L-Tryptophan

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Aminosäuren

Tryptophan · L-Trp · TRP

H.P.N · Datenstand 2026-08-20 · 6 Zuschreibungen im Überblick

Auf einen Blick

Was es ist
Eine proteinogene, essenzielle Aminosäure. Ausgangsstoff für die körpereigene Bildung von Serotonin, Melatonin und, über den Kynurenin-Weg, für einen Teil der Niacin-Synthese (Vitamin B3)
Vorkommen
In praktisch jedem tierischen und den meisten pflanzlichen Nahrungsproteinen enthalten, unter den essenziellen Aminosäuren aber meist die mengenmäßig am geringsten vorkommende. Der Tryptophan-Gehalt je Gramm Protein unterscheidet sich deutlich zwischen Proteinquellen
Wirkform in Studien
In den meisten hier ausgewerteten Humanstudien freies, kristallines L-Tryptophan, oral als Kapsel, Tablette oder Getränk, ohne im Abstract genannte Salzform. Ein Teil der Studien zu Stimmung, Schlaf und sportlicher Leistung prüfte stattdessen keine freie Aminosäure, sondern eine besonders tryptophanreiche Molkenproteinfraktion (alpha-Lactalbumin) oder ein anderes tryptophanhaltiges Nahrungsprotein, das Verhältnis zu Tryptophan als freier Aminosäure ist unten bei der jeweiligen Wirkung eingeordnet
Geschätzter täglicher Bedarf
Nach einer Humanstudie mit der Indikator-Aminosäuren-Oxidations-Methode bei jungen Frauen im Mittel 4,01 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, mit einer als sicher geltenden Zufuhr von 5,02 mg pro Kilogramm und Tag. Rechnerisch für eine beispielhafte 70 kg schwere Person also rund 280 bis 350 mg allein zur Bedarfsdeckung, ohne einen möglichen zusätzlichen Nutzen höherer Zufuhr zu berücksichtigen
Übliche Studiendosis
0,14 bis 3 g pro Tag in Studien zu Stimmung und Angst, meist ab 1 g pro Tag mit nachweisbarem Effekt in Schlafstudien, 2,5 bis 6 g pro Tag über mehrere Wochen in älteren Studien an Personen mit depressiver Symptomatik, oft zusätzlich zu einem Antidepressivum, 600 mg bis 1,2 g pro Tag in den ausgewerteten Sportstudien
Sicherheitsgeschichte
1989 mit einem großen, teils tödlichen Krankheitsausbruch verknüpft (Eosinophilie-Myalgie-Syndrom), der überwiegend auf eine Verunreinigung im damaligen Herstellungsverfahren eines einzelnen Herstellers zurückgeführt wird. Die Ursache gilt in der Fachliteratur nicht als restlos geklärt. Einzelheiten und Quellen im Abschnitt Sicherheit und Wechselwirkungen

Was diesem Stoff zugesprochen wird

Was die Studien hergeben.

Jede Zuschreibung hat ihre eigene Bewertung. So liest Du die Studienlage.

  1. 01

    Schlafqualität (Wachzeit nach dem Einschlafen), andere Schlafmaße ohne gepoolten Effekt

    Hinweise
    Einordnung und Einschränkungen

    Systematische Übersicht mit Meta-Analyse und Meta-Regression, 18 identifizierte Arbeiten, 4 davon für die gepoolte Auswertung geeignet. Die Wachzeit nach dem Einschlafen (WASO) verkürzte sich unter Tryptophan-Gabe signifikant gegenüber Placebo, SMD minus 1,08 (95-Prozent-KI minus 1,89 bis minus 0,28), mit einem dosisabhängigen Zusammenhang von minus 81,03 Minuten je zusätzlichem Gramm Tryptophan (p gleich 0,017). Bei Tagesdosen ab 1 g lag die Wachzeit niedriger als bei Dosen unter 1 g (28,91 gegenüber 56,55 Minuten, p gleich 0,001). Dieser Dosisvergleich ist kein randomisierter Vergleich gegen Placebo. Die frei zugängliche Kurzfassung derselben Auswertung (Curr Dev Nutr 2021, PMC8181612) beschreibt ihn als t-Test zwischen den Werten nach der Einnahme aus allen 18 Arbeiten, die dafür nach Dosis in zwei Gruppen sortiert wurden, also ein Vergleich zwischen Studien ohne Kontrollbedingung. Der gepoolte Wert für die Wachzeit nach dem Einschlafen ist dagegen ein Gruppenvergleich gegen Kontrolle. Erfasst wurden vier Schlafmaße, dieselbe Kurzfassung benennt sie ausdrücklich, nämlich Gesamtschlafzeit, Einschlafdauer, Wachzeit nach dem Einschlafen und Schlafeffizienz. Nur die Wachzeit nach dem Einschlafen erreichte einen signifikanten gepoolten Effekt, die drei übrigen nicht, es handelt sich also um einen einzelnen Positivbefund bei vier gemessenen Zielgrößen. Nur 4 der 18 gefundenen Arbeiten gingen in die gepoolte Auswertung ein, warum die übrigen 14 dort fehlen, ging aus den ausgewerteten Angaben nicht hervor. Eine andere, im Volltext gelesene Übersichtsarbeit zu alpha-Lactalbumin fasst ältere Einzelstudien zu Tryptophan so zusammen, dass sich die Gesamtschlafzeit verlängert und die nächtliche Wachzeit verkürzt habe, und benennt dafür entgegen der bisherigen Angabe sehr wohl eigene Quellennummern, drei Arbeiten aus den Jahren 1970, 1972 und 1981. Diese Übersichtsarbeit wurde von der Molkereigenossenschaft Agropur finanziert, ihr Erstautor ist nach der Erklärung im Volltext Berater dieses Unternehmens, das PubMed-Feld zum Interessenkonflikt ist leer. Ob sich die Wirkung auf die Wachzeit bereits bei den deutlich niedrigeren Dosen zeigt, die eine einzelne Portion vieler tryptophanhaltiger Nahrungsergänzungsmittel liefert, bleibt offen, der deutlichste Effekt in dieser Auswertung zeigte sich erst ab 1 g pro Tag

    Quellen: 1, 12

  2. 02

    Stimmung und Angstempfinden bei gesunden Erwachsenen, aggressives Verhalten ohne Effekt

    Hinweise
    Einordnung und Einschränkungen

    Systematische Übersicht aus 11 randomisierten Studien an gesunden Erwachsenen, Tagesdosen von 0,14 bis 3 g Tryptophan zusätzlich zur normalen Ernährung. In 4 der 11 Studien besserten sich negative Gefühle oder verbesserten sich positive Gefühle unter Tryptophan gegenüber Kontrolle mit angegebenem statistischem Unterschied, in den übrigen 7 Studien nannte das Abstract keinen Unterschied. Für aggressives Verhalten fand die Übersicht in keiner der eingeschlossenen Studien einen belastbaren Effekt. Eine ausführlichere, ältere pharmakologische Übersichtsarbeit ordnet die Befundlage zusätzlich nach Dosis und Dauer ein. In den frühen psychiatrischen Studien der 1960er bis 1980er Jahre besserte sich die Stimmung bei Personen mit depressiver Symptomatik überwiegend erst unter chronischer Gabe von mehr als 3 g Tryptophan pro Tag über mehr als 2 Wochen, teils zusätzlich zu einem Monoaminoxidase-Hemmer oder einem trizyklischen Antidepressivum. Die neueren, in der systematischen Übersicht erfassten Arbeiten zu Nahrungsprotein oder Tryptophan als Einzelstoff nutzten dagegen überwiegend akute Einzeldosen unter 1 g bei Gesunden über einen einzelnen Tag, mit uneinheitlichem Ausgang, und zeigen bei genauerem Hinsehen ein direktionales Muster. Eine Cross-over-Studie, die reines, freies Tryptophan (0,8 g) im selben Durchgang gegen eine tryptophanreiche Molkenproteinfraktion (alpha-Lactalbumin, 15 g mit 0,8 g Tryptophan), Kasein als Kontrolle (20 g mit 0,4 g Tryptophan), ein tryptophanreiches hydrolysiertes Protein und ein synthetisches Tryptophan-Dipeptid prüfte, wobei alle Präparate außer der Kasein-Kontrolle auf 0,8 g Tryptophan angeglichen waren, fand eine Stimmungsverbesserung nach 60 Minuten nur unter dem hydrolysierten Protein und unter reinem Tryptophan, nicht unter alpha-Lactalbumin, mit länger anhaltendem Effekt nur beim hydrolysierten Protein. In 2 weiteren kontrollierten Studien mit alpha-Lactalbumin (je 40 g Protein) stieg das Verhältnis von Tryptophan zu den übrigen großen neutralen Aminosäuren im Blutplasma zwar wie erwartet an, ohne dass sich Stimmung oder die Cortisol-Reaktion auf experimentellen Stress gegenüber Kasein veränderten, in Zahlen von 0,098 auf 0,138 gegenüber einem Rückgang von 0,099 auf 0,078 bei Kasein in der einen Studie (40 g alpha-Lactalbumin, kein im Abstract genannter Tryptophan-Gehalt), und von 0,11 auf 0,13 gegenüber einem Rückgang von 0,11 auf 0,08 bei Kasein in der anderen (493 mg Tryptophan aus alpha-Lactalbumin gegenüber 380 mg aus Kasein bei gleicher Proteinmenge). Die Autorinnen und Autoren der ersten dieser beiden Studien halten selbst fest, der gemessene Anstieg unter alpha-Lactalbumin sei womöglich zu gering ausgefallen, um die Verhaltensänderungen zu erzeugen, die für reines Tryptophan bei Gesunden beschrieben sind. Eine längere, 19-tägige Studie mit einem tryptophanreichen Eiweißhydrolysat aus Eiklar (rund 70 mg Tryptophan pro Tag, also deutlich unter den übrigen hier zitierten Dosen) fand eine verbesserte emotionale Verarbeitung, muss wegen der abweichenden, sehr kleinen Dosis und der Herstellerbindung des Erstautors aber gesondert eingeordnet werden

    Quellen: 2, 8, 9, 10, 12, 33, 35

  3. 03

    Sportliche Ausdauerleistung (Laufzeit oder Distanz bis zur Erschöpfung), je nach Belastungsintensität uneinheitliche Befunde

    Hinweise
    Einordnung und Einschränkungen

    3 Arbeiten derselben Barcelona-Arbeitsgruppe um Segura und Ventura sowie eine unabhängige norwegische Arbeitsgruppe haben diesen Endpunkt geprüft, mit unterschiedlichem Ausgang und unterschiedlicher Belastungsintensität. 1988 fand die Barcelona-Gruppe bei 12 gesunden Sportlern eine um 49,4 Prozent längere Belastungszeit auf dem Laufband bis zur Erschöpfung unter Tryptophan gegenüber Placebo, bei einer Belastung von 80 Prozent der maximalen Sauerstoffaufnahme, bei nicht signifikant unterschiedlicher subjektiver Anstrengung und ohne im Abstract genannte Dosis oder Konfidenzintervall für diesen Unterschied. Die vielzitierte Dosis von 1,2 g steht nicht im Abstract dieser Arbeit selbst, sondern nur im Abstract der Arbeit, die sie 1992 zu wiederholen versuchte. 1992 prüfte eine deutlich größere, unabhängige norwegische Studie an 49 gut trainierten Läufern mit 1,2 g Tryptophan über 24 Stunden vor der Belastung einen anderen Endpunkt bei höherer Intensität, nämlich die Zeit bis zur Erschöpfung bei 100 statt bei 80 Prozent der maximalen Sauerstoffaufnahme, und fand keinen signifikanten Unterschied zur Placebo-Gruppe, ohne im Abstract genanntes Konfidenzintervall oder genannten p-Wert für diesen Nullbefund. 2010 fand dieselbe Barcelona-Arbeitsgruppe in einer dritten, mit eigener PMID nachrecherchierten Studie an 20 gesunden jungen Männern bei einer Ausdauerbelastung mit eingestreuten supramaximalen Sprints eine um rund 570 m größere zurückgelegte Distanz in den letzten 20 Minuten unter Tryptophan gegenüber Placebo (12526 gegenüber 11959 m, p kleiner 0,05), bei ebenfalls nicht im Abstract genanntem Konfidenzintervall. Die günstigen Befunde von 1988 und 2010 stammen von derselben Arbeitsgruppe mit teils identischen Autoren (Segura und Ventura in beiden Arbeiten), der Nullbefund von 1992 von einer unabhängigen norwegischen Gruppe bei höherer Belastungsintensität und mit einem im Studientext ausdrücklich als Wiederholung angelegten, aber nicht identischen Protokoll. Keine der 3 Arbeiten nennt ein Konfidenzintervall oder einen genauen p-Wert für den jeweiligen Haupteffekt, weshalb sich aus keiner von ihnen allein ein belastbares Effektmaß ableiten lässt

    Quellen: 3, 4, 34

  4. 04

    Maximalkraft-Leistung im Kraftdreikampf, kein statistisch gesicherter Unterschied zu Placebo in der einzigen Studie

    Nicht bestätigt
    Einordnung und Einschränkungen

    Einzige uns bekannte Studie zu diesem Endpunkt, eine 2026 veröffentlichte, sehr kleine Cross-over-Studie an 13 Paralympics-Kraftdreikampf-Athleten, 600 mg Tryptophan pro Tag (2 mal 300 mg) über 72 Stunden vor dem Training. Vor der Belastung lagen die Geschwindigkeits- und Leistungswerte bei leichter Last (45 Prozent des Einwiederholungsmaximums) unter Tryptophan höher als unter Placebo (0,96 gegenüber 0,91 Meter je Sekunde). Der Volltext nennt das ausdrücklich einen absoluten Unterschied und gibt dafür weder einen Test noch einen p-Wert an, ein gesicherter Vorteil ist das nicht. Für die Hauptlast von 80 Prozent des Einwiederholungsmaximums hält der Volltext zu Tabelle 2 wörtlich fest, dass es keinen Unterschied zwischen den Bedingungen gab, die dort ausgewiesenen p-Werte betreffen ausschließlich Unterschiede zwischen den Sätzen innerhalb derselben Bedingung. Zwischen den Sätzen verloren die Athleten unter Tryptophan einen größeren Anteil ihrer Geschwindigkeit als unter Placebo (minus 32,7 gegenüber minus 27,9 Prozent), ebenfalls ohne gesicherten Gruppenunterschied, die Autoren deuten diesen größeren Verlust im Volltext selbst als gutes Zeichen. Der einzige statistisch gesicherte Gruppenunterschied der ganzen Arbeit fand sich bei leichter Last 48 Stunden nach dem Training bei der maximalen Geschwindigkeit, und er fiel dort nach der Beschreibung im Volltext zugunsten von Placebo aus, für die übrigen Messgrößen (mittlere propulsive Geschwindigkeit, Leistung) fand sich zu diesem Zeitpunkt kein Gruppenunterschied. Die Athleten waren unter Tryptophan also zu keinem Zeitpunkt gesichert besser als unter Placebo. Die Autoren deuten die höheren Vorwerte als vorübergehende neuromuskuläre Entspannung, ausdrücklich ohne eigene Kontrolle der Schlafqualität als möglichem Vermittler, und weisen selbst darauf hin, dass ihre Ergebnisse wegen der kleinen, sehr speziellen Stichprobe nicht auf andere Sportarten übertragbar sind. Der Volltext nennt weder eine Finanzierung noch einen Interessenkonflikt

    Quellen: 5

  5. 05

    Verhältnis von Tryptophan zu anderen großen neutralen Aminosäuren im Blut als Mechanismus für die Aufnahme ins Gehirn, uneinheitlich je nach mitgelieferten Begleit-Aminosäuren und je nach genau gemessenem Quotienten

    Hinweise
    Einordnung und Einschränkungen

    Tryptophan wird über denselben Carrier durch die Blut-Hirn-Schranke transportiert wie die übrigen großen neutralen Aminosäuren (LNAA), die verzweigtkettigen Aminosäuren Leucin, Isoleucin und Valin (BCAA) sowie Phenylalanin, Tyrosin und Methionin. Dieser Carrier ist bei normalen Blutspiegeln nahezu gesättigt, entscheidend ist deshalb nicht die absolute Tryptophan-Menge im Blut, sondern ihr Verhältnis zur Summe der übrigen LNAA beziehungsweise, in einem Teil der Sportstudien, allein zu den BCAA, was ein anderer, enger gefasster Quotient mit anderem Nenner ist. In mehreren randomisierten, plazebokontrollierten Humanstudien erhöhte eine besonders tryptophanreiche Molkenproteinfraktion (alpha-Lactalbumin, laut einer Übersichtsarbeit zur Aminosäurezusammensetzung verschiedener Proteine 48 mg Tryptophan je Gramm Protein) den Tryptophan-LNAA-Quotienten im Blutplasma deutlicher als Kasein (12 mg Tryptophan je Gramm Protein) oder als gewöhnliches Molkenproteinisolat (27 mg Tryptophan je Gramm Protein), begleitet in einer Studie von geringerer morgendlicher Müdigkeit und besserer Aufmerksamkeit am Folgetag bei Personen mit vorbestehenden Schlafbeschwerden, ohne messbaren Unterschied bei Schlafqualität oder Schlafdauer selbst. Eine unmittelbar vergleichende Cross-over-Studie mit reinem, freiem Tryptophan (0,8 g) im selben Durchgang wie alpha-Lactalbumin (15 g mit 0,8 g Tryptophan) fand für freies Tryptophan einen höheren Spitzenwert dieses Quotienten (rund 0,30) als für alpha-Lactalbumin (rund 0,20), am größten war der Anstieg unter einem tryptophanreichen Proteinhydrolysat und einem synthetischen Tryptophan-Dipeptid (je rund 0,40); freies Tryptophan erhöht den Quotienten in diesem direkten Vergleich also stärker als die tryptophanreiche Molkenfraktion, nicht schwächer. Eine kontrollierte intragastrale Gabe von 3 g freiem Tryptophan erhöhte den Quotienten bei schlanken Männern deutlicher als bei adipösen Männern, mit einem statistischen Trend zu geringerer nachfolgender Energieaufnahme nur in der schlanken Gruppe (p gleich 0,08). In die Gegenrichtung wirkt eine Zufuhr, die viel mehr konkurrierende BCAA als Tryptophan liefert. In 2 randomisierten Sportstudien derselben taiwanesischen Arbeitsgruppe, teils zusätzlich mit Arginin oder Citrullin, sank der spezifische Tryptophan-BCAA-Quotient (nicht der breitere Tryptophan-LNAA-Quotient) nach Belastung. In der einen Studie war der Rückgang gegenüber dem jeweils eigenen Ausgangswert innerhalb der Verum-Gruppe signifikant, während sich der Quotient in der Placebo-Gruppe gegenüber ihrem eigenen Ausgangswert nicht änderte, ein direkter statistischer Vergleich beider Gruppen zum selben Zeitpunkt wird im Volltext nicht berichtet, gemessen wurde dort zudem der Quotient aus dem gesamten, nicht dem freien Tryptophan. In der anderen Studie wurde tatsächlich freies Tryptophan gemessen, und der Tryptophan-BCAA-Quotient war nach Belastung in der Verum-Gruppe direkt signifikant niedriger als in der Placebo-Gruppe. Beide Studien deuten den jeweiligen Rückgang als mögliche Erklärung für eine geringere wahrgenommene Anstrengung beziehungsweise eine bessere Reaktionszeit. Dieser Mechanismus, mehr verzweigtkettige Aminosäuren im Blut verdrängen Tryptophan rechnerisch vom selben Carrier, ist seit den 1980er Jahren die Grundlage der sogenannten Zentralermüdungs-Hypothese im Ausdauersport. Für eine Zufuhr von freiem Tryptophan zusammen mit einem Vielfachen an verzweigtkettigen und anderen großen neutralen Aminosäuren, wie sie in einer vollständigen Aminosäuremischung vorkommen kann, liegt keine direkte Messung des Tryptophan-LNAA-Quotienten für eine solche Mischung vor, aus den hier ausgewerteten Einzelstudien zu reinem Tryptophan, zu alpha-Lactalbumin und zu BCAA-Präparaten lässt sich nur ableiten, dass das Ergebnis vom zahlenmäßigen Verhältnis der einzelnen Aminosäuren zueinander abhängen würde. Für ein Molkenprotein, das Tryptophan nicht als angereicherte alpha-Lactalbumin-Fraktion, sondern als gewöhnlichen Proteinbestandteil liefert, ist der Tryptophan-Gehalt je Gramm Protein niedriger als in den zitierten Wirksamkeitsstudien, eine Übertragung der dort gemessenen Quotienten-Anstiege ist deshalb nicht ohne Weiteres möglich

    Quellen: 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 33

  6. 06

    Muskelproteinsynthese und Erholung nach dem Training als eigener Beitrag von Tryptophan

    Studienlage offen
    Einordnung und Einschränkungen

    Gezielt gesucht, PubMed-Suche nach "tryptophan" "muscle protein synthesis" (ohne Beschränkung auf Humanstudien, alle Publikationstypen), 11 Treffer. Gefunden wurden nur Arbeiten, die Tryptophan als Randbefund einer ganzen Proteinquelle messen, etwa ein Vergleich der tryptophanreichen Molkenproteinfraktion alpha-Lactalbumin gegen Kollagenpeptide bei Ausdauersportlern, in dem die myofibrilläre Muskelproteinsynthese nach intensiviertem Training unter alpha-Lactalbumin um 13 plus/minus 5 Prozentpunkte stärker anstieg als unter Kollagenpeptiden (p kleiner 0,01), bei ebenfalls stärkerem Anstieg von Leucin und Tryptophan im Blutplasma unter alpha-Lactalbumin. Das Abstract begründet die Wahl von alpha-Lactalbumin mit dessen hohem Leucin- und Tryptophan-Gehalt zugleich, es weist den gemessenen Unterschied nicht einem der beiden Stoffe einzeln zu. Eine Humanstudie, die den Beitrag von Tryptophan selbst zur Muskelproteinsynthese isoliert von anderen Aminosäuren prüft, wie er in einer vollständigen Aminosäuremischung oder in gewöhnlichem Molkenprotein vorkommen kann, liegt uns nicht vor

Studien im Detail

Schlafqualität

Bevölkerung und Design in der zugrundeliegenden systematischen Übersicht wechseln von Studie zu Studie, das Abstract benennt für die gepoolte Auswertung nur die Zahl von 4 Arbeiten, keine gemeinsame Beschreibung der Teilnehmenden. Dosen in den identifizierten Arbeiten insgesamt reichten über einen weiten Bereich, die Meta-Regression selbst unterscheidet nur zwischen unter 1 g und ab 1 g pro Tag. Ergebnis: verkürzte Wachzeit nach dem Einschlafen, kein signifikanter Effekt auf die drei übrigen erfassten Schlafmaße in der gepoolten Auswertung. Welche das sind, benennt die frei zugängliche Kurzfassung derselben Auswertung ausdrücklich, nämlich Gesamtschlafzeit, Einschlafdauer und Schlafeffizienz, gezählt also ein Positivbefund bei vier gemessenen Zielgrößen [1]. Einschränkung: Nur gut ein Fünftel der ursprünglich gefundenen Arbeiten floss in die eigentliche Meta-Analyse ein, die Auswahlkriterien dafür nennt das Abstract nicht, und die Dosierungen der beiden Untergruppen (unter beziehungsweise ab 1 g) werden nicht weiter aufgeschlüsselt. Eine andere, im gelesenen Volltext vorliegende Übersichtsarbeit zu alpha-Lactalbumin referiert ältere Einzelstudien, denen zufolge Tryptophan die Gesamtschlafzeit verlängert und die Wachzeit verkürzt habe, und benennt diese Studien entgegen der bisherigen Angabe sehr wohl mit eigener Quellennummer, drei Arbeiten aus den Jahren 1970, 1972 und 1981. Diese Übersichtsarbeit wurde von der Molkereigenossenschaft Agropur finanziert, ihr Erstautor ist nach der Erklärung im Volltext Berater dieses Unternehmens, das PubMed-Feld zum Interessenkonflikt ist leer [12]. Das widerspricht der neueren Meta-Analyse nicht unmittelbar, weil unklar bleibt, welche der 14 nicht gepoolten Arbeiten diese älteren Befunde enthalten, macht die Aussage zu den übrigen Schlafmaßen insgesamt aber weniger eindeutig, als das alleinige Lesen von Quelle 1 nahelegt.

Stimmung, Angstempfinden und Aggression

Population in der systematischen Übersicht sind gesunde Erwachsene, Dosen zwischen 0,14 und 3 g pro Tag zusätzlich zur gewohnten Ernährung, meist über einen einzelnen Tag geprüft. Ergebnis: 4 von 11 randomisierten Studien mit einem statistisch abgesicherten Effekt auf negative oder positive Gefühle, kein belastbarer Effekt auf aggressives Verhalten in den eingeschlossenen Arbeiten [2]. Zum Vergleich ordnet eine ältere, ausführlichere pharmakologische Übersichtsarbeit dieselbe Literatur nach Dosis und Dauer, mit dem Befund, dass die Studien der 1960er bis 1980er Jahre erst bei chronischer Gabe von mehr als 3 g pro Tag über mehr als 2 Wochen zuverlässig eine Stimmungsbesserung zeigten, häufig zusätzlich zu einem Antidepressivum, während die neueren, in der Übersicht von 2021 erfassten Arbeiten überwiegend deutlich niedrigere Einzeldosen prüften [12]. Direkter Beleg für freies Tryptophan selbst: Eine Cross-over-Studie, die reines Tryptophan (0,8 g) im selben Durchgang gegen alpha-Lactalbumin, Kasein, ein tryptophanreiches Proteinhydrolysat und ein Tryptophan-Dipeptid prüfte, wobei alle Präparate außer der Kasein-Kontrolle auf 0,8 g Tryptophan angeglichen waren, fand eine Stimmungsbesserung 60 Minuten nach Einnahme unter dem Hydrolysat und unter reinem Tryptophan, nicht unter alpha-Lactalbumin, mit länger anhaltendem Effekt nur beim Hydrolysat [33]. Einschränkung: In 2 weiteren kontrollierten Studien mit alpha-Lactalbumin (je 40 g Protein) stieg der Tryptophan-LNAA-Quotient im Blutplasma zwar messbar an (von 0,098 auf 0,138 gegenüber einem Rückgang von 0,099 auf 0,078 bei Kasein in der einen Studie, von 0,11 auf 0,13 gegenüber einem Rückgang von 0,11 auf 0,08 bei Kasein in der anderen, dort bei 493 mg Tryptophan aus alpha-Lactalbumin gegenüber 380 mg aus Kasein), ohne dass sich Stimmung oder Cortisol-Antwort auf Stress gegenüber Kasein änderten [9, 10]. Die Autorinnen und Autoren der ersten dieser beiden Studien schreiben selbst, der gemessene Anstieg unter alpha-Lactalbumin könnte zu gering ausgefallen sein, um die Veränderungen der emotionalen Verarbeitung zu erzeugen, die für die Verabreichung von reinem Tryptophan bei Gesunden beschrieben sind [9], ein Hinweis, den die Markus-2008-Studie oben empirisch stützt. Zusätzlich fand eine 19 Tage lange Studie mit einem tryptophanreichen Eiklar-Hydrolysat (rund 70 mg Tryptophan pro Tag) eine verbesserte emotionale Verarbeitung [35], bei einer gegenüber allen übrigen hier zitierten Studien um ein Vielfaches kleineren Tryptophan-Dosis und mit dem Erstautor bei einem Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln (DSM Nutritional Products) angestellt.

Sportliche Ausdauer- und Kraftleistung

Population, Belastungsintensität und Ergebnis unterscheiden sich zwischen den 4 zitierten Arbeiten grundlegend. 1988 an 12 gesunden Sportlern bei 80 Prozent der maximalen Sauerstoffaufnahme, ohne im Abstract genannte Dosis, Ergebnis eine 49,4 Prozent längere Laufzeit bis zur Erschöpfung [3]. 1992 an 49 gut trainierten Läufern bei 100 Prozent der maximalen Sauerstoffaufnahme, mit 1,2 g Tryptophan über 24 Stunden vor der Belastung (diese Dosis stammt aus dieser Arbeit, nicht aus der von 1988, deren eigenes Abstract keine Menge nennt), kein Effekt [4]. 2010 an 20 gesunden jungen Männern derselben Arbeitsgruppe wie 1988 (Segura und Ventura als gemeinsame Autoren), bei einer Ausdauerbelastung mit eingestreuten Sprints, eine um rund 570 m größere zurückgelegte Distanz unter Tryptophan (12526 gegenüber 11959 m, p kleiner 0,05) [34]. 2026 an 13 Paralympics-Athletinnen und -Athleten im Kraftdreikampf, 600 mg pro Tag über 72 Stunden, ein vorübergehender Vorteil bei Geschwindigkeit und Leistung vor der Belastung ohne im Volltext genannten p-Wert, kein statistisch gesicherter Gruppenunterschied bei der Hauptlast von 80 Prozent des Einwiederholungsmaximums, aber ein gesicherter Gruppenunterschied bei der maximalen Geschwindigkeit bei leichter Last 48 Stunden nach dem Training, zu diesem Zeitpunkt zugunsten von Placebo [5]. Einschränkung: Die 4 Arbeiten prüfen unterschiedliche Sportarten, Belastungsintensitäten und Zeitfenster, keine der 4 nennt ein Konfidenzintervall für ihren Haupteffekt, die beiden günstigen Befunde (1988 und 2010) stammen von derselben Arbeitsgruppe mit teils identischen Autoren, der Nullbefund von 1992 von einer unabhängigen Gruppe bei höherer Belastungsintensität.

Tryptophan-LNAA-Verhältnis als Transportmechanismus

Die Humanstudien zu diesem Mechanismus messen 2 unterschiedliche Quotienten: Tryptophan im Verhältnis zur Summe aller übrigen großen neutralen Aminosäuren (LNAA), oder, in einem Teil der Sportstudien, Tryptophan im Verhältnis allein zu den verzweigtkettigen Aminosäuren (BCAA), ein engerer Quotient mit anderem Nenner. Ergebnis für den Tryptophan-LNAA-Quotienten: alpha-Lactalbumin erhöht ihn deutlicher als Kasein oder gewöhnliches Molkenproteinisolat [6, 7, 8, 12], erhöht ihn in einer direkt vergleichenden Studie aber schwächer als reines, freies Tryptophan bei gleicher Tryptophan-Menge (Spitzenwert rund 0,20 gegenüber rund 0,30) [33], freies Tryptophan erhöht ihn außerdem bei schlanken Männern deutlicher als bei adipösen Männern [11]. Ergebnis für den engeren Tryptophan-BCAA-Quotienten: Er sank in 2 Sportstudien nach Belastung unter zusätzlicher Gabe verzweigtkettiger Aminosäuren, in der einen Studie signifikant gegenüber dem eigenen Ausgangswert der Verum-Gruppe bei unauffälligem Ausgangswert der Placebo-Gruppe und gemessen am gesamten, nicht am freien Tryptophan, ohne berichteten direkten Gruppenvergleich zum selben Zeitpunkt [13], in der anderen Studie direkt und signifikant niedriger als in der Placebo-Gruppe, hier am freien Tryptophan gemessen [14, 15]. Einschränkung: Keine der zitierten Arbeiten hat eine vollständige Aminosäuremischung mit freiem Tryptophan und einem Vielfachen an übrigen großen neutralen Aminosäuren direkt gemessen, die Richtung des Effekts für eine solche Mischung ist deshalb aus den hier vorliegenden Daten nicht ableitbar, sondern nur aus dem allgemeinen Mechanismus plausibel zu vermuten. Die beiden BCAA-Studien [13, 14] wurden von derselben taiwanesischen Arbeitsgruppe durchgeführt und öffentlich gefördert (National Science Council beziehungsweise Ministry of Science and Technology, Taiwan), ohne erklärten Interessenkonflikt.

Täglicher Bedarf und Muskelproteinsynthese als Einordnungsrahmen

Zur Einordnung, wie groß eine Tryptophan-Menge im Vergleich zum Grundbedarf ist, dient eine Humanstudie mit der Indikator-Aminosäuren- Oxidations-Methode bei 5 jungen, gesunden Frauen, die den mittleren Tryptophan-Bedarf mit 4,01 mg je Kilogramm Körpergewicht und Tag bestimmte, mit einer als sicher geltenden Zufuhr von 5,02 mg je Kilogramm und Tag [16]. Zur Muskelproteinsynthese als eigenem Beitrag von Tryptophan liegt keine isolierte Humanstudie vor. Die einzige Vergleichsstudie, die sich diesem Thema annähert, prüfte 11 gut ausdauertrainierte Personen im Cross-over-Design nach intensiviertem Training, mit der tryptophanreichen Molkenproteinfraktion alpha-Lactalbumin gegenüber Kollagenpeptiden bei gleicher Stickstoffmenge, alpha-Lactalbumin steigerte die myofibrilläre Proteinsynthese um 13 plus/minus 5 Prozentpunkte stärker als Kollagenpeptide (p kleiner 0,01), bei ebenfalls stärkerem Anstieg von Leucin und Tryptophan im Blutplasma. Das Abstract begründet die Wahl von alpha-Lactalbumin mit dessen hohem Leucin- und Tryptophan-Gehalt zugleich und weist den gemessenen Unterschied nicht einem der beiden Stoffe einzeln zu [17]. Ob Tryptophan selbst, isoliert von anderen Aminosäuren, zur Muskelproteinsynthese oder zur Erholung nach dem Training beiträgt, bleibt damit offen.

Tier- und Laborstudien

Diese Befunde stammen aus Tierversuchen oder aus Zellkulturen mit menschlichem Material außerhalb des Körpers und erlauben keine direkte Aussage über eine Wirkung beim lebenden Menschen.

Eine kombinierte Tier- und Humanstudie untersuchte den Kynurenin-Weg, über den nach Angaben mehrerer der hier zitierten Arbeiten der überwiegende Teil des täglich aufgenommenen Tryptophans abgebaut wird. Bei Mäusen erhöhte eine chronische Tryptophan-Gabe alle gemessenen Kynurenin-Stoffwechselprodukte im Blut, Ausdauertraining senkte dabei gezielt den als neurotoxisch geltenden Teil dieses Stoffwechselwegs. Über eine gesteigerte Laufradaktivität hinaus fanden die Autoren jedoch keine weiteren Effekte der Tryptophan-Gabe auf Trainingsanpassung, Energiestoffwechsel oder Verhalten bei den Mäusen. Bei trainierten gegenüber untrainierten menschlichen Versuchspersonen, die einmalig während einer Ausdauerbelastung ein Tryptophan-Getränk mit 15 mg Tryptophan je Kilogramm Körpergewicht erhielten (umgerechnet rund 1050 mg bei einer beispielhaften 70 kg schweren Person, eine deutlich höhere Einzelmenge als in den meisten übrigen hier zitierten Humanstudien), war derselbe Anstieg der Kynurenin-Stoffwechselprodukte messbar, eine funktionelle Wirkung auf Leistung oder Befinden wurde in diesem Teil der Studie nicht geprüft. Im Volltext steht zudem, ein Mitautor sei Berater für die Bayer AG [32].

Zur Ursachenfrage des Eosinophilie-Myalgie-Syndroms von 1989 existiert eine vergleichende Tierstudie, die im Abschnitt Sicherheit und Wechselwirkungen eingeordnet ist, weil sie unmittelbar zur dortigen Kausalitätsdiskussion gehört [24].

Sicherheit und Wechselwirkungen

Das Eosinophilie-Myalgie-Syndrom von 1989

Im Spätsommer 1989 häuften sich in den USA Fälle einer bis dahin unbekannten Erkrankung mit ausgeprägter Eosinophilie (einer Vermehrung einer bestimmten Sorte weißer Blutkörperchen) und schweren Muskelschmerzen, später Eosinophilie-Myalgie-Syndrom (EMS) genannt. Die US-amerikanische Seuchenüberwachungsbehörde CDC zählte bis Juli 1990 bundesweit 1531 gemeldete Fälle und 27 Todesfälle, 97 Prozent der gemeldeten Betroffenen hatten vor Erkrankungsbeginn Tryptophan eingenommen, 91 Prozent der Fälle begannen im oder nach Mai 1989. Nach dem Rückruf freiverkäuflicher Tryptophan-Präparate im November 1989 ging die Zahl neuer Fälle deutlich zurück [19]. Eine spätere Auswertung der Sterbefall-Meldungen kam bis August 1991 auf 36 Todesfälle, überwiegend durch eine fortschreitende Nerven- und Muskelerkrankung mit Lungenbeteiligung bei 81 Prozent und Herzbeteiligung bei 64 Prozent der verstorbenen Personen [20].

Eine Fallkontrollstudie in einer psychiatrischen Praxis in South Carolina fand unter den Tryptophan-Anwenderinnen und -Anwendern eine ausgeprägte Häufung auf eine einzelne Handelsmarke. Von 157 Nutzerinnen und Nutzern dieser Marke entwickelten 29 Prozent ein gesichertes und weitere 23 Prozent ein mögliches EMS, mit einem klaren Dosis-Wirkungs-Zusammenhang, bei mehr als 4000 mg pro Tag erkrankten 50 Prozent gesichert und 84 Prozent gesichert oder möglich [18].

Die vorherrschende Erklärung führt den Ausbruch auf eine Verunreinigung im Herstellungsverfahren eines einzelnen Herstellers zurück. Eine Rattenstudie zu 5-Hydroxytryptophan schreibt einleitend, der ursächliche Kontaminant sei "nur in dem Produkt eines einzigen Herstellers (Showa Denko)" gefunden worden [28], und laut einer Übersichtsarbeit von 1994 hatte dieser Hersteller sein Produktionsverfahren kurz vor dem Ausbruch verändert [22]. Eine eigens auf diese Frage angelegte chemische Marktuntersuchung von 22 Chargen aus 6 Herstellern relativiert diese Alleinstellung jedoch für einen Teil der fallassoziierten Verunreinigungen: Der Stoff 2-(3-Indolylmethyl)-Tryptophan (IMT), der ebenfalls zu den mit EMS assoziierten Kontaminanten zählt, fand sich danach in unterschiedlichen Konzentrationen (unter 20 bis 1400 mg je Kilogramm) sowohl in pharmazeutischem als auch in Futtermittel-Tryptophan verschiedener Hersteller, nicht auf Showa Denko begrenzt. Nur für den Stoff 3-Phenylaminoalanin (PAA) berichtet dieselbe Untersuchung geringe Mengen bei genau einem, dort nicht namentlich genannten Hersteller [23]. Die Herstellerfrage ist damit je nach betrachtetem Kontaminanten unterschiedlich eindeutig, und die Studie, aus der die Alleinstellungsaussage stammt, prüft EMS selbst nicht, sondern referiert sie im Einleitungsteil einer Arbeit zu einem anderen Stoff. In dem betroffenen Rohstoff wurden mehrere Verunreinigungen chemisch identifiziert, am bekanntesten 1,1-Ethylidenbis(Tryptophan) (EBT, auch "Peak E"). Die Arbeit, die diesen Stoff erstmals charakterisierte, hält im Abstract selbst ausdrücklich offen, ob EBT das ursächliche Agens ist oder nur ein Marker für einen noch unbekannten wirklichen Auslöser [21]. Die europäische Arzneimittelregulierung begrenzt seither den EBT-Gehalt in pharmazeutischem Tryptophan auf unter 10 mg je Kilogramm sowie die Summe UV-detektierbarer Verunreinigungen auf unter 400 mg je Kilogramm [23], ein Beleg dafür, dass Behörden diese Verunreinigungen als das wahrscheinlichste ursächliche Element behandeln, ohne dass darin eine abschließende wissenschaftliche Kausalitätsfeststellung liegt.

Die Kausalitätsfrage gilt in der Fachliteratur dennoch nicht als restlos geklärt, aus mehreren, unabhängig voneinander berichteten Gründen. Erstens scheiterten Tierversuche daran, mit dem verdächtigten Tryptophan oder seinen isolierten Verunreinigungen EMS-ähnliche Gewebeschäden zu erzeugen. Eine vergleichende histopathologische Auswertung von über 250 Mäusen aus 20 Einzelstudien und 4 Mausstämmen fand die Befunde an Haut und Muskel "inconsistent, nonreproducible" und sah darin keinen Beleg, dass Tryptophan, das fallassoziierte Tryptophan selbst, EBT, 3-Phenylaminoalanin oder eine Kombination davon unter den geprüften Bedingungen solche Gewebeschäden auslösen [24]. Zweitens fand eine frei zugängliche In-vitro-Untersuchung an weißen Blutzellen von Personen mit funktionellen somatischen Syndromen wie Fibromyalgie, dass die Kontaminante EBT bei 7 von 12 untersuchten Personen (58 Prozent) gegenüber 2 von 12 beziehungsweise 1 von 12 Personen in den beiden Kontrollgruppen eine Zytokin-Antwort auslöste (p kleiner 0,05 im Gruppenvergleich), davon reagierten 6 der 7 mit den beiden für Eosinophilie ursächlich diskutierten Botenstoffen Interleukin 5 und/oder Interleukin 10. Bei gesondertem Test reagierten außerdem 2 dieser 12 Personen auf reines, unverunreinigtes Tryptophan mit einer Zytokin-Antwort, gegenüber 0 von 24 Personen in den Kontrollgruppen, allerdings mit unterschiedlichem Muster: Eine der beiden Personen bildete dabei ebenfalls die eosinophilenrelevanten Botenstoffe Interleukin 5 und/oder Interleukin 10, zusammen mit Interferon-Gamma, die andere Person ausschließlich Interferon-Gamma, einen Botenstoff, den die Arbeit selbst nicht mit Eosinophilie in Verbindung bringt. Der Befund zu reinem Tryptophan ist damit uneinheitlich und nicht bei beiden Personen gleich aussagekräftig. Die Autorinnen und Autoren deuten das insgesamt als Hinweis auf eine medikamenteninduzierte Überempfindlichkeit bei vorbelasteten Personen, die auch vom Wirkstoff selbst, nicht nur von der Verunreinigung, ausgelöst werden könnte. Im Volltext, der frei zugänglich ist, steht außerdem, dass sowohl das verwendete reine Tryptophan (vom Hersteller Ajinomoto) als auch die synthetisch hergestellte Kontaminante EBT (Universität Hamburg) von der Fresenius AG zur Verfügung gestellt wurden und diese Studie von der Fresenius AG finanziert wurde, einem Hersteller von Infusionslösungen, dessen Interesse an einer Erklärung über individuelle Veranlagung statt über den Rohstoff nicht neutral einzuordnen ist [27]. Drittens kritisierte eine Übersichtsarbeit 1997 die statistische Grundlage der gesamten Assoziation als schmal. Nur 2 Studien mit zusammen 23 EMS-Fällen hätten den Zusammenhang mit Tryptophan systematisch mit einer Kontrollgruppe geprüft, mit unterschiedlicher Methodik bei der Auswahl von Fällen und Kontrollen, und weiterhin gemeldete EMS-Fälle nach der Marktrücknahme von Tryptophan 1989 würfen nach Einschätzung des Autors zusätzliche Fragen zur Robustheit der Assoziation auf. Dieselbe Arbeit weist zudem auf eine mögliche diagnostische Verzerrung hin, Ärztinnen und Ärzte stellten in Fallvignetten die EMS-Diagnose häufiger, wenn eine Tryptophan-Einnahme erwähnt wurde [25]. Eine 2023 veröffentlichte Übersichtsarbeit, an der laut eigener Erklärung mehrere bei dem Aminosäure-Hersteller CJ CheilJedang angestellte Personen mitwirkten, kommt nach Durchsicht der In-vitro- und Tierstudien zu 6 bei der Tryptophan-Synthese entstehenden Verunreinigungen zu dem wörtlichen Schluss, es seien bislang "no clear and convincing conclusions" zur ursächlichen Rolle dieser Stoffe gezogen worden [26].

Zur Einordnung, wer diese Quellen finanziert oder geschrieben hat, auf beiden Seiten der Frage: Die histopathologische Sammelauswertung, die gegen ein Tiermodell spricht, wurde im Auftrag des "Research Advisory Council" erstellt und von einem privaten Auftragslabor für Pathologie durchgeführt, ohne im Abstract genannten Geldgeber für dieses Gremium selbst [24]. Die beiden Arbeiten zur Sicherheit von 5-Hydroxytryptophan, die die Alleinstellung von Showa Denko betonen und 5-HTP als unbedenklich einordnen, teilen sich mit Bagchi D und Preuss HG 2 Autoren, eine der beiden Arbeiten (die Übersichtsarbeit, nicht die Rattenstudie) führt als Affiliation das private Labor ISSI Laboratories Inc. [28, 29]. Auch die spätere Übersichtsarbeit zu 6 Tryptophan-Verunreinigungen, die zu keinem eindeutigen Schluss kommt, benennt eine Beteiligung von Angestellten eines Aminosäure-Herstellers [26]. Auf der anderen Seite legt eine Übersichtsarbeit zu den weltweit gemeldeten Wechselwirkungen des Antidepressivums Fluvoxamine, aus der weiter unten der Todesfall bei gleichzeitiger Tryptophan-Einnahme referiert wird, als Affiliation die Humanmedizin-Sparte des Fluvoxamin-Herstellers Solvay [31]. Öffentlich finanziert und ohne erklärten Interessenkonflikt sind dagegen die surveillance-Auswertungen der US-Gesundheitsbehörde CDC [18, 19, 20] sowie, in einem anderen Themenfeld dieses Eintrags, die beiden taiwanesischen Sportstudien zur Zentralermüdungs-Hypothese, die vom National Science Council beziehungsweise vom Ministry of Science and Technology Taiwans gefördert wurden und laut eigener Erklärung keinen Interessenkonflikt haben [13, 14].

Zusammengefasst sprechen die epidemiologischen Daten von 1989 und 1990, die Häufung bei einer einzelnen Handelsmarke, der klare Dosis-Wirkungs-Zusammenhang innerhalb dieser Marke und der Rückgang der Fallzahlen nach der Marktrücknahme, deutlich für eine Verunreinigung als Auslöser und nicht für Tryptophan als Aminosäure allgemein. Ein Tiermodell, das diesen Zusammenhang bestätigt, und eine abschließende Identifikation des ursächlichen Mechanismus fehlen jedoch bis heute, und mindestens eine Arbeit fand auch für reines Tryptophan selbst, in einer kleinen, spezifisch vorbelasteten Personengruppe, bei 2 von 12 Personen eine messbare immunologische Reaktivität, die bei einer der beiden Personen auch die für Eosinophilie diskutierten Botenstoffe umfasste und bei der anderen nicht. Das Herstellungsverfahren von 1989 wird nach übereinstimmenden Angaben der zitierten Quellen nicht mehr eingesetzt, ein seither wiederholt aufgetretener, vergleichbarer Ausbruch ist uns aus der ausgewerteten Literatur nicht bekannt, und Tryptophan ist seit den 2000er Jahren in mehreren Ländern wieder als Nahrungsergänzungsmittel im Handel.

Verwechslung mit 5-Hydroxytryptophan und Melatonin

L-Tryptophan wird in der Literatur und im Handel häufig mit den beiden folgenden Stufen desselben Stoffwechselwegs verwechselt, mit 5-Hydroxytryptophan (5-HTP) und mit Melatonin. Der Umbau von Tryptophan zu 5-HTP ist der geschwindigkeitsbestimmende Schritt der Serotonin-Synthese, wer 5-HTP einnimmt, überspringt genau diesen Schritt. Studien zu 5-HTP sind deshalb kein Beleg für eine Wirkung von Tryptophan, und umgekehrt, die Wirkungstabelle oben führt ausschließlich Studien, die tatsächlich L-Tryptophan verabreichten. Nach der Marktrücknahme von Tryptophan 1989 wurde 5-HTP in mehreren Ländern als Ersatzstoff vermarktet, unter anderem weil es aus einem chemisch anderen Verfahren stammt und die 1989 identifizierten Tryptophan-Verunreinigungen darin nicht vorkommen. In den zitierten Sicherheitsübersichten zu 5-HTP wurde seither, mit der Ausnahme eines einzelnen, ungeklärten Falls einer kanadischen Patientin aus dem Jahr 1994, kein weiterer gesicherter Fall eines Eosinophilie-Myalgie-artigen Krankheitsbilds unter 5-HTP gefunden [29]. Eine placebokontrollierte, einjährige Studie an Ratten mit 5-HTP fand bei keiner der geprüften Dosen eine Eosinophilie oder eine Gewebeveränderung, wie sie für EMS kennzeichnend wäre [28]. Dieser Abschnitt beschreibt die Geschichte des Ersatzstoffs 5-HTP, er ist kein Beleg für eine Wirkung oder Sicherheit von L-Tryptophan selbst.

Wechselwirkung mit serotonerg wirkenden Arzneimitteln

Tryptophan ist die Vorstufe von Serotonin. Eine erhöhte Serotonin-Aktivität im Zusammenspiel mit anderen serotonerg wirkenden Substanzen kann zum sogenannten Serotonin-Syndrom führen, einer Kombination aus veränderter geistiger Verfassung, neuromuskulären Auffälligkeiten wie Zittern oder Steifheit und vegetativen Symptomen wie Fieber, schnellem Puls und Schwitzen, die in seltenen, schweren Fällen tödlich verlaufen kann [30]. Ältere Übersichten und Fallberichte nennen Tryptophan neben Serotonin-Wiederaufnahmehemmern, trizyklischen Antidepressiva, Monoaminoxidase-Hemmern und mehreren weiteren serotonerg wirkenden Substanzen als einen der auslösenden Wirkstoffe [30]. Eine Übersichtsarbeit zu weltweit gemeldeten Wechselwirkungen des Antidepressivums Fluvoxamin beschreibt unter mehr als 8 Millionen Anwenderinnen und Anwendern insgesamt 73 gemeldete Wechselwirkungsfälle, darunter einen Todesfall bei einer Patientin, die zusätzlich Tryptophan einnahm und ein Krankheitsbild entwickelte, das die Autoren als neuroleptisches malignes Syndrom einordnen, mit der ausdrücklichen Einschränkung, die ursächliche Rolle der Kombination aus Fluvoxamin und Tryptophan in diesem Einzelfall sei nicht sicher geklärt [31]. Historisch wurde Tryptophan selbst in Tagesdosen von 2,5 bis 6 g über mehrere Wochen zusätzlich zu einem Monoaminoxidase-Hemmer oder einem trizyklischen Antidepressivum eingesetzt, gerade um die serotonerge Wirkung zu verstärken [12]. Das belegt, dass die Wechselwirkung real und nicht nur theoretisch ist, auch wenn die verfügbaren Fallberichte einzelne Ereignisse beschreiben und keine systematische Häufigkeit angeben.

Bioverfügbarkeit als freie Aminosäure gegenüber proteingebundenem Tryptophan

Ob Tryptophan als freie Aminosäure oder als Bestandteil eines Proteins aufgenommen wird, ist für die weiter oben beschriebene Transportkonkurrenz an der Blut-Hirn-Schranke von Bedeutung, weil freies Tryptophan schneller ins Blut übergeht als proteingebundenes, während bei Letzterem zusätzlich die übrigen Aminosäuren desselben Proteins mit aufgenommen werden und um denselben Transporter konkurrieren. Die Einzelheiten dazu, einschließlich des Unterschieds zwischen freiem Tryptophan, gewöhnlichem Molkenprotein und der besonders tryptophanreichen Molkenfraktion alpha-Lactalbumin, stehen bei der Wirkung zum Tryptophan-LNAA-Verhältnis oben.

Quellen zum Nachlesen

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