Auf dem Etikett steht ein Mittelwert, keine Messung Deiner Packung.

Woher die Zahlen auf der Packung kommen

Nicht jedes Lebensmittel geht ins Labor. Ein erheblicher Teil der Nährwerte, die Du auf Verpackungen liest, wird über Datenbanken aus den Zutaten errechnet. Und wo tatsächlich analysiert wird, entsteht am Ende trotzdem ein Mittelwert über mehrere Proben.

Das ist keine Schlamperei. Wieso das so ist? Relativ logisch, es sind Lebensmittel. Auch stark verarbeitete Produkte bestehen aus Rohstoffen mit natürlichem Ursprung, und Rohstoffe schwanken. Der Fettgehalt eines Stücks Fleisch hängt vom Tier ab, der Zuckergehalt einer Frucht von Sorte, Wetter und Reifegrad.

Praktisch heißt das: Auf der Hähnchenbrust stehen 22 Gramm Protein. Das Stück, das Du gerade in der Hand hältst, hat vielleicht 20. Das nächste vielleicht 22,5. Beide Packungen tragen dieselbe Angabe. Und beide stimmen, soweit ein Durchschnitt eben stimmen kann.

Was das mit Deinem Tracking macht

Ich weiß, dass jetzt der eine oder andere dasitzt und denkt: "Mist, dann sind meine getrackten Kalorien ja alle für die Tonne." Die Antwort darauf: Ja, das trifft leider Deine getrackten Zahlen. Nein, das macht Tracking nicht sinnlos.

Was es kaputt macht, ist die Illusion der Genauigkeit. Wer sich über 50 Kilokalorien Sorgen macht oder abends noch 100 nachrechnet, arbeitet innerhalb des Rauschens. Die Zahl, die Du korrigierst, ist kleiner als der Fehler, mit dem sie erhoben wurde.

„Löst euch von den absoluten Zahlen.“ Der Satz stammt aus meiner Folge über Kalorien-Tracking und meint die Ableseart, nicht den Umfang. Die Zahl ist ein Werkzeug zum Modellieren. Du willst wissen, in welcher Größenordnung Du isst, und Du willst diese Größenordnung gezielt verschieben, entweder über die Menge oder über die Aktivität. Dafür reicht eine Schätzung mit Fehlerbalken vollkommen aus.

Halte den Fehler klein

Iss beim Einpendeln konstant. Wer weitgehend dieselben Lebensmittel isst, hält die Schwankung wenigstens stabil. Der Fehler verschwindet nicht, aber er bewegt sich nicht mehr mit. Erst danach lohnt es, zu variieren.

Ein einzelner Tag sagt bei dieser Datenlage nichts. Ein Wochenschnitt sagt etwas. Ein Monatsverlauf sagt viel. Wie Du das Gewicht dafür sauber abliest, steht in „Dein Bauchfett ist kein Speicher. Es ist ein Sender.“

Und wenn die App ein Defizit anzeigt und über Wochen nichts passiert, ist nicht die Biologie besonders. Dann stimmt eine der Eingaben nicht: die Portionsgröße, die Aktivität, ein nicht getrackter Griff zwischendurch oder eben das Etikett. Die Waage entscheidet, nicht die App.

Ein Durchschnittswert ist kein Betrug

Dieselbe Gelassenheit hilft an einer zweiten Stelle. Die Unsicherheit auf dem Etikett wird gern zum Beleg umgedeutet, dass in der Lebensmittelproduktion generell nichts stimmt. Das ist der falsche Schluss. Gemessen an der Menge, die täglich hergestellt wird, sind Rückrufe selten, und wo eine Charge zurückgeholt wird, geht es meistens um Fremdkörper aus der Anlage und nicht um gekippte Ware.

Das gilt auch für die Zahl auf dem Etikett. Ein schwankendes Naturprodukt lässt sich nicht anders beschriften als mit einem Durchschnittswert.

Mini-FAQ

Soll ich dann überhaupt tracken?

Ja, wenn Du wissen willst, wo Du stehst. Tracking ist ein Messgerät mit bekannter Ungenauigkeit, und genau so solltest Du es lesen. Wer daraus eine tägliche Punktlandung machen will, misst mit dem Zollstock Zehntelmillimeter.

Warum nehme ich nicht ab, obwohl ich im Defizit bin?

Weil Du dann nicht im Defizit bist. Das klingt hart, ist aber der nützlichste Satz zu diesem Thema. Such den Fehler in der Portionsgröße, im Grundumsatz-Schätzwert und in dem, was nicht in der App landet.

Quellen und Studien, 2
  • Nährwerte als Durchschnittswerte, ein Teil über Datenbanken errechnet statt analysiert, Schwankung der Nährwerte bis in den zweistelligen Prozentbereich, Beispiel Hähnchenbrust mit 22 gegen 20 Gramm Protein, Empfehlung konstant zu essen beim Einpendeln des Kalorienbedarfs, Lösen von absoluten Zahlen (wörtliches Zitat im Text: „Löst euch von den absoluten Zahlen.“), Bewertung in Wochen und Monaten statt in Tagen, „wer nicht abnimmt, ist nicht im Defizit“, Seltenheit von Rückrufaktionen und deren typischer Grund (Fremdkörper aus der Produktion): Alexander Friedrich, „Warum Kalorien-Tracking Bullshit ist“, Wissen nervt! Folge 009. https://www.youtube.com/watch?v=SCcuoVmJbNQ
  • Kalorienbilanz, Wiegeroutine und Ableseregel: „Dein Bauchfett ist kein Speicher. Es ist ein Sender.“ (BEITRAEGE/60).

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