Auch Deine beste Absicht hat Kalorien
Ich fange mit dem Satz an, der weh tut, weil er den Rest erklärt: Auch das gute Olivenöl kann Dich dick machen. Nicht weil es schlecht wäre. Sondern weil es Kalorien hat, und davon nicht wenige.
Dasselbe gilt für die ganze Liste, die im Alltag als unbedenklich durchgeht. Avocado. Nüsse. Käse. Butter, wenn Du in dem Lager stehst, das Butter für die ehrliche Variante hält. Keines dieser Lebensmittel ist ein Problem. Sie laufen nur alle in einer Kategorie, die genau die Angabe verschweigt, auf die es ankommt, und diese Angabe ist die Menge.
Das heißt nicht, dass Du ab morgen Olivenöl meiden sollst. Iss es, koch damit, es ist gutes Zeug. Verkauf es Dir nur nicht als Nullposten.
Der Umkehrschluss stimmt genauso, und der ist der unbequemere von beiden. Mit Pizza und Eiscreme kannst Du Deinen Rahmen sprengen, natürlich. Du kannst mit Pizza und Eiscreme aber auch top aussehen, wenn die Menge über die Woche stimmt. Das ist keine Provokation. Das ist eine Rechenaufgabe, und sie geht in beide Richtungen auf.
Der Unterschied ist nur, wer davon erzählt. Dass eine Tafel Schokolade in die Bilanz geht, weiß jedes Kind. Dass ein großzügiger Schuss Öl ebenfalls in die Bilanz geht, steht auf keiner Verpackung und in keinem Ratgeber, weil es niemanden gibt, dem dieser Satz nützt.
Warum diese Schublade überhaupt gebaut wurde
Weil niemand ernsthaft erwarten kann, dass sich jeder Mensch neben Job, Kindern und Miete ein Ernährungsstudium aneignet. Die Einteilung in gut und schlecht war eine Abkürzung für alle ohne Grundwissen, und als Abkürzung war sie gut gemeint.
Sie trägt auch, solange die Extreme gemeint sind. Wer statt der Tüte Chips einen Apfel isst, fährt im Schnitt besser. Dafür braucht es keine Tabelle und keinen Rechner.
Und sie hatte einen echten Adressaten. Jemandem, der zum ersten Mal darüber nachdenkt, was auf seinem Teller liegt, hilft eine Faustregel mehr als eine Nährwerttabelle. Die Faustregel ist der Einstieg. Sie war nie als Endstand gedacht, nur hat ihr niemand gesagt, wann sie aufhören soll.
Der Preis fällt später an. Die Abkürzung hat eine Grundlage nicht vorbereitet, sondern ersetzt. Wer gelernt hat, Lebensmittel zu sortieren, hat nie gelernt, in Kalorien und Makros zu rechnen. Und damit steht er vor jeder zweiten Alltagsfrage ohne Werkzeug, obwohl er alles richtig gemacht hat, was ihm gesagt wurde.
Selbst sachlich korrekte Sätze aus offiziellen Empfehlungen laufen in dieselbe Falle. Dass Proteinshakes zum Abnehmen nichts beitragen, stimmt in der Sache. Ein Shake ist kein Abnehmmittel. Wer damit abnimmt, nimmt ab, weil er andere Lebensmittel dadurch ersetzt hat und dabei unter seinem Bedarf landet. Ohne diesen Mechanismus daneben liest sich der Satz wie ein Urteil über ein Produkt. Mit ihm ist er eine Anleitung.
Der Fehler passiert in der Pfanne, nicht im Einkaufswagen
Der Fall, den ich am häufigsten sehe, hat keine Fertigpackung im Müll. Er sieht so aus.
Es wird frisch gekocht. Monoprodukte, nichts Vorgefertigtes, Gemüse vom Markt. Zucker ist raus, dafür kommt Agavendicksaft rein, weil der als die bessere Wahl gilt. Angebraten wird in Olivenöl, weil Olivenöl nachgewiesen gut ist. Also gehen 40 ml davon in die Pfanne und 50 ml Agavendicksaft in die Soße, beides in bester Absicht, beides in dem Bewusstsein, gerade etwas richtig zu machen.
Fett ist der beste Geschmacksträger, den eine Küche kennt, und gleichzeitig die Nährstoffgruppe mit den meisten Kalorien pro Gramm. Diese beiden Eigenschaften sitzen in derselben Flasche. Deshalb schmeckt großzügig gekocht besser, und deshalb kostet großzügig gekocht auch mehr.
So landet eine Mittagsportion bei rund 1.200 Kalorien. Nicht das Festessen, das Mittwochessen. Rechne Frühstück und Abendessen dazu, beide nach derselben Logik zubereitet, und Du bist bei über 3.000 Kalorien am Tag. Für die meisten Menschen ist das deutlich zu viel. Und in dieser Küche hat niemand etwas falsch gemacht, gemessen an dem, was ihm beigebracht wurde.
Genau hier fängt die Waage an zu widersprechen, und genau hier geht die Erklärung aus. Es wurde doch gesund gekocht. Stimmt. Gesund gekocht ist trotzdem keine Mengenangabe.
Beim Nugget zahlst Du dasselbe und bekommst weniger
Jetzt die Einschränkung, ohne die dieser Text falsch wird. Aus dem Satz, dass alle Lebensmittel Kalorien haben, folgt nicht, dass alle Lebensmittel gleichwertig sind.
Hähnchen mit Reis ist auf Dauer die klügere Wahl als Chicken Nuggets. Nur nicht, weil das Nugget böse wäre. Sondern weil die richtige Menge Hähnchen mit Reis Dich länger satt hält und mehr von dem mitbringt, was Dein Körper ohnehin braucht. Das sind Opportunitätskosten, keine Moral. Der Preis steht in beiden Fällen in derselben Währung, und die heißt Kalorien.
Dieselbe Logik trägt durch den ganzen Einkauf. Verboten ist auf keiner Seite etwas. Die Frage ist jedes Mal dieselbe: Was bekomme ich für die Kalorien, die ich ausgebe. Das ist ein Argument, das Du nachrechnen kannst, statt eines, an das Du glauben musst.
Der Unterschied klingt akademisch. Er ist es nicht. Wer moralisch sortiert, isst das Nugget mit schlechtem Gewissen und danach noch etwas hinterher, um das Gewissen zu beruhigen. Wer nach Gegenwert sortiert, plant das Nugget ein und ist damit fertig. Aus Schwarz-Weiß folgt am Ende nicht die bessere Ernährung, sondern eine schlechtere Lebensqualität bei gleichem Ergebnis auf der Waage.
Wie die Bilanz darunter rechnet, steht in „Die Pizza bleibt und der Coach muss gehen.“
Dieselbe Zutat, zwei Menschen, zwei Urteile
Ich treibe es kurz ins Absurde, weil daran am schnellsten sichtbar wird, wo die Kategorie kippt. Blaubeeren stehen auf jeder Liste ganz oben. Es gibt trotzdem irgendwo jemanden, der vier Kilo davon am Tag isst, und für den sind Blaubeeren an diesem Tag kein gutes Lebensmittel.
Das ist kein realistischer Fall, es ist ein Prüfstein. Sobald ein Lebensmittel in einer Menge auftaucht, die nicht mehr passt, hört das Wort gesund auf, eine Auskunft zu sein. Es war nie eine Eigenschaft des Lebensmittels allein. Es war immer eine Eigenschaft aus Lebensmittel mal Menge mal Mensch.
Deswegen gibt es auch keine Liste, die für alle gleichzeitig stimmt. Was für den Ausdauersportler mit hohem Verbrauch eine sinnvolle Kalorienquelle ist, ist für den Menschen im Büro dieselbe Quelle mit anderem Vorzeichen. Der entscheidende Faktor bist Du, nicht die Zutat.
Das gilt auch nach unten. Für jemanden, der zu wenig isst, ist genau das Öl, das im Beispiel oben zu viel war, die einfachste Lösung des Problems. Dieselbe Flasche, dieselbe Menge, und die Rechnung steht plötzlich auf der anderen Seite. Ein Etikett kann das nicht abbilden, weil dort nur die Hälfte davon steht.
Bei Getränken läuft dieselbe Rechnung noch einmal und fällt dort besonders deutlich aus. Die Rangliste dazu steht in „Der Orangensaft verliert. Nicht gegen Wasser, gegen die Zero.“
Rechne die Portion, nicht das Etikett
Ich habe keine saubere Lösung dafür, wie ein ganzes Land Kalorien lesen lernt. Ich habe eine für Deine Küche, und sie kostet Dich keine Anschaffung, sondern eine andere Frage.
Wenn Du das nächste Mal vor einem Lebensmittel stehst, frag nicht, ob es gesund ist. Frag, wie viel davon. Die erste Frage beantwortet ein Etikett, die zweite beantwortest Du, und nur die zweite bewegt etwas. Danach kommt die Reihenfolge, und sie ist kurz: zuerst die Menge, dann die Auswahl. Steht die Menge, entscheidest Du im zweiten Schritt, was Dir für dieselben Kalorien mehr zurückgibt. Umgekehrt funktioniert es nicht. Wer bei der Auswahl anfängt, sortiert weiter Etiketten.
Und gib die Frage weiter. Nicht als Vortrag, sondern als das, was sie ist: die eine Angabe, die keine Liste für Dich ausfüllen kann. In Deiner Küche, an Deinem Tisch, in dem Umfeld, das Du tatsächlich erreichst. Weiter reicht Dein Hebel nicht, und einen größeren gibt es an dieser Stelle auch nicht. Verzicht verlangt das von niemandem. Gekocht wird weiter mit Butter und Öl, nur mit einer Angabe mehr im Kopf.
Wer längst in Kalorien rechnet und trotzdem nicht weiterkommt, sucht an der falschen Stelle. Dann liegt es eher an den Angaben auf der Packung als an Deiner Pfanne, und dazu steht alles in „Auf dem Etikett steht ein Mittelwert, keine Messung Deiner Packung.“
Mini-FAQ
Heißt das, gesund und ungesund sind egal?
Nein. An den Extremen trägt die Einteilung weiter: Wer statt der Tüte Chips einen Apfel isst, fährt im Schnitt besser. Sie hört nur auf, eine Auskunft zu sein, sobald die Frage nach der Menge kommt, und die kommt fast immer.
Ist Olivenöl damit ungesund?
Nein. Es bleibt ein gutes Fett und eine gute Wahl. Es zählt nur mit, so wie alles andere auch. Der Unterschied liegt zwischen einem Esslöffel und einem Schuss aus dem Handgelenk.
Quellen und Studien, 4
- Es gibt keine per se gesunden und keine per se ungesunden Lebensmittel, alle Lebensmittel haben Kalorien; Olivenöl als Beispiel für ein als gesund geltendes Lebensmittel, das den Rahmen sprengen kann; die Gut-Böse-Einteilung als gut gemeinte didaktische Abkürzung für Menschen ohne Kalorien- und Makro-Wissen; Fett als Geschmacksträger und kalorienreichste Nährstoffgruppe; das Beispiel der frisch kochenden Küche mit 40 ml Olivenöl und 50 ml Agavendicksaft, rund 1.200 Kalorien pro Mittagsportion und über 3.000 Kalorien am Tag; Hähnchen mit Reis gegenüber Chicken Nuggets als Mengen- und Sättigungsfrage statt als Moralfrage; vier Kilo Blaubeeren als Grenzfall; auch mit Pizza lässt sich das Ziel erreichen; der Satz zu Proteinshakes und zum Ersatz anderer Lebensmittel; Schwarz-Weiß-Denken und der Verlust an Lebensqualität; keine einfache Lösung, nur mehr Verständnis für Kalorien statt für Etiketten: Alexander Friedrich, „Gesunde Lebensmittel machen dich dick“, Wissen nervt! Folge 008. https://www.youtube.com/watch?v=F1Gli5a9Gpg
- Kalorienbilanz als Grundlage und die Absage an die böse Zutat: „Die Pizza bleibt und der Coach muss gehen.“ (BEITRAEGE/61), dort mit vollständiger Quellenangabe.
- Schwankungsbreite der Angaben auf der Packung: „Auf dem Etikett steht ein Mittelwert, keine Messung Deiner Packung.“ (BEITRAEGE/95).
- Getränke und die Rangliste dazu: „Der Orangensaft verliert. Nicht gegen Wasser, gegen die Zero.“ (BEITRAEGE/94).
