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Dein Gehirn wird gerade frittiert
Alexander Friedrich
·22 Min
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Transkript Wort für Wort, zum Aufklappen.
Schaust du noch das Video, oder hast du es schon weggeklickt? Wahrscheinlich ist die Aufmerksamkeitsspanne die eines Goldfisches, einer Eintagsfliege oder eines Menschen, der etwas zu oft gegen die Wand gerannt ist. Aus dem simplen Grund, weil wir zu viel Social Media und Shortform-Content konsumieren. Lassen wir es mal als Konsumieren stehen, eigentlich lassen wir uns berieseln. Und zwar mit Schwachsinn, den ganzen Tag.
Dabei verlernen wir, selbst in direkten Gesprächen herauszufinden, was uns unser Gegenüber sagen möchte. Zusammengefasst: Du verstehst nicht, was ich hier sage, weil du das Ding nur passiv konsumierst und deine Aufmerksamkeitsspanne so klein ist, dass du ohne einen superbrutalen Schnitt, Zoom rein, Zoom raus, laut, leise, keine Informationen mehr aufnehmen kannst.
Wenn du vor einem Buch sitzt und liest, kann es sein, dass du denselben Satz achtmal lesen musst, bis du ihn verstanden hast. Oder du liest ihn und verstehst ihn nicht. Dann habe ich schlechte Nachrichten für dich.
Diese Aufmerksamkeitsspanne ist ein Problem, und davon ist niemand befreit. Auch ich nicht, obwohl ich darauf achte und versuche, am Tag noch wissenschaftliche Journals zu lesen. Ich merke das selbst, gerade beim Entertainment. Du fängst eine Serie oder einen Film an, merkst in den ersten zehn Minuten, dass nichts passiert, und dann ist die Lust dahin. Auch bei YouTube ist es mittlerweile so: Wenn in den ersten drei Minuten keine Explosionen kommen, denkst du, ich kann nebenbei einschlafen.
Beim Podcast-Format geht das, weil das fast immer passiv konsumiert wird. Aber dann hört man eigentlich nur die Stimme und gar nicht das, was gesagt wird. Ich könnte euch wahrscheinlich eine halbe Stunde lang erzählen, dass der Schnee weiß ist. Wenn ihr das nebenbei laufen lasst, würdet ihr es wahrscheinlich durchhören und es würde euch nicht auffallen, dass ich euch zwanzigmal dasselbe erzählt habe.
Wo ist das Problem? Wir könnten uns ja hinsetzen und sagen, wer nicht zuhört, hat sein eigenes Problem. Nein, das Problem habe ich gerade selbst festgestellt, und das hat maßgeblich dazu beigetragen, dass es heute das Thema wird.
Denn falls ihr es nicht wisst: Da oben hängt ein großes Schild, hier ist auch ein Schild, auf der Tasse steht es auch. Mir gehört die Firma H.P.N. Wir machen innovative Nahrungsergänzungsmittel, so ziemlich die innovativsten auf der Welt, mit tollen Extrakten und einem System, in dem sich Produkte gegenseitig unterstützen.
Jetzt habe ich bei Instagram gefragt, einer perfekten Plattform für genau dieses Aufmerksamkeitsdefizit, ob Leute, die mir folgen und meine Story ansehen, wissen, wie ich mein Geld verdiene. Man muss dazusagen, dass ich zwei Storys vorher eine Werbestory gepostet hatte, weil wir gerade einen Sale haben.
Und zu meinem Erschrecken musste ich feststellen, dass von den Menschen, die mir folgen, meine Story gucken und zwei Storys vorher eine Werbestory von mir gesehen haben, über 60 Prozent gesagt haben, sie wissen nicht, was mein Beruf ist und wie ich mein Geld verdiene. Ich weiß nicht, ob man mich im Kollektiv verarschen möchte, aber bei 60 Prozent sage ich mittlerweile, vielleicht mache ich etwas falsch.
Da war ich genau an dem Punkt: Was mache ich denn nicht, was andere machen? Ich mache mit Absicht keine sehr plakative Werbung, weil ich daran appellieren möchte, dass Menschen das verstehen. In meiner Bio steht, dass mir die Firma gehört und dass wir Supplemente machen. Da steht mittlerweile sogar ein Code drin, damit ich tracken kann, wo ihr herkommt, ob ihr durch mich kommt, durch meine Firma oder über Anzeigen.
Aber obwohl es in meiner Bio steht, obwohl die Menschen mir folgen, obwohl zwei Storys vorher eine Werbestory lief und man Storys ja eigentlich nur von Leuten guckt, denen man folgt, haben 60 Prozent angeklickt, dass sie es nicht wissen.
Das ist erschreckend. Nicht aus monetärer Sicht, das ist mir Wurst, mir geht es gut. Sondern weil ich dachte, mit meinem dezenten, indirekten Werben, ohne den Leuten auf den Sack zu gehen, funktioniert alles. Und jetzt muss ich feststellen, dass es, obwohl es gar nicht so dezent ist, hier, Tasse, Logo, Logo, trotzdem keiner mitgekriegt hat. Selbst bei allen Reels, die ich poste, habe ich immer etwas Gebrandetes an. Ich mache auch keinen Hehl daraus, dass mir die Firma gehört. Und trotzdem hat das keiner mitbekommen.
Wieso? Bin ich zu dumm, weil meine Werbestorys zu schlecht sind? Wahrscheinlich. Oder weil sich diese Perspektive geändert hat.
Wenn wir uns den Kosmos Instagram angucken, der ja primär eine Werbeplattform geworden ist, was mich selbst ankotzt, deswegen hasse ich Social Media und partizipiere eigentlich nur daran, weil ihr mich sonst beleidigt, wenn ich nichts Neues hochlade: Die Konkurrenz sind Leute, die dir tagtäglich sagen, kauf das, mach das, kauf, kauf, kauf.
Die Frage, die sich dahinter stellt: Wenn Menschen schon subtile Sachen nicht mehr mitbekommen, dann bekommen sie Sachen gar nicht mehr richtig mit. Das bedeutet, wenn ich euch etwas erzählen möchte, muss ich entweder maßlos over the top gehen. Also permanent rund um die Uhr sagen, guck mal, das ist mein Produkt, kauf mein Produkt, das ist der absolute Gamechanger. Mit diesem Whey schmeckt alles besser. Kauf meinen Sirup, habe ich zwar nicht, aber egal. Wenn du das nicht nimmst, passiert dir etwas Schlimmes, wenn du es kaufst, nicht mehr. Das ist bescheuert.
Und auf der anderen Seite: Ich denke, dass ich relativ deutlich bin in der Kommunikation. Ich sitze hier mit einem T-Shirt, ich habe ein riesiges Logo hinter mir, ich habe eine Tasse mit meinem Logo darauf. In der Beschreibung steht es drin. Ich mache Instagram-Storys, in denen ich sage, wir haben jetzt einen Sale. Ich dachte, das reicht, damit Menschen verstehen, dass ich hier für etwas werbe.
Dass das nicht aufgenommen wird, ist super erschreckend. Denn dann ist die Frage: Wie viele Dinge gehen dann ins Unterbewusstsein? Wenn man das Bewusste schon nicht wahrnimmt, was nimmt man dann unterbewusst auf, was einen verändert?
Wenn ich die Frequenz erhöhen und euch 400 Mal am Tag dieselbe Schleichwerbung geben würde, würdet ihr es irgendwann verstehen. Mache ich aber nicht, ich bin keine Werbeuhr.
Wenn ihr das aber weg von mir und H.P.N denkt, hin zu kritischen Themen, sei es Politik, sei es die Lebensmittelindustrie: Wenn ihr Dinge bewusst nicht wahrnehmt, dann ist die unbewusste Ebene viel wichtiger. Und dann sind wir wieder im Marketing, wo Leute euch kontinuierlich bombardieren, mit Schleichwerbung und allem drum und dran, damit ihr unterschwellig denkt, das habe ich schon mal gesehen, das sollte ich kaufen.
Und dann wird es ein bisschen gefährlich. Wenn wir nicht mehr bewusst realisieren, was wir konsumieren, kommen wir auf einen Holzweg. Sobald wir nur noch in diesem Drei-Sekunden-Doomscrolling drin sind, frittieren wir unseren Kopf. Und wenn wir dann auf etwas treffen, das permanent wiederholt wird, brennt sich das irgendwann ins Unterbewusstsein ein.
Wenn ich euch tagtäglich sage, Schokolade ist gesund, und 740 Reels dazu mache, die alle ein bisschen belanglos, aber irgendwo doch interessant sind, und ihr nehmt diese Information nicht bewusst auf, dann werdet ihr irgendwann denken, Schokolade ist wirklich gesund. Nehmt das Beispiel einfach für das, was es ist, wir haben ja schon geklärt, dass es gesund und ungesund eigentlich nicht gibt.
Für mich ist das verwunderlich, weil ich mich frage: Was nehmen wir denn dann überhaupt auf? Selbst wenn wir in einem Dialog sind, wenn wir uns mit Menschen hinsetzen und reden: Sind wir überhaupt noch in der Lage zu verstehen, was der andere sagt? Oder ist es interessanter, in einer Gruppe auf dem Handy zu scrollen, ob nicht ein neues lustiges Video hochgeladen wurde, wo eine Katze irgendwo runtergefallen ist, anstatt sich mit seinem Gegenüber zu unterhalten?
Das klingt jetzt wie die harten Boomer, die immer sagen, damals haben wir uns alle unterhalten, da hatte keiner ein Handy. Cool, okay, damals ist damals, vielen Dank. Nichtsdestotrotz ist da ein Kern Wahrheit dran.
Wir laufen in ein absurdes Szenario, in dem keiner mehr etwas bewusst mitbekommt, außer es wird maßlos exponiert. Es wird mit einer gigantischen Aufmerksamkeitsbombe gelauncht, damit man sofort sieht, das muss ich jetzt verstehen, weil ich alle drei Sekunden diesen Reiz reinbekomme.
Wir stumpfen so ab, dass wir nicht mehr merken, was uns unterbewusst gesagt wird. Wenn wir das Bewusste nur noch bei maximaler Reizüberflutung wahrnehmen, dann wächst das Unterbewusste umso mehr. Dann werden wir noch empfänglicher für das permanente Wiederholen von Dingen. Heißt, wie ich es auch drehe, wir sind am Arsch.
Ich hätte gerne eine Lösung dafür, aber ich habe keine. Weil aus diesem Zyklus wieder auszubrechen, aus diesem Defizit an Aufmerksamkeit, ich muss permanent etwas sehen, es muss etwas mit mir interagieren, damit ich überhaupt darauf eingehe. Und selbst dann ist die Chance, dass ich es wirklich verstehe und verinnerliche, immer noch nicht hoch.
Wir drehen uns also in einer Spirale, in der wir Dinge nur noch dann aufnehmen und vielleicht sogar hinterfragen, wenn sie wirklich in your face sind. Und das ist nicht gut. Denn wenn Werbung immer in your face sein muss, hangelt sie sich von einem Superlativ zum nächsten. Deswegen haben wir auch die Schwurbler.
Zitronenwasser heilt eine Krankheit. Wow, stark. Früher hättest du ihn ausgelacht. Heute hast du Leute, die das glauben. Weil ihnen unterbewusst 488 Reels angezeigt wurden, in denen sich ein Vollidiot hinsetzt und sagt, morgens musst du unbedingt Wasser mit Zitrone trinken, dann heilst du deine Autoimmunerkrankung.
Nein. Du kannst gerne morgens Wasser mit Zitrone trinken, das ist cool. Du kannst auch nur Wasser trinken, kalt oder warm. Hauptsache, du nimmst Flüssigkeit zu dir. Aber es wird nichts heilen.
Das Wort heilen gibt es im Videospiel. Wenn du eine Heilerklasse hast, die auf einen Knopf drückt, zack, dann bist du geheilt. Aber heilen gibt es beim Menschen leider fast nicht. Von mir aus höchstens noch bei einem Knochenbruch, der verheilt ist. Auch der ist nicht eins zu eins wiederhergestellt worden, wenn wir korinthenkackerisch an die Sache rangehen.
Aber Autoimmunerkrankungen kannst du nicht heilen. Du kannst sie schlafen legen, du kannst symptomfrei sein. Das geht bei vielen Erkrankungen. Du kannst auch bei Bluthochdruck symptomfrei werden, indem du ein Medikament nimmst. Du kannst es theoretisch auch heilen, indem du deinen Lebensstil umstellst und dann keine Blutdruckprobleme mehr hast, weil die Ursache ein Haufen Stress, schlechter Schlaf, viel zu viel Körpergewicht und keine sportliche Aktivität war. Ob man das dann als heilen klassifizieren soll, weiß ich nicht.
Heißt aber, wir haben ein gigantisches Aufnahmedefizit, was dazu führt, dass die wichtigen Dinge hinten runterfallen. Denn das ist nun mal auch der Titel dieses Formats: Wissen nervt. Wissen ist nicht geil.
Egal, was ich mache, ob ich Handstände mache, das Bild auf den Kopf drehe oder auf einer Rakete durch die Gegend fliege: Komplexe Themen, mit denen man sich im Kopf auseinandersetzen muss, werde ich nie so cool hinbekommen wie Katzenvideos oder Leute, die gegen ein Schild rennen. Oder irgendjemand, der sich Essen reinschiebt und sagt, boah, das sieht geil aus.
Wir haben mit dieser Aufmerksamkeitsspanne eigentlich nur noch eine Tür für belanglose Themen geöffnet. Lecker essen ist jetzt nicht unbedingt belanglos, aber die meisten gucken sich das Reel an und denken, das würde ich gerne essen. Und der Teil dahinter, ich müsste das ja nachkochen, da schalten die Leute schon wieder ab. Wenn du ein Restaurant siehst, das ein geiles Essen hat, dann gehst du hin, aber das Wissen, wie du selbst dahin kommst, interessiert dich nicht.
Es ist viel einfacher, sich berieseln zu lassen, als tatsächlich etwas zu lernen. Es gibt die Königsklasse, Creator, die es schaffen, komplexe Themen durch besondere Konzepte interessant zu gestalten. Aber das ist verschwindend gering. Wir müssen die Relation halten: wie viele Leute dir Slop ins Gesicht schmeißen und wie viele prozentual wirklich guten, nachhaltigen Content machen.
Das Problem ist, dass nachhaltiger Content nicht so einfach verdaulich ist und damit immer schlechter gerankt wird als der Müll. Das Katzenvideo wird ein Video über Quantenphysik immer schlagen. Immer. Auch wenn ich mich hinsetze und über Kalorien rede oder über biochemische Kaskaden, wie dein Körper funktioniert, dann kriegst du tausend Views. Wenn ich mich morgen hinsetze und ein paar Leute beleidige und Beef anzettele, kriegst du das Zwanzigfache.
Auf der einen Seite kann man das als Problem klassifizieren, auf der anderen Seite kann man sagen, der Mensch sucht sich sein Leid selbst aus. Wenn er dumm bleiben möchte, bleibt er dumm. Aber sollten wir nicht vielleicht ein System nicht so weit pushen, das dazu führt, dass alle dümmer werden? Man könnte es ja auch anders nutzen, man könnte es mit coolen Hooks versuchen. Aber selbst dann ist man immer noch schlechter gestellt als das Katzenvideo. Das bedeutet nicht, dass das Katzenvideo schlecht ist.
Man müsste eine Balance schaffen: Ich habe heute etwas gelernt, ich habe verstanden, dass das, was ich hier tue, gut oder nicht gut ist. Wieso ist der Schnee weiß, wieso regnet es, wo kommt der Strom aus der Steckdose her.
Diese Relation geht flöten. Und wenn wir dann nicht mehr mitbekommen, was uns gesagt wird, werden wir entweder bewusst in die falsche Richtung geführt, weil wir uns selbst dafür entscheiden, nur noch Dinge zu konsumieren, die uns schnell belustigen oder einen schnellen Dopamin-Kick geben. Und gleichzeitig werden wir unterbewusst permanent, manipuliert ist so ein hartes Wort, aber wenn du es nicht mehr merkst und diese Dinge permanent in den Kopf geschmissen bekommst, ist es relativ einfach, versteckte Botschaften mitzuliefern.
Das ist eine einfache Marketing-Taktik. Deswegen gibt es Firmen, die hunderte Influencer haben, damit du an jeder Ecke immer und immer wieder mitbekommst, du musst das machen. Das kann gut sein, es kann aber auch schlecht sein. Genauso ist es bei kritischen Themen. Wir haben alle gesehen, wie schnell sich Dinge in alle möglichen Richtungen radikalisieren können.
Deswegen ist das Aufmerksamkeitsdefizit wirklich ein Problem. Aber ich habe immer noch keine Lösung dafür. Die Lösung wäre, Wissen cool zu machen. Das wird es aber nie werden, gerade nicht bei jungen Menschen. Dieser Initial-Push kommt nicht einfach so. Die meisten haben keinen Bock, extrem viel in einem Thema zu lernen. Und wenn man sich anguckt, was gefühlt der Lieblingsberuf von jedem ist, dann ist das Influencer sein. Bekannt sein, ich bin wichtig. Aber das ist der Fluch von Social Media: Jeder ist wichtig, jeder ist reich und jeder ist schön. Das machen wir mal in einem anderen Video.
In dem Sinne fasse ich es zusammen: Aufmerksamkeit, daran sollten wir arbeiten. Ob wir das tun, ist jedem selbst überlassen. Ich habe für mich gelernt, ich muss ziemlich plakativ Werbung machen. Deswegen hier nochmal: Kauft bei H.P.N, die sind besser. Vielleicht funktioniert das ja und ihr habt es dann verstanden, anders als die, die mir auf Instagram folgen und es immer noch nicht verstanden haben.
Ansonsten habe ich leider keine Lösung fürs Kollektiv. Drückt auf Abonnieren, liken, kommentieren. Schreibt mir gerne in die Kommentare, was ihr in eurem Umfeld erlebt habt. Ob ihr nur noch mit Menschen zu tun habt, die abschalten, wenn die E-Mail länger als drei Zeilen ist. Ob es doch noch ein bisschen Licht am Horizont gibt.
In dem Sinne, bis zum nächsten Mal. Tschüss.
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