Biotin (Vitamin B7)
Zuletzt geprüft am
Vitamine
Vitamin B7 · Vitamin H · D-Biotin
Auf einen Blick
- Was es ist
- Ein wasserlösliches B-Vitamin (Vitamin B7, früher Vitamin H genannt), Coenzym für fünf Carboxylasen im Fettsäure-, Aminosäure- und Glukosestoffwechsel. Der Körper kann es kaum speichern, eine regelmäßige Zufuhr ist nötig
- Formen
- D-Biotin, laut der EFSA-Stellungnahme zu den Referenzwerten die einzige in der Natur gefundene, biologisch aktive Form [26], das ist auch die in Nahrungsergänzung übliche Verbindung. Eine der zitierten Studien zu Haaren, Nägeln und Haut prüft dagegen keine synthetische D-Biotin-Zubereitung, sondern eine markengeschützte Pflanzenzubereitung (Orgen-Bio, aus Sesbania grandiflora) mit deklariertem Biotingehalt, siehe die betroffenen Zeilen
- Referenzmenge (NRV)
- 50 Mikrogramm pro Tag (Anhang XIII Teil A Verordnung (EU) Nr. 1169/2011)
- Mangel
- Ein ausgeprägter Mangel ist selten. Gut dokumentiert ist er bislang nur bei langer parenteraler Ernährung ohne Biotin-Zusatz, bei chronischem Verzehr großer Mengen rohen Eiklars (das Protein Avidin bindet Biotin) und bei angeborenen Störungen des Biotin-Stoffwechsels. Ein leichter, nicht offen symptomatischer Mangel kommt nach vorliegenden Daten bei einem erheblichen Teil der Frauen während einer normalen Schwangerschaft vor
- Übliche Studiendosis
- In den zitierten Studien zu Haaren, Nägeln und Haut meist 1 bis 15 Milligramm Biotin pro Tag über mehrere Wochen bis Monate (die pflanzliche Zubereitung 2,5 Milligramm täglich), in einer Kombinationsstudie zum Blutzucker 2 Milligramm Biotin pro Tag zusammen mit Chrompicolinat
- Zusammenspiel
- Wird im Darm über denselben natriumabhängigen Multivitamin-Transporter (SMVT, Genprodukt SLC5A6) aufgenommen wie Pantothensäure (Vitamin B5) und Alpha-Liponsäure. Ein angeborener Defekt dieses Transporters führt zu einem kombinierten Mangel an allen drei Stoffen, beschrieben an drei Mitgliedern einer Familie [23]
- Verträglichkeit
- Kann bereits ab gewöhnlichen Nahrungsergänzungsdosen Laborwerte verfälschen, siehe Sicherheit. Ansonsten in den ausgewerteten Studien auch bei Dosen weit oberhalb der Referenzmenge gut vertragen
Was diesem Stoff zugesprochen wird
Was die Studien hergeben.
Jede Zuschreibung hat ihre eigene Bewertung. So liest Du die Studienlage.
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01
Normaler Energiestoffwechsel
Behördlich gesichertEinordnung und Einschränkungen
Zugelassene Angabe nach abgeschlossener EFSA-Bewertung, Wortlaut laut der deutschsprachigen Amtsblattfassung 'Biotin trägt zu einem normalen Energiestoffwechsel bei' (EFSA Journal 2009;7(9):1209). Bedingung: Das Lebensmittel muss mindestens eine Biotin-Quelle im Sinne der Angabe 'Quelle von [Name des Vitamins]' sein. Nach Anhang XIII Teil A Nummer 2 der Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 sollten dafür in der Regel folgende, gestaffelte Werte berücksichtigt werden, kein einziger fester Wert: mindestens 15 Prozent der Referenzmenge je 100 g ODER je 100 ml bei Erzeugnissen, die keine Getränke sind (die 100-ml-Bezugsgrösse gilt hier also auch für flüssige Nicht-Getränke), 7,5 Prozent je 100 ml bei Getränken, oder 15 Prozent je Portion, aber nur wenn die Packung nur eine Portion enthält. Bei der Referenzmenge von 50 Mikrogramm Biotin pro Tag (Anhang XIII Teil A Nummer 1) sind das 7,5 Mikrogramm je 100 g, je 100 ml (Nicht-Getränke) beziehungsweise je Portionspackung, oder 3,75 Mikrogramm je 100 ml (Getränke). Bei Nahrungsergänzungsmitteln wird nach Artikel 5 Absatz 1 Buchstabe d der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 auf die Menge abgestellt, deren Verzehr vernünftigerweise erwartet werden kann. Da Nahrungsergänzungsmittel ihre Nährstoffmenge nach Artikel 8 Absatz 2 der Richtlinie 2002/46/EG stets je empfohlener Tagesportion angeben, nicht je 100 g oder 100 ml, ist in der Praxis diese Tagesportion die massgebliche Grösse
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02
Normale Funktion des Nervensystems
Behördlich gesichertEinordnung und Einschränkungen
Zugelassene Angabe nach abgeschlossener EFSA-Bewertung, Wortlaut 'Biotin trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei' (EFSA Journal 2009;7(9):1209). Gleiche Verwendungsbedingung wie bei der vorherigen Zeile, siehe dort für die genauen Schwellenwerte
Quellen: 1
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03
Normaler Stoffwechsel von Makronährstoffen
Behördlich gesichertEinordnung und Einschränkungen
Zugelassene Angabe nach abgeschlossener EFSA-Bewertung, Wortlaut 'Biotin trägt zu einem normalen Stoffwechsel von Makronährstoffen bei' (EFSA Journal 2009;7(9):1209). Gleiche Verwendungsbedingung wie oben
Quellen: 1
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04
Normale psychische Funktion
Behördlich gesichertEinordnung und Einschränkungen
Zugelassene Angabe nach abgeschlossener EFSA-Bewertung, Wortlaut 'Biotin trägt zur normalen psychischen Funktion bei' (EFSA Journal 2010;8(10):1728). Gleiche Verwendungsbedingung wie oben
Quellen: 1
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05
Erhaltung normaler Haare
Behördlich gesichertEinordnung und Einschränkungen
Zugelassene Angabe nach abgeschlossener EFSA-Bewertung, Wortlaut 'Biotin trägt zur Erhaltung normaler Haare bei' (EFSA Journal 2009;7(9):1209). Gleiche Verwendungsbedingung wie oben. Diese Angabe beschreibt die physiologische Grundfunktion von Biotin, zu der nach gängigem Verständnis auch der Keratinaufbau in Haaren zählt (ein am Menschen gemessener Beleg für diesen einzelnen Wirkweg liegt uns nicht vor), nicht einen zusätzlichen Nutzen einer Einnahme über den Bedarf hinaus, dazu die eigene Zeile weiter unten
Quellen: 1
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06
Erhaltung normaler Schleimhäute
Behördlich gesichertEinordnung und Einschränkungen
Zugelassene Angabe nach abgeschlossener EFSA-Bewertung, Wortlaut 'Biotin trägt zur Erhaltung normaler Schleimhäute bei' (EFSA Journal 2009;7(9):1209). Gleiche Verwendungsbedingung wie oben
Quellen: 1
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07
Erhaltung normaler Haut
Behördlich gesichertEinordnung und Einschränkungen
Zugelassene Angabe nach abgeschlossener EFSA-Bewertung, Wortlaut 'Biotin trägt zur Erhaltung normaler Haut bei' (EFSA Journal 2009;7(9):1209). Gleiche Verwendungsbedingung wie oben. Beschreibt ebenfalls die Grundfunktion, nicht einen zusätzlichen kosmetischen Nutzen einer Einnahme über den Bedarf hinaus
Quellen: 1
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08
Zusätzlicher Nutzen einer Einnahme über den Bedarf hinaus, allgemein
Studienlage offenEinordnung und Einschränkungen
Eigenes Thema mit eigener Studienlage. Für die vier verbreitetsten konkreten Zuschreibungen, Haare, Nägel, Haut und Blutzucker, haben wir mit eigenen PubMed-Suchen nachgesehen, das steht in den folgenden Zeilen. Darüber hinaus haben wir nicht systematisch geprüft
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09
Haarwachstum und Haardichte bei Menschen ohne nachgewiesenen Mangel unter Biotin als Reinstoff, kontrollierte Vergleiche bislang ohne Unterschied zur Kontroll- oder Placebogruppe
Nicht bestätigtEinordnung und Einschränkungen
Drei kontrollierte Arbeiten prüften Biotin-Monotherapie gegen eine Kontrollgruppe. In der ältesten bekannten placebokontrollierten, doppelblinden Studie erhielten 28 Frauen mit diffusem Haarausfall 10 Milligramm Biotin täglich, 18 Frauen Placebo, über 4 Wochen; beide Gruppen besserten sich gegenüber dem Ausgangswert, ohne signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen bei Haarwachstum oder Talgproduktion. Diese Zahlen stammen aus der Sekundärbeschreibung in einer 2024 veröffentlichten systematischen Übersicht, weil zur Originalarbeit von 1966 bei PubMed kein Abstract hinterlegt ist; dieselbe Übersicht umfasst drei Arbeiten: diese Studie sowie die weiter unten beschriebenen Studien unter Isotretinoin und nach einer Schlauchmagen-Operation [5]. In einer randomisierten, offenen Crossover-Studie an 10 gesunden Männern ohne Haarerkrankung veränderte orale Biotin-Monotherapie mit 5 Milligramm täglich über 14 Tage die Haarwachstumsgeschwindigkeit gegenüber dem eigenen Ausgangswert nicht (2,50 auf 2,47 Millimeter pro Woche, p=0,53); auch topisches Minoxidil allein zeigte in dieser kurzen Frist keine Veränderung (p=0,46), nur die Kombination aus beidem besserte sich gegenüber dem eigenen Ausgangswert signifikant (2,36 auf 2,64 Millimeter pro Woche, p=0,02) [6]. Bei 60 Menschen mit Akne unter Isotretinoin-Therapie, randomisiert in zwei Gruppen zu je 30 (Gruppe A: Isotretinoin allein, Gruppe B: zusätzlich 10 Milligramm Biotin täglich, 4 Monate), nahm die per Trichoskopie gemessene terminale Haardichte in BEIDEN Gruppen ab; innerhalb der Biotin-Gruppe verschob sich das Verhältnis von Anagen- zu Telogen-Haaren gegenüber deren eigenem Ausgangswert signifikant (Anagen-Anteil p=0,034, Telogen-Anteil p=0,003), ein direkter Vergleich dieser Verschiebung gegen die Gruppe ohne Biotin wird im Abstract nicht ausgewiesen [7]. Zwei dermatologische Übersichtsarbeiten von unterschiedlichen Autorengruppen kommen für Biotin bei Menschen ohne nachgewiesenen Mangel übereinstimmend zu dem Schluss, die vorliegende Evidenz reiche für eine Empfehlung nicht aus [10, 11]. Ergänzend, aber nicht direkt vergleichbar: Bei 112 Frauen mit selbstberichtetem Haarausfall nach einer Schlauchmagen-Operation, davon 22 mit laborchemisch nachgewiesenem Biotinmangel und 29 mit normalem Biotinspiegel, gaben unter 1 Milligramm Biotin täglich über durchschnittlich 3 beziehungsweise 2,5 Monate 23 Prozent der Gruppe mit Mangel und 38 Prozent der Gruppe ohne Mangel eine spürbare Besserung an, ohne signifikanten Unterschied zwischen beiden Gruppen (p=0,2); eine Placebogruppe gab es nicht, ein Biotin-Effekt lässt sich von einer natürlichen Erholung nach der Operation damit nicht trennen [8]
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10
Haarwachstum und Haarausfall unter einer markengeschützten Sesbania-grandiflora-Biotin-Zubereitung, einzelne placebokontrollierte Studie mit Herstellernähe
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte, dreiarmige Studie (Placebo, Biotin-Zubereitung, Biotin-Zubereitung plus Silica-Extrakt) an 97 auswertbaren von 105 randomisierten Teilnehmenden prüfte über 90 Tage eine aus Sesbania grandiflora gewonnene, auf Biotin standardisierte Pflanzenzubereitung (Markenname Orgen-Bio, 1,25 Milligramm Biotin je Kapsel, zweimal täglich eingenommen, also 2,5 Milligramm Biotin pro Tag). Bei Haarausfall und mehreren weiteren Endpunkten (unter anderem Nagelrauigkeit) berichtet die Studie einen Unterschied gegenüber Placebo mit p kleiner 0,0001. Für die Haarwachstumsrate selbst weist der Volltext dagegen keinen Placebovergleich aus, sondern ausschliesslich einen Anstieg gegenüber dem eigenen Ausgangswert von 78,6 Prozent bis Tag 90 (p<0,0001). Alle Autorinnen und Autoren sind entweder beim Hersteller und Markeninhaber Orgenetics Inc. oder beim beauftragten Forschungsinstitut NovoBliss Research Private Limited angestellt; die getestete Verbindung ist kein gewöhnliches synthetisches D-Biotin, sondern ein pflanzlicher Extrakt. Ein Patent auf die Zubereitung wird in der Arbeit nicht erwähnt. Eine unabhängige, nicht interessengeleitete Wiederholung liegt nicht vor [9]
Quellen: 9
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11
Nagelfestigkeit und -wachstum bei brüchigen Nägeln, überwiegend unkontrollierte und kleine Studien
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Eine Übersichtsarbeit berichtet, dass klinische Studien und Fallserien eine Verbesserung von Festigkeit, Härte und Dicke brüchiger Nägel unter oralem Biotin gezeigt hätten, benennt dazu aber weder Dosen noch Studienzeiträume noch Messmethoden, und fordert selbst grössere kontrollierte Studien mit Kontrollgruppen, um die Wirksamkeit und optimale Dosierung zu bestimmen [12]. In einer randomisierten, beobachterverblindeten Studie an 50 Erwachsenen mit brüchigen Nägeln (mittleres Alter 64 Jahre) besserte sich der Onychodystrophie-Schweregrad unter einem topischen Chitosan-Nagellack allein wie auch in Kombination mit 10 Milligramm oralem Biotin täglich über 4 Monate jeweils gegenüber dem Ausgangswert (minus 57 Prozent beziehungsweise minus 62 Prozent); der Anteil der Teilnehmenden mit einer Besserung von mindestens der Hälfte war unter der Kombination mit 80 Prozent gegenüber 53 Prozent unter dem Lack allein höher, an der Grenze zur statistischen Signifikanz (p=0,05). Einschränkend: Die beiden Gruppen waren zu Studienbeginn nicht gleich schwer betroffen (Ausgangsscore 8,4 in der Lack-allein-Gruppe gegenüber 11,8 in der Kombinationsgruppe), sodass die Kombinationsgruppe von einem schlechteren Ausgangswert aus leichter eine Besserung um die Hälfte erreichen konnte. Der letzte Autor der Studie ist beim Hersteller des geprüften Lacks angestellt (Cantabria Labs Difa Cooper) [13]. In derselben placebokontrollierten Studie zur Sesbania-Biotin-Zubereitung, die auch für die Haarwirkung oben zitiert ist, sank die Nagelrauigkeit unter der pflanzlichen Zubereitung gegenüber Placebo stärker (p<0,0001), mit denselben Einschränkungen zu Zubereitungsform, Dosis und Interessenkonflikt wie dort beschrieben [9]
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12
Hautfeuchtigkeit, Talgproduktion und weitere Hautparameter bei Menschen ohne nachgewiesenen Mangel, Talg ohne Unterschied, übrige Parameter einzeln und uneinheitlich untersucht
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
In der ältesten placebokontrollierten Studie zu Biotin und Haarausfall wurde als Nebenendpunkt auch die Talgproduktion erfasst, ohne Unterschied zwischen der Biotin- und der Placebogruppe, Zahlen aus der Sekundärbeschreibung wie oben [5]. Bei Menschen mit Akne unter Isotretinoin-Therapie wurden Hautparameter apparativ gemessen (Hautfeuchtigkeit, Wasserverlust über die Haut, Hautrückstellung, Talg): Talg und Hautrückstellung nahmen in beiden Gruppen ab, die Hautfeuchtigkeit sank in der Gruppe ohne Biotin signifikant (p=0,001), in der Gruppe mit zusätzlichem Biotin (10 Milligramm täglich, 4 Monate) dagegen nicht signifikant (p=0,43); ein direkter statistischer Vergleich zwischen beiden Gruppen wird im Abstract nicht ausgewiesen [7]. Die placebokontrollierte Studie zur Sesbania-Biotin-Zubereitung erfasste zusätzlich Hautelastizität, Hautfeuchtigkeit, Fältchenbildung und den transepidermalen Wasserverlust; mit denselben Einschränkungen zu Zubereitungsform, Dosis und Interessenkonflikt wie bei der Haarwirkung oben beschrieben [9]
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13
Nüchternblutzucker bei Erwachsenen mit dauerhaft erhöhtem oder unzureichend eingestelltem Blutzucker unter zusätzlicher Biotin-Gabe, Punktschätzer sprechen für eine mögliche Senkung, aber die Konfidenzintervalle sind zu breit für eine gesicherte Aussage in die eine oder andere Richtung
HinweiseEinordnung und Einschränkungen
Eine systematische Übersicht mit Meta-Analyse wertete fünf randomisierte, placebokontrollierte Studien mit insgesamt 445 Teilnehmenden aus (Suche bis 8. August 2022), Interventionsdauer 28 bis 90 Tage. Drei der fünf Studien prüften Biotin als Reinstoff (15 Milligramm täglich über 28 Tage, 1,5 Milligramm täglich über 28 Tage, 9 Milligramm täglich über 30 Tage), zwei prüften eine Kombination aus 2 Milligramm Biotin und 0,6 Milligramm Chrom als Chrompicolinat täglich; eine dieser beiden Kombinationsstudien ist die bereits an anderer Stelle zitierte Pilotstudie an 43 Erwachsenen unter dem Markenprodukt Diachrome des Herstellers Nutrition 21, Inc. [14], die damit eine der fünf gepoolten Studien ist und keinen unabhängigen Zusatzbeleg darstellt. Über alle fünf Studien gepoolt sank der Nüchternblutzucker gegenüber Placebo im Mittel um 1,21 mmol/l, das 95-Prozent-Konfidenzintervall reichte von minus 2,73 bis plus 0,31 mmol/l (p=0,33); der Ergebnisabschnitt des Abstracts der Übersicht spricht dennoch von einer signifikanten Senkung, was den eigenen Zahlen der Autorinnen und Autoren widerspricht. Was schliesst dieses Intervall aus? Nur einen Anstieg des Nüchternblutzuckers um mehr als 0,31 mmol/l und eine Senkung um mehr als 2,73 mmol/l. Eine klinisch durchaus bedeutsame Senkung um bis zu 2,73 mmol/l bleibt mit den Zahlen vereinbar, das Intervall zeigt also Unschärfe, nicht Abwesenheit eines Effekts. In der Unteranalyse nach Dosis war das Bild ähnlich unscharf: Bei mindestens 9 Milligramm Biotin täglich lag die mittlere Differenz bei minus 3,02 mmol/l, 95-Prozent-KI minus 8,15 bis plus 2,46 mmol/l; dieses Intervall schliesst nur eine Senkung um mehr als 8,15 mmol/l und einen Anstieg um mehr als 2,46 mmol/l aus, es ist damit sogar breiter als das Gesamtintervall und lässt eine deutliche Senkung ausdrücklich offen. Unterhalb von 9 Milligramm täglich lag die mittlere Differenz bei minus 0,10 mmol/l, 95-Prozent-KI minus 2,38 bis plus 2,18 mmol/l; dieses Intervall liegt annähernd symmetrisch um die Null und schliesst damit nur einen einseitig grossen Effekt jenseits von rund 2,3 mmol/l in beide Richtungen aus, eine moderate Senkung oder ein moderater Anstieg bleiben auch hier möglich. Auch bei Insulin fand sich kein signifikanter Effekt (MD 1,88 pmol/l, 95-Prozent-KI minus 13,44 bis plus 17,21 pmol/l); dieses Intervall schliesst nur Verschiebungen jenseits von rund 13 bis 17 pmol/l aus, moderate Effekte in beide Richtungen bleiben offen. Für glykiertes Hämoglobin (HbA1c) reichten die Daten nach Angabe der Autorinnen und Autoren selbst für eine Aussage nicht aus [25]. Zusammengenommen zeigen alle vier Intervalle vor allem fehlende Präzision, nicht das Fehlen eines Effekts. Die drei Punktschätzer für den Nüchternblutzucker liegen in Richtung einer Senkung; der Punktschätzer für Insulin liegt dagegen oberhalb von null. Das ist kein Beleg für eine Senkung, aber auch keine geprüfte und dabei nicht gefundene Wirkung, die eine Einstufung als nicht bestätigt rechtfertigen würde. Vorbehalt: Zwei der fünf gepoolten Studien prüften Biotin nicht als Reinstoff, sondern in Kombination mit Chrom
Wichtig zur Einordnung: Die sieben behördlich gesicherten Funktionen beschreiben, wozu der Körper Biotin braucht, nicht ob eine zusätzliche Einnahme über den Bedarf hinaus einen weiteren Nutzen bringt. Für Haare, Nägel, Haut und den Blutzucker haben wir mit eigenen PubMed-Suchen gezielt nachgesehen, siehe die fünf Zeilen unten in der Tabelle.
Studien im Detail
Haarwachstum und Haardichte
Die Befundlage zu oraler Biotin-Monotherapie (also Biotin als Reinstoff, kein Kombinationspräparat) bei Menschen ohne nachgewiesenen Mangel ist konsistent ohne nachweisbaren Zusatzeffekt. Die älteste bekannte placebokontrollierte, doppelblinde Studie (28 Frauen mit diffusem Haarausfall unter 10 mg Biotin täglich, 18 unter Placebo, 4 Wochen) fand keinen Unterschied zwischen den Gruppen bei Haarwachstum oder Talgproduktion, beide besserten sich gegenüber dem Ausgangswert. Der Originalabstract dieser Arbeit von 1966 ist bei PubMed nicht hinterlegt, die Zahlen stammen aus der Sekundärbeschreibung einer 2024 veröffentlichten systematischen Übersicht [5]. Diese Übersicht hat gezielt nach kontrollierten Humanstudien zu oraler Biotin-Monotherapie bei Haarwachstum gesucht und listet in ihrer eigenen Ergebnistabelle genau drei eingeschlossene Arbeiten: die Studie von 1966 sowie die beiden folgenden Studien zu Isotretinoin und zur Schlauchmagen-Operation, die deshalb hier nicht als unabhängige Zusatzbelege zu lesen sind, sondern als dieselbe Evidenz [5]. Eine randomisierte, offene Crossover-Studie an 10 gesunden Männern ohne Haarerkrankung fand für orale Biotin-Monotherapie (5 mg täglich, 14 Tage) gegenüber dem eigenen Ausgangswert keine Veränderung der Haarwachstumsgeschwindigkeit (2,50 auf 2,47 mm pro Woche, p=0,53); auch topisches Minoxidil allein veränderte sich in dieser kurzen Frist nicht signifikant (p=0,46), nur die Kombination aus beidem besserte sich gegenüber dem eigenen Ausgangswert (2,36 auf 2,64 mm pro Woche, p=0,02). Diese Arbeit ist bei PubMed als Letter ohne Abstract geführt, die Zahlen wurden gegen den frei zugänglichen Volltext bei PMC geprüft [6]. In der Studie an Menschen unter Isotretinoin-Therapie (60 Teilnehmende, je 30 mit und ohne zusätzlich 10 mg Biotin täglich über 4 Monate) nahm die per Trichoskopie gemessene terminale Haardichte in BEIDEN Gruppen ab; innerhalb der Biotin-Gruppe verschob sich das Verhältnis von Anagen- zu Telogen-Haaren gegenüber dem eigenen Ausgangswert signifikant, ein Vergleich dieser Verschiebung direkt gegen die Gruppe ohne Biotin wird im verfügbaren Abstract nicht ausgewiesen [7]. Bei Frauen mit Haarausfall nach einer Schlauchmagen-Operation unterschied sich die subjektiv berichtete Besserung unter 1 mg Biotin täglich über durchschnittlich 2,5 bis 3 Monate nicht zwischen Frauen mit und ohne nachgewiesenem Mangel (p=0,2), eine Placebogruppe gab es nicht [8]. Zwei dermatologische Übersichtsarbeiten von unterschiedlichen Autorengruppen kommen für Biotin bei Menschen ohne nachgewiesenen Mangel übereinstimmend zu dem Schluss, die Evidenz reiche für eine Empfehlung nicht aus [10], [11].
Getrennt davon zu lesen ist eine neuere, randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte, dreiarmige Studie (Placebo, Biotin-Zubereitung, Biotin-Zubereitung plus Silica) an 97 auswertbaren von 105 randomisierten Teilnehmenden zu einer aus Sesbania grandiflora gewonnenen, markengeschützten Biotin-Zubereitung (Orgen-Bio, 1,25 mg Biotin je Kapsel, zweimal täglich eingenommen, also 2,5 mg pro Tag). Bei Haarausfall und mehreren weiteren Endpunkten weist die Studie einen Unterschied gegenüber Placebo mit p kleiner 0,0001 aus. Für die Haarwachstumsrate selbst nennt der Volltext dagegen keinen Placebovergleich, sondern nur einen Anstieg von 78,6 Prozent gegenüber dem eigenen Ausgangswert bis Tag 90 (p<0,0001). Alle Autorinnen und Autoren sind entweder beim Hersteller und Markeninhaber Orgenetics Inc. oder beim beauftragten Forschungsinstitut NovoBliss Research Private Limited angestellt; ein Patent auf die Zubereitung wird in der Arbeit nicht erwähnt, eine unabhängige Wiederholung liegt nicht vor [9]. Diese Zubereitung ist mit keiner der oben genannten Reinstoff-Studien direkt vergleichbar: andere Zubereitung, andere Dosis, andere Dauer, andere Auswahl der Teilnehmenden.
Nagelfestigkeit und -wachstum
Für brüchige Nägel berichtet eine Übersichtsarbeit, dass klinische Studien und Fallserien eine Verbesserung von Festigkeit, Härte und Dicke gezeigt hätten; sie nennt dazu im verfügbaren Abstract weder Dosen noch Studienzeiträume noch Messmethoden und fordert selbst grössere kontrollierte Studien, um Wirksamkeit und optimale Dosierung zu bestimmen [12]. Die einzige identifizierte randomisierte Studie mit einem Kontrollarm prüfte einen topischen Chitosan-Nagellack allein gegen denselben Lack plus 10 mg oralem Biotin täglich, über 4 Monate, an 50 Erwachsenen mit brüchigen Nägeln. Beide Arme besserten sich gegenüber dem Ausgangswert, der Anteil der Teilnehmenden mit einer Besserung von mindestens der Hälfte war unter der Kombination mit 80 Prozent gegenüber 53 Prozent unter dem Lack allein höher, an der Grenze zur statistischen Signifikanz (p=0,05). Einschränkend: Die beiden Gruppen waren zu Studienbeginn unterschiedlich schwer betroffen (Ausgangsscore 8,4 in der Lack-allein-Gruppe gegenüber 11,8 in der Kombinationsgruppe), was es der Kombinationsgruppe leichter machte, den Schwellenwert einer Besserung um die Hälfte zu erreichen. Der letzte Autor der Studie ist beim Hersteller des geprüften Lacks angestellt (Cantabria Labs Difa Cooper) [13]. Die bereits oben beschriebene placebokontrollierte Studie zur pflanzlichen Sesbania-Biotin-Zubereitung fand auch eine gegenüber Placebo stärkere Abnahme der Nagelrauigkeit (p<0,0001), mit denselben Einschränkungen zur Zubereitungsform, Dosis und zum Interessenkonflikt [9].
Haut
Drei der oben genannten Studien haben zusätzlich Hautparameter erfasst, ohne dass dies bislang zu einer eigenen, unabhängig bestätigten Aussage führt. In der ältesten Studie zu Biotin und Haarausfall war Talgproduktion ein Nebenendpunkt, ohne Unterschied zwischen Biotin- und Placebogruppe [5]. In der Studie an Menschen unter Isotretinoin-Therapie wurden Hautfeuchtigkeit, transepidermaler Wasserverlust, Hautrückstellung und Talg apparativ gemessen: Talg und Hautrückstellung nahmen in beiden Gruppen ab, die Hautfeuchtigkeit sank in der Gruppe ohne Biotin signifikant (p=0,001), in der Gruppe mit zusätzlichem Biotin (10 mg täglich, 4 Monate) dagegen nicht signifikant (p=0,43); ein direkter statistischer Vergleich zwischen beiden Gruppen wird im Abstract nicht ausgewiesen [7]. Die placebokontrollierte Studie zur Sesbania-Biotin-Zubereitung erfasste zusätzlich Hautelastizität, Hautfeuchtigkeit, Fältchenbildung und den transepidermalen Wasserverlust, mit denselben Einschränkungen zu Zubereitungsform, Dosis und Interessenkonflikt wie oben beschrieben [9].
Blutzucker
Eine 2022 veröffentlichte systematische Übersicht mit Meta-Analyse wertete fünf randomisierte, placebokontrollierte Studien mit insgesamt 445 Teilnehmenden aus, Interventionsdauer 28 bis 90 Tage. Drei der fünf Studien prüften Biotin als Reinstoff (15 mg täglich über 28 Tage, 1,5 mg täglich über 28 Tage, 9 mg täglich über 30 Tage), zwei prüften eine Kombination aus 2 mg Biotin und 0,6 mg Chrom als Chrompicolinat täglich. Eine dieser beiden Kombinationsstudien ist die randomisierte, placebokontrollierte Pilotstudie an 43 Erwachsenen mit unzureichend eingestelltem Blutzucker trotz laufender medikamentöser Therapie, die auch als eigene Quelle in diesem Eintrag geführt wird: Sie prüfte über 4 Wochen das Markenprodukt Diachrome des Herstellers Nutrition 21, Inc. und fand gegenüber Placebo eine Senkung der Blutzucker-Fläche unter der Kurve im oralen Glukosetoleranztest (minus 9,7 Prozent gegenüber plus 5,1 Prozent, p<0,03) sowie von Fructosamin und Triglyceriden [14]. Diese Studie ist eine der fünf in der Meta-Analyse gepoolten Arbeiten, kein unabhängiger Zusatzbeleg [25].
Über alle fünf Studien gepoolt sank der Nüchternblutzucker gegenüber Placebo im Mittel um 1,21 mmol/l, das 95-Prozent-Konfidenzintervall reichte von minus 2,73 bis plus 0,31 mmol/l (p=0,33); der Ergebnisabschnitt des Abstracts der Übersicht bezeichnet dieses Ergebnis dennoch als signifikante Senkung, was den im selben Abstract genannten Zahlen der Autorinnen und Autoren widerspricht. Entscheidend ist, was dieses Intervall ausschliesst und was nicht: Ausgeschlossen ist nur ein Anstieg des Nüchternblutzuckers um mehr als 0,31 mmol/l und eine Senkung um mehr als 2,73 mmol/l. Eine klinisch durchaus bedeutsame Senkung um bis zu 2,73 mmol/l bleibt mit den Zahlen vereinbar, das Intervall zeigt also Unschärfe, nicht das Ausbleiben eines Effekts. In der Unteranalyse nach Dosis war das Bild noch unschärfer: Bei mindestens 9 mg Biotin täglich lag die mittlere Differenz bei minus 3,02 mmol/l, 95-Prozent-KI minus 8,15 bis plus 2,46 mmol/l, ein Intervall, das eine deutliche Senkung ausdrücklich offenlässt. Unterhalb von 9 mg täglich lag die mittlere Differenz bei minus 0,10 mmol/l, 95-Prozent-KI minus 2,38 bis plus 2,18 mmol/l, ein annähernd symmetrisches Intervall, das nur einen einseitig grossen Effekt jenseits von rund 2,3 mmol/l ausschliesst, eine moderate Veränderung in beide Richtungen aber offenlässt. Auch bei Insulin fand sich kein signifikanter Effekt (MD 1,88 pmol/l, 95-Prozent-KI minus 13,44 bis plus 17,21 pmol/l), auch dieses Intervall schliesst nur Verschiebungen jenseits von rund 13 bis 17 pmol/l aus. Für glykiertes Hämoglobin (HbA1c) reichten die Daten nach Angabe der Autorinnen und Autoren selbst für eine Aussage nicht aus [25]. Alle vier Intervalle zeigen damit vor allem fehlende Präzision, nicht das Fehlen eines Effekts. Die drei Punktschätzer für den Nüchternblutzucker liegen in Richtung einer Senkung; der Punktschätzer für Insulin liegt dagegen oberhalb von null. Weil zwei der fünf gepoolten Studien Biotin zudem nicht als Reinstoff prüften, lässt sich dieser mögliche, aber statistisch nicht gesicherte Effekt ohnehin nicht allein auf Biotin zurückführen.
Tier- und Laborstudien
An jungen, wachsenden Ratten lag die niedrigste Dosis mit erkennbaren Nebenwirkungen (verminderte Futteraufnahme und Gewichtszunahme gegenüber Kontrolltieren) bei 79,2 mg Biotin pro kg Körpergewicht täglich, die höchste Dosis ohne erkennbare Nebenwirkung bei 38,4 mg pro kg täglich, über 28 Tage. Die Autorinnen und Autoren schliessen aus diesen Ergebnissen ausdrücklich, dass umgehend eine Tagesobergrenze (Tolerable Upper Intake Level) für Biotin festgelegt werden sollte [24]. Diese Dosen liegen, auf einen erwachsenen Menschen hochgerechnet, um Grössenordnungen über jeder üblichen Nahrungsergänzungsdosis. Aus Tierdaten folgt keine Aussage über die Sicherheit beim Menschen, sie dienen hier nur zur Einordnung der Grössenordnung, bei der in diesem Tiermodell überhaupt Nebenwirkungen erkennbar wurden.
Sicherheit und Wechselwirkungen
Biotin ist wasserlöslich. Für die orale Zufuhr legt die Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 nur eine Referenzmenge von 50 µg pro Tag fest, keine Tagesobergrenze (UL). Nach der 2014 veröffentlichten EFSA-Stellungnahme zu den Referenzwerten für Biotin konnte das Vorläufergremium SCF bereits 2001 aus den damals verfügbaren Daten keine UL ableiten; nach damaliger Einschätzung stellten beobachtete Aufnahmemengen aus allen Quellen kein Gesundheitsrisiko für die Allgemeinbevölkerung dar [26]. Eine neuere, eigenständige UL-Bewertung liegt uns nicht vor.
Die praktisch wichtigste Sicherheitsfrage bei Biotin betrifft nicht den Körper, sondern das Labor. Viele Immunoassays, mit denen unter anderem Schilddrüsenwerte, Troponin, Vitamin D, Cortisol, Parathormon, Sexualhormone und Schwangerschaftstests gemessen werden, nutzen die Bindung von Streptavidin an Biotin als technisches Prinzip. Nimmt eine Person zusätzlich Biotin ein, kann der Überschuss im Blut diese Tests verfälschen, je nach Testformat in beide Richtungen: Bei kompetitiven Immunoassays (etwa freies T3 und freies T4) fällt der Messwert fälschlich zu hoch aus, bei Sandwich-Assays (etwa TSH und Troponin) fälschlich zu niedrig [15], [17], [22]. Weil beide Fehlrichtungen gleichzeitig auftreten können, kann ein Laborbefund entstehen, der ein verändertes Hormonprofil vortäuscht, obwohl die tatsächlichen Werte normal sind; ein Fallbericht mit systematischer Literaturübersicht beschreibt genau diesen Mechanismus, mit einer Normalisierung der Werte nach Absetzen von Biotin schneller, als es die Halbwertszeit der betroffenen Hormone erklären würde [15]. In einer Validierungsstudie an Blutproben von 23 Menschen unter experimenteller Hochdosis-Biotintherapie mit 100 bis 300 Milligramm Biotin pro Tag (Plasma-Biotinkonzentration zwischen 31,7 und 1160 µg pro Liter) waren die meisten der geprüften Hormonwerte in den betroffenen Assays verändert und normalisierten sich, nachdem das Biotin aus der Probe entfernt wurde [16], [22]. Diese Dosierung liegt weit über den in Nahrungsergänzungsmitteln üblichen 1 bis 15 Milligramm; der Autor der zusammenfassenden Übersicht zu dieser Hochdosistherapie war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Berater des Herstellers eines entsprechenden Arzneimittels [22].
Auch bei gewöhnlichen, rezeptfrei erhältlichen Nahrungsergänzungsdosen ist das relevant: In Blutproben von 1442 Patientinnen und Patienten einer Notaufnahme lagen 7,4 Prozent oberhalb der niedrigsten für ein verbreitetes Testsystem bekannten Interferenzschwelle von 10 Nanogramm pro Milliliter; 7,7 Prozent von 1944 zusätzlich befragten ambulanten Patientinnen und Patienten gaben eine Biotin-Einnahme an [18]. Eine neuere Validierungsstudie an neueren Reagenzien desselben Testherstellers (Elecsys, Stand 2025) fand eine deutlich höhere Toleranzschwelle von 1000 bis 3000 Nanogramm pro Milliliter, je nach Test, bis Ergebnisse um mehr als 10 Prozent abwichen, also das Hundert- bis Dreihundertfache der zuvor genannten Schwelle; gleichzeitig zeigten Hämodialyse- und Intensivpatientinnen und -patienten in dieser Untersuchung deutlich erhöhte Biotinspiegel, am ehesten durch Nahrungsergänzung erklärt [27]. Diese neuere Reagenzgeneration entkräftet die ältere Warnung nicht grundsätzlich, weil weiterhin ältere Reagenzien im Einsatz sind, macht aber deutlich, dass die Interferenzschwelle vom verwendeten Testsystem und dessen Generation abhängt und sich mit der Zeit verschoben hat. Bei einem Schwangerschafts-Schnelltest mit Biotin-basierter Technologie zeigte bei einem von sieben getesteten Geräten die Kontrolllinie ab einer Urinkonzentration von über 5 µg pro Milliliter, erreicht bei 10 mg Biotin täglich, einen deutlichen Intensitätsabfall; die Studie beschreibt das Fehlen der Kontrolllinie und ein dadurch ungültiges statt falsches Testergebnis als mögliche Folge, nicht als in dieser Untersuchung eingetretenen Befund [21]. Umfragen zeigen, dass viele Ärztinnen und Ärzte die Interferenz bei Schilddrüsen- und Troponinwerten kennen, seltener bei Schwangerschafts- und Infektionstests: In einer Befragung von 149 Ärztinnen und Ärzten fragte nur rund die Hälfte Patientinnen und Patienten routinemässig nach einer Biotin-Einnahme oder empfahl ein Absetzen vor einer Blutabnahme, und 19,5 Prozent der Befragten war keine dieser Interferenzen überhaupt bekannt [19]. In einer Auswertung der meistbewerteten Biotin-Produkte auf Amazon (16 Produkte, keine eigene Befragung von Konsumentinnen und Konsumenten) erwähnte kein Produkt die Warnung der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA, und unter allen ausgewerteten Kundenrezensionen verwies nur eine einzige auf diese Warnung [20]. Mehrere der hier zitierten Arbeiten verweisen auf die FDA-Sicherheitswarnung aus dem Jahr 2017 zu genau dieser Interferenz [19], [20]; eine eigene, geprüfte Quelle zur FDA-Warnung selbst liegt uns nicht vor.
Wer regelmässig Biotin oberhalb geringer Nahrungsergänzungsmengen einnimmt und eine Blutuntersuchung plant, sollte das dem behandelnden Personal mitteilen.
Zu Wechselwirkungen mit Medikamenten liegt uns keine geprüfte eigene Quelle vor.
Quellen zum Nachlesen
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Rechtsakt, konsolidierte Fassung · 2011
Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 betreffend die Information der Verbraucher über Lebensmittel, konsolidierte Fassung, Anhang XIII (Referenzmengen, signifikante Menge)
Europäisches Parlament und Rat der Europäischen Union Amtsblatt der Europäischen Union
Zur Zuschreibung: 01
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Rechtsakt, konsolidierte Fassung · 2006
Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel, konsolidierte Fassung, Anhang (Quelle von Vitaminen/Mineralstoffen), Artikel 5
Europäisches Parlament und Rat der Europäischen Union Amtsblatt der Europäischen Union
Zur Zuschreibung: 01
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Systematische Literaturübersicht, referiert darin auch Pawlowski A, Kostanecki W. 1966 (PMID 4223823, bei PubMed ohne Abstract, deshalb hier nicht als eigene Quelle geführt) · 2024
Biotin for Hair Loss: Teasing Out the Evidence.
Yelich A, Jenkins H, Holt S, Miller R. J Clin Aesthet Dermatol
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Randomisierte, offene Crossover-Studie. Bei PubMed ohne Abstract (als Letter geführt) · 2024
Efficacy of 5% topical minoxidil versus 5 mg oral biotin versus topical minoxidil and oral biotin on hair growth in men: randomized, crossover, clinical trial.
Valentim FO, Miola AC, Miot HA, Schmitt JV. An Bras Dermatol
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Kontrollierte Studie ohne Placebogruppe · 2021
Evaluation of biophysical skin parameters and hair changes in patients with acne vulgaris treated with isotretinoin, and the effect of biotin use on these parameters.
Aksac SE, Bilgili SG, Yavuz GO, Yavuz IH, Aksac M, Karadag AS. Int J Dermatol
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Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte, dreiarmige Studie, alle Autorinnen und Autoren beim Hersteller Orgenetics Inc. oder beim Auftragsforschungsinstitut NovoBliss Research Private Limited angestellt · 2025
The Role of Sesbania grandiflora-Derived Biotin and Bambusa arundinacea-Derived Silica Extracts in Promoting Hair, Skin, and Nail Health: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Clinical Study.
Patel MN, Maheshvari J, Patel N. Cureus
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Randomisierte, beobachterverblindete Studie, ungleiche Ausgangswerte zwischen den Gruppen, letzter Autor beim Hersteller des geprüften Lacks angestellt · 2019
Treatment of brittle nail with a hydroxypropyl chitosan-based lacquer, alone or in combination with oral biotin: A randomized, assessor-blinded trial.
Chiavetta A, Mazzurco S, Secolo MP, Tomarchio G, Milani M. Dermatol Ther
Zur Zuschreibung: 11
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Randomisierte, placebokontrollierte Pilotstudie, Kombinationspräparat · 2006
The effect of chromium picolinate and biotin supplementation on glycemic control in poorly controlled patients with type 2 diabetes mellitus: a placebo-controlled, double-blinded, randomized trial.
Singer GM, Geohas J. Diabetes Technol Ther
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Fallserie, seltene angeborene Transporterstörung · 2023
A novel SLC5A6 homozygous variant in a family with multivitamin-dependent neurometabolic disorder: Phenotype expansion and long-term follow-up.
Montomoli M, Vetro A, Tubili F, Donati MA, Daniotti M, Pochiero F, Rivieri F, Girlando S, Guerrini R. Eur J Med Genet
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Systematische Literaturübersicht mit Meta-Analyse, 5 randomisierte Studien, 445 Teilnehmende, drei davon mit Biotin als Reinstoff · 2022
Influence of biotin intervention on glycemic control and lipid profile in patients with type 2 diabetes mellitus: A systematic review and meta-analysis.
Zhang Y, Ding Y, Fan Y, Xu Y, Lu Y, Zhai L, Wang L. Front Nutr
Zur Zuschreibung: 13
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Wissenschaftliche Stellungnahme einer Behörde, referiert darin auch die Tagesobergrenzen-Bewertung des Scientific Committee on Food von 2001 · 2014
Scientific Opinion on Dietary Reference Values for biotin
EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (NDA) EFSA Journal
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Bei H.P.N
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