Vitamin B1 (Thiamin)

Zuletzt geprüft am

Vitamine

Thiamin · Aneurin · Thiaminhydrochlorid · Thiaminmononitrat

H.P.N · Datenstand 2026-08-19 · 11 Zuschreibungen im Überblick

Auf einen Blick

Was es ist
Ein wasserlösliches B-Vitamin. Essenziell, der Körper kann es kaum speichern, der Vorrat reicht für wenige Wochen. Thiaminpyrophosphat ist die aktive Coenzymform im Kohlenhydrat- und Energiestoffwechsel
Formen
Thiaminhydrochlorid und Thiaminmononitrat sind die üblichen wasserlöslichen Reinstoff-Formen in Nahrungsergänzung und Studienliteratur. Benfotiamin und Sulbutiamin sind fettlösliche Abkömmlinge mit abweichender Aufnahme und einer eigenen, hier nicht mitbehandelten Studienlage
Referenzmenge (NRV)
1,1 mg pro Tag
Übliche Studiendosis
In den hier ausgewerteten Humanstudien meist 100 mg pro Tag oral über mehrere Wochen, vereinzelt eine pharmakologische Einmaldosis im Grammbereich. Die Dosis steht bei jeder Studie in der jeweiligen Wirkungszeile
Zusammenspiel
Zwei der hier ausgewerteten Studien zu Stimmung und Schlaf prüften Thiamin ausschließlich als Zusatzgabe zu einer bestehenden Medikation, Lithium beziehungsweise einem SSRI, nicht als alleinige Einnahme, siehe die Wirkungszeilen dazu
Verträglichkeit
Wasserlöslich, Überschüsse werden über den Urin ausgeschieden. Oral gegebenes Thiamin gilt auch in hohen Dosen als gut verträglich. Seltene anaphylaktoide Reaktionen sind ausschließlich bei parenteraler, also gespritzter Gabe beschrieben. Eine eigene, aktuelle behördliche Bewertung zu einer oberen Zufuhrgrenze liegt uns nicht vor

Was diesem Stoff zugesprochen wird

Was die Studien hergeben.

Jede Zuschreibung hat ihre eigene Bewertung. So liest Du die Studienlage.

  1. 01

    Normaler Energiestoffwechsel

    Behördlich gesichert
    Einordnung und Einschränkungen

    Zugelassene Angabe nach abgeschlossener EFSA-Bewertung

    Quellen: 1

  2. 02

    Normale Funktion des Nervensystems

    Behördlich gesichert
    Einordnung und Einschränkungen

    Zugelassene Angabe nach abgeschlossener EFSA-Bewertung

    Quellen: 1

  3. 03

    Normale psychische Funktion

    Behördlich gesichert
    Einordnung und Einschränkungen

    Zugelassene Angabe nach abgeschlossener EFSA-Bewertung

    Quellen: 1

  4. 04

    Normale Herzfunktion

    Behördlich gesichert
    Einordnung und Einschränkungen

    Zugelassene Angabe nach abgeschlossener EFSA-Bewertung

    Quellen: 1

  5. 05

    Zusätzlicher Nutzen einer Einnahme über den Bedarf hinaus, allgemein

    Studienlage offen
    Einordnung und Einschränkungen

    Eigenes Thema mit eigener Studienlage. Für mehrere konkrete Zuschreibungen haben wir gezielt nachgesehen, das steht in den folgenden Zeilen. Darüber hinaus haben wir nicht systematisch geprüft

  6. 06

    Kognitive Leistungsfähigkeit bei Menschen ohne bekannten Mangel

    Studienlage offen
    Einordnung und Einschränkungen

    Gezielt nach placebokontrollierten Humanstudien zur kognitiven Funktion unter Thiamin-Gabe bei Menschen ohne bekannten Mangel gesucht, mit den Suchbegriffen thiamine plus cognitive function healthy adults sowie thiamine supplementation plus cognition, jeweils auch ohne Humanfilter. Eine systematische Übersicht aus 17 eingeschlossenen Studien zu Eiweiß- und Thiamin-Zufuhr bei gesunden Erwachsenen ab 60 Jahren fand nur eine schwache und uneinheitliche Assoziation zwischen höherer Thiamin-Zufuhr über die Ernährung und der kognitiven Leistung [2]. Alle eingeschlossenen Arbeiten sind Beobachtungsstudien, weil das vierte Einschlusskriterium im Volltext Nahrungszufuhr ohne Nahrungsergänzung verlangt und Supplementstudien damit von vornherein ausgeschlossen waren. Dass die Übersicht keine Interventionsstudien enthält, ist also eine Folge ihres eigenen Suchzuschnitts und kein Befund über die Studienlage. Gefördert wurde sie von einem Branchenverband der Schweinefleischwirtschaft, eine der Autorinnen erhält von derselben Stelle ein Honorar, beides steht nur im Volltext und nicht im PubMed-Feld zum Interessenkonflikt. Eine placebokontrollierte Studie, die Thiamin als Reinstoff gezielt gegen die kognitive Leistung bei ausreichend versorgten Menschen prüft, wurde nicht gefunden. Studien zu einer pharmakologischen Einmaldosis im Grammbereich gegen eine medikamentös ausgelöste Gedächtnisstörung sowie Studien zu Multivitaminpräparaten beantworten eine andere Frage und wurden hier nicht als Beleg herangezogen

    Quellen: 2

  7. 07

    Stimmungslage bei Zusatzgabe zu bestehender Medikation, uneinheitliche Befunde

    Hinweise
    Einordnung und Einschränkungen

    In einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie mit drei Armen an insgesamt 66 stationär behandelten Erwachsenen in einer akuten manischen Phase unter laufender Lithium-Basistherapie, von denen nur der Thiamin- und der Placebo-Arm mit zusammen rund 44 Menschen zu diesem Vergleich beitragen, besserte eine Zusatzgabe von 100 mg Thiamin pro Tag über 8 Wochen die Manie-Ausprägung gegenüber Placebo nicht signifikant, gemessen am von den Autoren selbst festgelegten Schwellenwert (F(1,35.68) gleich 4,76, p gleich 0,036 bei einem Signifikanzniveau von p kleiner 0,025) [3]. In einer weiteren randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie an 51 stationären Erwachsenen mit einer Ausgangs-Depressionsschwere von HDRS über 24 unter laufender SSRI-Basistherapie besserte eine Zusatzgabe von Thiamin, die eingesetzte Dosis nennt das Abstract nicht, die Symptome gegenüber Placebo nach 6 Wochen schneller. Am Studienende nach 12 Wochen war der Unterschied nicht mehr statistisch signifikant [4]. Beide Studien prüfen Thiamin ausschließlich als Zusatzgabe zu einer bestehenden Medikation bei klinisch vorausgewählten, stationär behandelten Erwachsenen, nicht als alleinige Einnahme bei einer breiteren Bevölkerung

    Quellen: 3, 4

  8. 08

    Schlafqualität bei Zusatzgabe zu bestehender Medikation, einzelne kleine Studie

    Hinweise
    Einordnung und Einschränkungen

    In derselben Studie an 66 stationären Erwachsenen in einer akuten manischen Phase unter Lithium-Basistherapie besserte die Zusatzgabe von 100 mg Thiamin pro Tag über 8 Wochen die Schlafqualität, gemessen am Pittsburgh Sleep Quality Index, gegenüber Placebo signifikant (F(1,41.21) gleich 13,32, p kleiner 0,001) [3]. Der Schlaf stand in dieser Studie neben der Stimmung und der kognitiven Leistung, welche Zielgröße die Autoren als vorrangig festgelegt hatten, sagt das Abstract nicht. Die Autoren rechnen mit einer verschärften Schwelle von p kleiner 0,025, diese Korrektur gilt aber den beiden Wirkstoffarmen und nicht der Zahl der Zielgrößen. Eine unabhängige Bestätigung an einer anderen Population liegt uns nicht vor

    Quellen: 3

  9. 09

    Erschöpfung und Leistungsfähigkeit bei körperlicher Belastung, uneinheitliche Befunde

    Hinweise
    Einordnung und Einschränkungen

    In einer randomisierten, placebokontrollierten Studie an 16 männlichen Sportlern, 8 mit einem Thiamin-Blutspiegel im Normbereich und 8 darunter, senkte eine dreitägige Einnahme von 100 mg Thiamin pro Tag vor einer Ergometerbelastung die Zahl der Angaben auf einem Fragebogen mit 30 Erschöpfungsbeschwerden signifikant. Das Abstract nennt dazu weder Effektmaß noch Intervall noch p-Wert und lässt offen, ob der Befund für beide Untergruppen oder nur für eine gilt, die Einschränkung auf die Gruppe mit normalem Ausgangsspiegel steht dort ausdrücklich nur beim Blutzucker. Auf objektive Leistungsparameter berichtet das Abstract keinen Effekt, wohl aber einen gedämpften Blutzuckeranstieg. Ein freier Volltext liegt nicht vor, Förderung und Interessenerklärung dieser Studie sind daher nicht prüfbar [5]. Eine nicht systematische Übersichtsarbeit von 1985 zu Vitaminen und Ausdauertraining kommt dagegen zu dem Schluss, dass eine Supplementierung mit B-Komplex-Vitaminen bei Sportlern mit einer bereits ausgeglichenen Vitaminbilanz die objektive körperliche Leistungsfähigkeit nicht verbessert. Zwei Punkte derselben Arbeit sprechen dagegen, sie als klares Nein zu lesen. Sie behandelt die B-Komplex-Vitamine gemeinsam und nicht Thiamin allein, und sie hält eine B-Komplex-Gabe bei sehr hohem Energieumsatz für möglicherweise sinnvoll, weil dort viele nährstoffarme Kalorien gegessen werden [6]. Beide Arbeiten unterscheiden sich im Endpunkt, subjektive Erschöpfungsbeschwerden gegenüber objektiver Leistungsmessung, und teils im Ausgangsstatus der Teilnehmenden, sodass kein direkter Widerspruch, aber auch kein einheitliches Bild vorliegt

    Quellen: 5, 6

  10. 10

    Herzfunktion und Belastbarkeit bei Menschen mit bereits eingeschränkter Pumpfunktion, in Meta-Analyse ohne durchgehenden Effekt

    Hinweise
    Einordnung und Einschränkungen

    Eine Meta-Analyse aus 6 randomisierten, placebokontrollierten Studien mit zusammen 298 Teilnehmenden (158 unter Thiamin, 140 unter Placebo) mit klinisch bereits eingeschränkter Pumpfunktion fand für eine Thiamin-Gabe gegenüber Placebo keinen signifikanten Unterschied bei der linksventrikulären Auswurffraktion (p gleich 0,08), bei NT-proBNP (p gleich 0,94), beim linksventrikulären enddiastolischen Volumen (p gleich 0,53), bei der 6-Minuten-Gehstrecke (p gleich 0,59), bei der Sterblichkeit (p gleich 0,61), bei Krankenhausaufnahmen (p gleich 0,53) und bei Atemnot (p gleich 0,77). Einzig die Herzfrequenz unterschied sich signifikant (p gleich 0,04). Effektgrößen mit Konfidenzintervall nennt das Abstract nicht, eine einheitliche Dosis über die 6 Studien ebenfalls nicht [7]. Eine breiter angelegte systematische Übersicht zu Nahrungsergänzungsmitteln bei Menschen mit Herzschwäche, mit eigenen Einschlusskriterien (ab 50 Teilnehmenden und mindestens 6 Monate Nachbeobachtung, ersatzweise kleinere und kürzere Studien, insgesamt 40 Studien zu mehreren verschiedenen Nahrungsergänzungsmitteln), stuft die dort gefundenen Thiamin-Studien insgesamt als zu klein und zu unterpowert ein, um eine klinische Wirkung zu beurteilen, ohne im Abstract eine eigene Zahl für Thiamin allein zu nennen [8]. Die beiden Übersichten sind kein zweiter, unabhängiger Beleg. Im Literaturverzeichnis der breiter angelegten Übersicht steht als einzige Thiamin-Primärstudie die Arbeit von Shimon und Kollegen aus 1995, und dieselbe Arbeit steht auch im Literaturverzeichnis der Meta-Analyse. Gezählt wird deshalb ein Studienbestand, nämlich die 6 randomisierten Studien der Meta-Analyse. Ein freier Volltext liegt zu keiner der beiden Übersichten vor, die Einschlusslisten sind über die Literaturverzeichnisse erschlossen und nicht über eine Einschlusstabelle

    Quellen: 7, 8

  11. 11

    Abwehr von Mückenstichen, in kontrollierten Versuchen ohne Wirkung

    Nicht bestätigt
    Einordnung und Einschränkungen

    Eine methodische Übersichtsarbeit (Scoping Review) aus dem Jahr 2022 wertete 104 Arbeiten zu der seit 1943 verbreiteten Annahme aus, eine orale oder systemische Thiamin-Einnahme wirke als Insektenschutz. Kontrollierte Versuche zum Anflug- und Stichverhalten von Insekten fanden dabei keine Repellentwirkung, in keiner geprüften Dosis oder Verabreichungsform. Von 49 relevanten Übersichtsarbeiten, 16 Leitlinien zum Insektenstichschutz und 4 Regierungsdokumenten, die die Arbeit auswertete, führt keine einzige nach den 1990er Jahren Thiamin noch als wirksames Mittel [9]. Die verbreitete Annahme, Vitamin B1 halte Mücken fern, lässt sich damit nicht bestätigen. Zwei Grenzen der Arbeit gehören dazu. Sie zieht keine zusammenfassende Effektgröße mit Intervall, weil sie Einzelbefunde einordnet und nicht zusammenrechnet. Und sie hält ausdrücklich fest, dass sich mangels Daten nicht ausschließen lässt, ob eine Thiamin-Einnahme die Beschwerden nach einem Stich mildert. Nicht bestätigt ist die Abwehrwirkung und nicht die Beschwerdefrage

    Quellen: 9

Wichtig zur Einordnung: Die behördlich gesicherten Funktionen beschreiben, wozu der Körper Thiamin braucht. Sie sagen nicht, dass eine zusätzliche Einnahme über den Bedarf hinaus einen weiteren Nutzen bringt. Das sind zwei verschiedene Fragen. Für mehrere verbreitete Zuschreibungen, die genau diese zweite Frage stellen, haben wir gezielt nachgesehen, siehe die Zeilen zu kognitiver Leistungsfähigkeit, Stimmung, Schlafqualität, körperlicher Belastung, Herzfunktion bei bereits eingeschränkter Pumpfunktion und der Abwehr von Mückenstichen.

Studien im Detail

Kognitive Leistungsfähigkeit

Die verfügbare Literatur zu Thiamin und Kognition bei Menschen ohne bekannten Mangel besteht überwiegend aus Beobachtungsstudien zur Ernährungszufuhr, nicht aus kontrollierten Interventionsstudien mit dem Reinstoff. Eine systematische Übersicht aus 17 Studien an gesunden älteren Erwachsenen kommt zu dem Schluss, dass die Evidenz für einen Zusammenhang zwischen Thiamin-Zufuhr und kognitiver Leistung schwach ist und dass es an experimentellen Studien fehlt, um daraus eine Ernährungsempfehlung abzuleiten [2]. Eine Studie zu pharmakologischen Einmaldosen von 5 g Thiamin gegen eine durch Scopolamin ausgelöste Gedächtnisstörung bei jungen Erwachsenen zeigt einen möglichen cholinergen Mechanismus, beantwortet aber eine andere Frage als die alltägliche Einnahme üblicher Dosen und wird hier nicht als Beleg für eine Wirkung bei bestehender Ausgangsleistung herangezogen.

Stimmung und Schlaf als Zusatzgabe

Zwei kleinere Studien haben Thiamin gezielt als Zusatzgabe zu einer bestehenden psychiatrischen Medikation geprüft, beide an klinisch vorausgewählten, stationär behandelten Erwachsenen. In der Studie mit Lithium-Basistherapie besserte sich die Manie-Ausprägung unter Thiamin gegenüber Placebo nicht im vorab festgelegten Sinn, wohl aber die Schlafqualität als sekundärer Endpunkt [3]. In der Studie mit SSRI-Basistherapie war ein anfänglicher Vorteil bei Woche 6 bis zum Studienende bei Woche 12 nicht mehr signifikant [4]. Beide Ergebnisse beziehen sich ausschließlich auf die Zusatzgabe zu einer bestehenden Medikation innerhalb einer engen, klinisch definierten Gruppe und lassen sich nicht auf eine alleinige Einnahme bei einer breiteren Bevölkerung übertragen.

Körperliche Belastung

Eine kleine Studie an männlichen Sportlern fand unter dreitägiger Thiamin-Gabe weniger subjektiv berichtete Erschöpfungsbeschwerden nach einer Ergometerbelastung, allerdings nur bei Teilnehmern mit einem Ausgangs-Blutspiegel im Normbereich und ohne berichteten Effekt auf objektive Leistungsparameter [5]. Eine ältere, breiter angelegte Übersichtsarbeit kommt zu dem allgemeineren Schluss, dass eine Vitamin-Supplementierung bei Sportlern mit einer bereits ausgeglichenen Vitaminbilanz die objektive körperliche Leistungsfähigkeit nicht verbessert [6]. Die beiden Arbeiten widersprechen sich nicht direkt, weil sie unterschiedliche Endpunkte messen, ergeben aber zusammen kein einheitliches Bild.

Herzfunktion bei bereits eingeschränkter Pumpfunktion

Die EFSA-Angabe zur normalen Herzfunktion ist eine Grundfunktion und keine Aussage darüber, ob eine zusätzliche Thiamin-Gabe bei Menschen mit bereits eingeschränkter Pumpfunktion einen weiteren Nutzen bringt. Die bislang umfangreichste Auswertung dazu, eine Meta-Analyse aus 6 randomisierten Studien mit 298 Teilnehmenden, findet für keinen der geprüften klinischen Endpunkte einen signifikanten Unterschied zu Placebo, mit Ausnahme der Herzfrequenz [7]. Eine unabhängige, breiter angelegte systematische Übersicht zu Nahrungsergänzungsmitteln bei Herzschwäche kommt zu dem gleichen vorsichtigen Schluss und benennt die vorliegenden Thiamin-Studien als zu klein, um eine klinische Wirkung zu beurteilen [8].

Abwehr von Mückenstichen

Die Vorstellung, eine Thiamin-Einnahme halte Mücken fern, ist seit den 1940er Jahren verbreitet und in kontrollierten Versuchen zum Anflug- und Stichverhalten von Insekten geprüft worden. Die aktuellste und umfassendste Auswertung dazu, eine Scoping Review aus 104 Arbeiten, kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Keine kontrollierte Untersuchung zu Insektenanflug oder -stich fand eine Repellentwirkung, unabhängig von Dosis oder Verabreichungsform, und keine seriöse Leitlinie hat die Empfehlung seit den 1990er Jahren fortgeführt [9].

Mangel: Beriberi und Wernicke-Enzephalopathie

Ein ausgeprägter Thiamin-Mangel führt zum klassischen Krankheitsbild Beriberi, in der schwersten neurologischen Form zur Wernicke-Enzephalopathie mit Augenbewegungsstörung, Gangunsicherheit und Verwirrtheit. Das betrifft vor allem zwei Risikogruppen: Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit, bei denen verminderte Zufuhr, gestörte Aufnahme im Darm und ein erhöhter Bedarf zusammenkommen, sowie Menschen nach einer gewichtsreduzierenden Operation, insbesondere bei anhaltendem Erbrechen in der postoperativen Phase [10][11]. Eine Cochrane-Übersicht fand nur 2 Studien, die ihre Einschlusskriterien erfüllten, und davon lieferte allein eine genug Daten für eine Auswertung, ein Dosisvergleich an 107 Menschen mit gespritztem Thiamin. Sie kommt zu dem Schluss, dass die vorliegenden randomisierten Studien nicht ausreichen, um Dosis, Häufigkeit, Gabeweg oder Dauer einer Thiamin-Gabe zur Vorbeugung oder zur Behandlung des Wernicke-Korsakoff-Syndroms zu bestimmen [12]. Eine neuere Übersicht zu kognitiven Einschränkungen bei Alkoholabhängigkeit berichtet, dass sich in mehreren Studien auch bei Thiamin-Werten oberhalb der üblichen Mangel-Schwelle noch ein Zusammenhang zwischen Thiamin-Spiegel und kognitiver Leistung zeigte [13]. Diese Angaben betreffen ausdrücklich die Behandlung eines bereits eingetretenen, teils schweren Mangels bei einer eng umschriebenen Risikogruppe. Sie sagen nichts darüber aus, ob eine zusätzliche Thiamin-Einnahme bei ausreichend versorgten Menschen einen weiteren Nutzen bringt, das sind zwei getrennte Fragen.

Sicherheit und Wechselwirkungen

Thiamin ist wasserlöslich, der Körper scheidet überschüssige Mengen über den Urin aus. Zu einer oral bedingten Überdosierung liegen uns keine belastbaren Berichte vor. Eine eigene, aktuelle behördliche Bewertung zu einer oberen Zufuhrgrenze für Thiamin haben wir nicht geprüft, wir können daher keinen konkreten Grenzwert nennen. Beschrieben sind dagegen seltene anaphylaktoide Reaktionen bei parenteraler, also gespritzter Gabe hoher Thiamin-Dosen, wie sie in der klinischen Behandlung eines schweren Mangels eingesetzt wird. Das betrifft nicht die orale Einnahme üblicher Nahrungsergänzungsmengen [14].

Ein erhöhtes Mangelrisiko besteht bei Alkoholabhängigkeit und nach gewichtsreduzierenden Operationen, siehe den Abschnitt zu Beriberi und der Wernicke-Enzephalopathie oben. Menschen in diesen Gruppen sollten eine Thiamin-Versorgung ärztlich statt in Eigenregie klären, weil ein bereits eingetretener schwerer Mangel eine andere Behandlung braucht als eine übliche Nahrungsergänzung.

Quellen zum Nachlesen

  1. 01

    Rechtsakt auf Grundlage abgeschlossener EFSA-Bewertungen · 2012

    Verordnung (EU) Nr. 432/2012 zur Festlegung einer Liste zulässiger gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel

    Europäische Kommission Amtsblatt der Europäischen Union

    Zur Zuschreibung: 01, 02, 03, 04

  2. 02

    Systematische Übersicht aus 17 Studien · 2015

    Role of dietary protein and thiamine intakes on cognitive function in healthy older people: a systematic review.

    Koh F, Charlton K, Walton K, McMahon AT. Nutrients

    Zur Zuschreibung: 06

  3. 03

    Randomisierte kontrollierte Studie, n=66 · 2024

    Efficacy of vitamins B1 and B6 as an adjunctive therapy to lithium in bipolar-I disorder: A double-blind, randomized, placebo-controlled, clinical trial.

    Zandifar A, Mousavi S, Schmidt NB, Badrfam R, Seif E, Qorbani M, Mehrabani Natanzi M. J Affect Disord

    Zur Zuschreibung: 07, 08

  4. 04

    Randomisierte kontrollierte Studie, n=51 · 2016

    Adjuvant thiamine improved standard treatment in patients with major depressive disorder: results from a randomized, double-blind, and placebo-controlled clinical trial.

    Ghaleiha A, Davari H, Jahangard L, Haghighi M, Ahmadpanah M, Seifrabie MA, Bajoghli H, Holsboer-Trachsler E, Brand S. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci

    Zur Zuschreibung: 07

  5. 05

    Randomisierte kontrollierte Studie, n=16 · 1996

    Effects of thiamine supplementation on exercise-induced fatigue.

    Suzuki M, Itokawa Y. Metab Brain Dis

    Zur Zuschreibung: 09

  6. 06

    Übersichtsarbeit · 1985

    Vitamins and endurance training. Food for running or faddish claims?

    van der Beek EJ. Sports Med

    Zur Zuschreibung: 09

  7. 07

    Meta-Analyse aus 6 randomisierten Studien, n=298 · 2023

    Does thiamine supplementation affect heart failure? A systematic review and meta-analysis of randomized control trials.

    Syed ARS, Syed AA, Akram A, Azam MS, Muzammil MA, Deepak, Ansari AI, Eqbal F, Farooq MH, Khatri M, Kumar S, Kumar N. Heart Lung

    Zur Zuschreibung: 10

  8. 08

    Systematische Übersicht aus 40 Studien zu mehreren Nahrungsergänzungsmitteln · 2020

    Nutraceuticals in Patients With Heart Failure: A Systematic Review.

    Hopper I, Connell C, Briffa T, De Pasquale CG, Driscoll A, Kistler PM, Macdonald PS, Sindone A, Thomas L, Atherton JJ. J Card Fail

    Zur Zuschreibung: 10

  9. 09

    Scoping Review aus 104 Arbeiten · 2022

    Thiamine (vitamin B1) as an insect repellent: a scoping review.

    Shelomi M. Bull Entomol Res

    Zur Zuschreibung: 11

  10. 10

    Systematische Übersicht · 2014

    Wernicke encephalopathy in subjects undergoing restrictive weight loss surgery: a systematic review of literature data.

    Milone M, Di Minno MN, Lupoli R, Maietta P, Bianco P, Pisapia A, Gaudioso D, Taffuri C, Milone F, Musella M. Eur Eat Disord Rev

  11. 11

    Systematische Übersicht, 255 publizierte Fälle · 2014

    Beriberi, a severe complication after metabolic surgery - review of the literature.

    Stroh C, Meyer F, Manger T. Obes Facts

  12. 12

    Cochrane-Review, 2 eingeschlossene Studien, davon 1 auswertbar · 2013

    Thiamine for prevention and treatment of Wernicke-Korsakoff Syndrome in people who abuse alcohol.

    Day E, Bentham PW, Callaghan R, Kuruvilla T, George S. Cochrane Database Syst Rev

  13. 13

    Systematische Übersicht · 2025

    What is the impact of thiamine deficiency on cognitive function in patients with alcohol use disorder? - A systematic review.

    Teixeira J, Pereira I, Castanho M, Simões do Couto F. Eur J Intern Med

  14. 14

    Übersichtsarbeit · 2000

    Prevention and treatment of Wernicke-Korsakoff syndrome.

    Cook CC. Alcohol Alcohol Suppl

Bei H.P.N

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