L-Phenylalanin
Zuletzt geprüft am
Aminosäuren
Phenylalanin · Phe · 2-Amino-3-phenylpropansäure
Auf einen Blick
- Was es ist
- Eine essentielle, proteinogene Aminosäure. Der Körper kann sie nicht selbst herstellen und ist auf die Zufuhr über Nahrung oder Nahrungsergänzung angewiesen. Über das Enzym Phenylalanin-Hydroxylase wird ein Teil zu L-Tyrosin umgebaut, der Vorstufe von Dopamin, Noradrenalin und Adrenalin
- Herkunft
- In eiweißreichen Lebensmitteln wie Fleisch, Fisch, Eiern, Milchprodukten und Sojaprodukten enthalten, außerdem gebunden im Süßstoff Aspartam. In Supplementen meist als freie, kristalline Aminosäure
- Wirkform in Studien
- Ganz überwiegend freies, kristallines L-Phenylalanin als Einzeldosis. Ein erheblicher Teil der älteren Literatur zu Stimmung und Schmerz arbeitet dagegen mit dem Racemat DL-Phenylalanin oder dem D-Enantiomer, nicht mit der hier bewerteten reinen L-Form, dazu mehr unter Besonderheit
- Übliche Studiendosis
- Bis 10 g als Einzeldosis in den Sättigungsstudien; die kleinste genannte Menge von 0,224 g wurde zusammen mit 0,176 g Asparaginsäure geprüft. 75 bis 200 mg pro Tag über mehrere Wochen in der einzigen älteren Stimmungsstudie mit reinem L-Phenylalanin
- Besonderheit
- Drei chemisch unterschiedliche Formen kursieren unter dem Namen Phenylalanin. L-Phenylalanin ist die Form in körpereigenem Protein und die hier bewertete Form. D-Phenylalanin ist das Spiegelbild, dem in älterer Literatur eine Hemmung des Enzyms Enkephalinase und darüber eine schmerzlindernde Wirkung zugeschrieben wird. DL-Phenylalanin ist die zu gleichen Teilen gemischte Form beider Spiegelbilder und wird unter der Abkürzung DLPA vermarktet. Ein großer Teil der älteren Studien zu Stimmung und Schmerz nutzt die D- oder DL-Form, nicht die hier bewertete L-Form
- Sicherheitshinweis
- Bei Phenylketonurie (PKU), einer angeborenen Stoffwechselstörung, muss die Phenylalaninzufuhr aus allen Quellen medizinisch abgestimmt und begrenzt werden; ein Präparat mit freiem L-Phenylalanin ist dafür nicht geeignet, siehe Abschnitt Sicherheit. Aspartamhaltige Lebensmittel tragen in der EU deshalb einen vorgeschriebenen Warnhinweis, der laut Verordnungstext an den Süßstoff Aspartam gebunden ist, nicht ausdrücklich an freies Phenylalanin als Zutat
Was diesem Stoff zugesprochen wird
Was die Studien hergeben.
Jede Zuschreibung hat ihre eigene Bewertung. So liest Du die Studienlage.
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01
Sättigung und Nahrungsaufnahme nach einer Einzeldosis, uneinheitlich zwischen Studien
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Vier ältere placebokontrollierte Humanstudien liegen vor, drei mit isoliertem L-Phenylalanin und eine mit Phenylalanin plus Asparaginsäure, mit uneinheitlichem Ausgang. Ballinger und Clark (1994, n gleich 6, Crossover) gaben 10 g L-Phenylalanin, 10 g D-Phenylalanin oder Placebo 20 Minuten vor einer Standardmahlzeit. Nach L-Phenylalanin sank die verzehrte Kalorienmenge auf 1089 plus minus 86 kcal gegenüber 1587 plus minus 174 kcal nach Placebo (p gleich 0,03, rechnerisch eine relative Reduktion von rund 31 Prozent), begleitet von einem CCK-Anstieg von 1,10 plus minus 0,12 auf 5,49 plus minus 0,83 pmol pro Liter. D-Phenylalanin veränderte weder CCK noch Kalorienaufnahme gegenüber Placebo, die beiden Enantiomere unterschieden sich in dieser Studie also deutlich. Pohle-Krauza und Kollegen (2008, n gleich 20 Frauen über 32 ausgewertete Menstruationszyklen) fanden mit verkapseltem L-Phenylalanin eine im Schnitt 9 Prozent niedrigere Tagesenergiezufuhr gegenüber einer Dextrose-Kontrolle, laut Abstract signifikant abhängig von Zyklusphase und Diätrestriktionsverhalten, in Untergruppen bis zu 15 Prozent. Hall und Kollegen (2003, n gleich 6) prüften eine kleine Kombination aus 224 mg Phenylalanin und 176 mg Asparaginsäure, also den Aminosäureanteil einer Aspartam-Dosis, und fanden eine stärkere Reduktion des Essverlangens als unter reinem Aspartam, mit einer Korrelation zwischen Plasma-Phenylalanin-Anstieg und sinkendem Essverlangen (r gleich minus 0,9774, p gleich 0,004), diese Studie prüfte aber keine reine Phenylalanin-Dosis. Dem gegenüber steht Ryan-Harshman und Kollegen (1987, normalgewichtige Männer, Dosen von 0,84 bis 10,08 g Phenylalanin), die keinen Unterschied zu Placebo bei Energiezufuhr, Hunger oder Stimmung fanden. Rogers und Blundell (1994) legten in einer Reanalyse derselben Rohdaten dar, dass diese durchaus einen dosisabhängigen Trend zur Verringerung der Nahrungsaufnahme zeigen, der bei Erstveröffentlichung übersehen worden sei, es handelt sich also um dieselben Rohdaten, nicht um eine unabhängige Gegenstudie. Drei weitere placebokontrollierte Humanstudien mit reinem L-Phenylalanin fielen bei der ursprünglichen Recherche durch das Raster und wurden bei dieser Prüfung ergänzt. Pohle-Krauza und Kollegen fanden 2008 in einer zweiten, größeren Studie an 32 übergewichtigen und adipösen Frauen über die Gesamtgruppe keinen Effekt von L-Phenylalanin auf die Energiezufuhr, nur in einer Untergruppe mit niedriger Diätrestriktion zeigte sich eine Reduktion. Fitzgerald und Kollegen fanden 2020 an 16 gesunden schlanken Männern für eine Einzeldosis von 10 g L-Phenylalanin gegenüber Kontrolle eine signifikant geringere Energiezufuhr, verbunden mit einem CCK-Anstieg, für 5 g zeigte sich kein Effekt. Amin und Kollegen prüften 2021 an 11 Personen L-Phenylalanin direkt gegen D-Phenylalanin und fanden für 10 g L-Phenylalanin zwar Effekte auf Insulin, Glukagon und GIP, aber keinen Unterschied zu Placebo bei subjektivem Appetit oder tatsächlicher Energiezufuhr. Die Befundlage bleibt damit über einen Zeitraum von 1987 bis 2021 uneinheitlich, nicht nur in der älteren, kleinen Datenbasis
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02
Stimmungsaufhellende Wirkung
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Zur stimmungsaufhellenden Wirkung von Phenylalanin existiert für die hier bewertete L-Form nur eine einzige Arbeit. Sabelli und Kollegen (1986) beschreiben eine offene, unkontrollierte Studie, in der Phenylalanin bei 31 von 40 depressiven Patientinnen und Patienten die Stimmung anhob, eine Dosis, ein Signifikanztest oder ein Vergleich zu Placebo nennt das Abstract dafür nicht. Die deutlich umfangreichere ältere Literatur zu Phenylalanin und Stimmung arbeitet mit dem Racemat DL-Phenylalanin, nicht mit der hier bewerteten reinen L-Form, und zählt deshalb nicht zur Evidenz für dieses Präparat, siehe dazu den Fließtext
Quellen: 6
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03
Wachheit und kognitive Leistung über die Umwandlung zu Tyrosin
Nur Labor und TierEinordnung und Einschränkungen
Phenylalanin wird über das Enzym Phenylalanin-Hydroxylase zu Tyrosin umgebaut, der Vorstufe von Dopamin und Noradrenalin, und darüber wird ihm gelegentlich eine wachmachende oder stimmungsstabilisierende Wirkung zugeschrieben. Eine direkte Prüfung, ob eine zusätzliche Zufuhr von L-Phenylalanin bei ausreichend versorgten Menschen Wachheit oder kognitive Leistung verbessert, liegt uns nicht vor. Die einzige einschlägige Humanstudie geht in die Gegenrichtung, Grevet und Kollegen (2002, n gleich 12 gesunde Männer, randomisierte Crossover-Studie) senkten Phenylalanin und Tyrosin gemeinsam akut ab, statt sie zuzuführen. Die ausgewogene Kontrollmischung erhielt bessere Wachheitswerte (VAMS Faktor Wachheit, p gleich 0,037) als die Phenylalanin- und Tyrosin-arme Mischung, die stattdessen Angst erhöhte (p gleich 0,022) und das Wortgedächtnis verschlechterte (Rey-Test, p gleich 0,016). Das stützt die Kette Phenylalanin, Tyrosin, Katecholamine als Mechanismus, zeigt aber nur, was bei Mangel geschieht, nicht, ob eine Zufuhr über den Bedarf hinaus zusätzlich nutzt
Quellen: 8
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04
Schmerzlinderung ohne Unterschied zu Placebo (Studien betreffen D-Phenylalanin, nicht die hier bewertete L-Form)
Nicht bestätigtEinordnung und Einschränkungen
Die Vorstellung, Phenylalanin lindere Schmerzen, stammt aus einer Reihe kleiner Studien der 1980er Jahre zum D-Enantiomer D-Phenylalanin, dem eine Hemmung des schmerzabbauenden Enzyms Enkephalinase zugeschrieben wird. Die einzige randomisierte, doppelblinde Prüfung mit D-Phenylalanin an Menschen (Walsh und Kollegen 1986, n gleich 30 Personen mit chronischen Schmerzen unterschiedlicher Ursache, 250 mg D-Phenylalanin viermal täglich gegen Placebo über je 4 Wochen im Crossover) fand keinen Unterschied zu Placebo, 25 Prozent der Teilnehmenden berichteten unter D-Phenylalanin mehr Schmerzlinderung, 22 Prozent unter Placebo, bei 53 Prozent zeigte sich kein Unterschied zwischen den Bedingungen. Für die hier bewertete Form, L-Phenylalanin, liegt uns überhaupt keine eigene Humanstudie zur Schmerzwahrnehmung vor, und die einzige kontrollierte Humanstudie zur verwandten D-Form fand keinen Unterschied zu Placebo
Die wichtigste Einschränkung bei L-Phenylalanin betrifft nicht eine einzelne Zeile, sondern fast den ganzen Eintrag: Unter dem Namen Phenylalanin kursieren drei chemisch unterschiedliche Substanzen. L-Phenylalanin ist die Form, die der Körper in Protein einbaut und die hier bewertet wird. D-Phenylalanin ist ihr Spiegelbild und wird nicht in Protein eingebaut, ihm wird stattdessen eine Hemmung des Enzyms Enkephalinase und darüber eine schmerzlindernde Wirkung zugeschrieben. DL-Phenylalanin ist die zu gleichen Teilen gemischte Form beider Spiegelbilder, bekannt unter der Abkürzung DLPA. Ein erheblicher Teil der älteren Literatur zu Stimmung und Schmerz arbeitet mit der D- oder der DL-Form. Eine DL- oder D-Studie ist kein Beleg für die hier bewertete L-Form, deshalb tauchen diese Arbeiten unten als Kontext auf, tragen aber keine der vier Wirkungsstufen. Zusätzlich wird Phenylalanin im Körper zu Tyrosin umgebaut, der Vorstufe von Dopamin und Noradrenalin, weshalb ihm gelegentlich Wirkungen zugeschrieben werden, die in Wahrheit an Tyrosin selbst untersucht wurden oder nur als plausible Kette bestehen, ohne direkte Prüfung an Phenylalanin.
Studien im Detail
Sättigung und Nahrungsaufnahme
Ballinger und Clark zeigten 1994 an 6 Personen im Crossover-Design, dass eine Einzeldosis von 10 g L-Phenylalanin, 20 Minuten vor einer Standardmahlzeit gegeben, die anschließend verzehrte Kalorienmenge auf 1089 plus minus 86 kcal senkte, gegenüber 1587 plus minus 174 kcal nach Placebo (p gleich 0,03). Begleitend stieg das Sättigungshormon Cholecystokinin (CCK) von basal 1,10 plus minus 0,12 auf 5,49 plus minus 0,83 pmol pro Liter. Dieselbe Dosis D-Phenylalanin veränderte weder CCK noch die Kalorienaufnahme gegenüber Placebo, die beiden Spiegelbildformen verhielten sich in dieser Studie also unterschiedlich [1].
Pohle-Krauza und Kollegen prüften 2008 an 20 Frauen über zwei Menstruationszyklen (32 auswertbare Zyklen), ob verkapseltes L-Phenylalanin gegenüber einer Dextrose-Kontrolle die Tagesenergiezufuhr senkt. Im Mittel lag die Zufuhr unter Phenylalanin 9 Prozent niedriger, der Effekt hing laut Abstract signifikant von der Zyklusphase und vom Diätrestriktionsverhalten der Teilnehmerinnen ab, in einzelnen Untergruppen bis zu 15 Prozent [2].
Hall und Kollegen prüften 2003 an 6 Personen eine kleine Kombination aus 224 mg Phenylalanin und 176 mg Asparaginsäure, das entspricht dem Aminosäureanteil einer 400-mg-Aspartam-Dosis. Das Essverlangen sank unter dieser Kombination stärker als unter reinem Aspartam, mit einer engen Korrelation zwischen dem Anstieg des Plasma-Phenylalanins und der Abnahme des Essverlangens (r gleich minus 0,9774, p gleich 0,004). Diese Studie prüfte allerdings keine reine, isolierte Phenylalanin-Dosis [3].
Dem gegenüber steht eine ältere Arbeit von Ryan-Harshman und Kollegen aus demselben Jahrzehnt (1987): An normalgewichtigen Männern fanden sie mit Dosen von 0,84 bis 10,08 g Phenylalanin keinen Unterschied zu Placebo bei Energiezufuhr, Hunger, Stimmung oder Wachheit [4]. Rogers und Blundell legten 1994 in einer Reanalyse genau dieser Rohdaten dar, dass die tabellierten Werte durchaus einen dosisabhängigen Trend zur Verringerung der Nahrungsaufnahme zeigen, der bei der Erstveröffentlichung übersehen worden sei [5]. Es handelt sich damit um denselben Datensatz, zweimal unterschiedlich gelesen, nicht um eine unabhängige Gegenstudie.
Pohle-Krauza und Kollegen fanden 2008 in einer zweiten, größeren Studie an 32 übergewichtigen und adipösen Frauen über die Gesamtgruppe keinen Effekt von L-Phenylalanin auf die Energiezufuhr, nur in einer Untergruppe mit niedriger Diätrestriktion zeigte sich eine Reduktion [13]. Fitzgerald und Kollegen fanden 2020 an 16 gesunden schlanken Männern für eine Einzeldosis von 10 g L-Phenylalanin gegenüber Kontrolle eine signifikant geringere Energiezufuhr, verbunden mit einem CCK-Anstieg, für 5 g zeigte sich kein Effekt [14]. Amin und Kollegen prüften 2021 an 11 Personen L-Phenylalanin direkt gegen D-Phenylalanin und fanden für 10 g L-Phenylalanin zwar Effekte auf Insulin, Glukagon und GIP, aber keinen Unterschied zu Placebo bei subjektivem Appetit oder tatsächlicher Energiezufuhr [15]. Einschränkung, acht Arbeiten liegen inzwischen vor und stammen aus den Jahren 1987 bis 2021, die meisten sind klein (n gleich 6 bis 32) und arbeiten mit unterschiedlichen Dosen und Darreichungsformen. Eine gepoolte Auswertung existiert weiterhin nicht.
Stimmungsaufhellende Wirkung
Für die hier bewertete L-Form existiert nur eine einzige einschlägige Arbeit: Sabelli und Kollegen berichten 1986 in einer offenen, unkontrollierten Studie, dass Phenylalanin bei 31 von 40 depressiven Patientinnen und Patienten die Stimmung anhob. Weder eine verabreichte Dosis noch ein Signifikanztest gegenüber einer Kontrollgruppe stehen im Abstract [6].
Die deutlich umfangreichere ältere Literatur zu Phenylalanin und Stimmung arbeitet dagegen mit dem Racemat DL-Phenylalanin. Beckmann und Kollegen verglichen es 1979 doppelblind mit dem Antidepressivum Imipramin (je 150 bis 200 mg pro Tag über 30 Tage, n gleich 40): Bei der Hamilton-Skala und einem Selbstbeurteilungsbogen ergab sich kein statistischer Unterschied zwischen den beiden Behandlungsarmen, bei einzelnen Symptomen wie Angst und Schlafstörungen schnitt Imipramin zeitweise besser ab [7]. Diese und weitere DL-Phenylalanin-Arbeiten der Beckmann-Gruppe erklären, warum Phenylalanin allgemein ein stimmungsaufhellender Ruf anhaftet, sie zählen aber nicht als Beleg für die hier bewertete reine L-Form.
Wachheit und kognitive Leistung
Eine direkte Prüfung, ob eine zusätzliche Zufuhr von L-Phenylalanin bei ausreichend versorgten, gesunden Menschen Wachheit oder kognitive Leistung verbessert, liegt uns nicht vor. Die einzige einschlägige Humanstudie geht in die Gegenrichtung: Grevet und Kollegen senkten 2002 bei 12 gesunden Männern in einer randomisierten Crossover-Studie Phenylalanin und Tyrosin gemeinsam akut ab (Depletion), statt sie zuzuführen. Die ausgewogene Kontrollmischung erhielt bessere Wachheitswerte (VAMS-Faktor Wachheit, p gleich 0,037) als die Phenylalanin- und Tyrosin-arme Mischung, die stattdessen die Angst erhöhte (p gleich 0,022) und das Wortgedächtnis verschlechterte (Rey-Test, p gleich 0,016) [8]. Das stützt den Mechanismus Phenylalanin, Tyrosin, Katecholamine, zeigt aber nur, was bei einem akuten Mangel geschieht. Ob eine Zufuhr über den ohnehin gedeckten Bedarf hinaus zusätzlich nutzt, wurde damit nicht geprüft. Eine plausible Kette ist eine Hypothese, kein Beleg für eine Supplementierungswirkung.
Schmerzlinderung, eine Verwechslung mit D-Phenylalanin
Der Ruf, Phenylalanin lindere Schmerzen, stammt aus einer Reihe kleiner Studien der 1980er Jahre zum D-Enantiomer. Die zugrunde liegende Hypothese: D-Phenylalanin hemmt das Enzym Enkephalinase, das körpereigene Enkephaline abbaut, und verstärkt darüber die körpereigene Schmerzhemmung, ein naloxon-umkehrbarer Mechanismus, der laut einer zusammenfassenden Hypothesenarbeit zunächst im Tiermodell gezeigt wurde [10]. Die einzige randomisierte, doppelblinde Prüfung dieser Hypothese am Menschen fand jedoch keinen Effekt: Walsh und Kollegen gaben 1986 an 30 Personen mit chronischen Schmerzen unterschiedlicher Ursache 250 mg D-Phenylalanin viermal täglich gegen Placebo, im Crossover über je 4 Wochen. 25 Prozent der Teilnehmenden berichteten unter D-Phenylalanin mehr Schmerzlinderung, 22 Prozent unter Placebo, bei 53 Prozent zeigte sich kein Unterschied zwischen den Bedingungen. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass sich kein relevanter analgetischer Effekt von D-Phenylalanin gegenüber Placebo zeigt [9].
Für die hier bewertete Form, L-Phenylalanin, liegt uns überhaupt keine eigene Humanstudie zur Schmerzwahrnehmung vor, weder mit positivem noch mit negativem Ausgang. Wer ein Präparat wegen einer Schmerzlinderung sucht, die unter dem Namen Phenylalanin oder DLPA beworben wird, sucht nach einer anderen Substanz als der hier bewerteten L-Form.
Tier- und Laborstudien
Eigene Tier- oder Zellstudien wurden für diesen Eintrag nicht gezielt gesucht. Die einzige Tierdaten-Erwähnung in den zitierten Arbeiten steht im Hintergrundteil der Hypothesenarbeit zu D-Phenylalanin und Enkephalinase [10], sie betrifft nicht die hier bewertete L-Form und wurde nicht eigenständig geprüft. Aus Tierdaten folgt ohnehin keine Aussage über die Wirkung beim Menschen.
Sicherheit und Wechselwirkungen
Phenylketonurie (PKU). Menschen mit dieser angeborenen Stoffwechselstörung können Phenylalanin nicht regulär abbauen, weil das Enzym Phenylalanin-Hydroxylase fehlt oder nur eingeschränkt arbeitet. Phenylalanin aus jeder Quelle, ob als freie Aminosäure oder proteingebunden über normale Nahrung, muss bei PKU ärztlich beziehungsweise ernährungsmedizinisch begleitet und in aller Regel stark begrenzt werden. Für Menschen mit diagnostizierter PKU ist dieses Präparat nicht geeignet.
Kennzeichnungspflicht in der EU. Nach Verordnung (EU) Nr. 1169/2011, Anhang III, Nummer 2.3 muss auf Lebensmitteln, die nach Verordnung (EG) Nr. 1333/2008 zugelassenes Aspartam oder Aspartam-Acesulfamsalz enthalten, der Hinweis "enthält Aspartam (eine Phenylalaninquelle)" beziehungsweise "enthält eine Phenylalaninquelle" stehen [12]. Der Verordnungstext knüpft diese Pflicht ausdrücklich an das Vorhandensein des nach der Zusatzstoff-Verordnung zugelassenen Süßungsmittels Aspartam beziehungsweise Aspartam-Acesulfamsalz. Eine eigene, gesondert formulierte Pflicht für Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel, die freies L-Phenylalanin als Zutat und nicht als Süßstoff enthalten, findet sich in diesem Anhang nicht. Wir haben ausschließlich den Text von Anhang III geprüft, nicht die gesamte sonstige Kennzeichnungs- und Nährwertkennzeichnungspraxis für Nahrungsergänzungsmittel, insofern bleibt dies eine Auslegung des Verordnungstexts und keine abschließende rechtliche Einordnung.
Vorläufiger Hinweis zu PKU-Anlageträgern. Über die diagnostizierte PKU hinaus untersucht eine 2026 veröffentlichte, frei zugängliche Pilotstudie [11], ob heterozygote Anlageträgerinnen und Anlageträger der PKU-Mutation, die als gesund gelten und rund 2 Prozent der Bevölkerung ausmachen, nach einer einmaligen oralen Gabe von 100 mg Phenylalanin pro kg Körpergewicht (bei 70 kg also 7 g) anders reagieren als Nicht-Anlageträger. In dieser Pilotstudie wurden 7 Personen aufgenommen (3 Anlageträger, 4 Nicht-Anlageträger); zwei Nicht-Anlageträger nahmen an der Nachuntersuchung nicht teil. Es wurden ausschließlich beschreibende Werte berichtet, ausdrücklich ohne Signifikanztests, weil die Stichprobe dafür zu klein ist. Im Trend zeigten Anlageträger nach der Phenylalanin-Gabe höhere Werte des Phenylalanin/Tyrosin-Verhältnisses im Trockenblut (3,21 gegenüber 1,53 bei Nicht-Anlageträgern, damit oberhalb der als auffällig geltenden Marke von 3) und einen im Mittel um 74,03 µmol pro Liter höheren Phenylalaninwert sowie höhere Blutdruck- und Stimmungsverschlechterungswerte als Nicht-Anlageträger. Bemerkenswert unabhängig vom Trägerstatus: Sowohl Anlageträger als auch Nicht-Anlageträger überschritten nach der Phenylalanin-Gabe die als laborchemisch auffällig geltende Marke von 130 µmol pro Liter, blieben aber unterhalb der für PKU-Erkrankte formulierten Zielobergrenze von 360 µmol pro Liter. Laut Volltext finanziert die Universität Guelph aus eigenen Startmitteln die Pilotstudie, während die geplante größere Folgestudie von BioMarin Pharmaceutical Inc. finanziert wird, einem Hersteller PKU-spezifischer Arzneimittel. Die Autorinnen und Autoren betonen selbst ausdrücklich, dass diese Trends hypothesengenerierend sind und wegen der kleinen Stichprobe nicht als gesicherter Befund gelten dürfen. Die Ergebnisse begründen weitere Forschung zu PKU-Anlageträgern. Die Autoren betonen ausdrücklich, dass daraus noch keine Ernährungsempfehlungen oder Aussagen über gesundheitliche Risiken für diese Gruppe abgeleitet werden dürfen.
Allgemeine Verträglichkeit. Eine eigene, mehrwöchige Sicherheitsstudie zu L-Phenylalanin-Supplementierung bei gesunden Erwachsenen ohne PKU-Hintergrund haben wir nicht gefunden. Die oben beschriebenen Sättigungsstudien arbeiten mit gut vertragenen Einzeldosen bis 10 g, äußern sich aber nicht zur Verträglichkeit bei täglicher, wiederholter Einnahme über Wochen.
Zu Wechselwirkungen mit MAO-Hemmern oder anderen Medikamenten, die in den Katecholamin-Stoffwechsel eingreifen, liegt uns keine eigene, per PMID geprüfte Quelle vor. Wer solche Medikamente einnimmt, sollte eine hochdosierte Einnahme vorher ärztlich abklären.
Zu möglichen Interessenkonflikten der Autorinnen und Autoren der älteren zitierten Arbeiten (vor 1995) liegt uns aus den Abstracts keine Angabe vor, das wurde in dieser Recherche nicht gesondert geprüft.
Quellen zum Nachlesen
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01
Randomisierte kontrollierte Crossover-Studie, n gleich 6 (4 Männer, 2 Frauen), Einzeldosis 10 g L-Phenylalanin gegen 10 g D-Phenylalanin gegen Placebo vor einer Standardmahlzeit · 1994
L-phenylalanine releases cholecystokinin (CCK) and is associated with reduced food intake in humans, evidence for a physiological role of CCK in control of eating
Ballinger AB, Clark ML. Metabolism
Zur Zuschreibung: 01
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02
Randomisierte kontrollierte Crossover-Studie, n gleich 20 Frauen über 2 Zyklen (32 Zyklen ausgewertet), verkapseltes L-Phenylalanin gegen Dextrose-Kontrolle, Dosis im Abstract nicht genannt · 2008
Dietary restraint and menstrual cycle phase modulated L-phenylalanine-induced satiety
Pohle-Krauza RJ, Carey KH, Pelkman CL. Physiol Behav
Zur Zuschreibung: 01
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03
Kontrollierte klinische Studie, n gleich 6, verkapselte Kombination aus 224 mg Phenylalanin und 176 mg Asparaginsäure (Aspartam-Bestandteile) gegen Aspartam gegen Maisstärke-Kontrolle · 2003
Physiological mechanisms mediating aspartame-induced satiety
Hall WL, Millward DJ, Rogers PJ, Morgan LM. Physiol Behav
Zur Zuschreibung: 01
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04
Randomisierte Studie an normalgewichtigen Männern, n im Abstract nicht genannt, Dosen 0,84 bis 10,08 g Phenylalanin sowie 5,04 und 10,08 g Aspartam · 1987
Phenylalanine and aspartame fail to alter feeding behavior, mood and arousal in men
Ryan-Harshman M, Leiter LA, Anderson GH. Physiol Behav
Zur Zuschreibung: 01
- 05
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06
Offene, unkontrollierte Studie, n gleich 40 depressive Patienten, Dosis im Abstract nicht genannt · 1986
Clinical studies on the phenylethylamine hypothesis of affective disorder, urine and blood phenylacetic acid and phenylalanine dietary supplements
Sabelli HC, et al. J Clin Psychiatry
Zur Zuschreibung: 02
- 07
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08
Randomisierte kontrollierte Crossover-Studie, n gleich 12 gesunde Männer, akute kombinierte Depletion von Phenylalanin und Tyrosin, Gegenrichtung zur Supplementierung · 2002
Behavioural effects of acute phenylalanine and tyrosine depletion in healthy male volunteers
Grevet EH, et al. J Psychopharmacol
Zur Zuschreibung: 03
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09
Doppelblinde randomisierte Crossover-Studie, n gleich 30 Personen mit chronischen Schmerzen unterschiedlicher Ursache, D-Phenylalanin 250 mg viermal täglich gegen Placebo über je 4 Wochen · 1986
Analgesic effectiveness of D-phenylalanine in chronic pain patients
Walsh NE, et al. Arch Phys Med Rehabil
Zur Zuschreibung: 04
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10
Hypothesenarbeit ohne eigene Humandaten, fasst vorbestehende Literatur zu D-Phenylalanin als Enkephalinase-Hemmer zusammen, kein eigenes Ergebnis · 2000
DL-phenylalanine markedly potentiates opiate analgesia, an example of nutrient/pharmaceutical up-regulation of the endogenous analgesia system
Russell AL, McCarty MF. Med Hypotheses
Zur Zuschreibung: 04
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11
Pilotstudie zur Machbarkeit, 7 Personen aufgenommen (3 PKU-Anlageträger, 4 Nicht-Anlageträger), zwei Nicht-Anlageträger ohne Nachuntersuchung, einmalige orale Gabe von 100 mg pro kg Körpergewicht L-Phenylalanin, rein deskriptive Auswertung ohne Inferenzstatistik. Finanzierung der Pilotstudie aus Startmitteln der Universität Guelph, die anschließende größere Studie wird von BioMarin Pharmaceutical Inc. finanziert, einem Hersteller PKU-spezifischer Arzneimittel · 2026
Study protocol and pilot study results for a clinical intervention trial of PKU carriers and non-carriers, the Phe for Me trial
Khan SM, et al. Orphanet J Rare Dis
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12
Rechtsakt, Anhang III Nummer 2.3 regelt die Kennzeichnungspflicht bei aspartamhaltigen Lebensmitteln · 2011
Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 betreffend die Information der Verbraucher über Lebensmittel, Anhang III
Europäisches Parlament und Rat der Europäischen Union Amtsblatt der Europäischen Union
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13
Randomisierte kontrollierte Crossover-Studie, n gleich 32 übergewichtige und adipöse Frauen, Einzeldosis 10 g L-Phenylalanin gegen 5 g L-Phenylalanin plus 5 g Glukose gegen 10 g Glukose-Kontrolle vor Mittag- und Abendessen · 2008
Effects of L-phenylalanine on energy intake in overweight and obese women, interactions with dietary restraint status
Pohle-Krauza RJ, Navia JL, Madore EY, Nyrop JE, Pelkman CL. Appetite
Zur Zuschreibung: 01
-
14
Randomisierte doppelblinde placebokontrollierte Crossover-Studie, n gleich 16 gesunde schlanke Männer je Teilstudie, intragastrisch 5 g oder 10 g L-Phenylalanin gegen Kontrolle vor einer Testmahlzeit, frei im Volltext zugänglich (PMC7353198) · 2020
Effects of L-Phenylalanine on Energy Intake and Glycaemia, Impacts on Appetite Perceptions, Gastrointestinal Hormones and Gastric Emptying in Healthy Males
Fitzgerald PCE, Manoliu B, Herbillon B, Steinert RE, Horowitz M, Feinle-Bisset C. Nutrients
Zur Zuschreibung: 01
-
15
Randomisierte doppelblinde placebokontrollierte Crossover-Studie, n gleich 11, Einzeldosis 10 g L-Phenylalanin gegen 10 g D-Phenylalanin gegen Placebo · 2021
Differential effects of L- and D-phenylalanine on pancreatic and gastrointestinal hormone release in humans, a randomized crossover study
Amin A, Frampton J, Liu Z, Franco-Becker G, Norton M, Alaa A, Li JV, Murphy KG. Diabetes Obes Metab
Zur Zuschreibung: 01
Bei H.P.N
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