Die Arbeiten hinter den Schlagzeilen
Evidenz: Stufe 5, Tierstudie
Die Immun-Erzählung geht auf eine Arbeit der UCLA von 2019 zurück. Untersucht wurden CD8-T-Zellen, eine bestimmte Sorte Abwehrzellen. Nehmen sie Kreatin auf, arbeiten sie im Mausmodell besser gegen Tumore, und eine bestehende Immuntherapie wirkt in der Maus stärker. Das ist ein sauber gebautes Experiment und eine interessante Beobachtung. Es ist eine Maus.
Die Zeile von den Fresszellen, die in den Reels fast immer mitläuft, gehört nicht in diese Arbeit. Die UCLA-Gruppe hat T-Zellen untersucht, sonst nichts. Die Makrophagen-Aussage stammt aus einer eigenständigen Untersuchung von 2023, anderes Labor, anderes Land, ebenfalls Maus. Inhaltlich passt der Befund gut dazu. Die Quellenangabe stimmt trotzdem nicht.
Auf der Gegenseite steht eine Arbeit aus Cell Metabolism von 2021. Dort begünstigte Kreatin über eine Signalkette die Streuung von Darm- und Brustkrebs, ebenfalls im Mausmodell, und verkürzte das Überleben der Tiere. Ein Detail daraus zitiert keine Warnung: Der ursprüngliche Tumor wuchs nicht schneller. Verändert hat sich die Streuung, nicht das Wachstum.
Dass es diese zwei Richtungen gibt, ist kein Geheimwissen. Eine viel zitierte Übersichtsarbeit trägt den Titel „The two sides of creatine in cancer" und fasst genau dieses Doppelbild zusammen. Sie trägt auf der Leiter keine eigene Stufe, weil sie kein systematischer Review ist. Sie fasst Zell- und Tierbefunde zusammen, also Stufe 5 und 6.
Was am Menschen gemessen wurde
Evidenz: Stufe 3, randomisierte kontrollierte Studie, N02C4 (Alliance), 263 auswertbare Patienten
Kreatin baut Kraft und Muskulatur auf. Viele Krebspatienten verlieren ungewollt beides. Daraus wurde eine naheliegende Frage, die mit Tumoren zunächst gar nichts zu tun hat: Hält Kreatin bei diesen Patienten die Muskulatur?
Die N02C4-Studie der Alliance-Gruppe hat sie beantwortet. Randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert, Patienten mit dem Krebs-Appetit-Gewichtsverlust-Syndrom. 20 Gramm Kreatin täglich als Ladephase, danach 2 Gramm, gegen ein identisches Placebo.
Herausgekommen ist nichts. Kein Unterschied beim Gewicht, keiner bei der Funktion, keiner bei der Lebensqualität. Das mediane Überleben lag bei 230 Tagen unter Kreatin und bei 239 Tagen unter Placebo, statistisch nicht zu unterscheiden.
Diese Studie ist nicht die einzige Absage. Eine ältere randomisierte, doppelblinde Studie an Darmkrebspatienten unter Chemotherapie über acht Wochen fand keinen Effekt auf Muskelfunktion, Körperzellmasse oder Lebensqualität. Und in einer randomisierten, doppelblinden Studie an 30 Prostatakrebspatienten unter Hormonentzug, die zwölf Wochen lang betreut Krafttraining machten, lag zwischen den Gruppen nichts. Stärker wurden beide, und zwar durch das Training.
Für die Frage, ob Kreatin gegen den Krebs etwas ausrichtet, gibt es am Menschen also eine Antwort. Sie lautet: gemessen, nichts gefunden. Wer Dir Kreatin als Waffe gegen Krebs verkauft, verkauft Dir eine Hoffnung, die diese Studien nicht decken.
Nach dem Tumor hat in diesen Studien niemand gesucht
Evidenz: Stufe 3, randomisierte kontrollierte Studien, hier als Nebenbefund gelesen. Dazu Stufe 4, Beobachtungsstudie, Querschnitt, NHANES, 7.344 Erwachsene
Jetzt die andere Seite. „Es hilft nicht" ist etwas völlig anderes als „es schadet", und diese beiden Sätze werden ständig gegeneinander getauscht.
Für die Behauptung, Kreatin heize einen Tumor an, gibt es am Menschen keine Studie. Diese Warnung ist nicht widerlegt, sie ist ungeprüft. Was vorliegt, ist das Ausbleiben von Auffälligkeiten in Untersuchungen, die etwas anderes gemessen haben. In den Studien oben bekamen Patienten über Wochen Kreatin, und in den ausgewerteten Endpunkten stand die Kreatin-Gruppe nicht schlechter da als die Vergleichsgruppe.
Eine Studie, die Gewicht, Muskelfunktion und Lebensqualität misst, ist nicht dafür gebaut, Tumorwachstum zu beurteilen. Ein fehlendes Signal bleibt ein fehlendes Signal.
Dazu kommt eine Auswertung an 7.344 US-Erwachsenen aus der NHANES-Erhebung. Wer über die Nahrung mehr Kreatin aufnahm, hatte darin seltener eine Krebsdiagnose. Bevor daraus jemand die nächste Schlagzeile baut: Das ist eine Momentaufnahme aus Fragebögen, kein Verlauf und keine Wirkung. Wer viel Kreatin über die Nahrung aufnimmt, isst mehr Fleisch und bewegt sich anders. Als Beleg für einen Schutz taugt die Zahl nicht.
Beide Lager scheitern damit an demselben Sprung, von der Zellschale auf den Menschen. Ihre Beleglage ist trotzdem nicht dieselbe. Gegen die Hoffnungs-Seite steht eine Studie, die genau ihre Behauptung geprüft hat und nichts fand. Gegen die Angst-Seite steht keine Studie, sondern die Abwesenheit von Auffälligkeiten dort, wo man sie am ehesten bemerkt hätte. Das ist weniger. Es ist immer noch mehr als eine Petrischale.
Wie dünn die Datenlage tatsächlich ist
Bei Kreatin und Krebs sind die beiden oberen Stufen der Evidenzleiter unbesetzt. Es gibt keine Cochrane-Arbeit, keine Meta-Analyse, keinen systematischen Review. Das hat einen Grund: Zusammenrechnen lässt sich nur, was mehrfach und vergleichbar untersucht wurde. Das Beste, was dieses Thema hergibt, ist eine einzelne randomisierte Studie, und neben ihr steht nichts, was sich mit ihr verrechnen ließe.
Ich halte das für den eigentlichen Befund. Ein einzelnes Ergebnis kann ein Zufall sein, und ob es einer war, zeigt erst die Arbeit, die es nachprüft. Diese Arbeit fehlt. Der Streit ist um ein Vielfaches größer als das, was ihn belegt, und beide Seiten verkaufen Dir eine Gewissheit, die auf der Leiter nirgends steht.
Bei einem Thema mit dieser Tragweite ist eine unwiederholte Einzelstudie wenig. Sie ist trotzdem das Einzige, was am Menschen vorliegt, und deshalb schlägt sie jedes Reel.
Betroffene haben eine andere Frage als der Rest von uns
Wenn Du erkrankt bist oder in Behandlung, ist die praktische Antwort kurz: Jedes Supplement gehört vorher zum behandelnden Arzt, dieses eingeschlossen. Er kennt die Therapie, die Werte und die Wechselwirkungen. Ein Beitrag kennt sie nicht, und eine Schlagzeile schon gar nicht.
Ein Detail gehört dabei auf den Tisch, weil es sonst falsch gelesen wird. Kreatin wird im Körper zu Kreatinin abgebaut, und Kreatinin ist genau der Laborwert, über den die Nierenfunktion eingeschätzt wird. Der Wert steigt also, ohne dass an der Niere etwas passiert wäre. Wer engmaschig kontrolliert wird, sagt deshalb besser, was er nimmt. Woher der Nieren-Mythos kommt, der daran hängt, steht mit Begründung auf der Mythen-Seite.
Wer nicht erkrankt ist, steht vor einer Sortierfrage, und die ist schnell beantwortet. Kreatin gehört zu den am besten untersuchten Supplementen überhaupt, und untersucht ist es für Kraft und Muskelmasse. Wofür es dort taugt, steht in „Bau Muskeln, solange sie billig sind." Krebs ist kein Feld, auf dem es etwas zu holen gibt, in keiner der beiden Richtungen.
Bleibt die nächste Schlagzeile, egal aus welchem Lager sie kommt. Sie hält genau einer Nachfrage stand oder eben nicht: An wem wurde gemessen? Steht dahinter eine Zellschale oder eine Maus, hast Du keine Antwort vor Dir, sondern eine Vermutung mit Ausrufezeichen. Zu dieser einen Frage liegt die Antwort seit Jahren vor, sie stammt von 263 Patienten, und sie ist so unspektakulär, dass es sie in kein Reel schafft.
Mini-FAQ
Warum steht auf der Mythen-Seite FALSCH, wenn zu beiden Seiten kaum Daten liegen?
Das Urteil gilt den beiden Schlagzeilen, nicht den Zell- und Tierbefunden. Die Befunde sind real. Falsch ist, was beide Lager daraus machen.
Was müsste vorliegen, damit sich dieses Urteil ändert?
Eine zweite randomisierte Studie am Menschen. Oder eine, die von Anfang an auf den Tumor angelegt ist und nicht auf Gewicht und Alltag. Bis dahin ändert die nächste Maus an dieser Antwort nichts.
Quellen und Studien, 11
- Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie bei Krebs-Anorexie/Gewichtsverlust-Syndrom, Ladephase 20 Gramm täglich, danach 2 Gramm, kein Effekt auf das Syndrom: Jatoi A et al. A double-blind, placebo-controlled randomized trial of creatine for the cancer anorexia/weight loss syndrome (N02C4): an Alliance trial. Ann Oncol 2017;28(8):1957-1963. PMID 28475678. DOI 10.1093/annonc/mdx232
- Die Zahlen 263 auswertbare Patienten sowie 230 gegen 239 Tage medianes Überleben: Alexander Friedrich, „Hilft Kreatin bei Krebs? Die ehrliche Antwort passt keinem der zwei Lager." (HPN-Manuskript, 17.07.2026), dort derselben Publikation zugeordnet.
- Kein Effekt auf Muskelfunktion, Körperzellmasse und Lebensqualität bei Darmkrebspatienten unter Chemotherapie, acht Wochen, doppelblind randomisiert: Norman K et al. Effects of creatine supplementation on nutritional status, muscle function and quality of life in patients with colorectal cancer. A double blind randomised controlled trial. Clin Nutr 2006;25(4):596-605. PMID 16701923. DOI 10.1016/j.clnu.2006.01.014
- 30 randomisierte Prostatakrebspatienten unter Androgenentzug, zwölf Wochen betreutes Krafttraining, Zuwächse in beiden Gruppen, kein Unterschied zwischen ihnen: Fairman CM, Kendall KL, Newton RU, Hart NH, Taaffe DR, Lopez P, Chee R, Tang CI, Galvão DA. Creatine supplementation does not add to resistance training effects in prostate cancer patients under androgen deprivation therapy: a double-blind randomized trial. J Sci Med Sport 2025;28(2):118-124. PMID 39366880. DOI 10.1016/j.jsams.2024.09.002
- Kreatinaufnahme und CD8-T-Zellen im Mausmodell, bessere Wirkung bestehender Immuntherapien in der Maus: Di Biase S, Ma X, Wang X et al. Creatine uptake regulates CD8 T cell antitumor immunity. J Exp Med 2019;216(12):2869-2882. DOI 10.1084/jem.20182044
- Mehr ATP in Makrophagen und dadurch stärkere Tumorabwehr, Mausmodell, nicht die UCLA-Arbeit: Peng Z, Saito S. Creatine supplementation enhances anti-tumor immunity by promoting adenosine triphosphate production in macrophages. Front Immunol 2023;14:1176956. DOI 10.3389/fimmu.2023.1176956
- Kreatin begünstigt die Streuung von Darm- und Brustkrebs in orthotopen Mausmodellen über Smad2/3, ohne das Wachstum des Primärtumors zu verändern: Zhang L et al. Creatine promotes cancer metastasis through activation of Smad2/3. Cell Metab 2021. PMID 33811821. https://www.cell.com/cell-metabolism/fulltext/S1550-4131(21)00116-9
- Zusammenfassung beider Richtungen aus Zell- und Tierbefunden, narrative Übersichtsarbeit ohne eigene Evidenzstufe: The two sides of creatine in cancer. Trends Cell Biol 2021. PMID 34895811
- Höhere Kreatin-Zufuhr über die Nahrung, seltenere Krebsdiagnose, Querschnitt, 7.344 Teilnehmende: Ostojic SM, Grasaas E, Cvejic J. Dietary creatine and cancer risk in the U.S. population: NHANES 2017-2020. J Funct Foods 2023. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S175646462300333X
- Kreatin als eines der am besten untersuchten Supplemente, belegte Wirkung auf Kraft und Muskelmasse, Sicherheitsprofil bei Gesunden: Kreider RB et al. International Society of Sports Nutrition position stand: safety and efficacy of creatine supplementation in exercise, sport, and medicine. J Int Soc Sports Nutr 2017;14:18. DOI 10.1186/s12970-017-0173-z
- Kreatinin als Abbauprodukt und als Laborwert der Nierenfunktion, Anstieg als Messeffekt: Mythen-Seite (SEITEN/23_mythen.md), Eintrag „Kreatin macht die Nieren kaputt", sowie Alexander Friedrich, „Hilft Kreatin bei Krebs?" (HPN-Manuskript, 17.07.2026).
