der Kalziumausscheidung war bei den mit Lysin behandelten gesunden Frauen abgeschwächt; bei den Frauen mit Osteoporose wurde ebenfalls ein Anstieg beobachtet. Das sind zwei Untergruppen derselben Studie, keine zwei gegeneinanderstehenden Studien, ein Hinweis auf eine populationsabhängige Reaktion, kein Widerspruch. Für keine der beiden Untergruppen nennt das Abstract einen genauen Zahlenwert, nur die verbale Einstufung; die Autoren deuten den Befund als Hinweis, dass Lysin die renale Rückgewinnung des aufgenommenen Kalziums verbessern könne [17]. Eine methodisch sorgfältigere neuere, plazebokontrollierte Cross-over-Studie an 14 jungen gesunden Frauen prüfte statt Lysin allein die Kombination mit Arginin und fand dort einen eigenständig signifikant höheren Kalziumverlust über den Urin (0,9 Millimol pro Tag mehr als unter Kontrolldiät, p kleiner 0,05) [18]. Weil die ältere Studie für ihre gesunde Untergruppe keinen Zahlenwert liefert und weil beide Studien unterschiedliche Fragen prüfen (Lysin allein, überwiegend bei Osteoporose-Patientinnen, gegenüber Lysin zusammen mit Arginin bei ausschliesslich gesunden jungen Frauen), lässt sich daraus kein zahlenmässig fassbarer Widerspruch ableiten, wohl aber ein uneinheitliches Bild je nach Population und Zusammensetzung der Gabe. Entscheidend für die Einordnung ist, was die neuere Studie aus ihrem eigenen Befund macht, sie fand parallel eine um 0,6 Millimol pro Tag höhere intestinale Kalziumaufnahme unter der Kombination, und die Autoren stellen im Volltext ausdrücklich fest, dass der Anstieg der Aufnahme vom Anstieg der Ausscheidung im Urin gespiegelt wurde (the increase in intestinal calcium absorption mirrored the change in urinary calcium). Die zusätzlich aufgenommene Kalziummenge blieb dem Körper unter der Kombination mit Arginin also per Saldo nicht in gleichem Mass erhalten, die Nettobilanz verbesserte sich in dieser Studie nicht [18].
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05
Angstempfinden und Stresshormonantwort, Lysin allein nur in einer herstellerfinanzierten Studie an lysinarm ernährten Menschen geprüft, bei ausreichend versorgten Menschen nur die Kombination mit Arginin
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Die einzige kontrollierte Humanstudie, die Lysin als alleinigen Wirkstoff, ohne Arginin, auf Angst und Stressreaktion prüfte, ist eine dreimonatige, randomisierte, doppelblinde Anreicherungsstudie an Weizenmehl in wirtschaftlich schwachen, weizenabhängigen Dorfgemeinschaften in Nordwestsyrien, derselben Studienpopulation wie bei der Wachstumsstudie oben. In der lysinangereicherten Gruppe sank die chronische Ängstlichkeit, gemessen mit einem Angst-Fragebogen, bei Männern nur in der Untergruppe mit hohem Ausgangswert. Der im Volltext genannte Wert von 6,9 plus minus 1,8 Punkten ist die Veränderung innerhalb der angereicherten Gruppe zwischen Studienbeginn und Studienende, kein Unterschied zur Kontrollgruppe, die Streuungsangabe ist der Standardfehler des Mittelwerts, und die Zahlen 9 und 11 sind die Zahl der Messungen vor und nach der Anreicherung in dieser Untergruppe, nicht zwei verglichene Gruppen. Bei Frauen zeigte sich eine geringere Cortisol-Ausschüttung als Reaktion auf die Blutentnahme, bei Männern und Kindern eine geringere sympathische Aktivierung anhand der Hautleitfähigkeit, jeweils nicht bei allen Geschlechtern gleichermassen. Auch diese beiden Befunde berichtet der Volltext als Veränderung innerhalb der angereicherten Gruppe, die in der Kontrollgruppe ausblieb, nicht als geprüften Unterschied zwischen den Gruppen, ein Gruppenvergleich mit Effektmass fehlt der Studie durchgehend. Die Studie wurde vom Aminosäurehersteller Ajinomoto finanziert, der Erstautor war zum Zeitpunkt der Studie bei diesem Unternehmen angestellt [19]. Die beiden einzigen randomisierten, plazebokontrollierten Studien an Menschen mit ausreichender Lysin-Versorgung prüften nicht Lysin allein, sondern eine Kombination aus L-Lysin und L-Arginin zu etwa gleichen Teilen, jeweils 2640 bis 3000 mg pro Tag. Bei 108 gesunden japanischen Erwachsenen senkte eine einwöchige Einnahme dieser Kombination sowohl die allgemeine als auch die durch kognitiven Stress ausgelöste Angst signifikant und senkte bei Männern zusätzlich den basalen Cortisol- und Chromogranin-A-Spiegel im Speichel; laut Autorenaffiliation im Abstract war der Erstautor dieser Studie bei Ajinomoto angestellt [21]. Bei 29 gesunden Männern mit hohem Trait-Angst-Wert führte dieselbe Kombination über 10 Tage dagegen zu einer verstärkten, nicht abgeschwächten hormonellen Stressantwort (höhere ACTH-, Cortisol-, Adrenalin- und Noradrenalinwerte sowie eine stärkere Hautleitfähigkeitsreaktion während eines öffentlichen Redetests, verglichen mit Plazebo). Die Autoren deuten dies als Angleichung an das Hormonmuster von Personen mit niedriger Trait-Angst, das gemessene Ergebnis zeigt aber in die dem naheliegend erwarteten "beruhigenden" Effekt entgegengesetzte Richtung. Diese dritte Studie nennt im Abstract selbst keine Autorenaffiliation und damit keine Interessenkonflikt-Angabe, unter den Ko-Autoren finden sich aber sowohl Miro Smriga als auch Yoshihisa Morinaga, die auch an der zweiten, oben genannten Kombinationsstudie beteiligt waren [20]. Insgesamt ist Miro Smriga an allen drei hier ausgewerteten Humanstudien zu Lysin und Angst beteiligt, Yoshihisa Morinaga an zweien der drei. Die drei Studien bilden damit keinen vollständig unabhängigen Bestand von drei Bestätigungen, sondern einen Bestand mit erheblicher personeller Überschneidung. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2010 wertet die beiden Kombinationsstudien an ausreichend versorgten Menschen gemeinsam aus (137 Teilnehmende insgesamt) und bewertet beide als positiv für Angstsymptome. Massgeblich dafür ist eine im Volltext genannte Entscheidungsregel, wonach eine signifikante Veränderung in mindestens einem der primären Zielwerte für die Einstufung als positiv genügte, wodurch auch die verstärkte, nicht abgeschwächte hormonelle Stressantwort der dritten Studie als positiv gezählt wird. Wegen der geringen Studienzahl konnte keine Meta-Analyse durchgeführt werden [22]. Präparate, die Lysin ohne zusätzliches Arginin oder mit einem im Verhältnis zu Lysin sehr kleinen, proteingebundenen Arginin-Anteil liefern, statt der in den Kombinationsstudien verwendeten annähernd gleichen Mengen beider Aminosäuren, lassen sich aus dieser Kombinationsliteratur nicht direkt beurteilen. Für Lysin allein liegt bei Menschen mit ausreichender Lysin-Versorgung keine Humanstudie zu diesem Endpunkt vor.
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06
Wachstumshormon-Ausschüttung und Muskelaufbau durch Kombinationen aus Lysin und Arginin, in verfügbaren Studien ausgeblieben
Nicht bestätigtEinordnung und Einschränkungen
Weil Arginin und, in geringerem Mass, Lysin im Tierversuch die Ausschüttung von Wachstumshormon anregen können, werden Kombinationspräparate aus beiden Aminosäuren im Kraftsport verbreitet als Mittel zur Steigerung von Muskelaufbau und Kraft beworben. Eine kontrollierte klinische Studie (laut PubMed-Klassifikation nicht randomisiert) an 16 gesunden älteren Männern fand unter zweimal täglich 3000 mg Arginin plus 3000 mg Lysin über 14 Tage keine signifikante Veränderung von Wachstumshormon- oder IGF-1-Spiegeln gegenüber Plazebo [23]. Eine randomisierte Studie an 7 männlichen Bodybuildern fand nach einmaliger Einnahme einer handelsüblichen Arginin-Lysin-Kombination mit 2400 mg keine konsistente Erhöhung der Wachstumshormon-Konzentration im Blut [25]. Eine Übersichtsarbeit von 2002 zu Aminosäuren, die als Wachstumshormon-Freisetzer beworben werden, kommt zu dem Schluss, dass keine angemessen durchgeführte Studie zeigen konnte, dass eine orale Einnahme solcher Aminosäuren vor einem Krafttraining Muskelmasse oder Kraft stärker steigert als das Training allein, und rät von der Praxis ab [24]. Alle drei Quellen prüften eine Kombination aus Arginin und Lysin, keine prüfte Lysin allein. Für Lysin als Einzelstoff liegt zu diesem Endpunkt keine Humanstudie vor.
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07
Muskelproteinsynthese und Muskelaufbau als Teil einer vollständigen Aminosäuremischung
Studienlage offenEinordnung und Einschränkungen
Zu Muskelproteinsynthese oder Kraftzuwachs unter reiner L-Lysin-Gabe, ohne Kombination mit anderen Aminosäuren und ohne Molkenprotein, liegt uns keine Humanstudie vor. Eine gezielte Suche (PubMed-Suche nach "lysine" "muscle protein synthesis" (alle Publikationstypen), 24 Treffer) fand ausschliesslich Vergleichsstudien zwischen ganzen Proteinquellen, etwa pflanzliches gegen tierisches Protein, oder Studien zu vollständigen Aminosäuremischungen, keine gezielte Einzelgabe von Lysin. Ob der Lysin-Anteil einer solchen Mischung, wie er in einer vollständigen Aminosäuremischung oder im Molkenprotein enthalten ist, für sich genommen zur Muskelproteinsynthese beiträgt, ist damit offen
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08
Wechselwirkung mit Arginin am gemeinsamen Zelltransporter (Lysin-Arginin-Antagonismus)
Nur Labor und TierEinordnung und Einschränkungen
Lysin und Arginin nutzen denselben Transporter für basische Aminosäuren in der Zellmembran und konkurrieren dort umeinander. In Zellkulturstudien mit Herpes-simplex-infizierten Zellen unterdrückte ein Überschuss an Lysin gegenüber Arginin die Virusvermehrung, während ein Argininüberschuss sie begünstigte, dieser aus den 1960er bis 1980er Jahren stammende Zellkulturbefund bildet die mechanistische Grundlage für die seit Jahrzehnten verbreitete Erwartung, Lysin könne Lippenherpes-Episoden seltener machen [10]. In einer weiteren In-vitro-Untersuchung an aktivierten Makrophagen (Spezies in der zugrunde liegenden Originalarbeit nicht spezifiziert) senkte die Vorinkubation mit 2 Millimol L-Lysin die intrazelluläre Arginin-Konzentration von 2 Millimol auf 160 Mikromol und hob die Stickstoffmonoxid-Synthase-Aktivität vollständig auf [16]. Beides sind Labor- beziehungsweise Zellkulturbefunde, aus denen keine unmittelbare Aussage über die Wirkung einer oralen Lysin-Einnahme beim Menschen folgt, die oben dargestellten Humanstudien zu Lippenherpes, Angst und Kalziumstoffwechsel fallen uneinheitlich aus.
Studien im Detail
Lippenbläschen bei rezidivierendem Herpes labialis: eine über 40 Jahre alte, duenne und uneinheitliche Studienlage
Die Erwartung, Lysin könne Lippenherpes-Episoden seltener oder milder machen, stammt aus Zellkulturversuchen der 1960er bis 1980er Jahre, die eine Unterdrückung der Virusvermehrung bei einem Lysin-Überschuss gegenüber Arginin zeigten [10]. Die klinische Prüfung am Menschen begann in den späten 1970er Jahren und blieb seither uneinheitlich. Die aktuellste, methodisch strengste Zusammenfassung ist eine Cochrane-Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2015: Von den historischen Lysin-Studien erfüllte nur eine einzige (Thein und Hurt 1984) die Einschlusskriterien für die quantitative Auswertung, mit einem klar negativen Ergebnis in der ausgewerteten ersten Studienhälfte (mittlere Differenz minus 0,04 Episoden pro Monat, 95 Prozent Konfidenzintervall minus 0,37 bis 0,29, Qualität der Evidenz sehr niedrig, Randomisierungsverfahren von Cochrane selbst als unklares Risiko eingestuft) [1, 2]. Die Primärstudie selbst nennt für diese erste Studienhälfte eine ungleiche Ausgangsverteilung als möglichen Grund und findet in der von Cochrane nicht ausgewerteten zweiten Studienhälfte einen signifikanten Unterschied [2, 8]. Zwei weitere randomisierte, plazebokontrollierte Studien mit höherer Dosis und einer argininarmen Begleitdiät (McCune und Kollegen 1984, Griffith und Kollegen 1987), die im Volltext der Cochrane-Übersicht an keiner Stelle erwähnt werden, fanden signifikant weniger Rückfälle unter 1248 bis 3000 mg Lysin pro Tag, bei Griffith allerdings bei einer Abbruch- und Ausschlussquote von rund der Hälfte der ursprünglich Rekrutierten [5, 6, 8]. Eine dritte, ebenfalls kontrollierte Studie mit ähnlicher Dosis (DiGiovanna und Blank 1984) fand erneut keinen Effekt [3], und die ursprüngliche, meistzitierte Studie (Milman und Kollegen 1980) fiel je nach betrachtetem Endpunkt unterschiedlich aus [4]. Eine 2017 veröffentlichte Übersichtsarbeit ordnet dieses Bild nicht als zwei getrennte Lager, sondern als Streuung innerhalb eines Dosisbands ein (unterhalb von 1000 mg durchgehend kein Effekt, im Bereich von 1000 bis 1260 mg uneinheitlich, bei 3000 mg eine einzige positive Studie) und fordert grössere, längere Studien [8]. Die frühen, stark in der öffentlichen Wahrnehmung verankerten unkontrollierten Erhebungen (eine Fragebogenumfrage an 1543 Selbstkäufern und eine unkontrollierte Studie an 45 Personen) können wegen fehlender Kontrollgruppe und erheblicher Selbstselektion keine belastbare Aussage zur tatsächlichen Wirkung liefern, auch wenn sie sehr positive Rückmeldequoten berichten [7, 9]. Die Wirkung wird hier als hinweise gefuehrt, nicht als widersprüchlich: Auf der positiven Seite liegt kein Effektmass mit Streuung oder Intervall vor (McCune ohne jeden Zahlenwert, Griffith nur als Punktwert), gegen den einzigen vollstaendig belegten Negativbefund von Cochrane. Details, Zahlen und die zugehörigen Vorbehalte stehen an der Wirkung in der Tabelle oben.
Wachstum bei lysinarmer, getreidebasierter Ernährung
Zwei von drei randomisierten Familienstudien aus China und Pakistan zeigen, dass eine Lysin-Anreicherung von Weizenmehl bei Familien, die den grössten Teil ihres Nahrungseiweisses aus Weizen beziehen, Wachstum, Ernährungs- und Immunstatus verbessert [11, 12]. Die dritte, syrische Studie mit vergleichbarem Design findet dagegen für die primären Wachstumsmasse und die meisten Immunmarker keinen signifikanten Unterschied, ihr eigenes Abstract stellt das ausdrücklich fest, nur ein einzelner Immunmarker bei Männern und der Rückgang von Durchfalltagen bei Frauen sind dort signifikant [13]. Diese Studien wurden gezielt in Populationen mit einer durch die Ernährung bedingten Lysin-Unterversorgung durchgeführt, für die Lysin die erste limitierende Aminosäure ist. Zwei aktuelle Übersichtsarbeiten weisen ausdrücklich darauf hin, dass sich dieser Nutzen bei Menschen mit einer bereits ausreichenden Lysin-Zufuhr nicht zeigt [15, 16]. Die durchschnittliche Lysin-Verfügbarkeit aus der Ernährung liegt in Industrieländern bei rund 6167 mg pro Tag und Kopf [14].
Kalziumstoffwechsel: Aufnahme und Ausscheidung in unterschiedliche Richtungen, kein einheitliches Bild
Eine kleine, ältere Humanstudie fand unter 800 mg freiem L-Lysin eine höhere intestinale Kalziumaufnahme bei Personen mit Osteoporose. Unter 400 mg zusammen mit einer akuten Kalziumgabe fiel der Anstieg der Kalziumausscheidung im Urin nur bei gesunden Frauen geringer aus, nicht bei Osteoporose-Patientinnen [17]. Eine methodisch sorgfältigere neuere Studie prüfte statt Lysin allein eine Kombination mit Arginin und fand für die Aufnahme einen nicht signifikanten Trend in dieselbe Richtung, für die Ausscheidung dagegen das Gegenteil, einen signifikant höheren Kalziumverlust über den Urin, der laut den Autoren im Volltext den Anstieg der Aufnahme rechnerisch aufhob (the increase in intestinal calcium absorption mirrored the change in urinary calcium), die Nettobilanz verbesserte sich unter der Kombination also nicht [18]. Aufnahme und Ausscheidung werden deshalb hier als zwei getrennte Wirkungen gefuehrt, beide auf der Stufe hinweise, weil auf mindestens einer Seite jeweils ein belastbares Effektmass fehlt oder es sich um Untergruppen statt gegeneinanderstehender Studien handelt, siehe Tabelle oben.
Angst und Stresshormone
Die einzige Studie zu Lysin als Einzelstoff (eine Weizenmehl-Anreicherung in einer lysinarm ernährten Bevölkerung) fand geschlechts- und untergruppenspezifische, kleinere Effekte auf Angst und Stressmarker [19]. Die beiden Studien an ausreichend ernährten, gesunden Menschen prüften ausschliesslich die Kombination mit Arginin und kamen zu gegensätzlichen Befunden: einmal eine verstärkte hormonelle Stressantwort [20], einmal eine verringerte Angst und ein niedrigerer basaler Cortisolspiegel [21]. Miro Smriga ist an allen drei Studien beteiligt, Yoshihisa Morinaga an zweien, die drei Studien bilden also keinen unabhängigen Dreifachbestand. Eine Übersichtsarbeit wertet beide Kombinationsstudien als positiv, weil dafür eine signifikante Veränderung in nur einem der primären Zielwerte genügte [22].
Tier- und Laborstudien
Die folgenden Befunde stammen aus Zellkultur- und In-vitro-Untersuchungen, aus denen keine unmittelbare Aussage über die Wirkung einer oralen Lysin-Einnahme beim Menschen folgt. In mit Herpes-simplex-Virus infizierten Zellkulturen unterdrückte ein Lysin-Überschuss gegenüber Arginin die Virusvermehrung, ein Argininüberschuss begünstigte sie [10]. In einer Untersuchung an aktivierten Makrophagen (Spezies in der Originalarbeit nicht spezifiziert) senkte die Vorinkubation mit L-Lysin die intrazelluläre Arginin-Konzentration deutlich und hob die Aktivität der Stickstoffmonoxid-Synthase auf [16]. In Rattenstudien, die eine aktuelle Übersichtsarbeit zusammenfasst, führte eine sehr hohe Lysin-Zufuhr (5 Prozent des Futters über 13 Wochen) zu keiner erkennbaren Schadwirkung, während 10 Prozent Lysin im Futter über 4 Wochen bei jungen Ratten das Wachstum unterdrückte und 5 Prozent Lysin über 2 Wochen bei kaseinernährten Ratten Triglyzeride, Cholesterin und Gesamtfettgehalt in der Leber erhöhte, ein Effekt, den eine gleichzeitige Arginin-Gabe milderte [15].
Sicherheit und Wechselwirkungen
Eine 2020 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit wertete 71 klinische Interventionsstudien mit insgesamt 3357 Teilnehmenden aus, in denen L-Lysin oral in Tagesdosen von bis zu 17,5 g über 1 bis 1095 Tage eingenommen wurde. Berichtete Nebenwirkungen betrafen praktisch ausschliesslich den Magen-Darm-Trakt, vor allem subjektives Unwohlsein, das Risiko dafür war gegenüber Kontrollgruppen statistisch nicht erhöht (Risk Ratio 1,02). Die Autoren leiten daraus eine vorläufige Dosis ohne beobachtete unerwünschte Wirkung (NOAEL) von 6 g pro Tag ab, bezogen auf gastrointestinale Symptome [26]. Eine weitere Übersichtsarbeit nennt für dieselbe Datenlage eine niedrigste beobachtete Wirkschwelle von etwa 7,5 g pro Tag und berichtet von einer Einzelstudie, in der eine Einmaldosis von 7,5 g bei gesunden Erwachsenen innerhalb von 6 Stunden Durchfall auslöste [15].
Eine Übersichtsarbeit zur Lysin-Herpes-Frage weist auf zwei bislang nur theoretisch begründete Vorsichtsbereiche hin, für die keine eigene Interventionsstudie vorliegt: Menschen mit Herz-Kreislauf- oder Gallenblasenerkrankungen sollten laut den Autoren vorsichtshalber gewarnt werden, weil Lysin über den gemeinsamen Transportweg die Verfügbarkeit von Arginin senken kann, das seinerseits an der Stickstoffmonoxid-Bildung und der Gefässfunktion beteiligt ist [8].
Lysin und Arginin konkurrieren über einen gemeinsamen Zelltransporter (Lysin-Arginin-Antagonismus, siehe Wirkungstabelle). Wer gezielt hohe Mengen freien Arginins einnimmt, etwa aus einem separaten Arginin-Präparat, sollte diese Wechselwirkung im Blick behalten. Ein Präparat, das Lysin ohne ein annähernd gleich hohes Mass an Arginin liefert, führt dagegen kaum zu einer relevanten Verdrängung.
Quellen zum Nachlesen
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Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse aus 32 randomisierten Studien zu 19 Interventionen, n=2640, davon 1 Studie zu reinem Lysin in der quantitativen Auswertung · 2015
Interventions for prevention of herpes simplex labialis (cold sores on the lips)
Chi CC, et al. Cochrane Database Syst Rev
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Randomisierte, doppelblinde, plazebokontrollierte Studie, n=29 · 2005
Subchronic treatment with amino acid mixture of L-lysine and L-arginine modifies neuroendocrine activation during psychosocial stress in subjects with high trait anxiety
Jezova D, et al. Nutr Neurosci
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Bei H.P.N
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