Die Badewanne mit dem Schaber gibt es nicht. Den Aktenordner schon.

Wer Dein Supplement baut, steht nicht auf der Dose

Fast niemand, der Supplemente kauft, weiß, wie sie entstehen. Das Bild im Kopf ist eine Wanne, ein Rührwerk und jemand, der mit dem Schaber die Reste in die Dose kratzt. Dieses Bild ist ungefähr so aktuell wie ein Opel Corsa aus dem Baujahr, in dem es entstanden ist.

Die Kette hat drei Glieder. Am Anfang steht der Rohstoffhersteller, der Magnesium, Vitamin C oder einen Pflanzenextrakt in definierter Qualität produziert und verkauft. In der Mitte steht der Lohnhersteller, der daraus mischt, presst, kapselt und abfüllt. Am Ende steht die Marke, die den Auftrag gibt und ihren Namen daraufsetzt. Die wenigsten Marken besitzen eine eigene Produktion.

Der zweite Punkt überrascht die meisten. Es gibt in Deutschland nur eine Handvoll Lohnhersteller, die praktisch den gesamten Zulauf haben. In Europa sieht es kaum anders aus. Wer das hört, denkt zuerst an Abhängigkeit, an Konzentration, an ein Risiko.

Ich verstehe den Gedanken, und er greift trotzdem zu kurz. Wenige Betriebe für einen großen Markt heißt: sehr große Betriebe, und die arbeiten unter Akkreditierungen, die regelmäßig überprüft werden. Praktisch heißt das für Dich: Deine Dose und die Dose im Regal daneben kommen mit hoher Wahrscheinlichkeit vom selben Band. Der Unterschied zwischen beiden entsteht nicht beim Abfüllen, sondern davor, bei der Frage, welche Rohstoffe in welcher Menge bestellt wurden.

Zertifiziert heißt: Der Beweis kommt vor der Ware

Zertifizierung ist kein Aufkleber, sondern eine Beweislast, und die trifft jeden in der Kette.

Nimm IFS als Beispiel. Wenn auf die Dose geschrieben wird, dass ein Stoff darin ist, dann muss dieser Stoff nachweisbar darin sein. Nicht als Absichtserklärung, sondern als Dokument. Jede Charge Rohstoff kommt mit einem Analysezertifikat. Der Lohnhersteller prüft, ob die gelieferte Ware zu diesem Zertifikat passt. Erst wenn die Werte stimmen, gibt es grünes Licht für die Produktion. Danach wird die fertige Charge noch einmal auf ihre Werte geprüft, und diese Prüfung hängt am Ende an einer Nummer, die Du auf Deiner Dose findest.

Die Zahl der Nachweise ist über die Jahre gewachsen, weil in der Vergangenheit genug Unsinn passiert ist. Das ist der unangenehme Teil der Geschichte, und er gehört dazu. Nur hat er zu einem System geführt, in dem ein Fehler an jeder Stelle auffindbar wird. Wer irgendwo in dieser Kette schlampt, bekommt es zurück, und zwar nicht in Form eines schlechten Kommentars, sondern in Form einer gesperrten Charge.

Das ist der Punkt, an dem die Panscherei-Erzählung technisch scheitert. Sie setzt voraus, dass jemand am Aktenordner vorbei arbeitet. Der Aktenordner ist aber nicht die Bürokratie neben der Produktion. Er ist die Produktion. Ohne Freigabe läuft die Anlage nicht an, und ohne Analysen gibt es keine Freigabe.

Für Centbeträge riskiert niemand seine Freigabe

Wenn Du glaubst, dass jemand in einem Multivitamin bewusst zu wenig Vitamin B12 einfüllt, dann stell einmal beide Seiten der Rechnung nebeneinander.

Es geht in dem Beispiel um 5 Mikrogramm pro Tagesportion. Diese Menge kostet den Hersteller Centbeträge. Selbst wenn eine große Firma das über eine ganze Jahresproduktion konsequent durchzieht, landet sie bei einer Ersparnis in der Größenordnung von 5.000 bis 10.000 Euro.

Jetzt stell die andere Seite daneben. Auf dem Spiel stehen die Akkreditierung des Lohnherstellers, die Zusammenarbeit mit ihm und der Ruf einer Marke, die üblicherweise ein Vielfaches dieser Summe in einem einzigen Monat umsetzt. Dazu käme ein Rückruf, den nicht die eingesparten Cent bezahlen, sondern die Logistik. Niemand, der rechnen kann, macht dieses Geschäft.

Diese Rechnung ist der Grund, warum ich der Panscherei-Erzählung so wenig abgewinnen kann. Sie unterstellt eine Absicht, für die es kein Motiv gibt. Die teuren Positionen auf einem Etikett sind ohnehin andere, und wer dort sparen will, muss nicht heimlich unterdosieren. Er kann die Menge einfach klein deklarieren und sie legal draufdrucken. Genau dafür gibt es die Rückseite.

Ich behaupte deshalb: 99,9 Prozent der Produkte am Markt sind sauber. Nicht, weil die Branche besonders tugendhaft wäre, sondern weil unter diesen Bedingungen kaum eine andere Dose entstehen kann.

Die Menge kann stimmen und die Form trotzdem eine andere sein

Es gibt genau einen Weg, an diesem System vorbeizukommen: Eine Firma kauft den Rohstoff selbst ein und liefert ihn beim Lohnhersteller an. Auch dann muss sie Chargenbelege vorlegen. Aber die Verantwortung für das, was in dem Sack ist, wandert damit ein Stück weit zu ihr.

Das ist selten und es setzt Vorsatz voraus. Sichtbar wird es dort, wo eine Rohstoffangabe chemisch nicht aufgeht. Ein Magnesiumbisglycinat, für das 20 Prozent Magnesium ausgewiesen werden, ist kein reines Magnesiumbisglycinat. Wer ein Gramm dieses Pulvers analysiert und 200 Milligramm Magnesium findet, hat kein Wunder gefunden, sondern beigemischtes Magnesiumoxid. Der Magnesiumwert stimmt anschließend. Die Form, für die Du bezahlt hast, stimmt nicht.

Dasselbe Muster bei Pflanzenextrakten. Wenn Dir ein Hibiskus mit 50 Prozent Vitamin C angeboten wird, dann gibt es diesen Rohstoff nicht. Er wird trotzdem verkauft, weil auf dem Analysezertifikat am Ende ein Vitamin-C-Wert steht und weil bei Botanicals die Matrix eine saubere Zuordnung erschwert.

Halt fest, was das für die Erzählung bedeutet. Der Vorwurf lautet, in der Dose sei zu wenig drin. Der reale Fall sieht anders aus: Auf dem Papier passt der Wert, im Pulver steckt ein anderer Rohstoff. Ein Labor, das den Zielwert misst, bestätigt beide Produkte. Genau deshalb reicht es nicht, die Summe auf der Rückseite zu lesen. Es geht um die Form, und die steht in Klammern dahinter.

Frag nicht, ob je etwas schiefgeht. Frag, was danach passiert

Nichts davon heißt, dass niemals etwas schiefgeht. Kapseln werden schräg getroffen, ein Siegel reißt, eine Kapsel bleibt leer. Wer viele Millionen Einheiten produziert, produziert auch Ausschuss, und ein Teil davon kommt durch.

Das ist das schimmlige Brötchen in der Sechserpackung. Ärgerlich, ein Grund für eine Reklamation, kein Beweis für eine Absicht. Jedem kann ein Fehler passieren, und deshalb ist er kein Maßstab. Der Maßstab liegt hinter dem Fehler: Wer die Chargennummer wissen will und Ersatz schickt, arbeitet richtig. Wer diskutiert, hat ein anderes Problem als die Kapsel.

Zur Ehrlichkeit gehört ein zweiter Punkt. Nicht alles lässt sich akkreditiert messen. Bei manchen Pflanzenextrakten gibt es kein sauberes Verfahren, Matrixeffekte verzerren die Werte, und jede Messung trägt eine Unsicherheit. Wer also eine Analyse als endgültiges Urteil über ein Produkt liest, überfordert sie.

Dazu kommt ein Effekt, den kaum jemand kennt: Manche Stoffe bauen bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum ab. Wer über der Deklaration einfüllt, damit am letzten Tag der Haltbarkeit noch die deklarierte Menge im Produkt ist, hat nicht gepanscht. Er hat gerechnet. Eine Analyse aus dem ersten Monat zeigt dann mehr als deklariert, und das ist kein Fund, sondern der Normalfall.

Der Boogeyman im Regal ist das billigste Marketing, das es gibt

Wieso behaupten dann so viele, dass alle panschen? Weil es die einfachste Art ist, ein Produkt aufzuwerten. Die Behauptung kostet nichts, sie verkauft sofort, und sie lässt sich in einem einzigen Satz auf eine Anzeige drucken.

Eigene Innovation zu zeigen ist aufwendig. Sie kostet Entwicklung, teure Rohstoffe und die Bereitschaft, sich an einer Rückseite messen zu lassen. Zu sagen, die anderen seien schmutzig, kostet nichts. Der Satz "wir sind sauber" klingt dabei wie eine Auszeichnung, und er ist keine. Er beschreibt den Zustand, den ein zertifizierter Abfüller ohnehin herstellt.

Ich sage nicht, dass die anderen Müll bauen. Ich sage, dass dieser Satz nichts kostet und deshalb so oft fällt. Das Muster funktioniert, weil es keinen Gegenbeweis verlangt. Ein Gespenst, das vor Deiner Tür steht, muss niemand vorführen. Es reicht, es zu erwähnen und danach die eigene Dose danebenzustellen. Wer so wirbt, bekommt Aufmerksamkeit geschenkt, ohne eine einzige eigene Zahl auf den Tisch zu legen.

Der Preis dafür wird nicht von der Firma bezahlt, die den Satz sagt. Er wird von der ganzen Kategorie bezahlt. Am Ende sitzt jemand vor einem Regal, glaubt, dass überall Schrott drin ist, kauft im Zweifel gar nichts mehr und hat aus einer Marketingkampagne eine Weltanschauung gemacht. Ein Marketing, das von der Angst vor den anderen lebt, hat über sich selbst nichts zu sagen. Meines soll darauf stehen, dass die eigene Rückseite die Prüfung aushält.

Markenrohstoff, Chargennummer, Rückseite. In dieser Reihenfolge

Was Du konkret tust, ist unspektakulär und dauert zwei Minuten. Es ist derselbe Blick, den ein Einkäufer auf ein Angebot wirft, und Du brauchst dafür weder ein Labor noch eine Meinung über die Branche.

Schau, ob die eingesetzten Rohstoffe einen Namen haben. Markenrohstoffe sind kein Schmuck, sie sind eine Adresse: Es gibt einen Hersteller, eine Spezifikation und Unterlagen dazu. Bei einem namenlosen Rohstoff hast Du diese Adresse nicht, und damit fehlt Dir die einzige Stelle, an der Du nachfragen könntest.

Schau danach auf die Chargennummer und das Mindesthaltbarkeitsdatum auf der Dose. Über diese Nummer hängt Deine Packung an den Analysen, die zu ihr gehören. Und lies die Rückseite in der richtigen Reihenfolge: erst die Form in Klammern, dann die Menge pro Tagesportion. Die Vorderseite ist Werbung, das ist in Ordnung, sie ist nur keine Angabe.

Lass Dich von keiner Seite instrumentalisieren, auch nicht von der, die gerade am lautesten warnt. Kauf bei Marken, die es sich nicht leisten können, danebenzugreifen.

Und wenn ein Produkt deutlich günstiger ist, als die enthaltenen Rohstoffmengen es zulassen, brauchst Du die drei Schritte gar nicht erst. Dann ist die Rechnung nicht in der Abfüllung gemacht worden, sondern im Einkauf. Leg es zurück.

Mini-FAQ

Wofür ist die Chargennummer auf meiner Dose gut?

Sie ist die Adresse Deiner Packung. Über sie hängt Deine Dose an den Prüfungen, die zu genau dieser Produktion gehören, und über sie lässt sich ein Fehler zurückverfolgen, statt im Ungefähren zu bleiben. Deshalb steht sie da, und deshalb lohnt sich der Blick darauf.

Heißt zertifiziert, dass nichts mehr schiefgehen kann?

Nein. Es heißt, dass jeder Schritt dokumentiert ist und ein Fehler auffindbar wird. Der Unterschied zwischen einem Fehler und einer Täuschung ist genau dieser: Der Fehler steht in den Unterlagen, die Täuschung müsste an ihnen vorbei.

Quellen und Studien, 2
  • Dreistufige Produktionskette aus Rohstoffhersteller, Lohnhersteller und Marke; nur eine Handvoll Lohnhersteller in Deutschland mit fast dem gesamten Zulauf; IFS, GMP und ISO als Akkreditierungen mit Rückverfolgungspflicht; Chargenzertifikate und Freigabe vor der Produktion; der Zukauf eigener Rohstoffe als einziges Schlupfloch; Kapselfehler, gerissene Siegel und leere Kapseln als Produktionsfehler; nicht akkreditiert messbare Botanicals, Matrixeffekte und Überdosierung wegen Degradation bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum; die 5 Mikrogramm Vitamin B12 und die Ersparnis von 5.000 bis 10.000 Euro im Jahr; 99,9 Prozent saubere Produkte; 20 Prozent Magnesium bei Magnesiumbisglycinat und 200 Milligramm Magnesium pro Gramm durch beigemischtes Magnesiumoxid; Hibiskus mit angeblich 50 Prozent Vitamin C; "die anderen panschen" als billigstes Marketing und der Schaden für die Kategorie; Empfehlung, bei renommierten Marken zu kaufen und sich nicht instrumentalisieren zu lassen: Alexander Friedrich, „Werden Supplements wirklich gepanscht?", Wissen nervt! Folge 27. https://www.youtube.com/watch?v=iPdPpC17xlM
  • Rückseite vor Vorderseite, Form in Klammern vor Menge pro Tagesportion: „Vier Dinge lohnen sich. Der Rest ist Addon." (BEITRAEGE/71), dort mit eigener Quellenangabe.

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